Heute in den Feuilletons

Lotsenschiff im großen Kino-Ozean

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.05.2009. Im Freitag protestiert Christoph Hein gegen die offizielle Ausstellung "60 Jahre - 60 Werke", in der kein einziges Werk aus der DDR gezeigt wird. Telepolis fragt: Warum fordern die Zeitungen, denen es doch so um die Urheber zu tun ist, Leistungsschutzrechte? Die Zeit besucht die Macher des ersten Programmkinos im Internet: The Auteurs. Die Welt berichtet über Zweifel an der Echtheit der Nofretete-Büste.

Freitag, 07.05.2009

Sehr bitter beklagt sich Christoph Hein in einem offenen Brief an die Kanzlerin über die offizielle Ausstellung "60 Jahre - 60 Werke", in der kein erlei in der DDR entstandene Werke gezeigt werden, nicht einmal Werke oppositioneller Künstler. Die Haltung der Kuratoren erinnert ihn an die Kunstrichter unter den Nazis und Kommunisten: "Der Wunsch und das Ziel, sie sind deckungsgleich: ausmerzen, ausradieren, verdunsten." Und weiter: "Ausgegrenzt zu werden, ist durchaus misslich, aber dem Rückgrat und der Kunst förderlich. Und ich bin darin geübt, denn ausgegrenzt wurde ich schon, bevor ich in die Schule kam. Und das blieb dann so, und soll wohl auch weiterhin so bleiben."
Stichwörter: DDR, Christoph Hein, Verdun

Aus den Blogs, 07.05.2009

Peter Mühlbauer legt in Telepolis einen großen Essay zur aktuellen Urheberrechtsdebatte vor. Unter anderem fragt er sich, warum die Zeitungen (in einem Artikel des Anwalts Jan Hegemann in der FAZ): Leistungsschutzrechte fordern: "Kopfzerbrechen machen Zeitungsverlagen nämlich nicht (wie etwa der Musikindustrie) in erster Linie Personen, die Artikel kopieren, sondern Blogs, die sich nicht an Gepflogenheiten halten, und Nachrichten mit Informationen zugänglich machen, welche die Zeitungen aus den verschiedensten Gründen verschweigen. Es ist also eine erwachende Konkurrenz, gegen die neue Leistungsschutzrechte helfen sollen, und nicht diffuse 'Raubkopierer'. Deshalb ist auch das Argument Makulatur, ein darüber angeblich gesicherter 'Qualitätsjournalismus' sei unentbehrlich für die Demokratie."

(Via Digitale Notizen) Der Economist veranstaltet eine höchst aktuelle Internetdebatte über Fluch und Segen des Copyrights. Aus den einleitenden Bemerkungen des Moderators Kenneth Cukier: "What is certain is that the issues are only becoming more contentious. As increasing numbers of people feel encumbered by copyright, a subject that has long been the purview of specialists has emerged into the sunlight of the public sphere."

Netzpolitik.org bringt alle Links zur Petition gegen Ursula von der Leyens Netzzensurpläne: "Aktuell sind mehr als 40.000 Unterstützer der Petition gegen die Netzzensur-Pläne der Bundesregierung dabei. Mal schauen, ob die 50.000 noch im Laufe des Donnerstag erreicht werden können und man kann nur hoffen, dass die Plattform auch mehr Unterschriften verarbeiten kann."

NZZ, 07.05.2009

Auf der Kinoseite schildert Ursula Schnyder, wie Hollywood in die Rezession abgleitet: "Das gesamte erweiterte Umfeld der Filmbranche in Kalifornien, dessen Arbeitslosenrate im März bei durchschnittlich 11,2 Prozent lag und vielerorts bereits die 15-Prozent-Marke überschritten hat, leidet unter rückläufigen Einnahmen. Hart getroffen wurden etwa auch das Gastgewerbe, die Schönheitsindustrie, Transport- und Limousinenservices sowie Shopping-Zentren. Die landesweite und branchenübergreifende Krise hat im Weiteren zum Einbruch der Werbetätigkeit geführt. In den ersten drei Monaten des laufenden Jahrs drehte Hollywood 34 Prozent weniger TV-Werbefilme als noch im Herbst 2008."

Weiteres: Thomas Brechenmacher betrachtet anlässlich aktueller Reisediploamtie das Verhältnis zwischen Vatikan und Israel. Besprochen werden die große Ausstellung zu Maria Lassnig im Wiener Mumok, J. J. Abrams Retro-SciFi "Star Trek", Ottmar Ettes Monografie "Alexander von Humboldt und die Globalisierung" sowie Hans-Georg Behrs Erinnerungsbuch "Fast ein Nomade" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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Zeit, 07.05.2009

Wie tief kann ein Land stürzen, fragt im Politikteil entsetzt Christian Schmidt-Häuer nach einer Reise durch Ungarn, das finanziell, aber vor allem politisch-moralisch bankrott scheint. Ohne dass sie ihnen jemand entgegenstellt, machen Rechtsradikale Jagd auf Roma und Juden, etwa den Philosophen Gaspar Miklos Tamas: "Budapests radikale Kohorten zählen ihn zu den 'Fremdherzigen', die den Volkskörper 'verunreinigen'. Auf der Startseite der Website 'Kuruz Info' steht sein Foto im Rahmen eines Grabkreuzes. Die Homepage listet Juden und andere 'Feinde' auf: Namen, Adressen, Telefonnummern, Wochenendhäuser, Bekanntenkreise."

Katja Nicodemus besucht die Betreiber der Website The Auteurs in Palo Alto, die - gleich neben Facebook und YouTube - sozusagen Programmkino im Internet betreiben wollen. "Theauteurs.com zeigt die Filme nicht nur in erstklassiger Auflösung. Die Website will auch ein Art Lotsenschiff im großen Kino-Ozean des World Wide Web sein. Ein von Kapitän und Offizieren gesteuertes Gefährt, an dem sich auch der Dokumentarfilm-Liebhaber in Sibirien oder der Godard-Verehrer in der Weite der amerikanischen Provinz orientieren kann. Konzept ist, dass sich die Organisatoren und Redakteure der Website selbst positionieren, mit Artikeln, Interviews, Kommentaren und Festivalberichten."

Weiteres: Jens Jessen besingt und betrauert die verlorene Schönheit und Vielfalt europäischer Autos und warnt angesichts der möglichen Fusion von Fiat und Opel vor Überheblichkeit: "Auch wenn die empörte Belegschaft von Opel es anders sieht - Fiat hat in dieser Beziehung viel mehr zu verlieren, vor allem mehr als Arbeitsplätze." Peter Kümmel unterhält sich anlässlich des Berliner Theatertreffens mit Regisseur Jürgen Gosch und Schauspieler Ulrich Matthes über Wahrheit und Kampf auf der Bühne. Christian Grefe befragt den indischen Filmstar Aamir Khan zu seinem politischen Engagement. Elisabeth von Thadden stellt Bücher vor, die sich mit den langlebigen Traumatisierungen von Kriegskindern widmen. Stefan Koldehoff berichtet von einem neuen Fall von Raubkunst, diesmal geht es um einen Kirchenschatz der Welfen. Peter Kümmel porträtiert den Regisseur Sam Mendes, der bei den Ruhrfestspielen einen "Kirschgarten" zeigt.

Besprochen werden die beiden neuen Opern von Wolfgang Rihm und Salvatore Sciarrino sowie eine Ausstellung mit Cartoons von Hans Traxler im Frankfurter Museum für Komische Kunst.

Im - wieder eingeliedertern - Literaturteil preist der Autor Andreas Meier Arnold Stadlers Buch über Pasolini, sein Leben, Lieben und Sterben "Salvatore": "Wer dieses Buch zur Hand nimmt und glaubt, könnte auf den Gedanken kommen, hier finde gerade ein Pfingsterlebnis statt."

Welt, 07.05.2009

Ist die Büste der Nofretete eine Fälschung? Zwei Bücher behaupten es, und Ulli Kulke findet ihre Argumentation durchaus plausibel: Es könnte sein, dass Ludwig Borchardt die Büste zu Illustrationszwecken anfertigen ließ und dann zum Opfer ihres Charmes wurde. "Insbesondere habe der sächsische Herzog Johann Georg, der in Vertretung der Sponsoren zur Inspektion der Grabungen nach Ägypten gereist sei, die Nofretete schnell für echt gehalten und sich mit ihr ablichten lassen. Borchardt, so schreibt (Henri) Stierlin, habe dann 'nicht genug Mut gehabt, den Gast lächerlich zu machen'."

Weitere Artikel: Thomas Lindemann berichtet über tumultartige Szenen bei der Eröffnung der Ausstellung mit 532 Entwürfen zu einem Berliner Einheitsdenkmal, die alle abgelehnt wurden - empörte Künstler haben errechnet, dass sich die Jury nicht mal eine Minute Zeit pro Entwurf genommen hat. Eckhard Fuhr plädiert auf der Meinungsseite trotz allem für eine Festhalten an dem Projekt und eine Neuausschreibung: "Ein zweiter Wettbewerb muss also her, wie beim Holocaust-Mahnmal auch, wo zunächst auch kein akzeptables Ergebnis vorlag. Wahrscheinlich wird man nun gezielt einladen, damit die Zahl der Entwürfe überschaubar und ihr Niveau hoch ist."

Besprochen werden eine Ausstellung zum achtzigsten Geburtstag des Cartoonisten Hans Traxler in Frankfurt, der "Rheingold" in Wien und Filme, darunter eine neue "Star Trek"-Version.

FR, 07.05.2009

Die amerikanische Historikerin Anne Applebaum stellt klar, dass es im April in Moldawien keinen spontanen Aufstand und schon gar keine Twitter-Revolution gegeben hat - und dass nicht nur, "weil es bloß eine Handvoll registrierter Twitter-Nutzer im ganzen Land gibt. Vielmehr meint sie, dass die Unruhen provoziert wurden, um den rumänischen Revanchismus vorzuführen: "Was wir also auf YouTube gesehen haben, war keine Twitter-Revolution, sondern eher eine neue Art des inszenierten Aufstandes; keine Orangen- und auch keine Rosenrevolution, sondern eine Revolution, die mit Absicht ins Leere geleitet wurde. Natürlich herrschten besonders günstige Bedingungen: Im unglücklichsten Land der Welt ist es relativ einfach, die Leute auf die Barrikaden zu treiben."

Weiteres: Peter Michalzik denkt darüber nach, wie Christoph Schlingensief, Jürgen Gosch und Joan Didion unser Verhältnis zum Krebs ändern. Harry Nutt berichtet in Times Mager von Jonathan Franzens Berliner Lesung in der American Academy. Daniel Kothenschulte ist gar nicht damit einverstanden, dass der thailändische Regisseur Apichatpong Weerasethakul mit einem Film die Oberhausener Kurzfilmtage gewann, der keine deutsche Erstaufführung war. Abgedruckt wird ein Aufsatz Ursula Baus' zur Rekonstruktion in der Architektur.

Besprochen werden Anne Novions Film "Wir sind alle erwachsen", das britische Sozialdrama "Boy A", eine Ausstellung zum Umgang mit Bach und Mendelssohn im Nationalsozialismus im Bachhaus Eisenach, eine Schau russischer Kunst im Auswärtigen Amt und Joseph O?Neills Roman "Niederland".

TAZ, 07.05.2009

Auf den Kulturseiten berichtet Christina Nord vom Filmfestival Indielisboa in Lissabon, das dem französischen Regisseur, Schauspieler und Drehbuchautor Jacques Nolot eine Werkschau gewidmet hat. Dietmar Kammerer resümiert die Oberhausener Kurzfilmtage und kritisiert die Abgeschottetheit des Veranstaltungsorts. Katrin Bettina Müller kommentiert das Scheitern der Pläne für ein nationales Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin, der Grund: politische Überfrachtung.

Ansonsten Besprechungen: Vorgestellt werden der Dokumentarfilm "Das Herz von Jenin", der die Geschichte eines Palästinensers erzählt, der die Organe seines getöteten Sohns spendete, der britische Spielfilm "Boy A" von John Crowley über ein beschädigtes Leben, die DVD des Spielfilmdebüts "Unrelated" der britischen Fernsehregisseurin Joanna Hogg und der Band "Kunst-Transfers" von Stefan Koldehoff, Gilbert Lupfer und Martin Roth. (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

Auf den Tagesthemenseiten beklagt der Menschenrechtler Lew Ponomarjow im Interview die mangelnde Liberalisierung Russlands. In der Rubrik Leben informiert Ben Schwan über die neue Antwort-, nicht Such-Maschine Wolfram Alpha, die britische Physiker entwickelten und die noch im Mai in Betrieb gehen soll. Politikfolklore und so nötig wie Blumen zum Muttertag sei der 1. Mai, erklärt der Schriftsteller Ilja Trojanow in seiner Kolumne auf der Meinungsseite.

Tom.

SZ, 07.05.2009

Ohne ausdrücklich eine eigene Meinung zu äußern, referiert Bernd Graff Netzaufregungen in Sachen Pirate Bay, Raubkopierergesetz und "Zensursula". Martina Knoben blickt voraus auf das Münchner Dokumentarfilmfestival "Dokfest", Fritz Göttler hat fünf Film-Tipps dafür. Lothar Müller besucht die Ausstellung der 532 Einheitsdenkmalentwürfe, von denen keiner für preiswürdig befunden wurde. Mia Farrows öffentlichkeitswirksamen Youtube-Hungerstreik für Darfur kommentiert Tobias Kniebe. Thomas Steinfeld erinnert an C.P. Snows wirkmächtigen Vortrag über die "zwei Kulturen" vor genau fünfzig Jahren. Catrin Lorch berichtet von neuen Vorwürfen der Witwe von Joseph Beuys gegen das Museum Schloss Moyland. Stefan Koldehoff meldet, dass ein weiteres Gemälde aus der Zwangsversteigerung des jüdischen Kunsthändlers Max Stern im Jahr 1937 beschlagnahmt wurde. Gustav Seibt gratuliert dem Schriftsteller Volker Braun zum Siebzigsten.

Besprochen werden die Baseler Van-Gogh-Ausstellung "Zwischen Erde und Himmel - die Landschaften", Mark Hermans Kinderbuch-Verfilmung "Der Junge im gestreiften Pyjama" und Anne Novions Film "Wir sind alle erwachsen" und neue Bücher über die Römer in Germanien (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 07.05.2009

Bei einer Konferenz von Mavericks der Wirtschafts- und anderer Wissenschaften im kanadischen Waterloo (!) wurde über Gegenwart und Zukunft des Marktes diskutiert, berichtet Jordan Mejias. Manch einer tat sich mit radikalen Ratschlägen hervor, FAZ-Liebling Nassim Nicholas Taleb vorneweg: "Taleb wurde denn auch spielend seinem Ruf als Revoluzzer gerecht, als er empfahl, alle wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten zu schließen." Der Jurist Burkhard Hess erklärt die rechtlichen Hintergründe des Google-Book-Settlement-Vergleichsverfahrens und sieht realistische Möglichkeiten zu seiner Anfechtung. (Uff! Und wir hatten schon gefürchtet, dass die Veröffentlichung vergriffener Bücher unsere Kultur zum Einsturz bringt.) In der Glosse stellt Gina Thomas das Angebot der Londoner Polizei zur Heimwegbegleitung nach Geldabhebung in Problemvierteln vor. Rüdiger Suchsland berichtet von den Kurzfilmtagen in Oberhausen, Hans-Jörg Rother liefert Notizen vom Wiesbadener "goEast"-Festival. Felicitas von Lovenberg war dabei, als in Berlin Jonathan Franzen aus seinem im Entstehen begriffenen neuen Roman "Freedom" las. Richard Kämmerlings kündigt den Vorabdruck der Erinnerungen von Ursula Priess, Tochter von Max Frisch, an.

Außerdem gibt's eine Feuilletonbeilage zum Zwanzigsten des Mauerfalls mit vielen persönlich gefärbten Texten und einem Interview des Mauer-Historikers Frederick Taylor.

Besprochen werden das von Sven-Eric Bechtolf inszenierte, von Franz Welser-Möst dirigierte "Rheingold" zum "Ring"-Schluss an der Wiener Staatsoper, die Ausstellung "Löhleins Katze - Traxler Cartoons" zum achtzigsten Geburtstag Hans Traxlers im Frankfurter Caricatura-Museum, die Ausstellung "Sergej Eisenstein: The Mexican Drawings" in Antwerpen, Mark Hermans Film "Der Junge im gestreiften Pyjama" und Adriaan van Dis' Roman "Ein feiner Herr und ein armer Hund" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).