Heute in den Feuilletons

So unfassbar allein

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.05.2009. Die Kritik ist sich uneins über Judith Hermanns neuen Erzählband "Alice": Bei ihr wird nicht geweint und nicht geklagt, auch wenn's um den Tod geht, und das ist des einen Freud und des anderen Leid. Die SZ will Google Book Search und Open Access nicht in einen Topf werfen. In der NZZ kritisiert Peter Stein seine jüngeren Kollegen als konventionell. Marcel Weiss setzt in Netzwertig seine Bestandaufnahme der deutschen Angst vorm Netz fort.

NZZ, 02.05.2009

Barbara Villiger-Heilig unterhält sich für die Samstagsbeilage Literatur und Kunst mit Peter Stein, der im Juni den Zürcher Festspielpreis erhalten wird. Darin lesen wir die folgenden bitteren Sätze: "In Deutschland interessiert mein Theater nicht. Es wird heute als konventionell bezeichnet. Das ist natürlich eine Lüge. Denn das Unkonventionelle ist heute Konvention geworden, was übrigens das Allerschlimmste ist für junge Leute, denn die wollen natürlich nicht konventionell sein. Eine Falle, aus der sie nicht ausbrechen können."

Weitere Artikel in Literatur und Kunst: Der Philosoph Ralf Konersmann erzählt die Urgeschichte des Helden als Antihelden bei Jean-Jacques Rousseau. Uwe Justus Wenzel liest den französischen Philosophen Marcel Henaff. Außerdem wird die nur auf englisch erschienene Korrespondenz der Mitford-Schwestern besprochen.

Im Feuilleton begrüßt Joachim Günthner den Weckruf des "Heidelberger Appells". Lilan Pfaff besucht die vom Büro Himmelblau entworfene neue Kunsthochschule in Los Angeles (Bilder). Besprochen werden die Ausstellung "Frans Hals und Haarlems Meister der Goldenen Zeit" in München und Konzerte bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik.

Aus den Blogs, 02.05.2009

Marcel Weiss bringt in Netzwertig den zweiten Teil seines Artikels zur deutschen Angst vor dem Netz und schreibt sehr kritisch über die Internetberichterstattung in den Medien: "Machen wir uns hier nichts vor: Was das Thema Internet angeht, schwanken die deutschen Medien zwischen kollektiver Bankrotterklärung ihres Aufklärungsauftrags und opportunistischem Agendasetting."
Stichwörter: Internet

TAZ, 02.05.2009

Beeindruckt zeigt sich Wiebke Porombka vom neuen Buch "Alice" der "verdammt guten Schriftstellerin" Judith Hermann: "Es gibt kaum ein Thema, das so gefährdet ist, gefühlsseligen Kitsch zu produzieren, wie der Tod. Bei Judith Hermann wird nicht geklagt, auch nicht geweint. Stattdessen sind ihre Geschichten sprachlich streng durchkomponiert und mit einer herben Melodie unterlegt. Nicht ein Wort zu viel vermeint man zu finden. Es gelingt ihr, begreifbar zu machen, welch sonderbares Zusammenfallen von Plötzlichkeit und stillstehender Zeit der Tod bedeutet, der aus alledem herausfällt, was sonst ist."

Weitere Artikel: Julian Weber fragt sich, wer der Dubstepper "Burial" eigentlich ist - und wo das nächste Album bleibt. Den mit seinem eigenen Stück "Alle Toten fliegen hoch" zum Theatertreffen eingeladenen Schauspieler Joachim Meyerhoff porträtiert Katrin Bettina Müller. David Grubbs unterhält sich mit den US-Rockerinnen Elisa Ambrogio und Jennifer Herema. Sebastian Moll berichtet über in den USA neuerdings recht beliebte "Downi Dolls" (Website) für Kinder mit Down-Syndrom. Tania Martini denkt über Möglichkeiten der "Existenzsicherung" ohne "Lohnarbeit" nach. In der zweiten taz schreibt Bernd Pickert über den US-Musiker Jonathan Mann, der auf YouTube jeden Tag einen neuen Song veröffentlicht. Auf der Hintergrundseite stellt Dorothea Hahn den Postboten Olivier Besancenot vor, den "populärsten Linksradikalen in Frankreich".

Besprochen werden Gianni di Grigorios Film "Festmahl im August", Christof Schlingensiefs Krebs-Tagebuch "So schön wie hier kann's im Himmel gar nicht sein", Roger Richters und Peter Spiegels Bildband "Die Kraft der Würde" über Kreditnehmerinnen der Grameen-Bank (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.
Anzeige

FR, 02.05.2009

Nur mittelinteressant findet Ina Hartwig den neuen Erzählungsband "Alice" von Judith Hermann: "Was hier zählt, sind bloße Stimmungskonstellationen und ein situativer Existenzialismus. Gefühle stellen sich kaum ein, dazu fehlt es dann doch an Vorgeschichte, Psychologie, an seelischer Tiefe, Zuspitzung und Konflikt. Wer Judith Hermanns berühmten Sound liebt, wird auf seine Kosten kommen. Die Anderen wird der Tod von Micha, Conrad, Richard, Malte und Raymond seltsam wenig berühren."

Weitere Artikel: In einer Times Mager freut sich Christine Pries, dass der S.Fischer-Verlag sich mit einer neuen Geisteswissenschafts-Reihe gegen den Trend stemmt, der dazu geführt hat, dass geisteswissenschaftliche Bücher aus vielen Publikumsverlagsprogrammen aussortiert werden. Marcia Pally erfährt auf einem Ausflug nach Washington D.C., dass die amerikanische Hauptstadt namensschildchenverrückt ist. Ausführlich gratuliert Sebastian Moll dem linken US-Folker Pete Seeger zum Neunzigsten.

Besprochen werden eine Inszenierung von Camille Saint-Saens' Oper "Samson et Dalila" wird an der Vlaamse Oper in Antwerpen, ein dreiteiliger Ballettabend in Stuttgart und Marcel Henaffs philosophische Studie "Der Preis der Wahrheit" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Welt, 02.05.2009

Der aus Siebenbürgen stammende ungarische Schriftsteller György Dragoman plädiert fünf Jahre nach der Osterweiterung auch für eine Öffnung des Denkens in Europa: "Es ist einfach zu glauben, dass wenn einmal die Grenzen fallen, andere hereinstürmen, unseren Platz wegnehmen, uns vertreiben. Es ist einfach, sich die anderen vorzustellen als verzweifelte Leute, die einfach nur hereinwollen. Aber wenn die Grenzen offen sind und die hungrigen Massen gar nicht kommen, dann müssen wir die anderen vergessen und uns selbst im neuen Licht betrachten. Warum haben wir uns überhaupt eingeschlossen? Oder aber warum haben wir es hingenommen, eingeschlossen zu werden? Das sind keine bequemen Fragen, aber sie zu stellen ist unvermeidlich, und wenn wir es nicht tun, könnten wir sehr leicht einer anderen Art der Fremdenfeindlichkeit verfallen, jene anderen innerhalb unserer Grenzen zum Ziel machen, die Immigranten, die bei uns leben, unsere ethnischen Minderheiten."

Weiteres: Ulrich Weinzierel kann nach dem Besuch mehrerer Haydn-Ausstellungen klarstellen, dass Haydn kein Burgenländer, sondern ein Niederösterreicher war. Und: "Nix Papa Haydn - ein Genie." Eugenia Hu feiert die Wiederaufstehung der Art Cologne. Johnny Erling schildert, wie in China die beiden Filme "John Rabe" und "Nanking, Nanking", die japanische Kriegsgräuel zeigen, aufgenommen werden. Manuel Brug freut sich auf die "schönsten Opern aller Zeiten", die 3sat und der ZDF Theaterkanal in ihr Programm gehoben haben. Besprochen wird Jürgen Goschs Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs "Idomeneus" in Berlin.

In der Literarischen Welt ist eine Kurzgeschichte von Leon de Winter zu lesen, die man als Poesie der Folter beschreiben muss: Michelle Obama ist in Kenia entführt worden, und Barack Obama muss sich entscheiden, was mit dem Mann passiert, der weiß, wo sie festgehalten wird. Bei ihm ist eine hochrangige, aber bestimmt schöne Sicherheitsbeamtin: "Barry Schluckte, schüttelte ein paar Mal den Kopf. 'Nein - das geht nicht', sagte er und erwiderte ihren Blick, unverwandt und unendlich traurig. Er war allein, so unfassbar allein. 'Wir sind an die Beschränkungen im Army Field Manual gebunden. Ich habe den Erlass selbst unterzeichnet. Wir können nicht.' 'Doch Du kannst, flüsterte sie, 'Ich habe deine Verfügung gelesen. Die Jack-Bauer-Ausnahme. Du hast Raum für ein Gremium gelassen, das über Methoden entscheiden, deren Verbot, "so sie von Abteilungen oder Behörden, außerhalb des Militärs angewendet werden", eine zu große Einschränkung bedeuten würde.' Erinnerst Du dich?'"

SZ, 02.05.2009

Auf der Literaturseite geht es um Bücher, Google, das Internet und neue Drucktechniken. Für fatal hält Lothar Müller die im "Heidelberger Appell" vorgenommene Vermischung von Widerständen gegen Google Books und Open Access: "Wer die durch Google repräsentierte Aneignung des Wissens der Archive und Bibliotheken durch große kommerzielle Monopolisten sowie das Raubkopieren fürchtet, sollte sich mit dem weltweiten öffentlich-rechtlichen Sektor der Archivierung der Überlieferung und Publikation der aktuellen Forschung verbünden, statt ihn zu denunzieren." Andreas Zielcke weiß aktuelle Sorgen ums Urheberrecht historisch einzuordnen und Alexander Menden berichtet von seinen Erfahrungen mit der Espresso Buchdruck-Maschine.

Der britische Künstler und Selbst-Auktionator Damien Hirst spricht im Interview übers Künstlersein und seine Erfolge. Und übers Geld: "Geld interessiert mich nicht wirklich - eher die Sprache des Geldes. Die Leute begreifen diese Sprache sofort. Es gibt Leute die meine Arbeit nicht mochten - das können sie nun nicht mehr. Das liebe ich. Ich werde auf der Straße von Geschäftsleuten erkannt: fantastisch!"

Weitere Artikel: Franziska Augstein denkt über Museumspläne für das ehemalige Grenzdurchgangslager Friedland nach. Stephan Speicher stellt knapp eine neue Studie zum Thema "Deutsch-Sein" vor. Wolfgang Schreiber berichtet, dass Lothar Zagrosek sein Konzerthausorchester aufgeben will, und zwar wegen mangelnder Übereinstimmung mit dem "Profilselbstverständnis" des Orchesters. "mea" vermeldet, dass mit Carol Ann Duffy (mehr) nicht nur die erste Frau, sondern auch die erste offen homosexuelle Dichterin zur Poet Laureate ernannt wird. Claus Biegert gratuliert dem Folksänger Pete Seeger zum Neunzigsten.

Besprochen werden die Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs Stück "Idomeneus" durch den schwerkranken Jürgen Gosch am Deutschen Theater in Berlin, ein Konzert der Münchner Philharmoniker unter dem Dirigenten Constantinos Carydis und mit dem Geiger Sergej Khachatryan (Helmut Mauro fand es "schlichtweg überwältigend"), die "Götterdämmerung" von La Fura dels Baus in Florenz, Emanuel Gats Ballett "Hark! in Paris, die Ausstellung "William Eggleston - Paris" in der Fondation Cartier und der Film "Echte Wiener - Die Sackbauer-Saga".

Im Aufmacher der SZ am Wochenende singt Heribert Prantl im historischen Streifzug ein Hohelied auf die Unruhestiftung. Christiane Schlötzer porträtiert den Fotografen Willy Steinberg. Antje Wewer stellt Quentin Tarantinos Produzenten Lawrence Bender vor. Harald Hordych besucht eine Ausstellung mit Fotos von Steve McQueen. Jochen Schmidt berichtet vom Kampfschauplatz Prenzlauer Berg. Auf der Literaturseite gibt es eine Erzählung von Georg Klein mit dem Titel "Was der Pepita-Mann weiß" zu lesen. Noch einmal Antje Wewer spricht mit Sean Hepburn Ferrer, dem Sohn von Audrey Hepburn und Mel Ferrer, über "Mama".

FAZ, 02.05.2009

Abgedruckt wird Jürgen Habermas' Oxforder Rede zu Ralf Dahrendorfs achtzigstem Geburtstag (Die Freiheit der privaten Selbstverwirklichung ist Dahrendorf "im Konfliktfall wichtiger als die Bürde sozialer Ungleichheit", sagt Habermas und ein leises sozialdemokratisches Zähneknirschen ist dabei sympathischerweise bis heute zu vernehmen). Edo Reents unterhält sich mit dem amerikanischen Kempowski-Übersetzer und Forscher Alan Keele, der herausgefunden hat, dass Walter Kempowski als Jugendlicher intensivere Treffen mit dem amerikanischen Geheimdienst hatte als er es in seine Romanen darstellt. In seiner Gastrokolumne unterzieht Jürgen Dollase die neue Liste der 50 besten Restaurants der Welt der Zeitschrift Restaurant einer ausführlichen Exegese, um anschließend - aber sicher nicht weil missliebige Kollegen aus Deutschland mitstimmen durften - festzustellen, dass sie überflüssig sei wie ein Kropf. Patrick Bahners resümiert eine Rede des amerikanischen Justizministers Eric Holder in Berlin. Oliver Tolmein kommentiert ein wegweisendes Urteil zum Thema Sterbehilfe in Fulda. Eduard Beaucamp schreibt in seiner Kunstkolumne über die Wiederkehr der Fotorealisten. Auf der Medienseite würdigt Dirk Schümer den italienischen Kollegen Marco Travaglio, der für seine Berlusconi-Berichterstattung einen Preis für Pressefreiheit erhalten hat. Auf der letzten Seite schreibt Hannes Hintermeier über den Umgang der Stadt Dachau mit ihrer Vergangenheit.

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht es um die (nicht überzeugende) Rekonstruktion eines unvollendeten Klavierkonzerts von Mendelssohn-Bartholdy, um zwei Aufnahmen von Purcells "Dido and Aenea" und um Folk-Platten von Alela Diane und M. Ward.

Besprochen wird außerdem Benedict Andrews' Inszenierung des Tennessee-Williams- Klassikers "Endstation Sehnsucht" an der Berliner Schaubühne.

Für Bilder und Zeiten berichtet Rainer Hermann aus dem Scheichtum Dubai, dessen Kulturblüten offensichtlich ölpreisabhängig sind. Und Claus Lochbihler unterhält sich mit dem Jazzkomponisten und -arrangeur Claus Ogerman. Zu den besprochenen Büchern gehört Judith Hermanns neuer Erzählband "Alice" mit Geschichten über Tod und Sterben ("Statt dass der Tod alles mit Sinn auflädt, entlarvt die Alltagssprache aller Gedanken und Gespräche ihr ganzes banales Nichtgewachsensein.", schreibt Felicitas von Lovenberg.)

In der Frankfurter Anthologie stellt Sandra Kerschbaumer ein Novalis-Gedicht vor:

"Was paßt, das muß sich ründen,
Was sich versteht, sich finden,
Was gut ist, sich verbinden,
Was liebt, zusammen seyn. (?)"