Heute in den Feuilletons

Sie machens hin rips raps

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.04.2009. In der FR äußert sich Martin Luther in der alten Rechtschreibung über Urheberrechtsfragen: "Das die geitzigen Wenste vnd reubische Nachdrücker mit vnser Erbeit vntrewlich vmbgehen!" Die Welt unterstützt den "Heidelberger Appell" gegen Google, aber nicht gegen Open Acess. Im Blog von Eren Güvercin beklagt Ilija Trojanow die Bösartigkeit der Islam-Kritiker. Die NZZ inspiziert die Lage der Roma in Osteuropa.

Welt, 28.04.2009

Ausführlich befasst sich Hendrik Werner mit den Protesten von Autoren gegen Googles Digitalisierungsoffensive. Und auch wenn er den Missmut über Googles Kaperfahrt teilt, hält er es für einen "ärgerlichen Kollateralschaden", dass der "Heidelberger Appell" des Germanisten Roland Reuß Google und "Open Access" miteinander vermischt: "Mit dem Raubrittertum des knauserigen Möchtegern-Monopolisten Google, der das Urheberrecht erst mit skandalöser Verspätung und nach öffentlichem Druck zur Kenntnis nimmt, hat diese Debatte nichts zu tun. Umso verwunderlicher, dass der 'Heidelberger Appell' die gar nicht so feinen Unterschiede einebnet, indem er die auf Befreiung der Autoren bedachte Open-Access-Politik suggestiv mit Googles Beutezügen in eins setzt, die auf Enteignung zielen. Online-Anarchie sollte nicht zur medialen Signatur des 21. Jahrhunderts werden."

Im Randkommentar will Matthias Heine die Niederlage von Pro Reli nicht so einfach wegstecken: "Man hat den Kampf ja auch geführt, damit Kinder, deren Eltern sich keine private Schule leisten können, nicht ohne Wahl der staatlichen Ideologiediktatur ausgesetzt sind. Jetzt muss man Einfluss auf den Ethikunterricht nehmen, um zu verhindern, dass er die niveaulose Agitation bleibt, die er ist. Bei jeder Propaganda und bei jeder historisch falschen Kleinigkeit über das Christentum gilt es, Krach zu schlagen."

Weiteres: Im Interview mit Uta Baier spricht Biennale-Chef Daniel Birnbaum über sein Konzept des "Weltenmachens". Ulrich Baron eröffnet mit seinem Text über das Verhältnis von Mensch und Schwein wahrscheinlich eine ganze Reihe von Artikeln zum Thema. Jochen Schmidt polemisiert gegen Schwulst und übermächtige Bühnenbilder im Tanztheater. Katharina Dockhorn informiert über den neuesten Stand in der Debatte um das Arbeitslosengeld für Schauspieler.

Besprochen werden die Ausstellung "Doppelleben" zur Literatur der Nachkriegszeit im Literaturhaus Berlin und eine Schau zur tschechischen Fotografie in der Bonner Kunsthalle.

Aus den Blogs, 28.04.2009

Gestern wurde das Ende des wirklich großartigen Wirtschaftsmagazins Portfolio aus dem Hause CondeNast verkündet. In seiner BuzzMachine fragt Jeff Jarvis, ob jetzt auch Zeitschriften verdammt sind: "I?m not saying that magazines are going to start dropping like flies and newspapers. When the economy comes back, many will still be able to sell their targeted, engaged audiences to advertisers for a premium ? at least for awhile. Some may even manage to pull off a metamorphosis into community platforms and a few high-value titles - see: The Economist - can even grow. But when the weak ones die, there?ll be none to replace them."

Ilija Trojanow, der in diesem Jahr den Preis der Literaturhäuser bekommt, erläutert im Interview mit Eren Güvercin am Beispiel der Kopftuchdebatte, was er unter "Kampfabsage" versteht: "Die Kopftuchdebatte oder viele andere Debatten über den islamischen Glauben sind ja geprägt von einer bestimmten Bösartigkeit der Kritik. Dann ist es extrem schwer, das Thema zu verhandeln. Es geht ja eher darum, dass man sich gegenseitig bestimmte Stempel und Positionen aufdrückt. Das ist eine ganz große Gefahr, weil die Leute, die mit sehr vereinfachenden, sehr primitiven Argumenten operieren, haben in Zeiten der flüchtigen massenmedialen Aufmerksamkeit einen enormen Vorteil. Diejenigen Leute, die differenzieren und vielfältig argumentieren, gehen da leichter unter."

Die Stoppschilder der von der Bundesregierung geplanten Internetüberwachung haben keineswegs nur indikativen Charakter für die Nutzer: Wer eine solche Seite mit kinderpornografischen Inhalten aufruft, muss im Grunde schon mit Strafverfolgung rechnen, berichtet Heise: "Falls das Gesetz wie geplant in Kraft tritt, sollte sich allerdings jeder Internetnutzer genau überlegen, ob er noch unbekannte Webadressen ansurft. Geriete man etwa versehentlich oder durch böswillige Hinweise provoziert zu einem Stoppschild, würde dann de facto eine Hausdurchsuchung oder Schlimmeres drohen."

Peter Sennhauser bleibt dabei - in einem der letzten Beiträge für Medienlese: "Vielleicht gibt es keine Medien-, aber sicher eine Zeitungskrise, indem alte Modelle sich als nicht mehr tragfähig erweisen und neue Modelle sich erst herauskristallisieren müssen."

NZZ, 28.04.2009

Markus Bauer betrachtet die miserable Lage der Roma in Osteuropa, besonders aufgeheizt ist die Stimmung in Ungarn: "Der Ombudsmann für Minderheitenrechte, Ernö Kallai, spricht von einem 'kalten Krieg'. Die überforderte Regierung will ein Gesetz zum Verbot des Aufstachelns durch Hassreden beschleunigen, was die Opposition nur ungern unterstützt - zu hoch wird die lange vermisste Meinungsfreiheit in Ungarn geschätzt und zu weit hat sich der undifferenzierte Anti-Roma-Diskurs breitgemacht. So hat die früher liberale Zeitung Magyar Hirlap sich unter einem neuen Besitzer zu einem rechtsradikalen Kampfblatt entwickelt, in dem ein Kolumnist schreiben kann: 'Sie (die Roma) sind keine Menschen, sie sind Tiere.'"

Weiteres: Jürgen Tietz besichtigt Sep Rufs restaurierten Kanzlerbungalow in Bonn, Valerie Poiriers Stück über das Altern "Loin du bal" am Genfer Theatre de Poche. Besprochen werden Lars Gustafssons Roman "Frau Sorgedahls schöne weisse Arme", Colm Toibins Erzählungen über "Mütter und Söhne", Lorenz Langeneggers Romandebüt "Hier im Regen" und Olga Tokarczuks Collage (hier eine Leseprobe) "Unrast" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
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FR, 28.04.2009

Die FR, um erstklassige Autoren nie verlegen, lässt Martin Luther zur Verteidigung des Urheberrechts antreten. Der hasste Raubdrucke - nicht wegen des entgangenen Gewinns, der war ihm wurscht, sondern weil die Nachdrucke so oft von sinnentstellenden Fehlern wimmelten. Darum warnte er die Drucker 1541: "ABer das mus ich klagen vber den Geitz / Das die geitzigen Wenste vnd reubische Nachdrücker mit vnser Erbeit vntrewlich vmbgehen. Denn weil sie allein jren Geitz suchen / fragen sie wenig darnach / wie recht oder falsch sie es hin nachdrücken / Vnd ist mir offt widerfaren / das ich der Nachdrücker druck gelesen / also verfelschet gefunden / das ich meine eigen Erbeit / an vielen Orten nicht gekennet / auffs newe habe müssen bessern. Sie machens hin rips raps / Es gilt gelt." Mit copy und paste hätte er diese Sorge nicht gehabt!

Weitere Artikel: Ina Hartwig singt ein Abschiedsständchen für die scheidende Chefin des Frankfurter Literaturhauses, Maria Gazzetti. Gerd Berger, Leiter des Deutschen Gesundheitsfernsehens DGF, erklärt im Interview die Vorteile des Internetfernsehens. Guido Fischer war bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik.

Besprochen werden die Ausstellung "Doppelleben. Literarische Szenen aus Nachkriegsdeutschland" im Berliner Literaturhaus, ein Konzert von Kraftwerk in Wolfsburg und die Uraufführung Armin Petras' Stück "Rose - oder Liebe ist nicht genug" am Thalia Theater in Hamburg.

TAZ, 28.04.2009

Hans-Ulrich Dillmann erzählt mit einem Buch des Historikers Eduard Kritzler eine Episode aus der Kulturgeschichte des Piratentums - die Geschichte der jüdischen Piraten in der Karibik "Nach der Reconquista Spaniens hatten die Katholischen Könige 1492 die Zwangschristianisierung der Juden oder deren Vertreibung angeordnet. Viele zum Katholizismus 'Übergetretene' nutzten die 'Entdeckung' der Karibik als Fluchtpunkt." Und manche wandten sich eben der Piraterie zu.

Weitere Artikel: Reinhard Wolff erzählt, dass die schwedische Autorin Unni Drougge ihr neues Hörbuch auf Pirate Bay verschenkt, um gegen die Kaperung des Internets durch die Verwerter zu protestieren. Isolde Charim freut sich über die Niederlage der Pro Reli-Initiative in Berlin.

Besprochen werden eine Austellung mit Van-Gogh-Landschaften in Basel, die letzten Inszenierungen der Ära Baumbauer an den Münchner Kammerspielen

Und Tom.
Stichwörter: Isolde Charim

SZ, 28.04.2009

Die Leiterin des Frankfurter Literaturhauses Maria Gazzetti verlängert ihren Vertrag nicht - Martin Mosebach bekundet sein Bedauern. Stephan Speicher resümiert die Tagung "Tödliche Medizin - Zur Bedeutung der NS-Verbrechen in der aktuellen Ethik-Debatte" im Jüdischen Museum Berlin. Helmut Mauro annonciert den Tod des Decca-Labels, das unter das Dach der Deutschen Grammophon schlüpft.

Eine ganze Seite ist der nicht tot zukriegenden Schallplatte aus Vinyl gewidmet, deren Verkauf laut dem Bericht von Jens-Christian Rabe sogar wieder steigt. Thomas Steinfeld unterhält sich mit dem Hifi-Händler Bernd Hauptmann über die subtilen Vorzüge des Vinylklangs. Holger Liebs erzählt eine kleine Kulturgeschichte des Plattencovers.

Besprochen werden eine große Tracey Emin-Retro in Bern, Salvatore Sciarrinos Oper "La porta della legge" in Wuppertal, der Film "Cadillac Records" über die Geschichte des Blues-Labels Chess, ein neues Album des Münchner House-Music-Pioniers Hell und Bücher, darunter Cees Nootebooms Erzählband "Nachts kommen die Füchse".

FAZ, 28.04.2009

Ziemlich unbegreiflich findet Michael Brenner, Professor für Jüdische Geschichte und Kultur, im Licht der deutschen Geschichte Robert Spaemanns zuvor in der FAZ vorgetragenen schneidenden Aufruf zum Festhalten der Katholischen Kirche an der Judenmission. Als weiteren schweren Schlag fürs Kulturleben in Frankfurt beklagt Felicitas von Lovenberg den Abschied der Literaturhauschefin Maria Gazzetti. In der Glosse verdächtigt Joachim Müller-Jung die Medizinnobelpreisträgerin Rita Levi-Montalcini, wegen Gehirndopings noch mit hundert Jahren völlig unvergreist zu sein. Oliver Tolmein schildert den Fall eines Anwalts, der, weil er einen Ratschlag zur Sterbehilfe gegeben hat, wegen versuchten Totschlags angeklagt ist. Auf der Medienseite versetzt Michael Hanfeld dem am Boden liegenden Blog Medienlese, das noch vor kurzem den Tod der Zeitung annoncierte, einen kleinen Tritt zum Abschied.

Besprochen werden die deutsche Erstaufführung von Vaclav Havels Stück "Abgang" in Aachen, Inszenierungen von Herbert Achternbuschs Stück "Susn" und einer Theaterversion von Hans Falladas "Kleiner Mann, was nun" an den Münchner Kammerspielen, Jerome Bels Tanztheaterstück "About Khon" in Wien, die Ausstellung "Doppelleben - Literarische Szenen aus Nachkriegsdeutschland" im Literaturhaus Berlin, Raphael Saadiqs neue CD "The Way I See It" und der Bericht der Farc-Geisel Clara Rojas "Ich überlebte für meinen Sohn" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).