Heute in den Feuilletons

Markanter Niveauverfall

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.04.2009. Nach fortwährendem Beschuss der Öffentlichkeit mit Heidelberger Appell und Kinderporno-Sperren fragen sich die Blogs, ob Deutschland überhaupt reif ist fürs Internet. Die FR erinnert daran, wie Golo Mann mit siebzig seine Mutter verließ. Der Tagesspiegel fürchtet nach den annoncierten Abschieden der Dirigenten Ingo Metzmacher und Lothar Zagrosek um die Musikstadt Berlin.

Aus den Blogs, 27.04.2009

Die Debatten um Urheberrecht und Kinderporno-Sperren bewegen die Blogs. Marcel Weiss konstatiert in Netzwertig: "Deutschland fehlt der öffentliche Diskurs, die angemessene Gesetzgebung und eine entsprechende Mentalität, um mit den Veränderungen durch das Internet zurechtzukommen."

In Carta entwickelt Robin Meyer-Lucht zehn Thesen zur Urheberrechtsdiskussion. These Nummer 2: "Mit dem Netz steht eine neue Infrastruktur für eine neue Wissensökonomie bereit, der sich die klassischen Eliten in diesem Land mit großer Geste verschließen. Statt die neue Ordnung zu gestalten, pochen sie auf ihre klassischen Geschäftsmodelle. Die Forderungen zum Urheberrecht stehen hier vor allem auch für den legalistischen Versuch, die alte Ordnung ins neue Medium zu übertragen. Dies muss aber aufgrund des neuen Wettbewerbs und der neuen technologischen Basis misslingen."

Matthias Spielkamp zeigt im Immateriblog, wie die FAZ die Argumente der amerikanischen Urheberrechtlerin Pamela Samuelson verzerrt: Samuelson ist eine Kritikerin der "Copyright-Maximalists" und der immer stärker ausgeweiteten Leistungsschutzrechte der Kulturindustrien in den USA: "Sie hat sich gegen den berüchtigten Sonny Bono Copyright Term Extension Act ausgesprochen, besser bekannt als Mickey Mouse Protection Act, der keinem anderen Zweck dient, als die Profite der Unterhaltungsindustrie auf Kosten der Allgemeinheit zu sichern und zu steigern. Und sie spricht sich auch in ihrem Aufsatz gegen diese Strategien, gegen diese Akteure aus."

Ralf Bendrath schreibt in Netzpolitik.org in Antwort auf die geplanten Regeln zur Kinderpornografie-Bekämpfung und die Urheberrechtsdebatte: "Worum es hier geht, ist die grundlegende Eigenschaft des Internet als offener Kommunikationsraum. Dieser soll nach den verschiedenen Regulierungs-Vorschlägen in nationale und regionale Territorien zerstückelt werden, daneben sollen Alters-Zonen für Erwachsene und Kinder eingerichtet und noch weitere Zäune gebaut und chinesische Mauern errichtet werden. Manche Gegenden dürfen von manchen Leuten schon gar nicht mehr betreten werden, oder wenn, dann nur nach dem Vorzeigen eines Ausweises." (Er antwortet auch auf einen Artikel von Susanne Gaschke in der Zeit.)

(Via f!xmbr) Und Feynsinn fragt Susanne Gaschke: "Wer enteignet denn die Urheber? Das sind doch in aller Regel die Verlage, Filmgesellschaften und Großkonzerne. Wer regelt denn den Zugang zum Markt? Wie viele Schriftsteller werden nicht veröffentlicht, weil sie keine prominenten Eltern haben oder Modelmaße? Wie viele hervorragende Wissenschaftler werden ausgebeutet, von ihren Professoren oder den Konzernen, für die sie forschen? Wie viele Musiker haben ihre Plattenfirma und Manager reich gemacht und sind dabei selbst arm geblieben? Angesichts der Profite, die mit den Werken gemacht werden, kann man die Entlohnung der Urheber oft bestenfalls als Entschädigung betrachten. Und Frau Gaschke macht sich Sorgen um Enteignung im Internet."

(Via BoingBoing) Falls jemand vorhat, einen superspannenden dreibändigen Roman über ein längst vergangenes Zeitalter, sagen wir das 17. Jahrhundert und die Aufklärung in den Naturwissenschaften, voll interessanter und korrekter Informationen zu schreiben, hier eine interessante Information: Lisa Gold, die Forscherin, die Neal Stephenson - er nennt sie den "Indiana Jones der Bücher" - mit Material für seine fabelhafte Baroque-Trilogie (Leseprobe aus dem ersten Band) versorgt hat, hält in Seattle ein Seminar "Research for writers" ab. Anmelden kann man sich bis zum 9. Mai hier.

Welt, 27.04.2009

Matthias Heine würdigt in seiner Besprechung des Münchner Premierendoppels von "Kleiner Mann - was nun?" und "Susn" Frank Baumbauer, der demnächst seinen Abschied als Intendant der Münchner Kammerspiele nimmt. "Über niemanden sonst kann man mit solcher Berechtigung sagen, dass ohne ihn das Gegenwartstheater völlig anders aussehen würde. (...) Er war einerseits das erfolgreichste Talent-Trüffelschwein der letzten Bühnenjahrzehnte. Darüber hinaus verstand er es andererseits auch, ideale Bedingungen für seine Schützlinge zu schaffen: Meist waren die Regisseure an seinen Theatern besser als anderswo - sogar besser als an den Häusern, die sie selbst leiteten."

Weitere Artikel: Der australische Schauspieler Hugh Jackman erklärt im Interview, was Action- und Musicalszenen gemeinsam haben: "Choreografie, Timing, Körpereinsatz." In der Leitglosse erzählt Peter Dittmar, wie Russland und die Ukraine sich um Gogol streiten. Hanns-Georg Rodek berichtet von der Gala zum Deutschen Filmpreis. Peter Dittmar spaziert durch vier Ausstellungen, die direkt oder indirekt mit Rubens zu tun haben. Uwe Schmitt berichtet von Versuchen, den Boxer Jack Johnson zu rehabilitieren, der 1915 wegen angeblichen Verstoßes gegen ein Prostitutions-Gesetz verurteilt wurde, in Wahrheit aber wohl eher, weil er weiße Männer im Ring verprügelte und weiße Frauen heiratete. Bas. schreibt zum Tod der Schauspielerin Beatrice Arthur ("Golden Girls").

Besprochen werden die Uraufführung von Feridun Zaimoglus und Neco Celiks Theaterstück "Nathan Messias" im Kreuzberger Ballhaus Naunynstraße, Peter Steins Inszenierung von Bergs "Lulu" in Lyon, das Auftaktkonzert zur Europatournee von Kraftwerk und einige CDs.

NZZ, 27.04.2009

Der Soziologe Sighard Neckel glaubt, dass mit dem Finanzsystem auch die nur an Geld und Status bemessene Erfolgskultur der oberen Mittelschichten erschüttert wurde: "Wenn heute unter den Vermögensbesitzern der Verlust von Renditen als persönliches Problem und psychische Krise ankommt, dann schlägt sich darin auch nieder, wie wirksam sich die Maximen des raschen finanziellen Erfolgs im Habitus des modernen Bürgertums bereits verankern konnten."

Beatrix Langner hat sich - offenbar noch im Winter - in Magdeburg auf den Jakobsweg begeben: "Ein wärmendes Wir-Gefühl umfängt die langgezogene Pilgerschaft, bei drei Grad unter null nicht unwillkommen. Am Hundertwasserhaus vorbei zum Dom; für die Besichtigung bleibt keine Zeit. Die Mehrzahl der Pilger ist in einem Alter, in dem Gehen von den Krankenkassen therapeutisch empfohlen wird."

Weiteres: Uwe Justus Wenzel berichtet von einem Zürcher Symposion zur Wissenschaftskommunikation. Besprochen werden Salvatore Sciarrinos subtile, in Wuppertal uraufgeführte Oper "La porta della legge", Heinz Spoerlis Ballett zu Bachs Magnificat in D-Dur BWV 243 und Sabine Harbekes Stück "Jetzt und alles" am Theater Basel.
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FR, 27.04.2009

"Mann war schwul, basta", erklärt im Interview Rudi Bliggenstorfer, ein Weggefährte Golo Manns. Und die beherrschende Person in seinem Leben war nicht sein Vater, sondern seine Mutter, lesen wir. "Es geht unter, dass im Hause Mann absolutes Matriarchat herrschte. Erinnert sei an Golos Versuch, im hohen Alter seiner Mutter zu entfliehen, als er Hals über Kopf nach Iking im Isartal zog. Ich half ihm damals noch das Haus einrichten. Endlich frei! Nicht vom Vater, von der Mutter! Die Zeitung Blick titelte damals: Siebzigjähriger verlässt seine Mutter! Wie ihn das geärgert hat."

Weiteres: Hans-Jürgen Linke berichtet von der Bremer Jazz-Messe Jazzahead. Christoph Schröder war bei den Römerberggesprächen über das "Theater der Politik".

Besprochen werden die Aufführung von Achternbuschs "Susn" und Percevals "Kleiner Mann..." in den Münchner Kammerspielen sowie die deutsche Erstaufführung von Vaclav Havels neuem Stück "Abgang" ("Die schwache Aufführung wird trotzdem bejubelt. Weil Havel da ist und trotz angeschlagener Gesundheit Charisma und Bescheidenheit versprüht", schreibt Stefan Keim).
Stichwörter: Alter, Mutter

Tagesspiegel, 27.04.2009

Der annoncierte Abgang der Berliner Dirigenten Ingo Metzmacher und Lothar Zagrosek zeigt ein grundsätzliches Problem der Berliner Kulturplitik auf, meint Christine Lemke-Matwey: "Die Tatsache, dass keine Berliner Regierung es seit 1989 gewagt hat, ein Opernhaus oder Orchester zu schließen (mit Ausnahme der Symphoniker), um den verbleibenden Institutionen stabilere Arbeitsbedingungen zu sichern, sie führt entgegen aller Lippenbekenntnisse zu einem markanten Niveauverfall. Konkurrenz belebt nur dann das Geschäft, wenn auch konkurriert werden kann."

TAZ, 27.04.2009

Wie jeden letzten Montag im Monat gehört das Feuilleton heute Gabriele Goettle. Sie hat sich mit den Zwillingen Katharina und Christoph, beide zehn Jahre alt, darüber unterhalten, was sie vom Geld wissen: "Ch: Mit drei Jahren habe ich mal den Geldbeutel von der Mama aufgemacht und das Geld rausgeholt. Die Mama hat es gleich weggenommen und gesagt: MIT GELD SPIELT MAN NICHT!"

Auf der Medienseite schildert Steffen Grimberg, wie sich Alan Rusbridger, der Chefredakteur des Guardian, den Journalismus der Zukunft vorstellt: "'Wir müssen uns darauf einrichten, künftig Journalismus mit weniger Leuten zu machen, und demütiger werden". Die alte Vorstellung vom Journalisten als allwissendem, beinahe autoritärem Gate-Keeper, der der Welt mitteilt, was er für sie für wichtig hält, sei in Wirklichkeit längst Geschichte - 'auch wenn das noch nicht alle mitbekommen haben'."

Und hier Tom.

SZ, 27.04.2009

Henning Klüver besucht das Erdbebengebiet um L'Aquila, wo die Lage für die Leute in den Zeltlagern immer noch desolat ist: "Gleich neben der Staatstraße Nr. 17 gelegen ist Onna ein Ortsteil von Paganica. Von den rund 250 Einwohnern kamen 40 ums Leben. Die romanische Kirche S. Pietro Apostolo, Sitz auch einer kleinen Ordenskongregation der Schwestern der Maria Santissima delle Grazie, wurde bei dem Beben ebenso zerstört wie fast alle Häuser des Weilers."

Weitere Artikel: Burkhard Müller erklärt, warum es so schwer ist, gegen den Kapitalismus zu sein ("Der Kapitalismus ist ein Spiel, dessen Regeln sich fortwährend ändern, beständig nur darin, überhaupt dies, ein Spiel, Das Spiel zu sein"). Tobias Kniebe berichtet von der Verleihung der Deutschen Filmpreise. Maxi Leinkauf resümiert französische Debatten über Philippe Liorets Film "Welcome", in dem es um Fluchthilfe geht. Franziska Augstein gratuliert dem Geschwister-Scholl-Institut zum Fünfzigsten. Volker Breidecker verfolgte ein Symposion über Benn, Brecht, Mann und Döblin im Jahr 1949 an der Mainzer Akademie.

Besprochen werden zwei Premieren mit Stücken von Achternbusch und nach Fallada zum Ende der Ära Frank Baumbauer an den Münchner Kammerspielen (und zwar zwei Fulminante Premieren, wie Christopher Schmidt betont), eine Sigmar-Polke-Ausstellung in Hamburg, eine William-Blake-Ausstellung in Paris und die Münchner Architekturfoto-Ausstellung "Raumbilder - Bildräume".

FAZ, 27.04.2009

Nun darf, in einem Bericht von einer Veranstaltung des Brüsseler Goethe-Instituts zum Thema Internet und Urheberrecht, auch noch Thomas Thiel den kulturellen Abstieg als Konsequenz der Gratismentalität im Internet an die Wand malen: "Ein Handyklingelton ist schon eine kleine Sinfonie." In der FAS hat Peter Richter zum Trost immerhin erklären können, dass das Buch auch das Internet überleben wird.

Weitere Artikel: Karen Krüger berichtet über den politisch-rechtlichen Druck, dem sich ein syrisch-orthodox christliches Kloster in der Türkei ausgesetzt sieht. Michael Althen fasst die Filmpreisverleihung zusammen: Veranstaltung gut, Siegerfilm falsch, Ministerrede schlecht. Florian Balke lauschte den Römerberggesprächen, bei denen über das "Theater der Politik" diskutiert wurde. In der Glosse zitiert sich Martin Lhotzky durch einen Kleinkunstabend zum Abschied des Intendanten am Wiener Burgtheater. Michael Hanfeld erklärt sehr ausführlich und mit Zahlen zur ökonomischen Lage des Senders bewehrt, warum der Hessische Rundfunk einen unnötigen Fehler macht, wenn er, angeblich aus Finanzgründen, ausgerechnet seine Nachrichtensendung teilweise streicht. Geburtstagsglückwünsche gehen an den Historiker John Iliffe (70), die Politologin Renate Mayntz (80), den Soziologen Ralf Dahrendorf (80), die Showtänzerin Zizi Jeanmaire (80, wenn nicht gar 85) und den Folk-Musiker Pete Seeger (90 - sowie, nebenbei, seine Kollegin Judy Collins, 70).

Besprochen werden die Wuppertaler Uraufführung von Salvatore Sciarrinos Kafka-"Musikalisierung" "Tor zum Gesetz", die Darmstädter Uraufführung von Robert Menasses "Faustspiel", Alvis Hermanis Theater-Version von Isaac Bashevis Singers "Das Manuskript", eine Bach-Choreografie von Heinz Spoerli in Zürich, Brigitte Maria Mayers "Anatomie"-Bilder nach Heiner Müller in der Berliner Akademie der Künste und Bücher, darunter Herbert Schnädelbuchs atheistische Überlegungen zu "Religion in der modernen Welt" und T.C. Boyles neuer Roman "Die Frauen" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).