Heute in den Feuilletons

Umarmungen von jäher Wildheit

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.12.2008. Bitter registriert Zafer Senocak in der Welt die Kälte, mit der die Türken auf die Petition einiger Intellektueller zum Völkermord an den Armeniern reagieren. Im Tygodnik Powszechny konstatiert Stefan Chwin: Walesa ist der Preis dafür, dass die Polen keinen Havel haben. Kurz vor Schluss noch ein großes Theaterereignis: Jürgen Goschs Berliner Inszenierung der "Möwe" wird in allen Zeitungen groß und meist begeistert besprochen.

Welt, 22.12.2008

Sehr bitter schreibt der Autor Zafer Senocak über die Kälte und moralische Inkompetenz, mit der die türkische Gesellschaft noch immer den Völkermord an den Armeniern behandelt: "Dass nun zahlreiche türkische Intellektuelle mit einer knapp formulierten Entschuldigung bei den Armeniern an die Öffentlichkeit getreten sind, in dem sie um Verzeihung bitten, wie in der Türkei mit der großen Katastrophe des armenischen Volkes in Anatolien, gemeint ist der Völkermord an den Armeniern im Jahre 1915, umgegangen wird, nämlich ohne jegliche Sensibilität und Mitgefühl, ohne jede Empathie, die auch mal die Lage der anderen Seite näher bringen könnte, so ein Auftritt stößt in der Breite des türkischen Volkes auf Unverständnis. Mit erbittertem Schweigen und mit Anfeindungen, die die Unterzeichner der Abbitte des Landesverrats bezichtigen, so reagiert die große Mehrheit der türkischen Öffentlichkeit auf einen Appell für einen grundsätzlich anderen, menschlicheren Umgang mit einem der dunkelsten Kapitel der türkischen Geschichte."

Weitere Artikel: Als Geburtsstunde des Riffs feiert Friedrich Pohl Beethovens Fünfte Sinfonie, die vor zweihundert Jahren uraufgeführt wurde. Hannes Stein staunt, wie Roberto Bolano mit seinem Roman "2666" zum Liebling der US-Kritik aufstiegt (siehe auch Magazinrundschau hier und hier).

Besprochen werden Jürgen Goschs "gelungene" Inszenierung von Tschechows Menschentragödie "Die Möwe" für das derzeit an der Volksbühne untergekommene Deutsche Theater in Berlin, Stephan Kimmigs dürrer Kurz-Macbeth am Wiener Akademietheater, die Ausstellung "Medium Religion" im ZKM in Karlsruhe und eine Schau zum "Mythos Rommel" im Haus der Geschichte Baden-Württembergs in Stuttgart.

Auf den Forumsseiten plädiert der Biologe Hubert Markl dafür, nicht nur ans Klima zu denken: "Machen wir uns nichts vor - wirkliche Nachhaltigkeit benötigt vor allem eins: Kinder und Enkel und Urenkel."

Perlentaucher, 22.12.2008

Kurz vor Weihnachten macht sich Pascal Bruckner im Perlentaucher Gedanken über die liebe Familie: "Das Wunder einer Synthese zwischen Gemeinwohl und der Sorge um sich findet nicht statt. Auch heute noch sind die Alternativen tragisch, schwanken wir zwischen widerstreitenden Interessen. Die Familie ist immer zu zwanghaft für unseren Freiheitsdrang und zu abwesend für unser Trostbedürfnis."
Stichwörter: Pascal Bruckner

Tagesspiegel, 22.12.2008

"Diesen Abend vergisst man nicht. Er ist ein Geschenk", versichert Rüdiger Schaper nach der Aufführung von Jürgen Goschs Inszenierung der "Möwe". "Drei Stunden lang - wenn sie doch nie vorübergingen! - fühlt man sich aufgehoben, angehoben in einer Sphäre, für die Tschechow die Chiffre Landleben benutzt. Es ist aber nichts anderes als ein Kunstraum, anatomisches Theater der comedie humaine. Und Jürgen Gosch, der Regisseur, holt die Zuschauer mit hinein. Im Parkett stehen grelle, heiße Scheinwerfer, die Bühne hat sich weit in die Sitzreihen vorgeschoben. Tschechows 'Möwe' - so plastisch sah man es nie - ist vom ersten bis zum letzten Atemzug ein Stück über das Theater. (...) Die Entdeckung des so überreichen Abends, der wie die Summe eines Theaterlebens wirkt, ist Kathleen Morgeneyer. Geboren 1977, Ausbildung an der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin, Ensemblemitglied am Düsseldorfer Schauspielhaus: Ihre Nina kommt von einem andern Stern: zart und schmal, mit Scheinwerferaugen, keine gewöhnliche Schönheit, sondern ein Gesicht, in dem man ganze Dramen lesen kann und künftige, große Rollen."
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nachtkritik, 22.12.2008

Ist das jetzt Kitsch? "Aber der Schluss! Konstantin erschießt sich, der Arzt vermeldet es und das Spiel friert zum Standbild fest. Eine, zwei, drei Minuten, in denen keine Regung geschieht. Die Szene wird nicht aufgelöst, sie hört einfach auf. Als dann zum Schlussapplaus Jürgen Gosch auf die Bühne kommt, huldigen ihm auch die Schauspieler. Wir alle wissen, dass er krank ist. Sterbenskrank. Vor dieser Tatsache sieht jede Kritik notwendig kleinkrämerisch, albern und herzlos aus. Denn sie rührt an den ureigensten Ängste aller, auch meiner." In der Nachtkritik hat sich Dirk Pilz mit dieser Schlussbemerkung zu Goschs "Möwe" eine Leserdiskussion eingehandelt, auf die er am Ende anwortet: Liebe Kommentatoren, ich bin müde und erschöpft; es fehlt am rechten Schwung. Es wird Zeit für ein paar freie Tage. Aber Sie sind auch nicht mehr in bester Form. Kritikerkitsch, Betroffenheitsschmalz, Sentimentalität, Kälte hier und heißes Herz da. Ehrlich, ich bin enttäuscht von Ihnen. Ich hatte zumindest erwartet, dass sie mir mit Adorno kommen.

NZZ, 22.12.2008

Fünf Millionen Einwanderer hat Spanien in den vergangenen zehn Jahren aufgenommen, und zwar, wie Markus Jakob schildert, relativ konfliktfrei: "Ohne die Einwanderungspolitik des Landes zu idealisieren, lässt sich doch behaupten: Spanien gewährt seinen Immigranten beim Versuch, ihr Leben neu zu gestalten, mehr Spielraum als anderswo in Europa üblich. Eine Freizügigkeit, die zugleich deren gnadenlose Ausbeutung gestattet und gerade daher an die Art erinnert, in der einst der amerikanische Kontinent seine Neuankömmlinge aufnahm. Dabei verliert aber auch die leidige Frage, wie viel Anpassungsdruck für eine geglückte Integration nötig ist bzw. welchen Grad an kultureller Divergenz eine Gesellschaft erträgt, an Schärfe."

Weiteres: Maria Becker erinnert an den Architekten, Produktdesigner, Typografen, Bildhauer und Maler Max Bill, der vor hundert Jahren geboren wurde. Besprochen werden Alfred Brendels Abschiedkonzert in Wien und Jürgen Goschs "der Sehnsucht nach dem Leben huldigende" Inszenierung von Anton Tschechows "Möwe" in Berlin.

FR, 22.12.2008

Peter Michalzik verneigt sich tief vor Jürgen Gosch und seiner Inszenierung der "Möwe" an der Berliner Volksbühne. "Wahrscheinlich hat jeder Zuschauer einen anderen Moment, zu dem er begreift, wie zupackend und zart, wie verzweifelt und liebevoll, philosophisch und konkret diese Aufführung mit dem Leben spielt. Leben, Spielen und dazu Lächeln. Diese zugleich sehr texttreue und sehr freie Aufführung bekommt immer mehr durchlässige Momente."

Weiteres: Hans-Jürgen Linke schreibt zum 150. Geburtstag Puccinis. In Times mager freut sich Judith von Sternburg über ihre lesende Nichte. Besprochen werden ein Konzert mit Woody Allen im Dresdner Kulturpalast, Sebastian Baumgärtners Inszenierung von Camus "Der Fremde" mit Wolfram Koch und fünf Bände über Wandmalerei in Italien (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Weitere Medien, 22.12.2008

Wie ist das, wenn man jemanden wie ein Idol bewundert hat, es jahrzehnte später nur noch peinlich findet und dann feststellt, dass der Rest der Welt dieses Idol immer noch mehr respektiert als einen selbst? So geht es dem Schriftsteller Stefan Chwin mit Lech Walesa. Und er ahnt, warum das so ist: "Seine große Karriere, sein glamouröser Aufstieg in die höchsten Höhen der polnischen Republik demonstriert das Versagen der polnischen Intelligentsia, das Versagen der polnischen Opposition, das Versagen Jacek Kurons, Adam Michniks, Litynskis, Modzelewskis, der Kaczynskis, Macierewicz und anderer, das Versagen der sichtbaren und unsichtbaren Eliten, ja, das Versagen der gesamten polnischen Elite, die es nicht geschafft hat, in einem historischen Schlüsselmoment einen intellektuellen Führer von der Statur Vaclav Havels aufzustellen, der auch noch von der Mehrheit der Polen gemocht wird. Und die Tschechen mochten ihren Havel. ... Der gegenwärtige panische Kult um Walesa ('Wir müssen die Legende verteidigen!') ebenso wie die panische Dekonstruktion des Mythos ('Die Legende muss demaskiert werden!') ist ein weiterer Beweis für das Versagen unserer Intelligentsia, deren Mitglieder nicht fähig sind, ihren Führungsanspruch zu formulieren."
(Salon.eu.sk hat Chwins unbedingt lesenswerten Text aus Tygodnik Powszechny ins Englische übersetzt.)

Berliner Zeitung, 22.12.2008

Chapeau! Auch Ulrich Seidler ist ergriffen und hingerissen von Jürgen Goschs "Möwe": "Gosch nimmt Tschechows Situationen, stellt seine Schauspieler auf und lässt sie diese Situationen in unfassbarer Direktheit körperlich und auch emotional ausagieren. Das geht ganz ohne Spuk, wie sich spätestens immer dann zeigt, wenn die eben noch leidbesoffenen, liebeverkeilten Gestalten sich wie auf Befehl von einander lösen, abkühlen und als Schauspieler auf der Bühne platznehmen, um den anderen bei der Arbeit zuzusehen - wenn es sein muss auch dem zappelnden und grimassierenden Christian Grashof oder dem bramarbasierenden Peter Pagel. In diesem ansonsten ungelogenen, geraden, ritualisierten Spielen dürfte das Wesen des Theaters zu suchen sein."

TAZ, 22.12.2008

Ekkehard Knörer untersucht, wie die "nationale Diskursstiftungsmaschine" Bollywood auf die Konfilkte zwischen Muslimen und Hindus reagiert, stellt einige Filme vor, die hier faszinierende Plots entwickeln und konstatiert: "Zu den erstaunlichsten Zügen des Hindi-Kommerzfilms der Gegenwart gehört, dass nicht wenige seiner Superstars - Shah Rukh Khan, Aamir Khan, Saif Ali Khan - Muslime sind. Noch erstaunlicher ist es, dass sie zu Superstars ausgerechnet in einer Zeit wurden, in der der Hindu-Nationalismus bedrohlich erstarkte und nicht nur auf der nationalen Bühne, sondern mit dem radikalen Fundamentalisten Bal Keshav Thackeray auch im Bundesstaat Maharashtra (dessen Hauptstadt Bombay ist) an die Macht gelangte."

Weitere Artikel: Jenniger Allen stellt ein großes Projekt des Künstlers Carsten Höller vor, der in einem eigens aufgebauten "Double Club" in London den Kongo auf den Westen prallen lässt. Tilman Baumgärtel erzählt in eine Mail aus Manila über die große Zeit des von Hollywood beeinflussten Kommerzkinos in den Philippinen,

Besprochen wird Jürgen Goschs Inszenierung der "Möwe" an der Berliner Volksbühne.

Schließlich Tom.

FAZ, 22.12.2008

In ihrem jüngsten Bericht aus dem Gegenwartschaos in Russland schildert Kerstin Holm unter anderem Reaktionen auf massive Zölle, die die Regierung verhängt hat, um die Einfuhr von Autos aus dem Ausland unattraktiv zu machen: "Es half nichts, dass Putin anreiste und versprach, russische Neuwagen würden aus dem europäischen Landesteil gratis an den Pazifik geliefert. Aber auch andere Autobesitzer, die gebrauchte Westwagen fahren, wollen sich nicht wieder ans Steuer eines Lada setzen. Die russischen Autofahrer, die als einzige Gruppe landesweite Solidarität mobilisieren können, demonstrierten am Wochenende in vierzig russischen Städten gegen die neuen Zölle." Außerdem berichtet Kerstin Holm von den Protesten, die die Verleihung des Deutsche-Bank-gesponserten russischen Kandinsky-Preises an den "faschistoiden" Künstler Alexej Beljajew-Gintowt ausgelöst hat.

Im Interview mit Frank Schirrmacher und Patrick Bahners spricht sich Helmut Schmidt nochmal gegen die Interventionen in Bosnien-Herzegowina und Kosovo aus: "Leider erleben wir, was das Völkerrecht angeht, im Augenblick nur Rückschritte, nicht nur bei den Amerikanern, sondern auch auf deutscher Seite. Was wir im Kosovo und in Bosnien-Herzegowina gemacht haben, verstieß eindeutig gegen das damals geltende Völkerrecht." Grund: "Die Führungsmacht der Vereinigten Staaten war der Meinung, man könne doch nicht zusehen, wenn auf der Balkan-Halbinsel die Völker aufeinanderschlügen." Er selbst hätte das schon gekonnt und verweist auf seine damaligen Diskussionen in der Zeit-Redaktion, aber: "Das humanitäre Argument hat so viel seelisches Gewicht, dass die Frage, ob das auch alles rechtens sei, gar nicht aufkam." Die butterzarten Interviewer kommen leider nicht auf die Frage, was man sonst hätte tun können. Sie fragen nur: "Wie erklären Sie sich diesen Rückschritt des Rechtsbewusstseins?"

Weitere Artikel: Martin Kämpchen schildert seine Eindrücke aus einem nur dem Anschein nach zur Normalität zurückkehrenden Bombay. In der Glosse lässt Paul Ingendaay noch einmal den gewaltigen Bauskandal im spanischen Marbella Revue passieren. Andreas Rossmann teilt mit, dass das Karl Ernst Osthaus Museum in Hagen 203 Zeichnungen von Christian Rohlfs erhält. Vom kongolesischen Sargmacher Crispain Sibomana (Foto) lernt Andrea Jeske, dass Kriegszeiten keine guten Zeiten sind für ihn: Es gibt zu viele Tode, es fehlt den Hinterbliebenen Zeit und Geld. Gina Thomas porträtiert den Diamantenhändler Laurence Graff, der nun auch den "Blauen Wittelsbacher" besitzt. Gemeldet wird, dass die amerikanische Musikindustrie ihre Strategie gegen Raubkopierer in den USA ändern will: diese bekommen es künftig nur im Ausnahmefall noch mit Gerichten, dafür massiv mit ihrem Provider zu tun.

Besprochen werden Jürgen Goschs Inszenierung von Tschechows "Möwe" am Deutschen Theater (leider hebt sie, bedauert Gerhard Stadelmaier, nie vom Boden ab), ein Doppelopernabend mit Ruggero Leoncavallos "I Pagliacci" und Arnold Schönbergs Farce "Von heute auf morgen" an La Fenice in Venedig, ein Konzert von Rebekka Bakken im Frankfurter Mousonturm, Stefan Hunsteins Installation "Gegenwart" im Dombergmuseum Freising, und Bücher, darunter Beatrix Langners Biografie "Der wilde Europäer" des Dichters Adelbert von Chamisso und Martina Löws Urbanismus-Studie "Soziologie der Städte" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 22.12.2008

In München hat man Sorgen: Die Krise hat jetzt auch den Kunstmarkt erreicht, schreibt Catrin Lorch: "Wer kürzlich als Galerist eine Dependance nach der anderen anmietete, reduziert jetzt die Öffnungszeiten, plant weniger Ausstellungen, reist nicht zu jeder Messe. Die Auktionshäuser kündigen dünnere Kataloge an, Garantiesummen sind abgeschafft - wie auch alle Experimente: Eine Sotheby's-Auktion Takashi Murakami - nach dem Vorbild von Damien Hirst - wird abgesagt."

Weitere Artikel: In den "Nachrichten aus dem Netz" stellt Niklas Hofmann Blogs wie Daily Routines und Rodcorp vor, die sich mit der Arbeitsweise von Schriftstellern befassen. Till Briegleb erinnert an den Designer Max Bill, der heute hundert Jahre alt geworden wäre. Ebenso verfährt Michael Struck-Schön mit Giacomo Puccini, der aber fünfzig Jahre älter ist. Martin Z. Schröder gratuliert den Typografen Hermann Zapf und Gudrun Zapf-von Hesse zum Neunzigsten.

Besprochen werden Tschechows "Möwe" in Jürgen Goschs Inszenierung an der Berliner Volksbühne (Christopher Schmidt ist begeistert: "Wieder macht Gosch die Zeit spürbar, das müßige Warten, dessen Hypochondrie sich in nervösen Gewittern entlädt, prasselnden Ohrfeigen oder Umarmungen von jäher Wildheit"), der Film "O'Horten" des norwegischen Regisseurs Bent Hamer und eine Auswahl der Fotobiennale Bamako in Stuttgart und neue DVDs.