Heute in den Feuilletons

Lebhafte Beziehungen zum Iran

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.12.2008. Die SZ will keinen Intendanten von der Fraktion Fettlebe, auch nicht Jürgen Flimm, auch nicht an der Berliner Staatsoper. Die FR hat herausgefunden: Jesus ist auch ein Perser. Die Welt fragt nach Josef. Die FAZ hat die Schnauze voll von der Bahn. In der Zeit verteidigt Michael Krüger den Autor Milan Kundera.

SZ, 23.12.2008

Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit hat Jürgen Flimm als künftigen Intendanten der Berliner Staatsoper vorgestellt. Stephan Speicher charakterisiert den Mann so: "Flimm ist so recht eine Wowereit-Entscheidung, prominent, gut nachgefragt, Sozialdemokrat der Fraktion Fettlebe. Unvergessen bei denen, die dabei waren, ist sein Auftritt im Wahlkampf 2005, als er in einer Diskussion zum Thema 'Kultur als Lebensmittel' in der Berliner Kulturbrauerei seinen herzlichen Umgang mit Gerhard Schröder herausstellte und das Publikum, darunter mutmaßlich viele Hartz-IV-Empfänger, wissen ließ, dass im Kanzleramt beste französische Rotweine entkorkt wurden. Diese Neigung zu Luxus und Verwöhnaroma ist ihm auch als Regisseur nicht fremd."

Ingo Petz meldet, dass der Kurator der Kunstsammlung der Deutschen Bank, Friedhelm Hütte, den neofaschistischen russischen Künstler Alexej Beljajew-Gintowt mit einem 40.000 Euro schweren Kunstpreis für politisch engagierte Kunst auszeichnete. "Darf die Deutsche Bank einen Künstler auszeichnen, der offensichtlich für rassistisches und faschistisches Gedankengut eintritt?", fragt Petz und antwortet: "Das darf sie natürlich nicht. Ihre moralische Verpflichtung endet nicht hinter den Landes- und Kulturgrenzen".

Nachtrag vom 23.12.08, 14.20 Uhr: Die Deutsche Bank erklärte heute, dass der von ihr gesponsorte Preis von einer "Jury aus sieben Kunstsachverständigen" vergeben wird. Friedhelm Hütte habe als "einfaches Mitglied" dieser Jury für die Preisvergabe an Alexej Beljajew-Gintowt gestimmt, was er laut Auskunft des Pressesprechers der DB "in Anbetracht der öffentlichen Diskussion, die sich um das Gesamtwerk des Künstlers entfacht hat", jetzt "bedauert". Auch Kerstin Holm hatte sich gestern in der FAZ kurz, aber heftig unter der Unterzeile "Deutsche Bank boxt faschistischen Kitsch durch" über die Preisvergabe an Beljajew-Gintowt empört.

Weitere Artikel: Thomas Urban schildert die unüberwindlichen Spaltungen im Geschichtsbild der West- und der Ostukraine - nun will Präsident Viktor Juschtschenko dem (west-)ukrainischen Nationalistenführers Stepan Bandera, der mit den Nazis kollaborierte, einen Triumphbogen errichten. Kia Vahland betrachtet offiziellen Porträts George W. Bushs und seiner Gattin. Johan Schloemann wendet sich in einer Glosse gegen "die neue übertriebene Service-Höflichkeit". Vasco Boenisch schreibt zum Tod der Schauspielerin Tana Schanzara. Auf der Medienseite schreibt Simon Feldmer über den Boom der Internetradios, die immer stärker von der Musikindustrie protegiert werden und sich entweder durch Werbung oder Abomodelle refinanzieren wollen.

Auf Seite 1 greift Bernd Graff einen Artikel aus dem Wall Street Journal auf, wonach die amerikanische Musikindustrie Musikpiraten künftig den Internetzugang sperren lassen will. Und auf Seite 2 fordert der Dirigent Mariss Jansons einen neuen Konzertsaal für München.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Zeichnungen und Partituren Pierre Boulez' im Louvre, Alban Bergs "Wozzeck" in Regensburg, eine Ausstellung mit Fotografien, die den jüngsten Wandel der Stadt Barcelona dokumentieren, ebendort, Shakespeares "Macbeth" in der Regie Stephan Kimmigs in Wien und Bücher, darunter der Band "Das Jahrhundert der Bilder" des Historikers Gerhard Paul.

Berliner Zeitung, 23.12.2008

Eher unverständlich finden Birgit Walter und Peter Uehling die Entscheidung, den jetzt schon 67-jährigen Jürgen Flimm 2010 als Intendanten an die Berliner Lindenoper zu holen, anstatt weiter mit Serge Dorny zu verhandeln, dem Leiter der Oper von Lyon: "Die Opera de Lyon ist zu 95 Prozent ausgelastet und auf diese Weise ein Haus in der Mitte der Gesellschaft geworden, dessen finanzielle Bedürfnisse nicht mehr öffentlich in Frage stehen, sondern als soziale Notwendigkeit anerkannt sind. Unstrittig denkt hier jemand über das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft nach. Diesen Eindruck hatte man bei Jürgen Flimm nie so richtig. Er gehört zu den großen Regisseuren und Intendanten der Bundesrepublik, wechselte allmählich fast vollständig vom Schauspiel zur Oper, hat sich an jedem Ort von Bedeutung sehen lassen, nicht zuletzt als Kulturberater in Gerhard Schröders Bundeskanzleramt. Wenn man Intendant der Salzburger Festspiele ist, reduziert sich der Begriff von Gesellschaft schnell auf eine zahlungskräftige, zugereiste und kulturell sehr konservative Schicht."

FR, 23.12.2008

Arno Widmann unterhält sich mit dem Privatgelehrten Harald Strohm, der die Figur des Jesuskinds auch durch persische Quellen inspiriert sieht: "Die Juden standen der altiranischen Kultur näher als der griechischen (und schon gar der römischen). Dem persischen König Kyros verdankten sie die Befreiung aus dem Babylonischen Exil und den Wiederaufbau des Tempels (538 v. Chr.), und viele Passagen des so genannten Alten Testaments verweisen auf lebhafte Beziehungen zum Iran."

Weitere Artikel: Michael Rutschky liest den Briefwechsel zwischen Adorno und Kracauer. In Times mager äußert sich Hans-Jürgen Linke kritisch über die jetzt von den Berliner Philharmonikern angebotene Internetübertragung von Konzerten. Martina Meister besucht den Ableger des Centre Pompidou in Metz. Und auf der Medienseite berichtet Klaus Raab über die Schwierigkeiten des Mecom-Konzerns unter David Montgomery, dessen Aktie um 98 Prozent gefallen ist - zu dem Konzern gehören in Deutschland unter anderem die Berliner Zeitung und die Hamburger Morgenpost.

Besprochen werden ein "Boris Godunow" in Dresden und ein Skrjabin-Konzert mit Licht-Installationen der Künstlerin Rosalie in Jena.

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Welt, 23.12.2008

Von Josef ist keine einzige Äußerung in den Evangelien überliefert. Hans-Otto Mühleisen schildert, wie die Katholische Kirche lange Zeit versucht hat, den "großen Unbekannten der Heilsgeschichte" als Antirevolutionär gegen die Sozialisten in Stellung zu bringen: "Der Pontifex mahnt 1889 die Arbeiter, keinesfalls durch eigene Umsturzversuche für die Verbesserung ihrer Lebensumstände zu kämpfen, sondern sich der Fürsorge des heiligen Josef und der Kirche anzuvertrauen. Eine päpstliche Enzyklika und die auf sie folgenden kirchlichen Kommentare würdigen einen das Leid erduldenden Mann, der nie die Frage nach dem Warum stellte, sondern sich in Gottes Willen fügte."

"Wiedergänger von Weimar" sieht Michael Stürmer in Berlin unterwegs: "Die alten und neuen, östlichen und westlichen Kommunisten treiben, wie in den Zwanzigerjahren, die Sozialdemokraten vor sich her, die darüber fast den Verstand verloren haben, die innere Einheit und jedenfalls die demokratische Urteilskraft."

Weiteres:Manuel Brug verarbeitet die Meldung, dass Jürgen Flimm 2010 Intendant der Berliner Lindenoper wird. Paul Badde preist Raffaels nach 400 Jahren restaurierte "Madonna mit dem Rotfink". Besprochen werden Baz Luhmann "Australien"-Saga mit Nicole Kidman und die Schau "Interieur Exterieur" im Kunstmuseum Wolfsburg

TAZ, 23.12.2008

Christian Broecking hat sich mit dem 78-jährigen Saxofonisten Sonny Rollins darüber unterhalten, welche Einflüsse jüngere Musiker auf ihn haben. Klaus Raab kocht den Streit um Amphibienfilme (Filme, die fürs Fernsehen und Kino produziert werden) klein. Reinhard Wolff beschreibt die positiven Stimmen zur Wahl Peter Englunds als neuem Vorsitzenden der Literaturnobelpreisjury. Möglicherweise gibt es auch noch eine Besprechung der Ausstellung "Anonyme Zeichner", aber dazu findet sich im Netz nur ein vager Hinweis.

Schließlich Tom.
Stichwörter: Saxofonisten

NZZ, 23.12.2008

Aldo Keel meldet den Rücktritt des streitlustigen Horace Engdahls als Ständiger Sekretär der Schwedischen Akademie, sein Nachfolger wird der 1957 geborene Historiker Peter Englund, über den Keel nur soviel verrät: "Furore machte dieser mit dem Buch 'Poltawa' über den Untergang der schwedischen Armee gegen Peter den Großen 1709 in der Schlacht bei Poltawa."

Weiteres: Gabriele Detterer begutachtet den Erweiterungsbau von Grafton Architects für die Luigi-Bocconi-Universität von Mailand. Carsten Krohn diskutiert weiter die Entwürfe für die Berliner Schlossattrappe.

Besprochen werden Stephan Kimmigs "zähe" Inszenierung des "Mavbeth" am Wiener Burgtheater, Jean-Philipp Toussaints Roman "Fernsehen", Leonid Dobytschins Erzählung "Jewdokija" und Patrick McCabes Roman "Winterwald" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FAZ, 23.12.2008

Die Schnauze voll von der Bahn haben Edo Reents und Patrick Bahners und geben das in einem großen Rundumschlag bekannt: "Service bedeutet hier nur die Aussicht auf Information. Die Bahn irrt jedoch, wenn sie annimmt, dass ihre Fahrgäste auf diese Dinge, die fast alle ins Leere laufen, einen Anspruch erheben. Sie sind ihnen zusehends lästig. Vermutlich hat sich die Bahn ins Bockshorn jagen lassen von dem Gerede über die 'Servicewüste Deutschland'. Also rüstete sie ihren Service dermaßen auf, dass der Betrieb immer störanfälliger wurde. Je mehr angeboten wird, desto mehr Pannen gibt es auch zu melden, so dass man etwa alle zwanzig Minuten zu hören bekommt, dass das Restaurant gerade keine Heißgetränke ausschenken kann - vom inzwischen notorisch in Kassel zugestiegenen mobilen Brezelverkäufer, der neuerdings Snack-Caddie heißt, zu schweigen."

Weitere Artikel: Dieter Bartetzko glaubt, dass Heinrich Breloer mit seinen "Buddenbrooks" nicht zuletzt in baulicher Hinsicht mit seiner Replik des Buddenbrookhauses den Zeitgeist trifft: Weil er nämlich "der aktuellen deutschen Sehnsucht nach Stätten der Geborgenheit und Kontinuität" Nahrung zu geben versteht. In der regulären Glosse erklärt Dirk Schümer, warum die Ananas im italienischen Winter unter Beschuss gekommen ist. Lisa Zeitz berichtet von der Empörung, die Pläne der New Yorker National Academy ausgelöst haben, dringende Maßnahmen mit dem Verkauf zweier Werke der Hudson River School zu finanzieren. Mark Siemons schildert die chinesische Erinnerungspolitik zum Triumph Deng Xiaopings vor dreißig Jahren. In osteuropäischen Zeitschriften liest Joseph Croitoru Aufsätze, die sich mit Georgien und dem Georgienkrieg befassen. Robert von Lucius porträtiert Peter Englund, den neuen Ständigen Sekretär der Literaturnobelpreisjury. Michael Althen schreibt zum Tod des Filmregisseurs Robert Mulligan ("Wer die Nachtigall stört"). Von Andreas Rossmann stammt ein kurzer Nachruf auf die Schauspielerin Tana Schanzara. Auf der Forschung-und-Lehre-Seite warnt Markus Baumann davor, aus den Problemen der Privatuniversität Witten/Herdecke zu schließen, man komme mit staatlichen Universitäten alleine gut aus.

Besprochen werden Stephan Kimmigs sehr nasse "Macbeth"-Inszenierung am Wiener Akademietheater, zwei Märchenopern von Engelbert Humperdinck, "Dornröschen" in München, "Die Königskinder" in Berlin, Aufnahmen von Konzerten des hr Jazzensembles und Mark McNays Roman "Frisch" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Zeit, 23.12.2008

Hilft die Kultur und speziell die Literatur bei großen Krisen?, will das Zeit-Dossier vom Verleger Michael Krüger wissen. Der eröffnet das Gespräch mit folgende Worten: "Ich habe gerade mit Milan Kundera telefoniert, der Mann ist tief getroffen. Gott sei Dank hat die Zeit ihn verteidigt.
Zeit: Dem weltberühmten Autor Kundera wird vorgeworfen, er habe vor bald fünf Jahrzehnten einen Freund bespitzelt. Für den tschechischen Geheimdienst.
Krüger: An dieser Geschichte ist nichts dran, davon bin ich überzeugt. Aber es ist schwer, sich dagegen zu wehren, wenn der Geheimdienst der Gegner ist." (Wie jeder weiß, kommt das Kundera belastende Dokument nicht vom Geheimdienst, sondern der örtlichen Polizeistelle - siehe unser Dossier. Die Unwahrheit wird durch Wiederholung nicht wahrer.)

Verrat!
ruft Jens Jessen im Feuilleton, nachdem er Heinrich Breloers "streberhafte" Buddenbrook-Verfilmung gesehen hat: "Wo es gegen die Unterschichten geht", höre die Werktreue Breloers auf. Der Dramatiker und Regisseur Tuvia Tenenbom durchleidet eine als Interview getarnte Werbeveranstaltung der New York Times für Tom Cruise und dessen Film "Valkyrie". Thomas Gross traf in Havanna die castrokritische Punkband Porno Para Ricardo. Acht deutsche Geistliche verkünden, was sie Heilig Abend predigen wollen. Wolfram Goetz hat sich nicht amüsiert mit der Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker: Da kann man - kostenpflichtig - Konzerte im Internet hören, aber ohne Krawattenzwang ist das nichts. Arno Lederer stellt den Entwurf von Kuehn Malvezzi für das Berliner Stadtschloss vor: Seiner Ansicht nach die beste Arbeit, wurde aber aus Angst vor "Düpfelescheißern" aus dem Wettbewerb gekickt, weil sie keine ordentliche Kuppel hat.

Besprochen werden Baz Luhrmanns Film "Australia" mit Nicole Kidman sowie CDs von Quadro Nuevo und Tocotronic.

Den Aufmacher des Literaturteils widmet Robert Leicht Diarmaid MacCullochs Geschichte der Reformation (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).