Stöbern nach Themen

Durchsuchen Sie unsere Bücherdatenbank nach Themen, Ländern, Epochen, Erscheinungsjahren oder Stichwörtern.

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Essay

Familien, ich liebe euch (ab und zu)

Von Pascal Bruckner
22.12.2008. Klaustrophobie versus Platzangst: Die Familie ist ein Paradox, das wir nicht lösen werden. Aber zum Glück gibt es Weihnachten.
Es ist ein ergreifendes Lied der Beatles: "She's Leaving Home", die Geschichte eines jungen Mädchens, das im Morgengrauen von zuhause flieht und einen Brief auf dem Küchentisch hinterlässt. Wir hören von den Gefühlen des Teenagers, den die Mittelmäßigkeit seiner Eltern enttäuscht, aber auch von denen der Eltern, die bestürzt sind über diesen Abschied. Familie lastete einst auf uns wie ein schweres Joch. Heute erinnert sie eher an ein löchriges Zelt, durch das die Luft und der Regen hineinwehen. So jedenfalls eine weit verbreitete Ansicht über das von der individualistischen Revolution und den vielen Scheidungen angerichtete Debakel. Jeder zehnte kleine Franzose lebt in einer Patchworkfamilie, jeder vierte mit allein erziehenden Eltern, meist mit der Mutter, die Zahl der Heiraten sinkt beständig. Ein neuer Begriff ist aufgetaucht, die "Quasis", mit dem Kinder des Lebenspartners ohne jede verwandtschaftlich Beziehung bezeichnet werden. Der Gesetzgeber sucht nach legalen Statuten für solche komplizierten Verhältnisse.

Ist es aber nicht zugleich erstaunlich, dass dieses Phänomen in Frankreich einhergeht mit einer in Europa unvergleichlichen Fruchtbarkeitsrate, die sich einer klugen Politik mit Krippen und Stützung von Tagesmüttern verdankt? Durch sie wird die Arbeit der Frauen nicht mehr zum Feind, sondern zur Alliierten der Geburtenrate. Frankreich hat Berufstätigkeit und Mutterschaft weit besser unter einen Hut gebracht als der deutsche Nachbar. Ist es nicht ebenso erstaunlich, dass der Zerfall der Familien zugleich mit einem Wunsch nach Familie in bisher davon ausgeschlossenen Minderheiten korrespondiert - nämlich bei den Schwulen und Lesben? Sie haben den Status des vereinzelten Parias endgültig abgelegt. Die sexuelle Orientierung bedeutet nicht mehr, dass man auf die Privilegien der Heteros verzichten muss. Das Lamento der Konservativen ist hier allzu pessimistisch: die Demokratien ersetzen Bindungsformen der Vergangenheit durch neue Beziehungsgeflechte auf freiwilliger Basis

"Familien, ich hasse euch!", lautet ein berühmter Ausspruch Andre Gides. "Familien, ich liebe euch", antwortete der Philosoph Luc Ferry, der mit dieser Formel die Ausbreitung der Privatsphäre begrüßte. Vielleicht sollte man nuancieren: Familien, ich liebe euch, aber nur ab und zu. Denn diese Kleingruppen haben ihre Zwiespältigkeit keineswegs verloren: Sie sind zugleich Zuflucht und Gefängnis, sie nehmen den Atem und geben Sicherheit.


Unersetzliche Momente der Geborgenheit, glückliche Erinnerungen, liebenden Sorge für die Nachkommen: Die Familie ist das einzige Vaterland, für das man noch zu sterben bereit ist, für das man sein Leben opfert. Aber es gibt auch eine Kehrseite der Medaille: Diese Blöcke einer exklusiven Solidarität sind oft geschlossen wie Festungen und lassen niemanden heraus. Hebt man den Deckel, mit dem sie sich schützen, sieht man Das Gewimmel aus Pathologien und Korruption. Im Innersten der Familien stößt man auf den schlammigen Grund der Seelen: Gewalt, Verrat, Inzest, immer wieder aufgewärmter Hass. Die Idee, dass man von diesen Leuten abstammt, die selben Sitten und Gene teilt, ist ekelerregend. In anderen Haushalten versinkt man eher in Selbstverehrung, in dem der Fremde allenfalls die Rolle des Spiegels spielt, der den Glanz des Clans reflektiert. Wir sind so schön in Ihren Augen: Bitte kommen Sie oft wieder, um es uns zu sagen. Noch die entspanntesten Stämme haben ihre dunklen Seiten und sündigen durch Gefühligkeit oder Gewalt. Anarchische kleine Gefühlsdemokratien, die ihre Konflikte, Tabus und Abrechnungen unter einem Lächeln verbergen.

Was hält die Mitglieder eines Stamms eigentlich zusammen? Bestimmt nicht mehr die Autorität, eher die Neigung, das gemeinsame Interesse. Nichts hindert die Eltern, sich scheiden zu lassen, die jugendlichen Kinder, die Tür hinter sich zuzuschlagen, Brüder und Schwestern sich zu ignorieren. Keine Pflicht ist noch durch Biologie begründet. Konzentriert auf das Glück ihrer Mitglieder durch ständige Verhandlung will die Familie vor allem ein Sprungbrett für das Kind sein, dem sie den notwendigen Schutz gewährt, um es auf die Welt vorzubereiten. Aber beim ersten ernsten Problem lassen sich die Eltern scheiden, es bleiben der kleine Junge, das kleine Mädchen als peinliche Zeugen eines erloschenen Begehrens, und auf der anderen Seite die Senioren, die man Richtung Ausgang schiebt und in Altersheimen parkt. Das Glück ist unerbittlich. Es fordert hier und dort ein Selbstopfer, um zustande zu kommen. Aus der einstigen Bedrängnis wird heute das Gefühl des Ausgesetztseins. Der Philosoph Isaiah Berlin sah in der viktorianischen Epoche den Triumph der Klaustrophobie: Verschließung, Angst und Kleinlichkeit. Für die jetzige Zeit sah er das Gegenteil voraus: Platzangst. Schrecken vor einem Ozean ohne Deiche, ohne Autorität und Richtung. Erziehung im Chaos, abwesende Väter, verlassene Kinder und Großeltern. Man hätte gern Verträge auf Zeit, auf einen Knopf drücken, und schon sind sie weg.

Einer der Vorteile unseres Zeitalters: Die freiwillige Kollektivität aus Anlass der großen Festtage. Man genießt die Wärme eines Hauses voller Vereinzelter aus allen Ecken der Welt. Hat Barack Obama nicht gesagt, dass das Weihnachtsfest in seinem Heim mit Verwandten aus vier Kontinenten der Vollversammlung der UNO ähnelt? Als hätte sich die Familie für einen Abend oder eine Woche in den Dienst des Individuums gestellt, das die Gemeinschaft genießen kann, ohne sich gleich rekrutiert zu fühlen. Schwirrende Zuneigung, vielfältige Zugehörigkeit. Die wirkliche Unabhängigkeit entsteht nicht aus der Isolierung des Menschenfeinds, sondern aus der der Vielfalt der Bindungen. Ein totales Desengagement, das uns in eine Wüste des Gefühls stürzt, fürchten wir ebenso sehr wie die Last einer erdrückenden Liebe. Um ehrlich zu ein wollen wir die Vorteile der beiden ohne die Nachteile: die Solidarität, aber nicht die Abhängigkeit, die Autonomie ohne die Einsamkeit, die Bindung ohne Leine.

Da ist dieser herrliche und schreckliche Satz von Virgina Woolf: "Kein Mensch hat das Recht einem anderen die Sicht zu verstellen." Hier ist der Ruf nach Befreiung von den patriarchalischen und Ehezwängen zu vernehmen. Aber was ist, wenn es sich beim fraglichen Hindernis um ein zum Störfaktor gewordenes Kind handeln, das man los sein will, weil es den Weg zu einem schöneren und größeren Leben versperrt? Das Wunder einer Synthese zwischen Gemeinwohl und der Sorge um sich findet nicht statt. Auch heute noch sind die Alternativen tragisch, schwanken wir zwischen widerstreitenden Interessen. Die Familie ist immer zu zwanghaft für unseren Freiheitsdrang und zu abwesend für unser Trostbedürfnis. Dieses Paradox werden wir nicht lösen.

Pascal Bruckner
Mailen | Drucken | Merkzettel | Empfehlen auf Facebook | Twittern | Share on Google+

Archiv: Essay

Jan Drees: Wofür wir brennen

09.07.2015. Seit Wochen und Monaten wird (mal wieder) über den Zustand der Literaturkritik debattiert. Entstanden ist der Wunsch nach stärkerer Institutionalisierung. Warum wir keine neue Literaturzeitung brauchen, aber mehr Leidenschaft. Mehr lesen

Marie Luise Knott: Aus der ideologischen Antike

06.07.2015. Die Kunstbiennale in Venedig läuft noch bis November und wird auch dieses Jahr wieder Millionen Besucher anziehen. Doch die öffentlichen Reaktionen auf die von Okui Enwezor kuratierten Räume - zentraler Pavillon und Arsenale - sind durchwachsen. Von "Inhaltismus" und "Revolutionsromantik" ist die Rede. Überhört wurden im Trubel der Eröffnung die Stimmen, die in den Sälen umgehen, ein wenig wie Gespenster - oder sind es doch gute Geister? Mehr lesen

Florian Kessler: Die Vielfalt preisen

03.07.2015. Heute ist das Netz die literarische Öffentlichkeit. Und eine Gesellschaft, in der nicht nur Profis das Gespräch dominieren, kann nicht völlig missraten sein. Wozu also eine Printzeitung im Netz? Was wir dagegen gebrauchen könnten, wäre ein renovierter Alfred-Kerr-Preis! Mehr lesen

Dana Buchzik: Es braucht Dialog

02.07.2015. Apropos Leser: Eine digitale Zeitung muss sich, mehr noch als ein Printblatt mit Online-Ableger, darauf gefasst machen, dass eine bunte, lebendige und interessierte Leserschaft von sich hören lassen wird. Mehr lesen

Ekkehard Knörer: Tatsächlich ein Desiderat

01.07.2015. Die Bedeutung von Literaturkritik hat sich aus gutem Grund relativiert und kann nicht künstlich reanimiert werden. Die Idee einer Netzzeitung ist dennoch höchst reizvoll. Die Los Angeles Review of Books könnte ein Vorbild sein. Stellt sich nur die Frage der Finanzierung... Mehr lesen

Jörg Sundermeier: Nele liebt Paul, aber Paul liebt Isa

30.06.2015. Ist es nur eine Frage des Orts? Auch im Internet braucht Kritik mündige Leserinnen und Leser - und mündige Kritikerinnen und Kritiker. Die Frage wäre also, ob Wolfram Schüttes Literaturzeitung im Netz etwas am Zustand des Betriebs ändern könnte. Mehr lesen

Nikola Richter: Literaturkritik ist überall

30.06.2015. Ich würde Wolfram Schütte wirklich gerne einmal auf einen Kaffee treffen und ihm zeigen, wie er mit ein paar einfachen Handgriffen das für ihn vielleicht noch unübersichtliche Internet sondieren könnt. Was er sucht, das Finden ohne Suchen, gibt es längst. Mehr lesen

Tilman Winterling: Mit einer Idee und einem Arbeitstitel

29.06.2015. Das ideale Online-Literaturmagazin wäre eines, das das Beste aus beiden Welten - Print und Netz - verbindet. Die Krautreporter könnten ein Vorbild sein. Mehr lesen

Michael Kötz: "Wunderwelt" wäre mein Vorschlag

26.06.2015. Wolfram Schüttes Projekt einer Literaturzeitung im Netz ist der Vorschlag für ein Unternehmen. Aber ein Unternehmen wird nur begonnen, wenn eine Chance auf Gewinn besteht. Einige Vorschläge Mehr lesen

Perlentaucher-Debatte Literaturkritik im Netz

26.06.2015. Wenn Literaturkritik eine Zukunft hat, dann im Netz - wenn auch in Form einer Zeitung. Ein Appell von Wolfram Schütte - und eine Perlentaucher-Debatte. Überblick über alle Artikel. Aktualisiert am 09. Juli. Mehr lesen

Alexander Kluge: Rettende Öffentlichkeit

25.06.2015. Ein Zuviel an Silicium nennt man Wüste. In der Wüste gibt es Stützpunkte des Lebens. Das sind die Oasen. Oft sind sie räumlich klein, im Verhältnis zum Gesamtgelände. Zu Wolfram Schüttes Projekt einer Netzzeitung für Kritik. Mehr lesen

Wolfram Schütte: Über die Zukunft des Lesens

24.06.2015. Wenn die Kritik eine Zukunft hat, dann im Netz - wenn auch in Form einer Zeitung, die online steht. Nennen wir sie Fahrenheit 451. Ein Plädoyer Mehr lesen

Thierry Chervel: Kritik im Netz/Editorial

24.06.2015. Wolfram Schütte möchte die Literaturkritik neu organisieren - durch eine Zeitung im Netz. Einladung zur Debatte im Perlentaucher. Mehr lesen

Andre Glucksmann: Voltaire: Gegenangriff

04.05.2015. Johannes Paul II. hat Marx besiegt und ging vor Voltaire in die Knie. So wie Voltaire verzichtet das heutige Europa auf ein höchstes Wesen. Aber so wie Voltaire macht es aus Atheismus keine Religion. Denn das Gegenteil des Fanatismus ist Toleranz. Mehr lesen

Aleida Assmann: Die Chiffre 1915 - einsames oder gemeinsames Gedenken?

25.04.2015. Auf den türkischen Genozid an den Armeniern folgte ein Mnemozid. Solange eine Opfergruppe mit der Erinnerung an das ihr zugefügte Leid und Unrecht allein bleibt, setzen sich die Bedingungen ihrer Verfolgung und Auslöschung fort. Die einzige Möglichkeit, diesen unerträglichen Zustand zu überwinden, besteht darin, dass diese tiefe Wunde anerkannt und von außen bestätigt wird. Mehr lesen