Heute in den Feuilletons

Fescher Typ

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.10.2008. In der taz sucht die Historikerin Brigitte Hamann nach Erklärungen für den Rechtsruck in Österreich: War es das Absenken des Wahlalters auf 16 Jahre? PD Smith erzählt in 3quarksdaily von einem "Faust" mit Niels Bohr, Wolfgang Pauli und Paul Ehrenfest in den Hauptrollen. Die SZ bewundert einen philosophischen diable de l'amour bei Arte. Ebenfalls in der SZ verkündet der britische Philosoph John Gray: Die Ära der amerikanischen Führung ist vorbei.

TAZ, 01.10.2008

In tazzwei liefert die Historikerin Brigitte Hamann in einem leider sehr kurzen Gespräch Erklärungsansätze für den Rechtsruck in Österreich: "Es war ein Fehler, das Wahlalter auf 16 Jahre zu senken. Die jungen Leute waren nicht ausreichend auf die Wahl vorbereitet und haben wohl stark das rechte Lager gewählt. Heinz-Christian Strache von der rechten FPÖ ist ein fescher Typ und kommt bei den jungen Wählern mit seinen ausländerfeindlichen Parolen gut an. Auch Jörg Haider von der rechten BZÖ hat seine Partei gemausert und das Dreifache an Stimmen erhalten."

Im Kulturteil erinnert Anne Huffschmid an die brutale Niederschlagung der Studentenrevolte vom 2. Oktober 1968 in Mexiko und führt durch das Memorial del 68, das erste und einzige 68er-Museum, das nicht als temporärer Event, sondern als Dauerausstellung konzipiert ist. "Mexikos Wirtschaft boomte, die Gesellschaft kam in Bewegung, Rockmusik und Jugendkultur schwappten ins Land. Politisch aber blieb die seit 1917 'institutionalisierte' Revolution wie versteinert. Eine zunehmend autistische Regierung glaubte das Land von kommunistischen Verschwörern und ausländischen Hippies bedroht - und schlug entsprechend um sich. (...) In ihrem - primär politischen - Antiautoritarismus hatte die mexikanische Revolte womöglich mehr Ähnlichkeiten mit Prag als mit Paris."

Weiteres: Eine "Antithese zum hyperkinetischen Actionkino Hollywoods" erkennt Andreas Busche im neuen Film der Coen-Brüder "Burn After Reading". Auf der Medienseite zeigt Barbara Oertel nach dem Mordanschlag auf den Chefredakteur der kritischen Website Frog News, wie dünnhäutig die bulgarische Demokratie ist. Besprochen wird die große Retrospektive des Konzeptkünstlers Lawrence Weiner (mehr hier) im Düsseldorfer K21.

Hier Tom.

NZZ, 01.10.2008

Paul Jandl verfolgte auf dem Symposium "Dichtung und Erkenntnis" in Altaussee einen Schlagabtausch zwischen Poeten und Philosophen. "Wenn mit der Deutungshoheit der analytischen Philosophie auch die Überzeugung geschwunden ist, Kunst könne in einem elementaren Sinn erkennen, dann ist das Symposium in Altaussee ein beherzter Einspruch der Dichtung. Für die produktiven, mitunter auch ins Kraut des Paralogischen schießenden Mutmaßungen der Literatur spricht sich Urs Allemann aus; Ferdinand Schmatz plädiert dafür, die Begriffe 'wahr' und 'falsch' durch eine Klammer des 'Möglichen' zu ersetzen. Eröffnet Czernins poetologisches Gedicht 'sonett, palast' Erkenntnisse über den Palast, die ohne es nicht möglich wären? Oder ist es, in einem ontologischen Sinn, selbst Palast?"

In der italienischen Presse findet Franz Haas ungewohnt deutliche Kritik der katholischen Kirche an der Politik Silvio Berlusconis: Selbst der Osservatore Romano, das Zentralorgan des Vatikans, kritisiere die unverhohlen fremdenfeindliche Regierungspolitik.

Besprochen werden die Ausstellung "Italics"- italienische Kunst von 1968 bis 2008 im Palazzo Grassi in Venedig, "YouPrison"- eine Schau moderner Gefängnisarchitektur in Turin, eine Inszenierung von Ernst Kreneks "Kehraus um St. Stephan" in Luzern, und Bücher, darunter Michael Stahls Studie "Botschaften des Schönen. Kulturgeschichte der Antike" sowie Kinderbücher (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Welt, 01.10.2008

Uwe Wittstock hat sich das neue Frankfurter Caricatura-Museum für Komische Kunst angesehen und lobt die erste Einzelausstellung mit Werken Bernd Pfarrs: "Es ist eine repräsentative Werkschau geworden, die nicht nur seinen mit jeder gewohnten Ordnung Schlitten fahrenden Witz, sondern auch sein markantes malerisches Talent dokumentiert. Wer in ihm nur einen Meister des Komischen sieht, bleibt in der alten Gewohnheit befangen, das Komische aus der Kunst auszugrenzen und sieht nicht, wie tief und sicher der Maler Pfarr in der Kunstgeschichte von de Chirico bis Hopper, von Matisse bis zu den Neuen Wilden verwurzelt war."

Weitere Artikel: Sven-Felix Kellerhoff freut sich, dass Horst Köhler bei seiner Eröffnungsrede zum Historikertag bei aller Kritik an überzogenen Managergehältern nicht der "Gleichmacherei" das Wort redete, sondern danach fragte, was einer Gesellschaft die Kraft gibt, "Ungleichheiten auszuhalten". Nicht fassen kann es Eckhard Fuhr, dass mit dem Verkauf des Hauses der Frau von Stein an den Kunstsammler Joan Xavier Bofill nun wohl tatsächlich Dali in Weimar Einzug hält. Manuel Brug spricht mit dem neuen Intendanten der Bayerischen Staatsoper, Nikolaus Bachler. Sören Kittel stellt die Video-Website der panafrikanischen Nachrichtenagentur "A 24" vor.

Besprochen werden Andreas Kriegenburgs Münchner Inszenierung der Theateradaption von Kafkas Prozess"-Roman, "der Box-Office-Hit "Burn After Reading" der Coen-Brüder (im dazugehörigen Interview darf sich Peter Zander die Zähne an ihnen ausbeißen), der nach 42 Jahren nun erschienene Bob-Dylan-Bildband "Real Moments" mit Fotos von Barry Feinstein, dazu auch der achte Teil von Dylans "Bootleg Series" und Charlotte Roches neue Fernsehsendung auf 3sat.
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Aus den Blogs, 01.10.2008

1932 lud der Physiker Niels Bohr - wie jedes Jahr - rund 30 Physiker zu einer Konferenz in Kopenhagen ein. Nach den Diskussionen gab es am Ende eine Theateraufführung, erzählt PD Smith in 3quarksdaily. 1932 war es der "Faust". Er war "von den jüngeren Physikern auf der Konferenz umgeschrieben und natürlich stark gekürzt worden. Ihre literarischen Talente wurden zweifellos stark befeuert von den Produkten einer anderen berühmten Kopenhagener Institution - der Carlsberg Brauerei, die auch einer der größten Förderer der dänischen Wissenschaften war. Den größten Teil schrieb Max Delbrück, der in der Nachkriegszeit eine zentrale Figur in der Revolutionierung der Molekularbiologie wurde. Goethes Figuren wurden ersetzt durch zeitgenössische Physiker, die von ihren jüngeren Kollegen mit Masken dargestellt wurden. Mephisto war der jähzornige Österreicher Wolfgang Pauli, Faust war Paul Ehrenfest, ein enger Freund Einsteins. Die Rolle von Gott war für den Gastgeber reserviert, Niels Bohr. (...) Faust wird als stolze, ja eitle Figur dargestellt, die zutiefst unzufrieden ist mit dem, was die Physik ihm bietet. Mephisto versucht Faust von einer der ausgefallensten Theorien der Quantenphysik zu überzeugen - Paulis eigene Theorie über die Existenz des Neutrinos. Wenn er Faust dazu bringen kann, diese Theorie mit diese Theorie mit den Worten 'Verweile doch, du bist so schön' anzuerkennen, hat er seinen Wette mit Gott gewonnen."

FR, 01.10.2008

Ina Hartwig lobt das neue Schreibheft über "Die tragische Intensität Europas - Eine Literatur aus Serbien", herausgegeben von dem in Deutschland ansässigen Schriftsteller Zarko Radakovic und Peter Handke: "Trotz der Aufgeriebenheit, trotz des verletzten Stolzes und der schweren Melancholie, die als Leitmotiv zwischen den Zeilen flirren, sind die Texte von einem teils überwältigenden literarischen Niveau. Die Erfahrung des Exils teilen fast alle der versammelten Autoren". Störend findet sie nur Handkes "gesamtjugoslawischen Patriotismus, .. von dem fraglich ist, ob Kroaten oder Bosnier ihn teilen."

Weitere Artikel: Harry Nutt erinnert an die Verdienste der Ära Rot-Grün in Sachen Kulturpolitik. In einer Times Mager bemerkt Sylvia Staude was passiert, wenn man das Schaf beobachten kann, dessen Wolle man am Leibe trägt.

Ganz und gar sicher ist sich Arno Widmann auf der Medienseite: die neue 3Sat-Serie "Charlotte Roche unter..." wird ein "totaler Flop. Doof allein wäre kein Grund für einen Misserfolg. Schräg doof ist ja spätestens seit Frau Verona Pooth auch bei Frauen ein Erfolgsrezept, gefährlich doof wäre eine noch zu füllende Marktlücke im aktuellen deutschen Fernsehgeschäft. Charlotte Roches harmlos doof aber ist zum Gähnen langweilig"

Besprochen werden eine Architektur-Ausstellung im New Yorker Moma zur Geschichte des vorgefertigten seriellen Eigenheims, die Inszenierung von Jens Joneleits Hörstück "Piero - Ende der Nacht" an der Oper Frankfurt, die Opern "Freischütz" und "Aus Deutschland" am Freiburger Theater und das Puppenspieltheaterstück "Cuniculus" an den Kammerspielen Mainz.

SZ, 01.10.2008

Evelyn Roll hat für die Medienseite die neue Philosophiesendung von Raphael Enthoven bei Arte begutachtet. Abgesehen davon, dass es sich bei Raphael um einen prominent besungenen diable de l'amour handelt,



ist ihr auch die Sendung ein Lob wert: "Jeweils eine halbe Stunde schlendert Raphael Enthoven mit jeweils einem Gesprächspartner, das sind dann meist junge Philosophen der Eliteschule ENS, durch ein so beiläufig wie bohemehaft dekoriertes Pariser Loft und diskutiert entlang einiger großformatiger Bilder jeweils eines der großen philosophischen Themen. Sie nehmen die Bücher der großen Philosophen aus den Regalen in die Hand, zitieren daraus, diskutieren und gehen weiter. Das funktioniert dreißig Minuten in einem Zug, die Kamera folgt den beiden ohne jeden Schnitt, was der Angelegenheit eine hohe Dichte, Konzentration, Spannung und Authentizität gibt."

Marc Felix Serrao erklärt im Feuilleton, wie der rechtspopulistische FPÖ-Vorsitzende Heinz-Christian ("HC") Strache jeden dritten 16- bis 30-jährigen Wähler erobert hat: Der Wahlkampfschlager hieß "Viva HC" und hatte "einen bierzelttauglichen Refrain: 'HC! Viva HC! Wir wollen HC! Adios Che! Sozialrebell, mit Herz und Schmäh!' Auf dem Bild zum Lied trägt 'HC' eine Che-Mütze, inklusive Stern."
(Das Stück endet dann mit: "Yes we can, for a change today!")

"Die Ära der amerikanischen Führung ist vorbei", erklärt kühl der britische Philosoph John Gray. "Es könnte gut sein, dass die USA ihre Schulden mit einem Anstieg der Inflation verringern, was ausländischen Investoren erhebliche Verluste bescheren würde. Werden jene Regierungen, die große Mengen amerikanischer Anleihen gekauft haben - beispielsweise China, die Golfstaaten und Russland - bereit sein, den Dollar unter solchen Umständen noch als Leitwährung zu stützen? Oder werden sie es als Chance begreifen, das ökonomische Machtverhältnis zu ihren Gunsten zu kippen? So oder so: Die Kontrolle liegt nicht mehr in amerikanischen Händen."

Weitere Artikel: Kurt Kister nimmt die Königsmörder in der CSU aufs Korn. Ijoma Mangold war dabei als die SPD im Jüdischen Museum Berlin die Installation des Kulturstaatsministers vor zehn Jahren feierte und bewundert "das Sitzfleisch der Politik". Münchens neuer Staatsopernintendant Nikolaus Bachler erklärt im Interview, wie Theater und Musik zusammengehen müssen. SZ-Autor Jonathan Fischer, "Experten von MTV, die Fachpresse und Hip-Hop-Stars wie Jay-Z und Kanye West sind sich einig: Ein Hustensaft-abhängiger und auf den Augenlidern mit 'Fear' und 'God' tätowierter Typ mit Krötenstimme namens Lil Wayne ist der neue King of Rap".

Besprochen werden der neue Coen-Film "Burn After Reading", eine Ausstellung mit Ernst Ludwig Kirchners Spätwerk in der Quedlinburger Lyonel-Feininger-Galerie, einige CDs, eine Ausstellung deutscher und türkischer Hochzeitskultur im Museum für Kunst- und Kulturgeschichte der Stadt Dortmund, die Schau zum Turner-Preis in der Tate Britain und Bücher, darunter der dritten und letzte Band von John C. G. Röhls Biografie Wilhelms II., der Martin Kohlrausch eine ausführliche Besprechung widmet (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 01.10.2008

Andreas Kilb war dabei, als die SPD in Berlin bei einer Jubiläumsgala im Jüdischen Museum Berlin zu erklären versuchte, wie sie es mit der Kultur hält. Warum jetzt alle so überrascht tun, dass es im Kapitalismus Spekulation gibt, kann Jürgen Kaube nicht recht verstehen. Was allerdings nichts daran ändere, dass die Finanzmarktmechanismen der Gegenwart und die Krise in ihrer Gesamtheit "noch völlig unbegriffen" seien. Beim Blick in osteuropäische Zeitschriften hat Joseph Croitoru Aufsätze zu neuen Forschungen über das osteuropäische Judentum gelesen. Im Amtsgericht Moabit hat Klaus Ungerer Herrn Uth (Name geändert) kennengelernt, der von schwäbischen Provinzlern Satellitenfernsehgebühren erschwindeln wollte und damit schnell auf die Nase flog. Hart ins Gericht geht Thomas Jansen mit einem Gutachten des Theologen Hartmut Kreß über Reproduktionsmedizin, weil es ihm von allen genuin theologischen Argumenten fast völlig gereinigt scheint. Von einer Podiumsversammlung von gleich neun Jüngerianern in Neuhardenberg berichtet Marius Meller. Jürg Altwegg porträtiert Olivier Pere, den neuen Leiter des Filmfestivals von Locarno. Die DVD-Seite ist ganz dem verstorbenen Paul Newman gewidmet. Vorgestellt werden seine besten Filme, von der ersten Star-Rolle im Boxer-Film "Die Hölle in mir" über die Elmore-Leonard-Verfilmung "Hombre" bis zum späten "Twilight".

Besprochen werden in einer sehr rezensiven Ausgabe die Uraufführung von Fabrice Melquiots Sarkozy-Satire "Tasmanien" in Bonn, die Aufführung von Jens Joneleits Hör-Stück "Piero - Ende der Nacht" in der Frankfurter Oper, die Ausstellung mit den diesjährigen Turner-Preis-KandidatInnen Goshka Macuga, Cathy Wilkes, Runa Islam und Mark Leckey in der Tate Britain, die Ausstellung "Walt Disneys wunderbare Welt und ihre Wurzeln in der europäischen Kunst" in der Hypo Kunsthalle München, eine Ausstellung über den Architekten und Designer George Nelson im Vitra Design Museum in Weil am Rhein, eine Ausstellung mit Isolde Ohlbaums Schriftstellerporträts im Literaturhaus München und Bücher, darunter Margrit Pernaus Studie "Bürger mit Turban" über Muslime in Delhi im 19. Jahrhundert (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Zeit, 01.10.2008

Letzte Woche haben die Wirtschaftsexperten des Zeit-Feuilletons schon mal den Kapitalismus verabschiedet (in der Hoffnung, dass wenigstens der Holtzbrinck-Konzern überlebt, der ihnen die Redaktionsstuben heizt), diese Woche verteidigt Zeit-Herausgeber Michael Naumann wenigsten noch den amerikanischen Traum. In der Glosse kommentiert Wolfram Goertz die Absetzung des Intendanten der Essener Phiharmonie. Peter Kümmel schreibt zum Tod von Paul Newman. Thomas Groß führt ein Pro-und Contra-Internet-Gespräch mit dem Musikverwerterlobbyisten Dieter Gorny (der aber angibt, für die Künstler zu sprechen) und dem jungen Labelbesitzer Michael Summen. Hanns Zischler schreibt ein Porträt der Schauspielerin Hiam Abbass, die als erste Palästinenserin für ihre Rolle in "Lemon Tree" Israels höchsten Filmpreis gewann.

Besprochen werden eine neue CD der Gruppe Tomte, eine CD von Bob Dylan, Sebastian Baumgartens Dramatisierung von Mozarts "Requiem" an der Komischen Oper Berlin, Kehlmann- und Roche-Dramatisierungen in Braunschweig und Halle und eine Nedko-Solakov-Ausstellung in Bonn.

Für den Aufmacher des Literaturteils hat sich Volker Ullrich durch die 1698 Seiten des dritten Bands der Biografie Wilhelms II. von John Röhl gefressen. Im Politikteil porträtiert Jana Simon den in Mexiko lebenden deutschen Linskintellektuellen Heinz Dieterich, einen Freund von Hugo Chavez.