Heute in den Feuilletons

Jahrmarktnazihorrorkitsch

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.02.2008. In der FAZ beschreibt Peter Zilahy, wie er sich aus Kohle in einen Diamanten verwandelte. Die NZZ erinnert an die Toten in Lateinamerikas linker Vergangenheit. Ansonsten diskutieren die Feuilletons heftig Jonathan Littells Roman "Die Wohlgesinnten": Die Welt spürt darin menschliche Elementargewalt wirken. In der SZ sieht Georg Klein dagegen das Böse die Schwindsucht bekommen. Und der Tagesspiegel denkt sich lieber mit Primo Levis luziden Nüchternheit in Täterseelen.

SZ, 16.02.2008

Auf der Literaturseite rezensiert der Schriftsteller Georg Klein ganzseitig Jonathan Littells Roman "Die Wohlgesinnten" (allerdings seltsamerweise, anders als vom Verlag, als "Die Wohlmeinenden" übersetzt) und beklagt: "Littell legt der Gemeinschaft der Täter in den Mund, was wir heute um die Gesamtumstände wissen. So verfügen die im Strom der Ereignisse Schwimmenden auf eine kuriose Weise in der Summe bereits über das Spektrum an Erkenntnissen, das die zeitgeschichtliche Forschung in den Folgejahrzehnten aus vielen Quellen zusammentragen wird... Das Böse jedoch bekommt dabei die Schwindsucht. Dem Glauben an ein letztlich nicht angemessen beschreibbares, unfassbar großes Unheil geht in der konventionellen Schilderung der Massaker, in der säuberlichen Ausmalung ihrer Umstände und nicht zuletzt im psychologischen und moralischen Räsonnement die spirituelle Puste aus." (Mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Der aktuelle Fall eines Studenten in Afghanistan, dem die Hinrichtung droht, weil er einen Artikel über Frauenrechte ausdruckte und verteilte, scheint Ilija Trojanow und Ranjit Hoskote ein bezeichnendes Schlaglicht auf die Situation des Landes zu werfen: "Der Kambaksch-Fall handelt hinter der allzu simplen Erzählung vom religiösen Fanatismus von einem Marionettenregime, das sich durch weitreichende Korruption, gewalttätigen Machtmissbrauch und Verachtung für öffentliche Aufsicht auszeichnet. Die wichtigsten Akteure sind Politiker, die über die beachtlichen Wiederaufbauhilfen des Westens verfügen, Beamte, die Folter, Vergewaltigung und Erpressung als legitime Instrumente der Verwaltung betrachten, sowie regionale Oberhäupter, die das Parlament wie auch die Mohnproduktion kontrollieren und Profite aus dem Drogengeschäft einstecken, die das Staatsbudget um ein Vielfaches übersteigen."

Weitere Artikel: Die letzten Wettbewerbsbeiträge der Berlinale hat sich ohne großen Enthusiasmus Tobias Kniebe angesehen. Martina Knoben schreibt über Hana Makhmalbafs in der "Generation"-Reihe gezeigten Film "Buddha Collapsed out of Shame" und in Willi Winklers "Gegenschuss"-Kolumne geht es zum Abschluss weniger ums Kino als um Berlin. Südamerikas wichtigste Bühne, das Teatro Colan in Buenos Aires, wird nun, wie Peter Burghardt weiß, doch nicht zum 100. Jubiläum in diesem Jahr wiedereröffnet, sondern erst 2010. Alexander Kempf porträtiert den Marzahner Rapper Joe Rilla. Johannes Schmitz berichtet vom Projekt einer Deutsche Universität für Musik und Darstellende Kunst in China. Kaspar Renner war im von einem Türken geführten Münchner Goethe-Hotel zu Gast. Nicolas Sarkozy sorgt, wie gemeldet wird, gerade mit dem Vorschlag für Aufsehen, dass zehn- bis elfjährige Schulkinder die Patenschaft für jeweils eines der von den Nazis ermordeten jüdischen Kinder übernehmen sollen.

Besprochen werden die Hamburger Ausstellung "Schrecken und Lust - Die Versuchung des heiligen Antonius" (die Schriftstellerin Brigitte Kronauer war im Bucerius Kunst Forum), das Münchner Abschiedskonzert des Alban-Berg-Quartetts und Benedikt von Peters Berliner Inszenierung von Händels "Theseus" (Jörg Königsdorf feiert sie als Geburtsstunde eines "großen Opernregisseurs").

Im Aufmacher der SZ am Wochenende schreibt Nikolas Piper über die sich öffnende Schere zwischen Arm und Reich in den USA. Anne Haeming hat einen Kommissar besucht, der gegen Bilderfälscher ermittelt. Vorabgedruckt wird ein Text aus Sibylle Bergs neuem Buch "Das war's dann wohl" mit Abschiedsbriefen von Männern. Im Interview spricht der nouveau philosophe Andre Glucksmann über "Engagement" und stellt fest: "Nichts ist unsinniger als zu behaupten: Die 68er Generation hat etwas Relevantes getan."

NZZ, 16.02.2008

Der israelische Autor Ron Leshem hat mit seinem Erstlingsroman "Wenn es ein Paradies gibt" über einen Militärstützpunkt im Südlibanon (dessen Verflmung "Beaufort" auf der letztjährigen Berlinale lief) große Erfolge gefeiert. Im Gespräch mit Andreas Resch erklärt er in Literatur und Kunst, was sein Werk von den üblichen Antikriegsromanen in Israel unterscheidet: "Meist handeln sie von einem Burschen aus dem Kibbuz, der in der Armee zum Rambo mutiert... Ich wollte ein Buch schreiben, dessen Protagonist für den Krieg ist, der ein Rambo sein möchte, tatsächlich aber schwach und hilflos ist. Mit so etwas wird man in Israel nämlich nie konfrontiert: mit schwachen, hilflosen Soldaten." Leshems Roman wird zusammen mit Michal Zamirs "Das Mädchenschiff" besprochen.

Lateinamerika sieht seine Zukunft links, weshalb Uwe Stolzmann im Aufmacher noch einmal auf die linke Vergangenheit zurückblickt. "In Nicaragua bekamen die Aufständischen um Daniel Ortega ab 1979 die Chance, ihre Gesellschaftsvision in der Praxis zu erproben. Die Vision zerbrach am Contra-Krieg (30.000 Tote), doch eher noch an Hybris und Missmanagement der Comandantes. Das 'freie Nicaragua' zeigte totalitäre Züge: Massenfestnahmen, Inhaftierung von Kritikern, Prozesse vor Sondergerichten, Zwangsumsiedlungen (von Indios); im Jahr des Sieges gab es etwa hundert Hinrichtungen."

Desweiteren besucht Naomi Bubis die israelische Schriftstellerin Lizzie Doron, deren neues Buch besprochen wird. Und die Kunstwissenschaftlerin Gabriela Hammel widmet sich in einem Aufsatz dem Problem der Formbeschreibung in ihrer Disziplin.

Für das Feuilleton durchschreitet Urs Schoettli in weihevoller Stimmung den Yasukuni-Schrein in Tokio, der wegen der Kriegsverbrecher, derer hier auch gedacht wird, immer wieder in die Schlagzeilen gerät. Auf einer Tagung in Essen erfährt Joachim Güntner, dass unter den deutschen Geisteswissenschaften nur noch die Archäologie internationale Strahlkraft besitzt. Sieglinde Geisel unterhält sich überraschend gut auf der vom Magazin Cicero veranstalteten Diskussion über Eric-Emmanuel Schmitts "Adolf H." in Berlin. Auf der Kunstmarktseite nimmt Jan-Aslak Stannies an einem gut besuchten Intensivkurs für den Aufbau einer Kunstsammlung in Dubai teil.

Besprochen werden die Ausstellung "Europop" zur europäischen Pop-Art im Kunsthaus Zürich, zwei Berliner Opernaufführungen, Benedikt von Peters Inszenierung von Händels "Theseus" an der Komischen Oper sowie Sebastian Baumgartens Version von Puccinis "Tosca" an der Volksbühne, Ingo Kerkhofs Interpretation von Frank Wedekinds "Lulu" im Stadttheater Bern, und Bücher, darunter Memo Anjels Erzählband "Das Fenster zum Meer"

TAZ, 16.02.2008

Georg Diez hat sich mit dem Historiker Nikolaus Wachsmann und dem Schriftsteller Kevin Vennemann unterhalten. Es geht um historische und literarische Darstellungen von Hitler und Nazizeit und eher am Rande nur um den offenbar eigentlichen Anlass des Gesprächs, nämlich Jonathan Littells Roman "Die Wohlgesinnten". Wachsmann denkt unter anderem darüber nach, wie das Verschwinden der Zeitzeugen den öffentlichen Diskurs verändern wird: "Die Auseinandersetzung ist nicht mehr so persönlich, deshalb kann die Debatte etwas nüchterner werden. Die Kehrseite ist: Trivialisierung und Kitsch und der Fall der Schamgrenzen. So ging es mir beim 'Untergang', wo es überhaupt nicht mehr moralische Fragen ging oder um eine Auseinandersetzung mit der Geschichte - sondern um Gruselentertainment, Jahrmarktnazihorrorkitsch, Nazitainment. Und vielleicht wird sich das noch verstärken in einer Zeit, in der die Überlebenden nicht mehr da sind."

Weitere Artikel: Kathrin Bettina Müller kommentiert das Theater um den Ausflug des Berliner Ensembles mit seiner "Mutter Courage" nach Teheran. Ansonsten alles noch einmal Berlinale. Dietrich Kuhlbrodt hat Andrzej Wajdas Historienfilm "Katyn" gesehen, den er keinesfalls als Filmkunst begreift, eher als großes Requiem. Mit dem US-Avantgardefilmer James Benning hat Ekkehard Knörer gesprochen. Auf den Extra-Seiten finden sich Besprechungen zum Wettbewerbsbeitrag "Ballast" von Lance Hammer, zu den Filmen über deutsche Filmgeschichte "Auge in Auge" und "Gegenschuss" und Götz Spielmanns Film "Revanche". Christiane Rösinger staunt über das ganz untechnische Wunder der Übersetzung von Mensch zu Mensch. Jan Kedves war bei der Verleihung des Teddy-Awards für den schwulen, lesbischen, bisexuellen und transidentischen Film.

In der zweiten taz kann sich Jan Feddersen nur wundern über die Aufregung, die die DDR-, Mauer- und Stasi-freundlichen Äußerungen des DKP-Mitglieds Christel Wegner hervorgerufen haben: "Von einer Politikerin der DKP anderes hören zu wollen wäre ungefähr so, als wünschte man vom Vatikan eine Enzyklika, die Fortpflanzung nicht mehr als den einzigen und ersten Zweck des Sexuellen erachte." Daniel Bax poltert gegen die "begnadete Selbstdarstellerin" Ayaan Hirsi Ali, die nur noch "militanten Stuss" rede. Jenny Zylka porträtiert den Berlinale-Star Damon Albarn von der fiktiven Band Gorillaz, die Gegenstand des Dokumentarfilms "Bananaz" ist. Gunnar Leue hat sich mit Franz Jarnach unterhalten, besser bekannt als "Schildkröte" bei Dittsche.

Im Dossier des taz mag schreibt Philipp Gessler über die Ausstellung "Zug der Erinnerung" zur Nazi-Vergangenheit der Bahn. Jörg Magenau hat ein Interview mit Erica Fischer geführt, die ein Buch über die Auseinandersetzung mit der Geschichte ihrer Familie im Dritten Reich veröffentlicht hat. Besprochen werden unter anderem Christopher Hitchens' religionskritisches Pamphlet "Der Herr ist kein Hirte", Jörg Friedrichs Korea-Kriegs-Buch "Yalu" und Dirk Wittenborns Roman "Casper" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.
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Welt, 16.02.2008

In der Literarischen Welt rühmt Tilman Krause geradezu ehrfürchtig Jonathan Littells Roman "Die Wohlgesinnten: "Es ist ein aufwühlendes emotionales Abenteuer, in das uns Jonathan Littell schickt, ein Abenteuer, dessen menschliche Elementargewalt weit über den historischen Rahmen hinausreicht, in den Littell es gestellt hat. Dass er darüber hinaus unserem Bild vom faschistischen Charakter neue, über Theweleits 'Männerphantasien' hinausgehende Züge gibt, macht sein Buch, das allerdings in seinen Längen und Detailobsessionen Schwächen des Erstlings zeigt, anregend und interessant."

Manuel Brug feiert im Feuilleton die Bayerische Kammersängerin und in New York regierende Koloraturkönigin Diana Damrau ("so frischdeutsch, natürlich, fleißig, zuverlässig, pflichtbewusst und allürenlos, dass es schon fast klischeehaft wirkt"). Eckhard Fuhr macht in der Randspalte auf die seiner Meinung nach viel zu gering geschätzte Stiftung Brandenburger Tor aufmerksam. Peter Jovishoff erklärt, warum sich das organisierte Verbrechen so gern im Kunstraub betätigt: Die Aufklärungsquote liegt bei zehn Prozent. Peter Dittmar besucht die Ausstellung "Der Barbarenschatz" im Rheinischen Landesmuseum in Bonn.

Auf der Berlinaleseite bespricht Hanns-Georg Rodek Andrzej Wajdas "Katyn"-Film als Dokument großer Trauer", die vier Jahrzehnte "in der Lüge über die Täter" eingefroren war. Auf der Meinungsseite bilanziert Rodek den Promi-Faktor des festivals: "Wer angesagt ist, lässt sich bei der Berlinale ablichten, auch wenn er nicht wirklich etwas dort zu tun hat."

Tagesspiegel, 16.02.2008

Gregor Dotzauer widerspricht nachdrücklich der angeblichen Singularität von Jonathan Littells Roman "Die Wohlgesinnten", den "Wahnsinn des Nationalsozialismus aus der Täterperspektive zu imaginieren": "Die luzide Nüchternheit von Primo Levis Auschwitzberichten und Essays ist genau dieser Anstrengung abgerungen, und dass sie letztlich stets aufs Neue scheitern muss, darin besteht ihre anhaltende Wahrheit. Levi betreibt eine Rationalisierung des Irrationalen, die sich von derjenigen Littells grundlegend unterscheidet. Zum einen hegt Littell Aues entgrenzte Moralität mit Perversionsmustern aus der psychoanalytischen Mottenkiste sofort wieder ein. Zum anderen gönnt er seinem Ich-Erzähler kein Nachdenken über all die Erschossenen, Erhängten und Erschlagenen, die dieser unaufhörlich sieht."
Stichwörter: Jonathan Littell

FR, 16.02.2008

Harry Nutt bespricht Götz Alys manchmal wie durchs "Megaphon" geschriebenes Buch "Unser Kampf", das bei manchen Abstrichen doch sehr lesenswert sei, nicht zuletzt wegen des präsentierten Materials: "Die antiliberale Grundhaltung der Akteure der Achtundsechziger und ihr schnell in den Größenwahn abdriftender Jargon findet sich in vielen Kerntexten auch derer, die wie Hans-Magnus Enzensberger seit Jahrzehnten zur kulturellen Elite zählen. ... Ein bestürzendes Dokument einer frühen Version davon ist ein Gespräch im 'Kursbuch' von 1967, in dem Enzensberger, Dutschke, Bernd Rabehl und Christian Semler in bräsig-spießiger Weise über Machtergreifungsszenarien, die Abschaffung von Justiz und Polizei sowie Umerziehungsmaßnahmen nach der Revolution schwadronieren. Als Dokumente sind sie skurril, vielleicht auch wertvoll. Als Belastungsmaterial jedoch nur bedingt verwertbar." (Auszüge aus dem Buch beim Perlentaucher.)

Weitere Artikel: Einen Berlinale-Bericht, bei dem Errol Morris' Abu-Ghraib-Doku "Standard Operating Procedure" sehr gut wegkommt, liefert Daniel Kothenschulte. Marcia Pally konstatiert in ihrer USA-Kolumne, dass die "Obama-Flitterwochen" vorbei sind. Christian Thomas widmet der Forderung der FDP, der Staat solle keine Bankgeschäfte betreiben, eine Times Mager.

Besprochen werden die Bochumer Ausstellung "The Message - Das Medium als Künstler", ein Frankfurter Benefizkonzert mit dem Scottish Chamber Orchestra und Emmanuel Pahud und Bach- und Barry-Guy-Einspielungen von Maya Homburger.

FAZ, 16.02.2008

Tom Tykwer trifft Paul Thomas Anderson zum Gespräch und versucht dem Kollegen zu entlocken, wie er die Intensität in dem vielumjubelten Ölepos "There Will be Blood" hinbekommen hat. Anderson bleibt erfrischend kurz angebunden. "Aber du hast doch immer eine gewisse Vorstellung, auch von Licht, also zum Beispiel von bevorzugten Tageszeiten, und in welche Richtung man eine Szene zu welcher Uhrzeit drehen will, all diese Dinge, und das musst du dann zusammenkriegen mit der Freiheit, die du den Schauspielern lässt. Also wie geht das?" - "Ich weiß es nicht."

Weiteres: Moderator Reinhold Beckmann beschwert sich über das achtstufige Gymnasium. Paul Ingendaay besichtigt das "fulminante" private Kulturzentrum namens "CaixaForum" von Herzog & De Meuron in Madrid. Jörg Baberowski gratuliert der Historikerin Margarete Mommsen zum siebzigsten Geburtstag. Jordan Mejias diagnostiziert in New York einen Hang zum gläsernen Wohnen und betätigt sich gleich selbst als Voyeur.

Auf der Schallplatten- und Phonoseite werden die Deutschpopband "Die Türen" sowie eine Aufnahme von Joseph Haydns Oratorium "Tobias" des Vokalensembles Köln vorgestellt.

"Vielleicht gerät die Berliner Zeitung ja irgendwann einmal an einen echten Verleger", wünscht Michael Hanfeld auf der Medienseite dem Blatt, das unter den Sparzwängen des Besitzers Montgomery ächzt.

Im Berlinale-Teil rekurriert Andreas Platthaus auf die Musikdokumentationen des Festivals und kürt "Bananaz" zum Tiefpunkt des Genres. Verena Lueken bespricht die gestrigen Wettbewerbsfilme und preist Lance Hammer dafür, sich in "Ballast" als nahezu einziger zu trauen, "ohne jedes Klischee etwas zu erzählen".

In der Beilage Bilder und Zeiten erinnert sich der ungarische Schriftsteller Peter Zilahy daran, wie er erst in der EU-Schlange vor der Ausweiskontrolle auf dem Flughafen realisierte, dass er nun EU-Bürger ist. "Was mich dann überkam, ist schwer in Worte zu fassen. So muss sich die in den Tiefen des Erdballs schlummernde Kohle fühlen, wenn sie nach Millionen Jahren steinharter Wartezeit plötzlich zum Diamanten mutiert. Oder flüssiges Gold, wenn Cellini es in Form goss. Ich stand da wie ein verlorenes Schaf, einen kläffenden Hund auf den Fersen, das beim Schlussakkord seines langanhaltenden, freudlosen Blökens zu seiner eigenen Überraschung an der richtigen Stelle ankommt. Ich überreichte meinen Ausweis, der meine Herkunft verriet, der Grenzbeamte untersuchte ihn ausgiebig, als sei er getürkt, bog ihn hin und her, durchleuchtete ihn, musterte auch mich gründlich, dann wedelte er wieder mit der Hand. Ich konnte weitergehen."

Außerdem untersucht Tobias Wimbauer den Trick Ernst Jüngers, von seinem Tagebuch "Straßen und Gärten" wegen der NS-Zensur zwei Varianten anfertigen zu lassen. Auf der letzten Seite spricht Oliver Seppelfricke mit Jeff Wall über Wahrheit und Fotografie.

Besprochen werden Konstanze Lauterbachs Inszenierung von Hans Magnus Enzensbergers "Tochter der Luft" am Schauspielhaus Leipzig und Bücher wie Dirk Kurbjuweits Roman "Nicht die ganze Wahrheit" (mehr in unserer Bücherschau des Tages).