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Die Frage der Decodierung

07.03.2002. Medienkünstler aufgepasst. Die Deadline zum diesjährigen Jubiläumswettbewerb 2002 des Internationalen Medienkunstpreises (IMKP) rückt immer näher.
Medienkünstler aufgepasst. Die Deadline zum diesjährigen Jubiläumswettbewerb 2002 des Internationalen Medienkunstpreises (IMKP) rückt immer näher. "Nur noch wenige Wochen bis zum Einsendeschluss" - liest man da in der Ausschreibung des vom Zentrum für Kunst und Medientechnologie( ZKM) Karlsruhe und Südwestrundfunk ins Leben gerufenen Preises und kann dem nur zustimmen, denn wer nicht schon längst eingereicht hat, oder zumindest im finalen Stadium seiner künstlerischen Ausführung verwickelt ist, sollte sein Glück doch besser nächstes Jahr versuchen. Alle diejenigen, deren vollendete Werke in heimischen Schubladen zu verstauben drohen, sollten besser heute als morgen das Teilnahmeformular und die Wettbewerbsbedingungen einsehen und bis zum 1.April ihre Einreichung verschickt haben.

"bilder*codes# - verstehen wir Bilder?"
ist das Thema des 10. Wettbewerbes und nicht von ungefähr als Frage formuliert, denn im Gegensatz zur Schrift stellte sich im Umgang mit Bildern die Frage der Decodierung lange Zeit gar nicht. Dass die viel zitierte Bilderflut der heutigen Medien und digitale Eingriffe in die Authentizität von Bildern gewaltig an der Selbstverständlichkeit rütteln, mit der Bilder wahrgenommen werden, soll anhand des IMKP zur Sprache kommen.

Auch dieses Jahr wird der Großteil der Arbeiten - ein Blick auf die nominierten Werke und Preisträger der letzten zehn Jahre zeigen dies - aus dem Bereich der Videokunst zu erwarten sein. Das ist nicht weiter verwunderlich, blickt man auf die Geschichte des IMKP. Denn erst 1998 wurde das Programm des "Internationalen Videokunstpreises" um die Sparte der interaktiven Projekte aufgestockt um dann gleich erstmals den Preis in dieser Kategorie zu vergeben. Dieser ging an "OSS/...." die interaktve Produktion des Künstlerduos Jodi.. Die Arbeit reflektiert, wie man es von Jodi nicht anders gewohnt ist die Arbeit am Bildschirm in einer experimentell-destruierenden Darstellung. Experimentell konstruierend hingegen gestaltet sich ein Beitrag jüngeren Semesters und zwar aus dem Jahr 2000. Zur Themenstellung "city / URBANISMUS" vergab die Jury den Zuschauerpreis an die Videoanimation "Modules" des Franzosen Saury Jeremie. Diese geniale Analogie eines "Plattenbau-Tetris" spricht einfach für sich. Wer jetzt neugierig auf die Arbeiten der letzten 10 Jahre geworden ist, sollte sich im Archiv des IMKP umsehen. Hier lassen sich mehr als 450 Videos sowie nominierte und preisgekrönte Arbeiten einsehen.

Im Jahre 2001 machte der kursierende Hype um die Überwachungsgesellschaft auch vor den Pforten des Internationalen Medienkunstpreis nicht Halt. Unter dem Titel "CTRL [SPACE] - DIE WACHSAME GESELLSCHAFT" entstanden zahlreiche Arbeiten, deren Fokus allerdings nicht der kulturpessimistischen Panikmache der Moderne, sondern einer bewusst ironisch-phantasievollen Umsetzung verpflichtet sein sollte. Dies ist ein wichtiger Punkt, denn die starke Eigenästhetik von Kontrollmechanismen der Gegenwart, beispielsweise der Darstellung auf einem Bildschirm oder im Sucher einer Kamera, hat in der Vergangenheit vielfach zur oberflächlichen Ausschlachtung des Themas und zur Effekthascherei geführt. Vielmehr muss es darum gehen die Strukturen der Kontrolle zu beleuchten, gegebenenfalls außer Kraft zu setzen, wie es die Diplomarbeit von Alvar Freude und Dragan Espenschied vorführt. In ihrem Experiment liessen sie das gesamte Netzwerk ihrer Hochschule durch eigene Filter laufen, mit dem Ergebnis, dass alle User manipulierte und verfälschte Informationen erhielten. Obwohl die Mitstudenten auf diesen Versuch hingewiesen worden waren, ignorierte die meisten User diesen Eingriff, wodurch die Schlussfolgerung, dass virtuelle Inhalte offensichtlich recht leicht zu manipulieren sind, auf der Hand lag.

Dass Projekte zum Thema Überwachungsgesellschaft nicht in düsterer Anmutung erscheinen müssen, zeigen gleich zwei weitere Preisträger des letztjährigen Wettbewerbes. Da vergab die Jury einmal den Sonderpreis an Denis Beaubois für sein Projekt "In the event of Amnesia the city will recall... Part1". Auf seiner Webpage zeigt der Künstler, wie er überwachte Räume (siehe auch die QuicktimeVR-Panoramas) zu eigenen Inszenierungen nutzt, indem er diese Orte immer wieder aufsucht und sich dort in Szene setzt. Die mit dem Zuschauerpreis honorierte Videoarbeit der israelischen Künstler Effi Weiss und Amir Borenstein richtet ihren Blick auf Security-Checks an den Eingängen von Malls und Einkaufszentren. Die in der Einkaufstasche versteckte Kamera hat die überprüfenden Blicke der Wachmänner beim Sichten des Tascheninhalts eingefangen. Das Resultat ist ein lebendiges Musikvideo mit dem Titel "Check It".

In diesem Sinne dürfen wir gespannt sein auf die Ideenvielfalt der eingereichten Projekte des diesjährigen Internationalen Medienkunstpreises. Abzuwarten bleibt auch, ob und wie uns die unterschiedlichen Positionen der Beiträge die Anwort auf die Frage liefern können: "Verstehen wird Bilder?" Wir werden sehen - Check It.

Agathe Gorocz