Heute in den Feuilletons

Wertsteigernder Durchlauferhitzer

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.01.2008. Am Beispiel von Barack Obama erklärt Diedrich Diederichsen in der taz die subtilen Unterschiede von Schwarzen und nicht Weißen. Das Blog turi2 berichtet, dass Zeitungskonzerne und Öffentlich-Rechtliche schon in trauter Runde über eine innige Kooperation im Netz verhandeln. Die Berliner Zeitung begibt sich in Thomas Braschs Jahr 1968. Die FAZ fragt: Wie geht's weiter im Frankfurter Museum für Moderne Kunst und mit geschiedenen Frauen? In der SZ sieht der afroamerikanische Autor Uzodinma Iweala das postrassistische Zeitalter noch keineswegs als gekommen an.

TAZ, 26.01.2008

Ulrich Herbert, Götz Aly und andere Autoren bringen eine 16-bändige Sammlung mit Dokumenten zum Holocaust heraus. Im Interview mit Stefan Reinecke und Christian Semler nennt Herbert die Aussagekraft der Texte als eines der wichtigsten Auswahlkriterien: "In dem ersten Band gibt es zum Beispiel das Schreiben des Vorsitzenden eines deutschen Sittichliebhabervereins, in dem der Ausschluss jüdischer Mitglieder dekretiert und die unbedingt nationale Ausrichtung des Vereins herausgestellt wird. Das wirkt skurril, zeigt aber die Eilfertigkeit, mit der solche Organisationen die Judenfeindschaft übernahmen - und wie tief sich diese in der Gesellschaft verankerte." Stefan Reinecke berichtet zugleich über das große Projekt.

"Ist Obama der neue Kennedy?" fragt die taz auf der Titelseite über einer Daniel-Richter-Collage, in der Obama frech neben Jackie Kennedy im Auto sitzt. Ein ganzes Dossier ist dieser Frage gewidmet. Auf der dritten Seite erklärt Diedrich Diederichsen an Obama den wichtigen Unterschied zwischen "schwarz" und "nicht-weiß": "Dieses Nichtweiß-Sein ist, anders als sein Schwarz-Sein, nicht so ausgeblendet aus dem allgemeinen Bewusstsein. Es stellt nämlich durchaus einen starken Bruch in der amerikanischen Geschichte dar; nur auf eine andere Weise, als es eine positive Identifikation mit Afroamerika bedeutet hätte." Verstanden?

Adrienne Woltersdorf berichtet aus South Carolina, wo Obama heute gute Chancen hat, die Vorwahl zu gewinnen. Cem Özdemir sieht den demokratischen Präsidentschaftskandidaten als "Bruder im Geiste". Ekkehard Knörer stellt die schwarzen Präsidenten des Kinos vor.

Auf den Kulturseiten informiert Daniel Schreiber über die sich verschärfende US-Drehbuchautoren-Streikkrise. Nachdem er auf eine flapsige Bemerkung zum Thema eine Menge Leserbriefe erhielt, macht sich Dirk Knipphals jetzt wirklich mal Gedanken zum Thema frühkindliche Musikerziehung. Christian Semler hat ein Expertengespräch über "die künftige Gestaltung der nationalen Erinnerungspolitik" gehört. Und Klaus Walter denkt im letzten Teil seiner "Hessen vorn"-Wahlkolumne über Wahlkampferfolge mit Jugendkriminalität nach.

Auf den vorderen Seiten porträtiert Sascha Zastiral die erst in ihrer Heimat Bangladesch und jetzt auch im indischen Exil verfolgte Schriftstellerin Taslima Nasrin.

Im tazmag spricht die Islamkritikerin Necla Kelek über gescheiterte Integration, kann aber mit Roland Kochs Lösungsverschlagen nichts anfangen: "Ich sehe bei Roland Koch wirklich nicht, dass er für diesen Individualisierungsprozess Hilfe anbietet und sagt: Natürlich hat hier jeder in diesem Land jede Chance. Er signalisiert nicht: Deutschland ist auch die Heimat von Migranten. Oder dass er ihnen hilft, sich mit Deutschland zu identifizieren."

Besprochen werden unter anderem Ulf Erdmann Zieglers neues Buch "Wilde Wiesen" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.

Aus den Blogs, 26.01.2008

Gerne regen sich die Zeitungskonzerne, die bisher nicht gerade durch Fantasie im Netz glänzten, über die Internet-Ambitionen der Öffentlich-Rechtlichen auf, in Wirklichkeit aber verhandelt man aber schon, um das Netz unter sich aufzuteilen, berichtet turi2: "Nach Informationen von turi2 sind mehrere renommierte Verlage bereits recht weit in Gesprächen mit TV-Anstalten, deren Bewegtbilder in ihre Website zu integrieren. Nach Berichten von Verlags-Insidern befindet sich die Süddeutsche Zeitung in aussichtsreichen Gesprächen mit dem ZDF und die WAZ will bei DerWesten.de TV-Bilder vom WDR aufnehmen."
Stichwörter: Süddeutsche Zeitung, WDR, ZDF

FR, 26.01.2008

Der Schauspieler und Autor Hanns Zischler ist staunend durch die Wunderkammer der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel gegangen, wo sich ein einzigartiges Buch neben dem anderen findet: "Eine wunderliche Verirrung, die in der Naturgeschichte des Buches wohl nicht ihresgleichen hat, ist die von Franz Ernst Brückmann auf Asbest(!)-Papier gedruckte 'Wunderliche Naturgeschichte des Asbestes'. Bulgakows heroisches Diktum vom Papier, das nicht brennt, gewinnt hier eine ganz neue Bedeutung.... "

Weitere Artikel: Harry Nutt hat einem Vortrag Jan Philipp Reemtsmas zum Thema Gewalt fast so andächtig wie der Rest des Publikums gelauscht (der Text des Vortrags ist in der SZ von gestern heute auch online nachzulesen). Christian Schlüter denkt in einer Times Mager über Milliardensummen nach. In Marcia Pallys USA-Kolumne geht es um die drohende Rezession, die Bankenkrise und polnische Klempner.

Besprochen werden eine Paola-Pivi-Ausstellung mit rauschendem Gesichtstonic-Wasserfall im Frankfurter Portikus, der ZDF-Film "Das Wunder von Berlin" und der erste Teil einer auf sechzehn Bände angelegten Dokumentation mit Quellentexten zur nationalsozialistischen Judenverfolgung (dazu mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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Berliner Zeitung, 26.01.2008

Zum Teil aus Stasi-Akten setzt Stephan Suschke ein Bild von Thomas Braschs Jahr 1968 zusammen: "Thomas Braschs 1968 beginnt mit einem Silvesterkater. Mit seiner Freundin Sanda Weigl hat er die Nacht verbracht. Im neuen Jahr soll er Vater werden - Bettina Wegner erwartet ein Kind von ihm. Er will es nicht. Brasch ist 22 Jahre alt, wohnt in der Boxhagener Straße und studiert Filmwissenschaften in Potsdam Babelsberg."

Außerdem im Magazin der Zeitung ein Gespräch mit Filmregisseur Mike Nichols über "seine Kindheit in Berlin, deutschen Humor, hohle Oscar-Verleihungen und den Rat eines Psychiaters".
Stichwörter: Thomas Brasch, Stasi

Welt, 26.01.2008

Ein "echtes kleines Juwel" annonciert Georg M. Oswald in der Literarischen Welt: die schön gestaltete und angenehm lesbar übersetzte Gesamtausgabe der Krimis (mehr hier) von Jean-Patrick Manchette. "Manchettes Romane sind meilenweit weg von den so erfolgreichen Krimis mit 'einer positiven Ermittlerfigur, die auch ihre Probleme hat', mit der man sich zum Krüppel langweilt."

Weiteres: Abgedruckt ist ein Auszug aus Shlomo Venezias Erinnerungen an Auschwitz. (Auf der Seite 3 der Welt findet man einen Auszug aus Simone Veils Erinnerungen an Auschwitz.) Tilman Krause mokiert sich über die Intellektuellen Jens Jessen und Michael Naumann, die ihm als politische Akteure zu viel "Sonderbewusstsein" haben. Besprochen werde unter anderem AFTHs Roman "Die Movo-Tapes" und Hans G. Kippenbergers Buch über Religionskriege im Zeitalter der Globalisierung, "Gewalt als Gottesdienst".

Im Feuilleton meldet Rainer Haubrich, dass sich 158 Architekturbüros am Wettbewerb für die Rekonstruktion des Berliner Schlosses beteiligt haben; das sind genug, findet er. Manuel Brug stellt die Sopranistin Veronique Gens vor. Alexander Kluy schreibt zum 100. Geburtstag des Malers Rupprecht Geiger. Gernot Facius schreibt zum 200. Geburtstag des Theologen David F. Strauss. Wong Kar-wai bekennt im Interview, dass er für seinen Film "My Blueberry Nights" auch eine Woche in Berlin nach Drehorten gesucht, aber nichts gefunden hat.

Besprochen werden die Ausstellung "Rom und die Barbaren" in Venedigs Palazzo Grassi und eine CD von The Magnetic Fields.

FAZ, 26.01.2008

Wie geht's weiter im Frankfurter Museum für Moderne Kunst, fragt Niklas Maak nach dem Abgang Udo Kittelmanns. Die Probleme hat Kittelmanns Vorgänger Jean-Christophe Ammann geschaffen, der im Museum die Sammlung Dieter Bock, die dann verkauft wurde, als Dauerleihgabe ausgab: "Tatsächlich nutzte Bock das Museum nur als wertsteigernden Durchlauferhitzer für die dort von ihm eingelagerten Werke und ließ 2005 rund fünfhundert Arbeiten aus der scheinbaren 'Sammlung' abtransportieren. Was blieb, war ein halbleeres, sammlungslogisch völlig konfuses Museum."

Weitere Artikel: Kerstin Holm erzählt in der Leitglosse die Geschichte einer russischen Geistheilerin, die sich mit eine Putin-Ikone gegen Angriffe der orthodoxen Kirche schützt. Lorenz Jäger freut sich, dass Florian Havemann den umstrittenen Roman über seinen Vater nun ins Netz stellen will. Joseph Hanimann greift eine Geschichte der New Republic auf, die unter dem sehr amerikanischen Titel "Scandale francaise" antisemitischen Motiven in den frühen Romanen der (selbst jüdischen) Autorin Irene Nemirovsky nachgeht.

Auf der Schallplatten- und Phonoseite geht's um eine DVD-Box mit Operninszenierungen Walter Felsensteins, um eine CD der Band Marah, um vom Trio Opus 8 eingespielte Schostakowitsch-Trios und um venezianische Barocksonaten in der Interpretation der Sonatori de la Giocosa Marca.

Auf der Medienseite porträtiert Rainer Hermann den saudischen Karikaturisten Abdullah al Sayel, dem eine gewisse Freiheit gelassen wird. Auf der letzten Seite freut sich Dieter Bartetzko auf die Rekonstruktion von Altstadt-Attrappen mit eingesenkten Kriegsüberresten in Frankfurt.

In Bilder und Zeiten legt Sandra Kegel einen Essay über das neue Unterhaltsrecht vor, das geschiedene Ehefrauen zwingt, nach drei Jahren selbst für ihren Unterhalt zu sorgen: "Dabei ist eines klar. Wenn der Gesetzgeber geschiedene Mütter zwingt, künftig selbst für ihren Unterhalt zu sorgen, müssen zwei Bedingungen erfüllt werden: bessere Möglichkeiten der Kinderbetreuungen, bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Um beides steht es hierzulande nicht zum Besten." (Mehr dazu hier)

Außerdem legt die New Yorkerin Anna Winger eine Hommage auf Berlin vor, das in Wirklichkeit das bessere New York sei. Von Sibylle Bedford wird ein Text über Venedig im Winter nachgedruckt. Andreas Kilb interviewt den Tierfilmer Alastair Fothergill. Auf der Literaturseite geht's um Scarlett Thomas' Roman "Troposphere" und um Gay Taleses Reportagen über die Sexuelle Revolution (mehr hier).

In der Frankfurter Anthologie stellt Michael Lentz ein Sonett Jesse Thors vor - "Rede von der Anschauung:

Und es kommen die Vögel von den Bergen und aus jeder Richtung
Und es kommen die Fische mit den hellen Kreuzen auf ihren Rücken
..."

NZZ, 26.01.2008

Der durch die israelische Blockade ausgelöste Massenexodus der Palästinenser im Gazastreifen rührt die Israelis nicht, schreibt Naomi Bubis. Die meisten Israelis dächten wie ihre Außenministerin Tzipi Livni: "In ihrer Rede bei der internationalen Herzliya-Konferenz diese Woche brachte sie die nationalen Emotionen auf den Punkt. Die letzten israelischen Truppen und Siedler hätten 2005 den Gazastreifen verlassen. Anstatt ein friedliches Zusammenleben mit dem Nachbarn zu suchen, würden radikale Palästinenser Israel mit Kassam-Raketen beschießen."

Weitere Artikel: Marta Kijowska schreibt über die heftigen polnischen Reaktionen auf Jan T. Gross' Buch zum polnischen Nachkriegs-Antisemitismus. Peter Hagmann unternimmt eine Rundreise durch die blühende Opernszene Frankreichs. Lilo Weber schreibt über eine Neuverteilung von Geldern des Arts Council England. Besprochen wird Verdis "Rigoletto" in Bern.

Literatur und Kunst bringt vor allem Buchkritiken, unter anderem zu einem neuen Band von Anita Albus (hier) und zu zwei Romanen von Richard Yates (hier und hier). Außerdem erinnert Friedrich Wilhelm Graf an den protestantischen Theologen David Friedrich Strauß, der vor 200 Jahren geboren wurde.

SZ, 26.01.2008

Nur lachen kann der afroamerikanische Autor Uzodinma Iweala, wenn man ihm etwas von einem "postrassistischen" Zeitalter erzählen will, das in den USA angebrochen sei: "Denn genauso wie es US-Senator Joe Biden anklingen ließ (als er Barack Obama bescheinigte, er sei 'der erste Mainstream-Afroamerikaner, der sich gut ausdrückt, intelligent und sauber ist und gut aussieht'), empfinden es viele weiße Amerikaner nicht als normal, wenn eine dunkelhäutige Person in ihrem Land Erfolg hat. Es lässt sich mit ihren stereotypen Vorstellungen schwer vereinbaren, wenn eine solche Person an der Harvard University studiert und es vielleicht auch noch zu einiger Prominenz bringt."

Weitere Artikel: Alex Rühle hat die Klavierfirma Bösendorfer besucht, am Tag, bevor Yamaha kam. Die mit ihrem Milliardenverlust in die Schlagzeilen geratene französische Traditionsbank Societe Generale wird von Franziska Brüning porträtiert. Stephan Opitz war bei einem dem Komponisten Carl Michael Bellman gewidmeten Kolloquium in Berlin. Henning Klüver hat erlebt, wie der Filmemacher Werner Herzog in Turin als Star gefeiert wurde. In Hamburg kämpfen, wie Till Briegleb meldet, die Architektur- und Kunststudenten weiter gegen Gebühren. Gottfried Knapp gratuliert dem Maler Rupprecht Geiger (Bilder) zum Hundertsten. Andreas Dorschel denkt über die Pronomina der Kritik nach.

Besprochen werden Jan Sveraks Film "Leergut" und Bücher, nämlich neue Ernst-Jünger-Biografien von Heimo Schwilk und Helmuth Kiesel sowie Sarah Kirschs Prosaband "Regenkatze" (dazu mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

In der SZ am Wochenende schreibt SZ-Korrespondent Stefan Klein über Kenia, aus dem er nach nach vierzehn Jahren zurückgekehrt ist. Johannes Willms betrachtet Paris mit den Augen von Remy aus "Ratatouille". Nadine Bart stellt zur "Fashion Week" die Berliner Modeszene vor. Auf der Historienseite zeichnet der Historiker Ernst Piper den Gefreiten Adolf Hitler als "Unterschätzten". Im Interview spricht Peter Raue, Vater des MoMA-Spektakels in Berlin, über "Mut".

Außerdem: Jan Philipp Reemtsmas "Grundzüge einer Theorie der Gewalt" stehen jetzt online.