Heute in den Feuilletons

Ganz schlechte Selbstmordattentäter

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.01.2008. In der SZ erklärt Jan Philipp Reemtsma die unheimliche Fröhlichkeit autotelischer Gewalt. In der FR erklärt Randall Collins, warum der konventionelle Bürger sich so gut zum Selbstmordattentäter eignet. Die NZZ grübelt erstens über die Identität der Türkei und zweitens über die Schrullen der Journalisten. Die taz bewundert die Reflexe Pete Dohertys.

FR, 25.01.2008

In einem sehr lesenswerten Artikel erklärt der amerikanische Soziologe Randall Collins, warum der konventionelle Bürger sich so gut zum Selbstmordattentäter eignet. "Leute, die sich normalerweise der typischen Macho-Formen von Gewalt bedienen, sind nicht gut darin; Gang-Mitglieder wären ganz schlechte Selbstmordattentäter. Sanftmütige Leute aus der Mittelschicht dagegen eignen sich hervorragend. Da sie an sich nicht die Konfrontation suchen, müssen sie kein prahlerisches oder drohendes Gebaren kaschieren, das sonst ihre Opfer vorwarnen würde. Ein selbstbestimmter, introvertierter Mensch braucht kein jubelndes Publikum, wenn er seine Beute verfolgt. In der Kultur der Mittelschicht ist es üblich, sich nach außen hin einen unauffälligen Anschein zu geben. Wie wir uns innerlich auch fühlen mögen, wir haben gelernt, diese Gefühle in der Öffentlichkeit - etwa am Arbeitsplatz oder in anderen sozialen Kontexten - nicht zu zeigen."

Weitere Artikel: Bis Raoul Schrotts Thesen über die Herkunft Homers als Buch erscheinen, stellt Christian Thomas die Frage, was ein südtürkischer Homer für Europas Gründungsmythos bedeuten würde. Judith von Sternburg guckt Theater in der Frauenvollzugsanstalt in Frankfurt-Preungesheim. Ina Hartwig sammelt in einer Times mager beunruhigende Meldungen der vergangenen Tage.

Besprochen werden Marcel Wehns Dokumentarfilm "Von einem der auszog" über die frühen Jahre von Wim Wenders und Alec Empires neues Album "The Golden Foretaste of Heaven".

SZ, 25.01.2008

Von Gewalt verstehen wir heute nichts mehr, erklärt Jan Philipp Reemtsma auf einer ganzen Seite. Das gilt besonders für die "autotelische" Gewalt, die keinen Grund, sondern nur ein Ziel hat: "Ja, der Einsatz der beiden Atombomben war schrecklich, vielleicht auch moralisch nicht zu rechtfertigen, aber er war eine kriegerische Maßnahme, vielleicht auch ein furchtbares technisches Experiment - und das ist ja auch gar nicht falsch. Aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Die versteht man erst, wenn man die unheimliche Fröhlichkeit von Truman und seines Kriegsministers Stimson ganz ernst nimmt, ihr Entzücken darüber, Menschen zu sein, die über ein derartiges Zerstörungspotential gebieten." Warum selbst diese Art der Gewalt ein Mittel der Kommunikation ist, muss man selbst lesen. Mehr über "Gewalt und Moderne", Reemtsmas Vortragsreihe am Hamburger Institut für Sozialforschung, hier.

Jürgen Maier fühlt sich bei einer Wahlkampfveranstaltung der CDU in Frankfurt weit rechts außen: "Der Hauptredner Dr. Wagner ist Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion, ehemaliger Justiz- und Kultusminister. Seine Aussagen werden von den Partei-Anhängern gefeiert: 'Wer zu uns 'Scheiß Deutsche' sagt, der hat hier nichts mehr verloren.'"

Weitere Artikel: Hans Leyendecker hat sich von einem Insider zuflüstern lassen, dass Bahnchef Hartmut Mehdorn den Hauptbahnhof-Architekten Meinhard von Gerkan nun mit viel Geld beruhigt hat. In der Türkei wurde eine nationalistische Verschwörertruppe namens Ergenekon ausgehoben, berichtet Christiane Schlötzer. Christian Jostmann erlebt einen Auftritt des britischen Historikers Eric Hobsbawm in Wien. Ijoma Mangold glaubt nicht, dass er bei der jovialen Eröffnung des Jahrs der Mathematik in Berlin tatsächlich mit dem echten Stoff konfrontiert wurde. Alexander Menden wohnt derweil in London dem Auftakt der wegen russischer Bedenken beinahe abgesagten Schau "From Russia" in der Royal Academy bei.

Auf der Medienseite informiert uns eine Meldung, dass die BBC künftig einen Teil ihres Fernsehprogramms auf Myspace zeigt: "Und in Deutschland? 'Die ARD plant derzeit nicht in diesem Bereich aktiv zu werden', teilt ein Sprecher mit."

Besprochen werden die Schau "Comics made in Germany - 60 Jahre Comics aus Deutschland" in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt, und Bücher, darunter der erste Band der Dokumentation zur "Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933 -1945" sowie Ignacio Aldecoas Roman "Gran Sol" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

NZZ, 25.01.2008

Nach Bekanntwerden der Attentatspläne gegen Orhan Pamuk und andere, in rechtsextremen Kreisen unbeliebte Personen, stellt sich Günther Seufert die Frage um die Identität der Türkei: "Ist die Türkei der Kassationsgerichtshof, der erst vor zwei Tagen entschieden hat, dass jeder Türke, der sich in seiner Ehre verletzt fühlt, den Nobelpreisträger Pamuk auf Schadenersatz verklagen kann? Oder ist die Türkei das Kulturministerium, welches gestern bekanntgab, den Auftritt als Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse mit Orhan Pamuk eröffnen zu wollen? Stehen ehemalige Generäle, die für politische Morde verantwortlich sein sollen und junge Menschen auf die Hinrichtung von Verrätern einschwören, für das Land oder der Istanbuler Staatsanwalt, der die Operation gegen die Bande leitet?"

Weiteres: Sieglinde Geisel besucht die Ausstellung der Deutschen Bahn "Sonderzug in den Tod" zu den Deportationen, die nach langen Widerstand von Bahnchef Mehdorn gestern am Potsdamer Bahnhof in Berlin eröffnet wurde. "Aus unerfindlichen Gründen wurde die Ausstellung in die hinterste Ecke einer riesigen unterirdischen Halle gedrängt." Georges Waser konstatiert nach einem Blick auf die Aktivitäten in Liverpool: "Wäre das administrative Durcheinander nicht, würde Liverpool als Kulturhauptstadt wohl recht gut dastehen."

Besprochen werden eine Retrospektive zum Architekten, Designer und Grafiker Max Bill in Winterthur, ein Konzert des brasialianischen Pianisten Nelson Freire in Zürich und das neue Album "Watershed" von K.D.Lang.

Auf der Medienseite rekapituliert Heribert Seifert aus Schweizer Äquidistanz den Streit um Jens Jessens Videoblog und Frank Schirrmachers Bürgerkriegsbeschwörung sowie die bizarre Wendung, mit der sich alle nun wieder gegen Hasstiraden im Internet verbünden. "Will man diesem wüsten Drunter und Drüber überhaupt einen Erkenntniswert einräumen, dann liegt er wohl in der melancholisch stimmenden Einsicht, wie hemmungslos ein paar Medienmenschen ihre eigenen Schrullen und selbst noch ihre Fehlleistungen zu einem öffentlichen Ereignis machen."

Lilo Weber berichtet von einer drastischen Kampagne in britischen Medien gegen die Fettleibigkeit, der "größten Gefahr für die Volksgesundheit", wie der Gesundheitsminister meint.
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Aus den Blogs, 23.01.2008

Thomas Klüwer wundert sich in seinem Weblog Indiskretion Ehrensache über die "Wellen von Schlamm", die Christian Geyer im Internet über Jens Jessen hereinbrechen sah. Die Suche "jessen zeit" bei Technorati "ergibt an diesem 21.1.08 um 14:43 Uhr - 41 Treffer. Das ist nicht viel. Noch viel, viel weniger wird es, schaut man sich die Treffer an. Dann bleiben gerade fünf Blogs, die das Thema diskutieren und fünf, die herumwüten. Zwei davon zitieren schlicht ein Weblog namens Politically Incorrect, das wieder selbst eines dieser fünfe ist. Wer das als Welle empfindet, der ersäuft auch beim Händewaschen."
Stichwörter: Christian Geyer, Internet

Welt, 25.01.2008

Golfkriegsveteran Steven Kuhn gibt im Interview sein fachmännisches Urteil über die Schauspieler ab, denen er für den "Woyzeck" im Deutschen Theater das Soldatenleben näher bringt: "Sie haben eine schnelle Auffassungsgabe. Ich habe nur vier Stunden mit ihnen gearbeitet. Jetzt können sie marschieren. Sie beherrschen das ganze Repertoire von vorwärts, rückwärts, links und rechts. Mit echten Rekruten habe ich früher länger gebraucht."

Weiteres: Ulrich Weinzierl verzweifelt über Peter Handke, der in der serbischen Zeitung Politika eine Wahlempfehlung für den serbischen Nationalisten Tomislav Nikolic von der Serbischen Radikalen Partei ausgesprochen hatte. Florian Stark stellt ein enorm erfolgreiches deutsch-österreichisch-britisches Unternehmen vor: das Musiknetzwerk Last.fm. Peter Zander porträtiert den 23-jährigen Hauptdarsteller im Film "Das Wunder von Berlin", Kostja Ullmann.

Besprochen werden die Ausstellung "60 Jahre Comics in Deutschland" in der Nationalbibliothek Frankfurt, die Ausstellung "Sizilien! Von Odysseus bis Garibaldi" in der Bonner Bundeskunsthalle, ein Konzert der Babyshambles MIT Pete Doherty in Berlin ("Jesus lebt", verkündet Johanna Merhof), der Fernsehfilm "Das Wunder von Berlin" und der erste Band der auf 16 Bände angelegten Dokumentation über die "Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden" durch das nationalsozialistische Deutschland" (am Sonntag lesen im Jüdischen Museum Berlin ab 14 Uhr Jutta Lampe, Angela Winkler und andere Schauspieler aus den Dokumenten vor. Mehr zum Buch hier).

Spiegel Online, 25.01.2008

In einem Interview mit Jan Puhl spricht der polnisch-amerikanische Soziologe Jan T. Gross über sein Buch "Angst", das dem Pogrom in Kielce von 1946 nachgeht. Etwa vierzig Juden, die nach dem Krieg - meist aus den Konzentrationslagern - in ihre alten Häuser zurückgekehrte waren, wurden dabei ermordet. "Das Pogrom in Kielce brach aus, weil es Gerüchte gab, die Juden würden an Kindern Ritualmorde begehen und mit ihrem Blut Brot backen. Die Bischöfe, lehnten es bis auf einen ab, einen Hirtenbrief herauszugeben, der diese Geschichten als antisemitische Märchen gebrandmarkt hätte. Weite Kreise der katholischen Kirche waren extrem antisemitisch. Sie betrachteten die Juden als Jesus-Mörder."

TAZ, 25.01.2008

Der Skandal ist ausgeblieben beim Berliner Konzert der Babyshambles, meldet Rene Hamann. Wird Pete Doherty nun ein solider Rockmusiker?. "Natürlich ist das Ausgefranste, Fragmentarische noch immer vorhanden in den Songs, auch in denen vom neuen Album 'Shotters Nation', von dem die meisten der in der Columbiahalle gespielten stammten. Auffällig und aufregend wurde es immer dann, wenn Doherty unter seinem Mikro abtauchte und ein Solo dahinschluderte. Diese wankenden Momente wurden umso großartiger, als dass er und seine Band sich immer wieder zu fangen verstanden: In besonders hellen Momenten fing Doherty sogar einen aus dem Publikum geworfenen Bierbecher ab und kickte ihn gekonnt auf die linke Seite."

In der zweiten taz beschreibt Cigdem Akyol die wachsende Abneigung der türkischen Medien gegen Hessens CDU-Ministerpräsident Roland Koch. Und Ralf Sotschek erfährt von walisischen Jugendlichen, die sich im Internet gruppenweise zum Selbstmord verabreden.

Besprechungen widmen sich der Retrospektive für den Maler Emilio Vedova in der Berlinischen Galerie und dem "manisch vielschichtigen" Album "Bedlam In Goliath" von The Mars Volta.

Und Tom.

FAZ, 25.01.2008

Einen wichtigen Schritt auf dem Weg in die Gen-Gesellschaft hat Joachim Müller-Jung zu vermelden. Craig "Venter ist zum ersten Genom-Großerzeuger geworden. In Rockville wurde das erste vollständige Genom eines lebensfähigen Organismus, des Bakteriums Mycoplasma genitalum, chemisch erzeugt, schrittweise zusammengefügt und schließlich auch noch in fremden Zellen vermehrt. Venters Vision vom künstlichen Leben nimmt Formen an. ... Hamilton O. Smith ... ist der Feinmechaniker in Venters Truppe. Zusammen wollen sie die Genomforschung zur Ingenieurswissenschaft machen. Genome, meinen sie, sind nicht nur Naturprodukte, die man erforschen und nutzen, aber alles in allem als gegeben hinnehmen kann. Die Genome sollten vielmehr mit dem richtigen Design dem Zukunftsmenschen technologisch zu Diensten sein."

Weitere Artikel: In der Glosse empfiehlt Christian Geyer die Lektüre des psychotherapeutischen Wahl-Experten Ludwig Binswanger. Andreas Platthaus freut sich, dass Jan Breughels des Älteren "Ebene mit Windmühlen" nach Dresden zurückgekehrt ist - allerdings sucht das Gemälde noch den passenden Rahmen. Manfred Lindinger läutet das "Jahr der Mathematik" ein. Von türkischen Reaktionen auf die gerade bekannt gewordenen Todeslisten von Extremisten berichtet Karen Krüger. Thomas Thiel hat Antje Ravic Strubels schlecht besuchter und genieästhetisch inspirierter Poetik-Vorlesung in Mainz mit einem Hauch von Skepsis gelauscht. Mit dem einstigen Rock-Idol Peter Kraus hat sich Dieter Bartetzko unterhalten. Reinhard Wandtner porträtiert liebevoll die Experimentalfliege Drosophila melanogaster. Eduard Beaucamp schreibt zum Tod David Santes, des letzten Autors, der noch für das Feuilleton der alten Frankfurter Zeitung schrieb. Auf der Medienseite schildert Friederike Böge den Fall eines afghanischen Journalisten, der wegen Verbreitung angeblich blasphemischer Schriften zum Tode verurteilt wurde.

Besprochen werden Ethan Coens Off-Broadway-Debüt als Theaterautor mit dem Stück "Almost an Evening" ("intelligent und street smart", befindet Verena Lueken), eine Inoue-Yuichi-Ausstellung im Kölner Museum für Ostasiatische Kunst, ein Konzert von Anne-Sophie Mutter mit den Berliner Philharmonikern zum Gedenken an Herbert von Karajan, Marcel Wehns Wim-Wenders-Porträt "Von einem, der auszog" und Bücher, darunter Victor Catalas Roman "Solitud" und Alexander Garcia Düttmanns philosophische Studie über "Visconti" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).