Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.08.2007. In der NZZ feiert der Bio-Wissenschaftler Gottfried Schatz uns Lichtesser und schwach funzelnden Sonnenkinder. Die Zeit erinnert daran, wie die USA im Jahr 2003 Moral über Recht setzten - und sich die Nase an der irakischen Realität blutig stießen. Die FR mahnt unsere sozialversicherte Künstlerschaft mit Giorgio Vasari: "Ein Künstler lebt für die Kunst. Wo er es nicht tut, lässt er nach in seiner Kunst." Die FAZ vermisst in den britischen Sklavereimuseen ein Kapital über die Kollaboration der Afrikaner. Die SZ feiert Gerhard Richters kühle Lichtmysterien für den Kölner Dom. Die Berliner Zeitung erinnert an die Verhaftung  Rudolf Bahros vor dreißig Jahren.

NZZ, 23.08.2007

Der Bio-Wissenschaftler Gottfried Schatz schreibt in einem Artikel über den eigentlichen Ursprung allen Lebens: "Am Anfang war das Licht. Der Urknall, der das Universum vor etwa 14 Milliarden Jahren schuf, war eine Explosion strahlender Energie". Unsere "Licht essenden" Körper seien demnach eine Ansammlung "gespeicherte Lichtenergie - ein Abglanz des atomaren Feuers in unserer Sonne. Vieles an uns und der Welt ist rätselhaft und dunkel - und die Finsternis unserer Vorurteile bedrohlicher als die der Meerestiefen. Unser Verstand ist uns Licht in dieser Finsternis. Er leuchtet nur schwach - und ist dennoch das wunderbarste aller Sonnenkinder."

Besprochen werden eine Retrospektive auf das Werk des französischen Künstlerpaares Pierre et Gilles im Pariser Jeu de Paume, die Samuel Herzog allerdings nur dem empfiehlt, der diese "Sintflut des Schlechten Geschmacks" mit einer "Arche aus Humor" beschifft, und Bücher, darunter der Roman "Day" der britischen Autorin A.L. Kennedy sowie die neu herausgegebenen Briefe des Dichters Nicolas Born (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Auf der Filmseite freut sich Susanne Oswald über die "pechschwarze" Kömodie "Death at a Funeral" des Filmemachers Frank Oz, die sie "zumTotlachen" findet. Marli Feldvoss sah den Film "Ensemble c'est tout" des Regisseurs Claude Berri, eine "romantische Liebeskomödie mit Lehrstückcharakter".

Zeit, 23.08.2007

Nach Michael Ignatieffs Eingeständnis in der New York Times, mit seiner Begeisterung für den Irakkrieg falsch gelegen zu haben, rekapituliert Jens Jessen auf historischen drei Zeit-Seiten die hitzige Debatte rund um den Krieg, den Islam und die Demokratie. Eines ihrer Hauptmerkmale sei die "fatale Gleichgültigkeit gegenüber der Empirie" gewesen. Besonders weh getan habe sie aber aus einem anderem Grund: "So haben sich die USA für ihren Krieg nicht oder nur zum Schein aufs Völkerrecht berufen. Sie haben sich aber auf die Moral berufen. Das ist keineswegs so verwerflich, wie manche meinten; zumal dann nicht, wenn das Völkerrecht den Schurken zu schützen droht und, mehr noch, die höchste völkerrechtliche Instanz, der UN-Sicherheitsrat, selbst voller Schurken steckt. Trotzdem hat die amerikanische Nichtachtung des Völkerrechts die Europäer schwer gezwickt. Der selbstherrliche Akt, mit dem die USA Moral über Recht setzten, war deswegen so provozierend, weil er ohne Macht nicht zu denken ist. Der Ohnmächtige kann noch so viel die Moral bemühen; er wird sich auf den Gang der Justiz verlassen müssen."

Der Dichter Said besingt anlässlich der Kölner Retrospektive den Maler Balthus: "ich komme barfuß, balthus / Ich komme barfuß, denn ich will die begreifen. Und ich komme auch wegen therese. therese, immer wieder therese." Claus Spahn hat sich in Salzburg einen Marthaler-Abend zu dem etwas schrulligen Komponisten Giacinto Scelsi angehört. Johanna und Luca di Blasi betrachten Gerhard Richters Fenster für den Kölner Dom.

Besprochen werden Wang Quan'ans nun in die Kinos kommender Berlinale-Siegerfilm "Tuyas Hochzeit", das neue Album "Hahnenkampf" der Berliner RAP-Formation K.I.Z. (das laut Matthias Schönebäumer beweist, dass auch harter HipHop Niveau haben kann), die beiden Zombiefilme "Planet Terror" von Robert Rodriguez und "28 Weeks Later" von Juan Carlos Fresnadillo und Neues aus der CD-Abteilung.

Im Aufmacher des Literaturteils preist Norbert Frei die Erinnerungen seines großen Historikerkollegen Fritz Stern "Fünf Deutschland und ein Leben". Das Dossier beschreibt, wie sich Deutschlands Eliten nach unten abgrenzen.

FR, 23.08.2007

"Wagenbachs Vasari ist der schönste Vasari, den Sie derzeit irgendwo auf der Welt kaufen können", preist Arno Widmann den Verlag für seine Ausgabe der "Lebensläufe der hervorragendsten Künstler" des Giorgio Vasari: "Die 'Lebensläufe der hervorragendsten Künstler' sind die Gründungsurkunde der europäischen Kunstgeschichte. Schon das macht sie interessant, aber dieser Ruhm sperrt sie in ein Universitätsfach. Man glaubt dann, es wäre ein Buch für Kunsthistoriker und die paar, die es werden wollen.... So wird deutlich, dass Vasari in jeder Zeile gegen das Comme-il-faut schrieb. Seine Künstler sind sicher keine Widerstandskämpfer, aber sie sind unangepasst, nicht einzuzwängen weder in die höfische noch in die bürgerliche Kultur. Sie denken nur an ihr Werk und wie sie es befördern können - und sei es durch Raub, Mord und Totschlag. Ein Künstler lebt für die Kunst. Wo er es nicht tut, lässt er nach in seiner Kunst."

Christian Schlüter misstraut dem in hehrem Ton formulierten Leitantrag der SPD zur Kultur: "Weil die SPD aber offenkundig über keinen präzisen Kulturbegriff verfügt, bringt sie Kunst und Kultur immerzu durcheinander, ein Durcheinander allerdings, das Methode haben könnte, erlaubt es doch überall dort, wo Innovation und Kreativität gesellschaftlich gefordert scheint, die Künstler an die Kandare zu nehmen. Denn Kultur, in ihrer allgemeinsten Bedeutung, heißt nur dieses: Gewohnheit und Wiederholung. "

Harry Nutt würdigt die Wiedereröffnung des Berliner Haus der Kulturen der Welt. Peter Michalzik berichtet von Querelen beim Freax-Projekt von Moritz von Eggert und Christoph Schlingensief. In Times mager empfiehlt Arno Widmann, den Kölner Althistoriker Werner Eck zu lesen. Besprochen werden die Ausstellung "Frankfurter Frauenzimmer um 1800" im Historischen Museum Frankfurt und die Filmkomödie "Beim ersten Mal".
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Welt, 23.08.2007

Als "ernstes Kindermuseum für die Großen" hat Thomas Lindemann die Kunstausstellung der Leipziger Computerspiel-Messe "Games Convention" erlebt: "Überall auf der Leipziger Schau gibt es etwas zu tun und auszuprobieren, der Gast soll die Werke betreten und zusehen, wie aus seinen Händen mit Hilfe digitaler Technik Schattenmonstren wachsen. In Workshops kann er lernen, wie man aus Gitternetz-Modellen täuschende Schönheit herstellt. Oder wie man einen Machinima-Film dreht."

Weiteres: Eckhar Fuhr wundert sich, welch allumfassende Erwartungen die SPD in ihrem neuen Leitantrag an den kulturellen Überbau richtet. Wieland Freund weiß nicht genau, ob er sich darüber freuen soll, dass in Gießen mit dem Masterstudium Neuere Fremdsprachen und Fremdsprachendidaktik der mittlerweile der tausendste Studiengang in Deutschland eingeführt wurde.

Besprochen werden Stücke bei Berliner Festival "Tanz im August", Adam Hochschilds Buch über die Abschaffung des Sklavenhandels "Sprengt die Ketten", eine Ausstellung niederländischen Spätbarocks in der Bayreuther Staatsgalerie und auf der Kinoseite die Dokumentation "OstPunk", Pascale Ferrans Klassiker-Verfilmung "Lady Chatterley" und Wang Quan'ans Berlinale-Gewinner "Tuyas Hochzeit".

TAZ, 23.08.2007

Gabriele Lesser erklärt die Empörung in Polen über den deutschen Unterhändler in Sachen Kulturgüter, Tono Eitel. Dieser hatte die deutsche Kunst, die sich seit 1945 auf polnischem Boden befindet, als Beutekunst bezeichnet: "Das Problem aber ist: Russland und die Ukraine geben tatsächlich Beutekunst zurück, die von der Roten Armee im besetzten Deutschland 1945 beschlagnahmt worden ist. Polen aber hat niemals Kriegsbeute in Deutschland gemacht. Es gibt also auch keine 'Beutekunst' in Polen - und das weiß auch der ausgebildete Jurist Eitel. Dass er nun dennoch diesen schweren Vorwurf erhebt, hat wohl mit der niederschmetternden Bilanz der bisherigen Verhandlungen zu tun: In fünfzehn Jahren hat Deutschland absolut nichts erreicht."

Alexander Cammann blättert in neuesten Zeitschriften, darunter archplus und Paragrana. Besprochen werden Pascale Ferrans "anrührende" Verfilmung der "Lady Chatterley", Wang Quanans Berlinale-Sieger "Tuyas Hochzeit" und Dudan Milics neuer Film "Gucha".

Und der heutige Tom.

Berliner Zeitung, 23.08.2007

Volker Müller erzählt eine Episode aus der versunkenen Vorgeschichte des Mauerfalls: Vor dreißig Jahren wurde Rudolf Bahro verhaftet, nachdem er von der Stasi (die auch seine Frau einsetzte) jahrelang ausgeforscht worden war: "Wer war dieser noch relativ junge Mann, der fünf Jahre lang als eigenbrötlerischer Wissenschaftler besessen zu ergründen suchte, warum die kommunistische Bewegung ihr 'Versprechen, die Grundprobleme der modernen Menschheit zu lösen', nicht erfüllt hat?"

Außerdem in der Berliner Zeitung: ein Interview mit Detlef Diederichsen, der das Musikprogramm des wiederauferstandenen Hauses der Kulturen der Welt leitet.

FAZ, 23.08.2007

Gina Thomas betrachtet die Museumsvorhaben in Liverpool und London, die sich der Erinnerung an Sklaverei und Handel widmen, und übt harsche Kritik an der Unausgewogenheit der Darstellung. Die weiße Antisklaverei-Bewegung werde heruntergespielt, der schwarze Widerstand hervorgehoben: "Verschwiegen wird allerdings, die Mitwirkung vieler afrikanischer Herrscher, die ihre Kriegsgefangenen gegen Waffen und europäische Waren tauschten. Vielmehr wird unterstellt, dass die Leiden Afrikas alle auf den Sklavenhandel zurückzuführen sind."

Weitere Artikel: Rudolf Augstein pflegte recht freundschaftliche Beziehungen zum nationarevolutionären Staatsrechtler Carl Schmitt und suchte im Jahr 1952 sogar einmal seinen juristischen Beistand, berichten die Kommunikationswissenschaftler Lutz Hachmeister und Stefan Krings im ganzseitigen Aufmacher. Martin Kämpchen schildert die indischen Reaktionen auf die tätlichen Angriffe gegen die bangladeschische Schriftstellerin Taslima Nasreen in der südindischen Metropole Hyderabad. "eeb" meldet, dass bei der Uraufführung der Oper "Freax" in der Bonner Kunsthalle aufgrund von Unvereinbarkeiten zwischen Komponist Moritz Eggert und Regisseur Christoph Schlingensief nun vielleicht Musik und Theater getrennt dargeboten werden. Eine Meldung kündigt auch die Erweiterung von Google Earth in den Himmel an. Christian Schwägerl zieht mit ägyptischen Abiturienten durch Berlin, die auf Initiative von Privatpersonen eingeladen wurden. Hubert Spiegel erinnert an den DDR-Tischtennisspieler Heinz Schneider.

Auf der Filmseite beschreibt Friedemann Beyer die Entstehung von Hans Heinz Zerletts "Reise in die Vergangenheit", ein Film von 1942, in Erinnerung geblieben durch ein Foto Wolf Straches aus dem Jahr 1943.

Besprochen werden die Ausstellung "New York - States of Mind" im Berliner Haus der Kulturen der Welt, die Goethe-Vertonungen innerhalb der Bad Reichenhaller "Liederwerkstatt", die Auftritte Daniel Barenboims "West-Eastern Divan Orchestra" in Salzburg, das Jugendorchester-Festival "Young Euro Classic" im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmark, und Bücher, darunter Derek Walcotts Versepos "Der verlorene Sohn" und Yomota Inuhikos Geschichte des japanischen Films "Im Reich der Sinne" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 23.08.2007

Stefan Koldehoff feiert Gerhard Richters Fenster für den Kölner Dom: "Gerecht wird man dem neuen Südquerhausfenster aber nur mit einer Beschreibung der überwältigenden metaphysischen Lichtwirkung, die von diesem Werk ausgeht." Johan Schloemann glaubt nicht, "dass die Statistik es zuließe, das Dichter-und-Denker-Land insgesamt gegen das Land der Patente und Ingenieure auszuspielen", wie es ein Aufmacher über sinkende Zahlen von geisteswissenschaftlichen Professuren in der FAZ (die Schloemann als "eine große Zeitung" tituliert) nahelegte. Christian Schmidt berichtet, dass Ingmar Bergmans erste Theaterbühne im Keller eines Stockholmer Wohnhauses wiederentdeckt wurde. Andrian Kreye berichtet von der Wiedereröffnung des Hauses der Kulturen der Welt in Berlin. Eckhart Nickel erinnert daran, dass "vor zehn Jahren das Hotel Adlon wiedererfunden" wurde. Susan Vahabzadeh annonciert auf der Filmseite, dass Alexander Kluges gesammelte Filme auf DVD herauskommen. Karl Lippegaus gratuliert dem Jazzpianisten Martial Solal zum Achtzigsten. Volker Breidecker gratuliert dem Schauspieler Walter Giller zum Ebensovielten.

Auf der Literaturseite widmet Meike Fessmann dem Roman "Karlmann" von Michael Kleeberg eine ausführliche, freundliche, am Ende aber nicht ganz überzeugte Kritik. Besprochen wird außerdem Donal B. O'Sheahs Geschichte von Poincares Vermutung.

Besprochen werden außerdem Karin Neuhäusers Frankfurter "Orestie"-Inszenierung im antiken Theater von Epidaurus ("Dieses gewaltige, 2500 Jahre alte Stück in dem fast genauso alten Theater von Epidaurus ... zu erleben, nicht weit entfernt von Mykene und Athen, den antiken Originalschauplätzen des Geschehens; unter einem Himmel, der alles gesehen zu haben scheint und trotzdem noch funkelt - das ist schon ein erhebendes, bewegendes Gefühl", schreibt Christine Dössel), Judd Apatows Filmkomödie "Beim ersten Mal", Dusan Milic' Film "Gucha" und Simon Groß' Film "Fata Morgana".

Auf der Medienseite wird gemeldet, dass das Bildblog jetzt mit Fernsehwerbung auf sich aufmerksam macht.