Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.07.2007. Die NZZ besichtigt in Ulan Bator Jurten mit drahtlosem Internetanschluss. Otfried Höffe betont, dass universale Werte universal sind. Die taz erfährt von Michael Schindhelm, wie werttolerant es in den Vereinigten Arabischen Emiraten zugeht. Die russische Journalistin Elena Tregubowa erklärt der Berliner Zeitung, warum Russland eine Diktatur ist. Und die FAZ trauert um den von Heuschrecken ausgeweideten Sender Sat.1.

NZZ, 21.07.2007

In der Beilage Literatur und Kunst berichtet Sören Urbansky aus der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator, wo Zehntausende zugewanderter Familien aus Mangel an Wohnungen in Jurten leben. "An die Wände schmiegen sich die niedrigen Betten aller Familienmitglieder. Im Fernsehapparat, direkt neben dem Altar, flimmert die Live-Übertragung eines Sumo-Kampfs in Tokio. Badamsurens jüngste Schwester spielt derweil auf ihrem Notebook ein Onlinespiel. 'Seit zwei Monaten haben wir Internet - wireless, versteht sich', sagt Badamsuren. Das Trinkwasser holen ihre Geschwister dennoch zweimal täglich in Kanistern vom Gemeinschaftsbrunnen." Der Schriftsteller Galsan Tschinag erzählt, wie er seit seiner Ankunft aus der Mongolei in Leipzig 1962 unter westlichem Schlafmangel leidet.

Im Gespräch mit Thomas David lobt der britische Schriftsteller Ian McEwan den vernünftigen, aber rhetorisch hoffnungslosen Premier Brown und bricht auch ansonsten eine Lanze für die Rationalität. "Die Welt, die wir durch das Hubble-Teleskop oder durch ein Mikroskop betrachten, die Welt, die uns die Wissenschaft erschliesst, ist unendlich schöner als die Welten, die uns das Christentum, der Islam, der Buddhismus oder der Hinduismus zu bieten haben. Wir sollten anfangen, unsere Rationalität und unsere Wissenschaften als die wunderbaren Errungenschaften menschlicher Genialität zu feiern und der Arroganz derer zu misstrauen, die nicht nur behaupten, dass es einen Gott gebe, sondern uns auch noch sagen, was er denkt."

Im Feuilleton stellt Reinhold Vetter das polnische Wroclaw (Breslau) als offene Stadt vor, die sich gerade wegen ihres souveränen Umgangs mit der Geschichte zum Anziehungspunkt für Studenten und Firmen wie Google entwickelt hat. In Dänemark und Norwegen werden viele Kirchen aufgegeben, weiß Aldo Keel.

Besprochen werden Philipp Himmelmanns technisch perfekte, aber "merkwürdig zerstückelte" Aufführung von Giacomo Puccinis "Tosca" auf der Bregenzer Seebühne, eine Ausstellung mit dem wieder entdeckten Archiv der Jüdischen Kultusgemeinde im Jüdischen Museum Wien, die "stimmungsvolle" Schau über die Skythen im Berliner Martin-Gropius-Bau, und Bücher, darunter Cass R. Sunsteins Untersuchung über die "Gesetze der Angst" in Nationalstaaten, Armin Sensers Gedichtband "Kalte Kriege" sowie Galsan Tschinags "suggestiver" Roman "Die neun Träume des Dschingis Khan".

Welt, 21.07.2007

In der Literarischen Welt stellt der Philosoph Otfried Höffe klar, dass universale Werte keine westlichen sind: "Beim empirischen Vorgehen lieben sogenannte Aufklärer das Motto: 'Andere Länder, andere Sitten.' In der Tat lassen sich zumal auf der Oberfläche mannigfache Unterschiede, sogar Widersprüche entdecken. Sucht man aber die veritablen Grundlagen, die Prinzipien, auf und verlässt sich dabei nicht auf die subjektive Interpretation, sondern auf objektive Texte, so stößt man auf ein erstaunliches Maß an Übereinstimmung. In den philosophischen und vorphilosophischen Ethikzeugnissen, etwa in ägyptischen und babylonischen Weisheitsbüchern, im indischen Nationalepos 'Mahabharata', in konfuzianischen und buddhistischen Schriften, in der Bibel und im Koran findet sich eine Hochschätzung des Grundsatzes der Wechselseitigkeit, der 'Goldenen Regel'."

Besprochen werden unter anderem Paula Fox' neuer Roman "Der Gott der Albträume" und Ian McEwans Roman "Am Strand".

Im Feuilleton berichtet Thoms Kielinger vom Skandal, der derzeit die BBC schüttelt und bei dem sich ein "Abgrund an Schluderei und wiederholter Täuschung des Publikums" aufgetan hat: "Mehrfach hat die BBC bei einigen ihrer beliebtesten Gameshows und Wohltätigkeitsveranstaltungen Gewinner aus dem Publikum nur vorgetäuscht: In vielen Fällen handelte es sich in Wahrheit um Namen aus den jeweiligen Produktionsteams oder deren Freunde. Das 'Blue Peter'-Prinzip - neues Markenzeichen der einst unbescholtenen BBC?"

Weiteres: Berthold Seewald sinniert angesichts der Forderung, Hitlers "Mein Kampf" freizugeben, über den Reiz des Verbotenen. Sven Kellerhoff geht der Frage nach, ob die Varus-Schlacht vom Teutoburger Wald tatsächlich in Kalkriese stattfand, wie ein Arte-Vierteiler nahe legt. Hanns-Georg Rodek besucht die Prager Filmstudios Barrandov. Michael Stürmer berichtet von den Feiern zu Kurt Masurs achtzigstem Geburtstag. Vom Kunstmarkt weiß Eva Hanel einen Rückgang bei französischen Auktionen zu melden.

Besprochen werden Philipp Himmelsmanns "Tosca"-Inszenierung bei den Bregenzer Festspielen und Aufführungen vom Theater-Festival in Avignon,

SZ, 21.07.2007

Thomas Steinfeld schreibt über die moderne Kunst, die im Rausch von Markt und Rundumbeachtung immer glatter wird: "Jetzt inszeniert sie ihre Großereignisse selbst - und siehe da: Sie wird getragen von einem so breiten Konsens zwischen Mäzenen, Auftraggebern, Betrachtern und künstlerischer Praxis, dass dazwischen nicht einmal mehr Platz für den geringsten Widerstand wäre. Das 'Akademische', der alte, stets mit Mittelmaß und Biederkeit verbundene Feind von Impressionismus und Expressionismus, von Sezession und Dada, ist zum betrieblichen Normalfall geworden."

Weitere Artikel: Wikipedia-Mitgründer Larry Sanger kritisiert die Expertenfeindlichkeit von Wikipedia und macht gleichzeitig Werbung für sein Experten-Enzyklopädie-Projekt "Citizendium": "Experten verdienen es, wie ich meine, eine herausgehobene Rolle zu spielen bei der Erklärung dessen, was bekannt ist, denn sie haben ihr Leben dem Wissen gewidmet." Jonathan Fischer erklärt, "warum HipHop so eintönig ist". Wie gut sprechen eigentlich Deutsche in der Türkei türkisch - fragt sich Klaus Kreiser. Über die Flucht des unter Mordverdacht stehenden irakischen Ex-Kulturministers As'ad al-Haschimi informiert der Autor Najem Wali. Andreas Schubert findet den ganzen Potter-Hype reichlich grotesk. Von einem dänischen Museumsstreit um Besitzrechte an bedeutenden Gemälden berichtet Stefan Koldehoff.

Besprochen werden die Bregenzer Seebühnen-"Tosca", Bernd Böhlichs Film "Du bist nicht allein" sowie Bücher wie Richard Fords Roman "Die Lage des Landes" und Oliver Hilmes' Cosima-Wagner-Biografie.

Im Aufmacher der SZ am Wochenende erinnert sich der Autor und Filmemacher Oliver Storz (mehr) an den 20. Juli 1944: "Der Sommer toste. Vor den Läden, wo eine Sonderzuteilung Kunsthonig oder Graumehl fällig war, dampften die Hausfrauen beim Schlangestehen schweißgebadet schon am Morgen. Der Führer soll in jener Nacht um eins noch eine Rede gehalten haben. Die Leute sprachen aber über andere Sachen." Von einem Besuch bei den medizinskeptischen Allgäuer Gesundbetern berichtet Georg Etscheit. Ganz Rom steht Kopf, weiß Peter Bäldle, weil Modemacher Valentino seine Herbstkollektion zum ersten Mal seit vielen Jahren nicht in Paris, sondern eben in Rom vorstellt. Auf der Historien-Seite geht es um den Sieg gegen den Islam bei Tours und Poitiers. Vorabgedruckt wird Quim Monzos Erzählung "Die Geschichte einer Liebe". Im Interview gibt die Künstlerin Vanessa Beecroft zu, bei ihrer jüngsten Performance im Auftrag von Louis Vuitton für Werbezwecke benutzt worden zu sein: "Aber ich mag es, benutzt zu werden! Warum denn nicht?"
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TAZ, 21.07.2007

Für die zweite taz hat Ralph Bollmann mit Michael Schindhelm gesprochen, der jetzt in Dubai mit Zaha Hadid ein milliardenteures Opernhaus aufbauen will. Auf den aufgeklärten Absolutismus der Vereinigten Arabischen Emirate will er nichts kommen lassen: "Ich habe eine große Hochachtung vor dem, was in den 35 Jahren erreicht worden ist, seit es die Vereinigten Arabischen Emirate gibt. Für den Optimismus, mit dem man, eingeklemmt zwischen dem Iran und Saudi-Arabien, eine andere Gesellschaftsform für die arabische Welt entwickelt. Mit Frieden und Wohlstand, mit religiöser und weitgehend auch politischer Toleranz."

Weiteres: Martin Reichert denkt über Tom Cruise, Stauffenberg und Dreharbeiten in Berlin nach. Für das Feuilleton hat Wiebke Porombka die unter anderem für Martin Walser, Georg Klein und Daniel Kehlmann zuständige Rowohlt-Lektorin Ulrike Schieder an ihrem Arbeitsplatz aufgesucht. In Dirk Knipphals' Spreebogen-Serie geht es heute um die Deutschlandflagge. Besprochen werden Pierre Jolivets Film "Kann das Liebe sein?" und Bücher, nämlich Michael Jürgs Eva-Hesse-Biografie (die Brigitte Werneburg schrecklich findet) und Ian McEwans Roman "Am Strand". Auf den Buchseiten des taz mag geht es unter anderem um Yasushi Inoue erstmals ins Deutsche übersetzten Roman "Der Tod des Teemeisters, um neue Jugendbücher und einen Sammelband zur "Psychologie des Stalking",

Im Dossier des taz mag gibt es Auszüge aus Barbara Bollwahns neuem Jugendroman "Der Klassenfeind und ich". Claudia Hempel hat eine Mädchenzuflucht in Dresden besucht. Über Dreharbeiten in den Elendsvierteln von Buenos Aires berichtet Anne Huffschmid.

FR, 21.07.2007

Die Schriftstellerin Elif Shafak liefert ein Stimmungsbild aus der Türkei vor der Wahl: "Das Leben einer Schriftstellerin in Istanbul ist kein steriles, statisches Leben. Es erinnert an das Leben auf einem großen, lauten Schiff. Du fühlst dich wie auf einer ewigen Reise. Du hast das Gefühl, selbst Teil einer Reise zu sein. Unter dem Schiff arbeiten zwei Strömungen. Jede zieht dich in eine andere Richtung. Auf der einen Seite ist die Strömung in Richtung Verwestlichung, Moderne und weiterer Demokratisierung. Die andere Strömung geht in Richtung Xenophobie und Isolation. Das Schiff bewegt sich in Richtung der ersten Strömung. Seit mindestens einhundert Jahren. Aber das Wissen um die Existenz der anderen Strömung kann unangenehm und nervend sein."

Weitere Artikel: Im Interview spricht Günter Wallraff über sein Projekt, in einer Kölner Moschee aus den "Satanischen Versen" vorzulesen: "Angegriffen werde ich übrigens im Moment paradoxerweise nicht von den Mullahs, sondern von bestimmten Feuilletonisten." In einem Times mager denkt Harry Nutt aus aktuellem Anlass über Zufallsbegegnungen mit Prominenten nach.

Besprochen werden Richard Fords Roman "Die Lage des Landes" (Arno Widmann findet ihn grauenhaft langweilig) und ein Konzert der Hidden Cameras in Frankfurt.

Berliner Zeitung, 21.07.2007

Im Magazin unterhält sich Julia Kospach ausführlich mit der Journalistin und Dissidentin Elena Tregubowa über die Lage in Russland: "Als Putin 1999 an die Macht kam und Schritt für Schritt anfing, die demokratischen Freiheiten in Russland zu demontieren, haben wir noch von der Gefahr einer Diktatur gesprochen. Heute ist das meiner Meinung nach bereits ein Faktum. Russland ist eine Diktatur. Putin hat alle unabhängigen Fernsehstationen zerschlagen, er hat 2006 ein Gesetz verabschiedet, wonach alle Feinde Russlands ausgeschaltet werden können... Es ist ein Gesetz, das dem Geheimdienst erlaubt, sogar einen russischen Staatsbürger, der sich im Ausland befindet, umzubringen, wenn er von Putin zum Staatsfeind erklärt worden ist. Alle Oppositionellen haben inzwischen den Status 'Staatsfeind'. Das ist doppelt schlimm, denn die Terminologie erinnert natürlich an Stalin und die stalinistischen Repressionen."

Tagesspiegel, 21.07.2007

Am Mittwoch gibt Katharina Wagner ihr Regiedebüt in Bayreuth, Christine Lemke-Matwey hat sich mit ihr getroffen und fürchtet ein bisschen die drohende Normalität auf dem Grünen Hügel: "Wolfgang Wagner muss in seinem Leben viel Angst gehabt haben. Davor, den Festspielschatz eines Tages an irgendeinen Familien-Alberich, irgendeine dahergelaufene Alberichine wieder abtreten zu müssen. Angst vor Sabotage, Intrigen, Schlupflöchern im System. Angst vor seiner Mutter Winifred auch, die bis zu ihrem Tod 1980 (da war er 61) im Hintergrund viele Fäden zog. Und Angst vor Gudrun, seiner zweiten Frau, die längst selbst das Zepter schwingt. An all das hatte man sich gewöhnt. Mehr noch: Man liebte es, gegen die Festungsmauern Sturm zu laufen, sich Jahr für Jahr neu zu erregen. Über die Egomanie des Regiments und den Niedergang der Kunst. Man liebte es, wie man Bayreuth liebte, heiß, hingebungsvoll, sehnsüchtig, mit all seinen idyllischen Lauschigkeiten und Spießigkeiten. Noch die Hunde auf dem Grünen Hügel werden ermahnt, ihr Geschäft aus hygienischen Gründen nicht in den umliegenden landwirtschaftlichen Nutzflächen zu verrichten (es dankt der Bezirk Oberfranken). Und mit all dem soll jetzt Schluss sein, nur weil eine 29-Jährige, die zufällig die Tochter des greisen Festspielleiters ist und dessen Nachfolge antreten will, gnadenlos ihr eigenes Ding durchzieht?"

FAZ, 21.07.2007

Michael Hanfeld trauert um Sat.1 und wettert gegen die internationalen Heuschrecken, die den Sender mit drastischen Einsparungen zu einer Renditemaschine machen wollen. "Es ist sogar fraglich, ob ihnen überhaupt noch der 'Rundfunk' etwas sagt. Mit journalistischen Kategorien braucht man ihnen nicht zu kommen, haben sie doch beschlossen, das Informationsprogramm des Senders Sat.1 auf nahe null zu bringen. Diese Investoren kennen keine Werte, die sich nicht als Renditeerwartung ausweisen lassen, gesellschaftliche schon gar nicht."

Weiteres: "till" sinniert angesichts Harry Potters über die Kunst des richtigen Endes bei Literatur und Film. Joseph Hanimann besichtigt den zum Kulturareal umgebauten ehemaligen deutschen U-Boot-Bunker in St. Nazaire. Rose-Maria Gropp gratuliert Yusuf Islam und nicht Cat Stevens zum Geburtstag. Julia Spinola stellt fest, dass bei Dirigenten Werktreue und Charisma nicht zu trennen sind. Auf der Schallplatten- und Phonseite geht es um Indie-Pop von The National, um neue Alben von Bellowhead und Karl Seglem und Klaviermusik von Czerny und Couperin.

In Bilder und Zeiten trifft Marco Schmidt einen heiteren Claude Chabrol, der zu allem und jedem was zu sagen hat. Zum Beispiel zu Kollgen mit pädagogischem Auftrag: "Filme mit Botschaft bringen mich entweder zum Kotzen oder zum Lachen. Ich finde es unmoralisch, dem Zuschauer eine Moral aufzudrücken, ihn beeinflussen zu wollen, ihm sozusagen ein Hirn-Klistier einzupflanzen."

Heinrich Wefing besichtigt die bunten Townhäuser, die im Berliner Friedrichswerder unweit des Schlossplatzes entstanden sind. Gerhard Rohde klatscht sich langsam für die Salzburger Festspiele ein und lobt die Organisation des in einer Woche beginnenden Spektakels.

Besprochen werden Philipp Himmelmanns "in wichtigen Details sorglose" Inszenierung von Puccinis "Tosca" auf der Bregenzer Seebühne, die "klamaukhafte" Schau "Konstantin - Kunst und Provokation" in der Tuchfabrik Trier, die Ausstellung zu Positionen der Farbfeldmalerei in der wiedereröffneten Kunsthalle Baden-Baden, die Ausstellung "den sprachn das sentimentale abknöpfn" zum 50. Geburtstag von Thomas Kling im Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf, und Bücher, darunter Richard Fords Roman "Die Lage des Landes" und Ian McEwans "Am Strand".