Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.07.2007. Die SZ durfte zugucken (aber nicht mitessen), als ein von der Documenta ausgewähltes Paar bei Ferran Adria Kunst aß. Die FAZ eröffnet eine Serie zur Frage "Der Vormarsch des Islamismus - Wie groß ist die Gefahr wirklich?" Die NZZ macht sich Sorgen um die Altstadt von Damaskus. In der FR weiß man: Die Vogue war nie Avantgarde. Die taz ist für die Rushdie-Lesung in einer Moschee: "Ohne Symbolpolitik ist alles nichts."

TAZ, 17.07.2007

Auf der Meinungsseite kommentiert Robert Misik Günter Wallraffs Idee, in einer Kölner Moschee Salman Rushdies "Satanische Verse" zu lesen (und reagiert damit unter anderem auf Gustav Seibt, der gestern in der SZ den Plan als "nutzlose Symbolpolitik" abtat): "Natürlich hat die Aktion den leisen Hautgout der Moslemprovokation, nach dem Motto: 'Wir denken uns etwas aus, von dem wir annehmen, es bringt euch zur Weißglut - und dann sehen wir mal, wie ihr darauf reagiert.' Und man kann sich fragen, was eine literarische Weihestunde zur Entspannung kultureller Konflikte beitragen soll. Dennoch kann die Kritik, es handele sich hier nur um nutzlose Symbolpolitik, nicht überzeugen. Sicher ist Symbolpolitik nicht alles. Aber ohne Symbolpolitik ist alles nichts. Schließlich war Rushdies 'ketzerisches' Buch, das vor fast zwei Jahrzehnten die Fundamentalisten dieser Welt aufbrachte und seinem Autor ein Leben unter dem Schutz der Sicherheitsapparate einbrachte, auch nur ein Symbol."

Weiteres: Brigitte Werneburg feiert Phoebe Washburn, die beim Bau ihrer riesigen Konstruktionen jedes Fitzelchen Abfall wiederverwendet und überhaupt auf Kreisläufe steht, wie sie in der Deutschen Guggenheim Berlin beweist. David Denk hat sich auf dem Open-Air-Festival "Melt!" in einem stillgelegten Tagebau in Sachsen-Anhalt amüsiert. Wolfgang Ullrich erkennt, dass die Limonadenfirma Bionade mit der Kampagne Stille-Taten.de ihren Kunden ein gutes Gewissen verschafft und damit voll im Trend liegt. Alexander Cammann blättert in Literaturzeitschriften.

Besprochen wird Friederike Hellers Inszenierung von Rafael Spregelburgs Stück "Die Dummheit" in Stuttgart.

Und Tom.

Welt, 17.07.2007

Im Interview mit Peter Beddies spricht Regisseur Quentin Tarantino über sein Doublefeature "Death Proof", das in den USA allerdings ein ziemlicher Flop war. Dabei ist - im Gegensatz zu anderen Filmen - keine Verfolgungsjagd computergeneriert! "Wie kann man sich sowas anschauen? Warum gibt es keine Protestbewegung gegen Verarsche im Kino? Man sieht doch, dass es da um nichts geht. Nur Nullen und Einsen rennen über die Leinwand. CGI - grauenhaft!"

Weiteres: In einem Pro und Contra diskutieren Wieland Freund und Holger, ob man den Schluss des letzten Harry-Potter-Bands geheim halten muss. Rainer Weiss erinnert sich im Interview mit Philipp Haibach über an seinen Freund, den vor 20 Jahren verunglückten Schriftsteller Jörg Fauser. Uta Baier besucht die derzeitigen Kirchner-Ausstellungen in Chemnitz, Frankfurt, Bern und Davos. Hinweise auf die Musikfestivals des Sommers gibt Kai Luehrs-Kaiser.

FR, 17.07.2007

Arno Widmann, einst Textchef der Vogue, erinnert anlässlich eines Bildbandes von Norberto Angeletti und Alberto Oliva daran, dass das Blatt nie Avantgarde war: "Am 17. Dezember 1892 erschien die erste Vogue, ein Kampfblatt. Vogue war das Zentralorgan der alten New Yorker Gesellschaft, die auszog, die Parvenüs der Gründerjahre in ihre Schranken zu weisen. Sie sollten mores gelehrt werden. So waren die ersten Hefte voll mit Hinweisen auf Etikette und korrektes Benehmen. Vogue war ein Blatt aus dem alten New York für das alte New York. Aber gerade der zur Schau gestellte Snobismus führte die Zeitschrift zum Erfolg. Auf nichts sind Parvenüs so scharf wie auf ihre Verächter."
Weitere Artikel: Jürgen Habermas gratuliert der Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich zum Neunzigsten. Helmut Ploebst resümiert das Sommerszene-Tanzfestival in Salzburg, das sich mit chinesischer und indischer Gegenwartschoreografie beschäftigte. Arno Widmann ehrt den verstorbenen russischen Schriftsteller und Lyriker Dmitri Alexandrowitsch Prigow. In der Times mager glossiert Sylvia Staude den Kunstpreis des russischen Geheimdienstes FSB.

Besprochen werden die Ausstellung "Scala, Bembo, Times und Dolly" über Schriftmusterbücher in der Nationalbibliothek Frankfurt und Bücher, darunter Hans Joachim Schädlichs Erzählungen "Vorbei" und Oliver Hilmes' "seltsam konturlose" Biografie über Cosima Wagner.
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NZZ, 17.07.2007

In Damaskus boomt seit dem 11. September das Geschäft mit dem Tourismus. Die vom Staat geförderten Neubauten und Straßen gehen jedoch oftmals auf Kosten der Substanz historischer Viertel, berichtet Mona Sarkis. Aber inzwischen gibt es Widerstand. "Der Tourismusminister Saad-Allah Agha Al-Kalaa bleibt indes seiner Linie treu: Hotels braucht das Land. Dass diese jedoch die alte Substanz keineswegs ersetzen müssen, demonstrieren immer mehr Privatleute. May Mamarbachi war eine ihrer Vorreiterinnen: Vor drei Jahren kaufte die Geschäftsfrau ein arabisches Haus aus dem 17. Jahrhundert, das unter anderem ein über 200 Jahre altes christliches Fresko aufweist - eine kunsthistorische Rarität in Damaskus. Die acht Räume, heute als 'Al-Mamlouka'-Hotel im Christenviertel Bab Touma bewohnbar, restaurierte sie in akribischer Kleinarbeit."

Weitere Artikel: Milena Moser prophezeit Harry Potter eine "kräftige Dosis Normalitas-Pulver, in den Morgenkaffee gerührt". Thomas Schacher berichtet über den Kongress der Internationalen Gesellschaft für Musikwissenschaft in Zürich. Eine Meldung verkündet den Tod des russischen Dichters und Künstlers Dmitri Prigow.

Besprochen werden eine Ausstellung zu Wolfgang von Kempelen (1734-1804) und seinem "Schachtürken" im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie und Bücher, darunter Wojciech Kuczok Antibiografie "Dreckskerl" und Italo Calvinos Klassiker "Die unsichtbaren Städte" in Burkhard Kroebers "kristalliner Neuübersetzung" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 17.07.2007

Die FAZ eröffnet eine Sommerserie zur Frage "Der Vormarsch des Islamismus - Wie groß ist die Gefahr wirklich?" mit einem Korrespondentenbericht Paul Ingendaays aus Spanien."Seit dem September des Jahres 2006 gibt es erstmals eine erklärte Zusammenarbeit zwischen dem nordafrikanischen Terrorismus und Al Qaida. Besonders die 'Salafistische Gruppe für Predigt und Kampf' (GSPC) aus Algerien und die 'Marrokanisch-Islamische Kampfgruppe' (GICM) machen in ihren Heimatländern durch blutige Attentate von sich reden. Gehörte die Rückgewinnung von Al-Andalus, dem arabisch bevölkerten Gebiet auf der Iberischen Halbinsel vor der Reconquista, schon seit den neunziger Jahren zu den Forderungen des Dschihad, hat sich die Rhetorik durch den geographisch nähergerückten Terrorismus konkretisiert. Ayman al Zawahiri, der Stellvertreter von Osama bin Laden, spricht in seinen Botschaften an die Gotteskrieger immer wieder vom neuen panislamischen Kalifat Al-Andalus."

Weitere Artikel: In der Leitglosse versetzt Patrick Bahners die Meldung, dass auch Hermann Lübbe als Jugendlicher in die NSDAP eingetreten sein soll, woran er sich nicht erinnert, mit komplizierten Erwägungen über Biografie und Identität. Andreas Rossmann berichtet, dass Günter Wallraff bereits mit der Ditib über eine Lesung der "Satanischen Verse" in einer Moschee verhandelt. Kerstin Holm schreibt zum Tod des Künstlers und Autors Dmitri Prigow. Catherine Newmark verfolgte eine Tagung der Forschungsstelle "Entartete Kunst" an der Freien Universität Berlin. Jordan Mejias wirft einen Blick in amerikanische Zeitschriften, die über die Zeit nach Bush nachdenken. Martin Otto liest die neueste Folge der "Lurchi"-Serie des Schuhhauses Salamander - Lurchi kehrt dort in das Entstehungsjahr des ersten Heftes von 1937 zurück, aber nichts verweist in dem neuen Heft auf die Nazizeit.

Auf der Medienseite berichtet Jochen Hieber über die Pläne der aus dem Hause Montgomery kommenden neuen Geschäftsführer der Netzeitung, die für die bisherige Redaktion ganz und gar nichts Gutes verheißen. Peer Schader porträtiert den Fernsehproduzenten Martin Hoffmann. Und Kilian Trotter empfiehlt eine heute im Ersten laufende Dokumentation über die Blutrache in einer kurdisch-deutschen Familie.

Für die letzte Seite hat Mark Siemons einen insgesamt wohl recht öden Abend mit dem chinesischen Staatssender verbracht. Julia Voss bringt zwei Zahlen aus dem Kunstbetrieb in Zusammenhang - die neuesten Werke Damien Hirsts, die in der Londoner White Cube Gallery ausgestellt waren, brachten 190 Millionen Euro ein, und Kunststudenten in Hamburg wehren sich gegen Studiengebühren von 500 Euro pro Semester. Und Jürg Altwegg porträtiert Jack Lang, ehemals Zeremonienmeister Francois Mitterrands, der nun unter Sarkozy eine Kommission zur Reform der Institutionen leiten darf.

Besprochen werden erste Konzerte des Schleswig-Holstein-Festivals, eine Einspielung von Antonio Salieris Oper "La grotta die Trofonio" unter Christophe Rousset, eine Ausstellung über das Genre des "Offenen Briefes" im Museum für Kommunikation Nürnberg und eine Lyonel-Feininger-Ausstellung in Schwerin.

SZ, 17.07.2007

Merthen Wortmann durfte offenbar zugucken, als ein ausgewähltes Paar von Documenta-Besuchern bei Ferran Adria in Spanien aß. "Nach viereinhalb Stunden sind die beiden Documenta-Besucher beim Kaffee angekommen. Wie war's? Überfordernd. Anregend. Grandios. War es Kunst? Schwer zu sagen; aber es war bestimmt eine künstlerische Erfahrung. Der Mann sagt: 'Manche Dinge schmeckt man plötzlich wieder in einer Reinheit und Intensität, als wäre es ein Drogenerlebnis'. Die Frau sagt: 'Ich habe selten beim Essen so viel darüber nachgedacht, was dieses Essen überhaupt war.'"

Weitere Artikel: Arnd Wesemann verabschiedet Gordana Vnuk als Intendantin von Hamburgs Kampnagelfabrik. "Österreichs Justizministerin Maria Berger hat jetzt verfügt, 50 000 Euro solle bekommen, wer mithilft, Alois Brunner und Aribert Heim zu fassen", meldet Michael Frank und lobt die ÖVP - ausgerechnet unter ihrer Regierung beginne Österreich zu seiner nationalsozialistischen Vergangenheit zu stehen. Lisa Spitz rekapituliert die Entwicklung deutscher Nachkriegsbadezimmer zu Wellness-Tempeln. Jens-Christian Rabe resümiert das durchwachsene ABC-Festival "Augsburg Brecht Connected". Wolfgang Schreiber benötigt eine "Zwischenzeit", um die "tiefenpolitische" Dimension der Musik zu erklären. Franziska Augstein gartuliert der Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich zum Neunzigsten. Jens Bisky schreibt zum Tod zum Tod des Schriftstellers Otto Häuser. Ein im Netz unbekannt bleibender Autor erinnert an den vor zwanzig Jahren verstorbenen Schriftsteller Jörg Fauser.

Besprochen werden eine Josephine-Meckseper-Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart, die Zehn-Jahres Tournee der freundlichen Rapper von "Freundeskreis", das von Maximilian Schell inszenierte Operettenpasticcio "Wiener Blut" von Adolf Müller dem Jüngeren bei den Seefestspielen in Mörbisch am Neusiedler See, ein Auftritt des Pianisten Lang Lang als "hinreißender" Kammermusiker und Bücher, darunter Paul Tordays Roman "Lachsfischen im Jemen" (Leseprobe) sowie Ottfried Höffes Überlegungen zu "Lebenskunst und Moral oder: macht Tugend glücklich?" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).