Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.07.2007. In der Welt erklärt Katharina Wagner, was sie von Bayreuth will, wenn Bayreuth sie will. In der SZ fordert Nike Wagner vom Bayreuther Stiftungsrat dagen, endlich die "Fixation an dynastische Kontinuitätsträume" aufzugeben. Die NZZ unterhält sich mit der Opernregisseurin Tatjana Gürbaca, die sich eine Erneuerung des Musiktheaters von den Stücken erträumt. Die taz bangt um die Zukunft der Liebe zum Kino im WDR. Die Berliner Zeitung beklagt den Hirntod der deutschen Rapper Szene. Die FAZ fürchtet, dass die chinesischen Intellektuellen 50 Jahre nach der Kampagne gegen die Rechtsabweichler traumatisiert bleiben.

NZZ, 16.07.2007

Die Opernregisseurin Tatjana Gürbaca spricht im Interview über ihren Werdegang, ihre Arbeit und die Zukunft: "Da ist zunächst Verdi, er war wirklich ein Theatermensch, er hat für das Theater gedacht, jede Regieanweisung so präzise und genau, das ist unglaublich dankbar für den Regisseur, da ist so viel möglich zwischen Text und Musik. Das wäre also ein Feld, das mich noch sehr reizen würde, das andere ist das zeitgenössische Musiktheater. Bei der Leipziger Uraufführung von Philippe Hersants 'Le moine noir' habe ich ganz stark gespürt, dass ich doch gerne noch mehr zeitgenössische Stücke machen würde. Es gibt einem große Freiheiten, und es ist im deutschen Opernbetrieb leider ein weitgehend unbearbeitetes Feld. Es gibt eigentlich seit den sechziger Jahren kein vorhandenes Repertoire mehr. Das ist so schade. Es gibt grandiose Stücke zu entdecken, und ich denke, das ist auch dringend notwendig, wenn Oper nicht zu einer musealen Kunst verkommen will. Man sollte die Erneuerung nicht nur in der Regie suchen, sondern in den Stücken selber."

Weiteres: "Bloß alte Kamellen" wurden Marc Zitzmann beim Festival d'Avignon geboten. Birgit Vanderbeke überlegt, wie es mit Harry Potter weitergeht. Thomas Schacher resümiert das 107. Tonkünstlerfest in Zürich. Joachim Güntner meldet einen Direktorenwechsel am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen - Claus Leggewie tritt die Nachfolge von Jörn Rüsen an. Thomas Binotto schreibt zu Barbara Stanwycks Hundertstem. Besprochen wird die Ausstellung "Mit der Sonne selbst malen - Johan Thorn Prikker und der Aufbruch der Moderne in der Glasmalerei" im Deutschen Glasmalerei-Museum Linnich bei Aachen.

Welt, 16.07.2007

In einem ausführlichen Interview mit Manuel Brug spricht Urenkelin Katharina Wagner über ihr anstehendes Bayreuth-Debüt mit den "Meistersingern" ("Das wird sicher ein Kampfplatz des Konservatismus gegen das sich einlassen Wollen und Können auf andere"). Und sie bringt sich für den Kampf um den Hügel in Stellung: "Ich habe mich noch nicht dafür entschieden. Aber aufgrund meiner Erfahrungen innerhalb der Festspiele, aufgrund meines Studiums und meiner beruflichen Weiterentwicklung würde ich mich dafür befähigt halten. Aber ich sage auch: Die Bedingungen müssen stimmen. Dass einer allein beides stemmt, die künstlerische und wirtschaftliche Leitung, das wird in Zukunft nicht mehr möglich sein. Dafür kenne ich den Laden intern zu genau. Darüber soll der Stiftungsrat erst einmal diskutieren, bevor wieder das Personenroulette in Gang gesetzt wird."

Weiteres: Wolf Biermann erinnert zu dessen 150. Gebrutstag an den französischen Liederdichter Pierre-Jean de Beranger (mehr), der mit seinen Chansons gegen die Restauration ansang. Außerdem hat er dessen Lied "Le Roi D'Yvetot" übertragen. In der Randspalte spießt Eckhard Fuhr die Meldung auf, dass Umweltschützer wieder einmal den Wachtelkönig (der, wie Fuhr nebenbei bemerkt, eigentlich eine Wiesenralle ist) ins Spiel bringen, um die Elbbrücke zu verhindern. Gerhard Midding schreibt zum hundertsten Geburtstag der unverwüstlichen Hollywood-Diva Barbara Stanwyck.

Besprochen werden die Ausstellung "Symbolismus und die Kunst der Gegenwart" im Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum und auf der DVD-Seite die restaurierte Fassung von Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin" sowie Leon Poiriers wieder erhältliches Doku-Drama "Verdun".

FR, 16.07.2007

Der Schriftsteller Michael Köhlmeier und der Lektor Rainer Weiss erinnern sich an Jörg Fausers Auftritt beim Bachmann-Wettberwerb vor 23 Jahren. Harry Nutt begleitet Frank-Walter Steinmeier auf seinem Besuch der baltischen Staaten. In einer Times mager warnt Christian Schlüter vor Bischof Walter Mixa, der sich nun für die Aufnahme der christlichen Schöpfungslehre in den Biologieunterricht ausgesprochen hat. Tilmann P. Gangloff befragt Caren Miosga vor ihrem ersten Auftritt bei den Tagesthemen.

Besprochen werden eine Ausstellung mit künstlerischen Positionen zur Naturwissenschaft im Bremer Museum Weserburg (darunter Gerhard Langs Studie "Die typische Befleckung der Kuhherde des Bauern Jenni im Schoental") und die "seltsam blasse" Uraufführung von Heiner Goebbels "Songs of Wars I have Seen" in London.
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TAZ, 16.07.2007

Ekkehard Knörer bangt um die von der Quote bedrohte Kinoredaktion des WDR: "Wer das anspruchsvolle Kino liebte und im Fernsehen suchte oder wer das Kino im Fernsehen lieben lernen wollte oder wer danach fragte, ob das Fernsehen das Kino lieben kann, für den gab es jahrzehntelang vor allem eine deutsche Adresse: die WDR-Filmredaktion." Aber vielleicht gibt's dann ja eine schöne Volksmusikparade?

Weitere Artikel: Anselm Worthik unterhält sich mit dem somalisch-kanadischen Rapper K'naan über sein Heimatland. Lorenz Matzat probiert sich im pädagogischen Computerspiel "Global Conflicts: Palestine" als Journalist im Nahen Osten aus und lernt einiges. In der zweiten taz wird ein Auszug aus Jörg Fausers Romanfragment "Die Tournee" abgedruckt. Julia Trinkle besucht den Jahreskongress der Berliner Zeugen Jehovas, die immer mehr Konkurrenz bekommen.

Besprochen werden die Werkschau Jörg Immendorffs im Museum Weserburg in Bremen und Brigitte Stegers Buch "Inemuri" über die Schlafgewohnheiten der Japaner.

Tom dann noch.
Stichwörter: Taz, WDR, Computerspiele

Berliner Zeitung, 16.07.2007

Markus Schneider verarbeitet die neuesten schlechten Nachrichten aus der Berliner Rapper-Szene. "Bei drei HipHoppern aus dem Umfeld des Berliner Labels Hirntot hat die Polizei gereimte Morddrohungen gegen die SPD-Politikerin Monika Griefahn gefunden sowie unbrauchbare und scharfe Militärwaffen; im Internet kann man sich einen Rap des ehemaligen Aggroberlin-Rappers G-Hot anhören, der in einem verbalen Amoklauf gegen Schwule anrennt; der Aggroberlin-Rapper B-Tight hat sein neues Album 'Neger, Neger' genannt, wogegen das afrodeutsche Musik- und Sozialprojekt Brothers Keepers protestiert. Und schon vor einigen Wochen fand sich zu einer Talkshow mit Alice Schwarzer der Undergroundpornograf King Orgasmus One ein und nährte das ohnehin verbreitete Bild vom Rapper als sexistischer Stumpfbirne." Sein Fazit: "Tatsächlich könnte man meinen, einen neuen Ton zu hören, der aus der Überbietungslogik des Genres dröhnt und die Grenze geschmackloser, aber letztlich harmloser Grobheiten überschreitet. Hört man genauer hin, handelt es sich , anders als bei Sido und Bushido, vor allem um eins: um schlechte Musik."

SZ, 16.07.2007

"Moralische Ersatzhandlung" und "nutzlose Symbolpolitik" sieht Gustav Seibt in Günter Wallraffs Plan, Rushdies "Satanische Verse" in einer Moschee zu lesen. "Der Unterschied heute ist, dass Symbolpolitik gegenüber dem muslimischen Teil der Gesellschaft eine Gruppe ins Visier nimmt, die am Spiel der hiesigen Medien in ihrer Mehrheit nicht teilnimmt. Wer im Wedding schaut denn 'Maybrit Illner' oder liest Schriftstellerumfragen auf Spiegel Online? Das Echo der deutschen Debatten erreicht diese Gruppe nur verzerrt vor allem über die Deutschlandausgaben der nationalistischen türkischen Zeitungen. Die hiesigen muslimischen Vertreter und ihre vorwiegend feministischen Kritikerinnen sprechen allzu oft nur für sich selbst."

Nike Wagner fordert im Interview den Stiftungsrat der Bayreuther Festspiele auf, bei der Nachfolge-Entscheidung für Wolfgang Wagner endlich die "Fixation an dynastische Kontinuitätsträume" (sprich: Wolfgangs Tochter Katharina) abzulegen. "Jetzt muss der 'Eignungsparagraph' der Stiftungssatzung ernst genommen und genauer definiert werden. Nicht noch einmal darf einer, nur weil er Wagner heißt, sich die Lizenz zuschustern, in Bayreuth auch künstlerisch tätig zu sein. Der Corpus Bayreuth verdirbt nicht, wenn Fremdblut in seine Adern gepumpt wird. Haus, Festspielkonzept und die musikalisch-theatralische Qualität der Wagnerschen Werke bürgen dafür: Bayreuth geht so leicht nicht unter."

Weitere Artikel: Karin Leydecker amüsiert sich über die Streitereien zur Modernisierung des Hambacher Schlosses. Dominik Schottner meldet, dass das Plattenlabel Aggro Berlin dem Rapper G-Hot wegen eines schwulenfeindlichen Songs gekündigt hat.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Fotografien von Hiroshi Sugimoto in der Kunstsammlung NRW Düsseldorf, ein Konzert von Steely Dan in Stuttgart, die deutsche Erstaufführung von Sidi Larbi Cherkaouis Stück "Myth" bei den Schlossfestspielen Ludwigsburg, eine Aufführung von Rossinis frühem Einakter "La scala di seta" beim Rossini-Festival in Wildbad, Friederike Hellers Version von Rafael Spregelburds viertem Todsünden-Stück "Dummheit" am Schauspiel Stuttgart, eine Aufführung von drei "Protestopern" im Ingolstädter Audi-Zentrum zur Beziehung von Mensch und Natur, Hans-Jürgen Syberbergs "Hitler. Ein Film aus Deutschland" und andere Filme auf DVD sowie Bücher, darunter Nany R. Reagins bisher nur auf Englisch erschienene Gedanken zur putzenden deutsche Frau "Sweeping the German Nation" sowie Pascal Merciers Novelle "Lea" (mehr in unserer Bücherschau des Tages heute ab 14 Uhr).

FAZ, 16.07.2007

Mark Siemons erinnert an die Kampagne gegen die Rechtsabweichler in China vor 50 Jahren und konstatiert, dass die chinesischen Intellektuellen von diesem Ereignis (wie auch von der Kulturrevolution und den Massakern am Platz des Himmlischen Friedens) traumatisiert bleiben: "So sehr sich die Intellektuellen in den neunziger Jahren ausdifferenziert, pluralisiert und internationalisiert haben, so gründlich haben sie auch die Tabuzonen verinnerlicht, die ihr Denken von Staats wegen auszusparen hat. Auch jene, die mit oft hohem persönlichen Risiko auf konkrete Missstände etwa auf dem Land oder in der Rechtsprechung aufmerksam machen, akzeptieren meist die um das Monopol der herrschenden Partei herum gezogene Sphäre des Unaussprechlichen."

Weitere Artikel: In der Leitglosse mokiert sich Jordan Mejias über ein Broadway Musical, das "My First Time" zum Thema hat und in das Jungfrauen (nach Begutachtung durch einen Gedankenleser) freien Eintritt bekommen. Michael Althen erinnert an Barbara Stanwyck, die heute hundert Jahre alt geworden wäre. Die Londoner Korrespondentin Gina Thomas verfolgt von ferne den Chicagoer Prozess gegen den gefallenen Medientycoon Conrad Black, der mit fünf bis zehn Jahren Gefängnis zu rechnen hat und kürzlich durch eine Nixon-Biografie von sich reden machte. Matthias Hannemann unterhält sich mit Horst Möller vom Münchner Institut für Zeitgeschichte, der für eine wissenschaftliche Edition von Hitlers "Mein Kampf" eintritt. Katja Gelinsky untersucht das Hi-Tech-Instrumentarium der amerikanischen Justiz gegen Sexualstraftäter - von Ortungsgeräten bis zu öffentlichen Internetregistern. Rainer Hermann resümiert Ergebnisse einer Forschergruppe, die den Meeresboden des Marmara-Meers untersucht haben und zum Ergebnis kamen, dass zumal Istanbul weiterhin zum Opfer großer Naturkatastrophen werden könne. Jordan Mejias begutachtet das IAC-Building von Frank Gehry in Manhattan. Martin Kämpchen berichtet aus Indien über Schriftstellerproteste gegen Landreformen in Westbengalen durch die dortige marxistische Regierung, der Tausende von Bauern entschädigungslos zum Opfer fallen.

Auf der Medienseite schildert Michael Hanfeld mit Schrecken, wie die Heuschrecken bei Pro 7 Sat 1 wüten, wo Nachrichten und andere Programmhighlights abgeschafft und die entsprechenden Redakteure geschasst werden. Außerdem kommentiert Hanfeld die Intendantenwahl beim NDR. Für die letzte Seite besucht Nina Rehfeld den Zoo in San Diego, wo die Tiere möglichst naturnah gehalten werden. Christian Schwägerl liest einen Aufsatz des aktuellen japanischen Kaisers in Nature, der den Einfluss von Linne auf die japanische Wissenschaft feiert. Und Uwe Walter stellt den Althistoriker Hans-Joachim Gehrke vor, der Hermann Parzinger als Chef des Deutschen Archäologischen Instituts ablöst.

Besprochen werden eine Doppelausstellung der Malerin Angelika Kaufmann in Bregenz und Schwarzenberg, eine Ausstellung über "frühmoderne Bücherwelten" in Halle, eine Ausstellung über das Verhältnis des Menschen zum Pferd in Mannheim und das Videospiel "Pony Friends".