Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.02.2006. In der Welt stellt der Soziologe Wolfgang Sofsky die Diagnose: "Die Masse der Frommen will schächten und verbrennen." Die FAZ schlägt neuartige Brüche mit der politischen Korrektheit vor. Die FR begeht den 150. Geburtstag von Heinrich Heine. Michael Winterbottoms Berlinale-Beitrag "The Road to Guantanomo" erntet Jubel und Ablehnung. Der Tagesspiegel veröffentlicht eine Solidaritätsadresse von Karikaturisten für seinen Zeichner Klaus Stuttmann.

Welt, 15.02.2006

Große Oper hat Kai Lührs-Kaiser mit Alexander von Pfeils Strauss-Inszenierung "Arabella" an der deutschen Oper Berlin gesehen. Ausnahmesweise, wie er meint. "In Berlin liefert die Deutsche Oper eine hauptstädtische Mischung aus Kleinmut und Größenwahn: Ein anmaßender Chefregisseur hat nichts zu sagen - und gibt das auch offen zu. Das große Haus kokettiert mit der Idee der Theaterabschaffung. Nur die weiblichen Angestellten und ein Gastdirigent reißen die Sache raus."

Im Karikaturenstreit meldet sich nun auch der Soziologe Wolfgang Sofsky deutlich zu Wort. Zu den wütenden Protesten in der islamischen Welt und ihren Ursachen meint er: "Die Aktionen mögen ungeliebten Diktaturen zupass kommen, aber die Wirkung eines historischen Ereignisses ist nicht dessen Ursache. Mitnichten ist die Menge auf demokratische Freiheiten aus und hat nur in der Aufregung eine westliche Botschaft mit dem heimischen Innenministerium verwechselt. Der Impuls, der sie antreibt, ist viel älter. Die Masse der Frommen will ihrer ungläubigen Todfeinde habhaft werden, will sie schächten und verbrennen. Sie hat den Westen insgesamt im Visier. Die einzige Freiheit, auf welche sie aus ist, ist die Freiheit zum Töten." Dabei, gibt er zu bedenken: "Heiliger Zorn erfasst weniger den Frommen als den Halbgläubigen. Lehrsätze, Leitsprüche, Zeremonien oder Tabus sind nur das Mausoleum einer Religion."

"Der Weg zum Goldenen Bären führt nur über die Straße nach Guantanamo", jubelt Hanns-Georg Rodek über Michael Winterbottoms gleichnamigen Berlinale-Beitrag: "'The Road to Guantanamo' ist das bisherige Meisterstück jener spezifisch Winterbottomschen Inszenierungsweise der - nennen wir es so - Emotionalisierung durch Tatsachen." Michael Pilz schreibt über Dominik Grafs Panorama-Film "Der rote Kakadu". Cosima Lutz berichtet vom Talent Campus. Peter Dausend sieht sich Filme aus dem Nahen Osten an. Für das Magazin hat sich Dausend ins Berliner Stargetümmel geworfen.

Besprochen wird auch Sasha Waltz' für die Tänzer der Opera de Lyon produzierte Choreografie "Fantasie".

TAZ, 15.02.2006

Im Kulturteil denkt der dänische Soziologe Lars Qvortrup, Professor an der Universität Süddänemark in Odense, darüber nach, was aus dem Karikaturenstreit zu lernen sei. Qvortrup setzt dabei mit Luhmann auf "Komplexität und Selbstregulierung" statt Kampf der Kulturen. Katrin Bettina Müller berichtet über die Entscheidungen der Jury des Berliner Theatertreffens. Auf der Meinungsseite ereifert sich Michael Rutschky in einer doppelbödigen Polemik über den deutschen Film.

Auf den Berlinaleseiten glaubt Harald Fricke, dass Annette K. Olesens "1 : 1" über die gescheiterte Integration in Dänemark für "reichlich emotionalen Zündstoff" sorgt. Ekkehard Knörer sah Brice Chauvins Debüt "Hotel Harabati". Und Barbara Schweizerhof bemängelt, dass die Filme von Andrzej Wajda, der den Ehren-Bären erhält, "blamablerweise" nicht gezeigt werden. Barbara Schweizerhof schmäht Michael Winterbottoms "Wettbewerbsbeitrag "Road to Guantanamo": "Schmissig nachgestellte Szenen von Krieg, Gefangenschaft und Folter".

Schließlich Tom.

FR, 15.02.2006

In zwei Beiträgen wird der heutige 150. Todestag von Heinrich Heine begangen. In einem Porträt würdigt Ina Hartwig den "ernstesten, witzigsten und unerschrockensten Schreiber deutscher Sprache". Der Bochumer Germanist Manfred Schneider untersucht misstrauisch die "Versöhnung" der Deutschen mit dem Dichter, denn an seiner Popularisierung in den siebziger Jahren habe "manche poststalinistische Feder mitgekratzt". "Erst seit die Deutschen gelernt haben, dass es eine Kunst ist, so zu sprechen, wie es die Kunst verlangt, seit sie sich mit den Paradoxien der Sprache und der Welt vertraut gemacht haben, seit sie in der Sprache der Moderne Halt gefunden haben, können sie ihre Kinder in die Heine-Schulen schicken."

Von der Berlinale berichtet Daniel Kothenschulte über James McTeigues Comicverfilmung "V for Vendetta", Romuald Karmakars Islamismus-Dokument "Hamburger Lektionen" und das Drama "Der freie Wille" von Matthias Glasner. In Times mager reiht sich Thomas Medicus in den Chor der Kritiker über die Vernachlässigung Westberlins ein.

Besprochen werden Richard Strauss' Oper "Arabella" in der Deutschen Oper Berlin, Peter Zadeks Inszenierung von Shelagh Delaneys fast 50 Jahre altem Erstlingswerk "Der bittere Honig" am Hamburger St. Pauli Theater und Bücher, darunter neue und alte Heine-Literatur, das Iran-Porträt "Im Rosengarten der Märtyrer" von Christopher de Bellaigue und eine Studie über Juden und Araber im Mittelalter (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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Tagesspiegel, 15.02.2006

Fast sämtliche deutsche Karikaturisten richten eine Solidaritätsadresse an den wegen seiner Iran-Karikatur angefeindeten Klaus Stuttmann. Dürfen jetzt nach Mohammed auch nicht mehr iranische Fußballspieler karikiert werden? "Dies zeigt, auf welch gefährlichem Weg wir uns befinden, wenn wir hinnehmen, dass die Tabuzonen der Satire und Meinungsäußerung je nach politischem Kalkül und Interesse immer stärker ausgeweitet werden. Als Karikaturisten haben wir die Aufgabe, alle Probleme und Konflikte, die die Öffentlichkeit und somit auch uns bewegen, zu kommentieren, seien sie politischer, gesellschaftlicher oder auch kultureller Art. Und wir bedienen uns dabei jener Mittel, die eine Karikatur per definitionem erst zur Karikatur machen: nämlich der Kritik, Polemik, Übertreibung und Ironie. Würden wir durch den Druck von außen oder auch durch die eigene ihm vorauseilende Selbstzensur ständig wachsende Zugeständnisse bei der Wahl der Themen oder der Mittel machen müssen, so wären wir, so wäre das Medium Karikatur bald am Ende."
Stichwörter: Satire, Selbstzensur

SZ, 15.02.2006

In einem Interview äußert sich der Militärhistoriker Martin van Creveld über das Video britischer Soldaten, die irakische Demonstranten misshandeln. Creveld erklärt, dass der Westen, weil er "seit Jahren so stark" sei, solche Verhaltensweisen eigentlich nicht brauche; aufgrund seiner überlegenen Militärmacht seien solche Bilder inakzeptabel. "Wäre es umgekehrt, hätte man sie sehr wohl gebraucht, und die entsprechenden Bilder wahrscheinlich sogar geliebt". Er als Israeli finde den Skandal jedenfalls "wunderbar": "Die Briten sind seit Jahren damit beschäftigt, uns Israelis vorzuhalten, was für furchtbare Dinge wir den armen Palästinensern antun. (...) Tony Blair, der ja ein richtiger Heuchler ist, hat jetzt auch Dreck am Stecken."

Das Islambuch für Jugendliche des dänischen Autors Kare Bluitgen, für das sich lange kein Illustrator fand und das letzlich den Karikaturenstreit auslöste, ist nun erschienen - mit Illustrationen eines anonymen Zeichners, so Johann Schloemann, auf die Autor und Verlag mit Rücksicht auf den gegenwärtigen Kontext "ohne weiteres" hätten "verzichten" können."

Weitere Artikel: Norbert Grob porträtiert Helmut Prinzler, den Spiritus Rector der diesjährigen Retrospektive auf der Berlinale. Alexander Menden berichtet über den Kanzler der Universität Oxford, der im Fernen Osten auf Werbetour auf der Suche nach Studenten ist. Christopher Schmidt kommentiert die Auswahl zum Berliner Theatertreffen. Gratuliert wird schließlich dem Autor und Kulturpolitiker Dieter Lattmann zum 80. Geburtstag. Christian Schütze referiert ein Treffen der deutschen und polnischen Sektionen der Bonhoeffer-Gesellschaft in Breslau. Frank Thinius meldet, dass in Wien eine Gedenkstätte für die Opfer der NS-Deportation geplant ist.

Auf der Schallplattenseite porträtiert Jörg Königsdorf die Berliner Akademie für Alte Musik, die weltweit zu den Spitzenensembles der Szene gehöre. Vorgestellt werden unter anderem Einspielungen von Georg Muffats "Armonico Tributo" und "schon immer vernachlässigter" Cellomusik von Henry Purcell. Die Kurztipps widmen sich Vivaldis Oper "Tito Manilo" oder Heinrich Schütz? "Symphoniae sacrae III".

Fritz Göttler schwärmt von Dominik Grafs "Der Rote Kakadu", der ihn in sichtlich gelöste Stimmung versetzt hat. Graf "liebt seine Schauspieler, Max Riemelt als Siggi, Jessica Schwarz als Luise, Ronald Zehrfeld als Wolle, gleich darauf wird sich Tanja Schleiff als melancholische, an ihrer Berufung zweifelnde und manchmal masturbierende Kakadu-Sängerin Rena dazugesellen. Dann wird man endgültig an die Filme der Nouvelle Vague denken, die etwa zu der Zeit gedreht wurden, da diese Geschichte spielt. Dominik Graf behandelt sie alle mit der gleichen Zärtlichkeit und Neugier, die Haupt- und die so genannten Nebendarsteller, die Guten und die Bösen, die Verwegenen und die Verzweifelten."

Besprochen werden eine Ausstellung mit Dichterstimmen in Tondokumenten von 1901 - 2004 im Züricher Museum Strauhof , ein Auftritt Liza Minellis in München, Maria Bloms Film "Zurück nach Dalarna!", und Bücher: neuere Publikationen zum Heine-Jahr und eine Neuauflage von Hugo Balls Rundumschlag "Zur Kritik der deutschen Intelligenz". (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

NZZ, 15.02.2006

Joachim Güntner rekapituliert den "diffizilen" Streit der Übersetzer mit den Verlagen. "Schriftsteller sind die Übersetzer so wenig, wie Pianisten von Haus aus Komponisten sind. Interessanterweise passt ihnen dieser Unterschied bei der Honorierung gut ins Konzept. Als 'rekreative' Interpreten eines Werkes sehen sie sich mit der Würde ausgestattet, 'Nebenautor' zu sein; zugleich aber unterscheidet sie ökonomisch vom 'Hauptautor', der sein Manuskript anbietet, dass sie im Auftrag eines Verlags arbeiten. Das Hybride ihrer Stellung erlaubt Argumentationen mit hübschen Pointen."

Besprochen werden eine Ausstellung zur Geschichte der Lichtkunst im Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe und Bücher, darunter zwei Neuerscheinungen zur Philosophin Hannah Arendt und Klaus Rifbjergs Roman "Nansen und Johansen" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
Stichwörter: Hannah Arendt

FAZ, 15.02.2006

In der Leitglosse findet es Lorenz Jäger ungerecht, dass nur Muslime karikiert werden und schlägt Brüche der politischen Korrektheit vor, die seiner Auffassung nach im Westen zu ähnlichen Reaktionen führen würden, wie die dänischen Karikaturen bei einigen muslimischen Veranstaltern, zum Beispiel: "eine Karikatur, Kofi Annan darstellend, mit großem Nasenring aus Holz, einem Leopardenschurz und einem Massai-Speer, die Blauhelme im Kongo kommandierend", oder: "Klaus Wowereit zusammen mit Guido Westerwelle beim Christopher-Street-Day, dem Anlass entsprechend entkleidet." Na, das wäre doch mal was für Greser & Lenz!

Weitere Artikel: Patrick Bahners hat einem Vortrag der Verfassungsrichterin Christine-Hohmann Dennhardt zugehört, war aber mit ihrem Bild von der deutschen Geschichte nicht einverstanden. Dietmar Dath beklagt einen offensichtlich bei Ulf Poschardt, aber auch "jungen Kreativen" grassierenden neuen Liberalismus. In einer Meldung wird die Auswahl der Jury für das nächste Theatertreffen präsentiert. Der Juraprofessor Christoph Möllers beklagt Menschenrechtsverletzungen gegen saudische Stiftungen und Geschäftsleute, deren Auslandsvermögen nach dem 11. September von den UN eingefroren wurden. Klaus Ungerer schreibt über eine Plakatkampagne von Amnesty International, in der bekannte Sportler als Folteropfer dargestellt werden. Timo John freut sich über die Sanierung des Corbusier-Hauses in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung. Paul Ingendaay mokiert sich über die Weite des spanischen Kulturbegriffs, die dazu führt, dass in der spanischen Statistik Hunderttausende von Arbeitnehmern der Kulturindustrie zugerechnet werden.

Auf der Berlinale geht's um Dominik Grafs neuen Film "Der rote Kakadu", um Michael Winterbottoms Wettbewerbsbeitrag "The Road to Guantanamo" (Andreas Platthaus ist mit der Mischung von Spiel- und Dokumentarfilm nicht einverstanden: "Einen Spielfilm, der vorgibt, eine Dokumentation zu sein, nennt man 'Mockumentary', weil er bewusst irreführt. Winterbottoms Film aber ist etwas anderes. Man könnte ihn 'Fuckumentary' nennen, denn ihm ist die Trennung der Genres egal"), um die physische Präsenz des phantomartigen Regisseurs Terrence Malick bei einem Abendessen der American Academy, um die "Cinema for Peace"-Gala. Und Andreas Platthaus begutachtet neue Tricktechniken, mit der in Hollywoodfilmen ganze Gebäude virtuell zum Einsturz gebracht werden.

Auf der Medienseite schreibt Andreas Rossmann über neue Erkenntnisse zur Rolle des Verlagshauses Neven-Dumont unter den Nazis. Und Michael Hanfeld berichtet über die neue Karikaturenaffäre um eine Zeichnung von Klaus Stuttmann im Tagesspiegel.

Auf der letzten Seite berichtet Kerstin Holm über eine florierende Fälscherindustrie, die die Kunstnachfrage neureicher russischer Geschäftsleute bedient. Jürgen Kaube kommentiert Äußerungen der Bundesjustizministerin Brigitte Zypries zur Juristenausbildung in Deutschland. Und Irene Bazinger porträtiert die Schauspielerin Anne Tismer, die in Berlin einen Kunstort für sämtliche Sparten, das "Ballhaus Ost" aufmacht.

Besprochen werden eine Ausstellung spanischer Malerei des 19. Jahrhunderts im Prado und Ereignisse "Eclat-"Festivals für Neue Musik in Stuttgart.

Im politischen Teil fragt Martin Mosebach auf einer ganzen Seite: "Sind die Deutschen noch ein Kulturvolk?", kommt aber zu keinem abschließenden Ergebnis. Und Henning Ritter kommentiert im Leitartikel auf Seite 1 die Verwerfungen in der Akademie der Künste.