Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.02.2006. Der Tagesspiegel bringt ein Interview mit dem Karikaturisten Klaus Stuttmann, der durch eine Zeichnung der iranischen Fußballmannschaft den Zorn der Iraner auf sich zog. Der gestrige Botho-Strauß-Essay aus dem Spiegel versetzt die Feuilletons in Wallung. Die Reaktionen reichen von Anerkennung bis hin zur Diagnose von Stammtischressentiments. Ebenfalls umstritten: Matthias Glasners deutscher Wettbewerbsfilm "Der freie Wille" bei der Berlinale.

Tagesspiegel, 14.02.2006

Im Tagesspiegel hat eine Karikatur von Klaus Stuttmann den Zorn der Iraner auf sich gezogen - Stuttmann hat die iranische Fußballmannschaft als Selbstmordattentäter gezeichnet und ist jetzt wegen mehrerer Morddrohungen von zuhause ausgezogen. Der Tagesspiegel interviewt ihn heute. Auf die Frage, ob man karikieren kann, was anderen heilig ist, sagt er: "Darf man. Sonst könnte ich gar nichts mehr zeichnen. Irgendetwas ist irgendjemandem immer heilig. Und im Zeitalter der Globalisierung wird es immer schwerer. Vor ein paar Jahren hatte ich es im Gefühl, wem man was zumuten kann. Jetzt geht eine Zeichnung im Nu über den ganzen Erdball, und die Kulturen haben ganz andere Humorauffassungen. Das wird wirklich kompliziert." Auch als Karikatur hat Stuttmann diesen Eindruck dargestellt.

Durchaus bedenkenswert findet Rüdiger Schaper den "Konflikt"-Beitrag von Botho Strauß im Spiegel (mehr hier), dem "alles Triumphale, Rechthaberische, Kriegerische" abgehe. "Der Literat wünscht sich, was übrig bleibt: 'die Annäherung und den Disput der Schriftkulturen.' Wer das als Rückfall ins Mittelalter bezeichnet, übersieht, dass das Mittelalter nicht nur finster war. Und dass nicht überall auf der Welt die mitteleuropäische Zeit gilt." Weniger gefiel Schaper, was Frank Schirrmacher gestern in der FAZ aus dem Essay las. "Der Alarmist Frank Schirrmacher hat in der FAZ die Gedanken von Botho Strauß, was sonst, zu einer bevölkerungspolitischen Warnung verdreht. Wir Methusalems, so muss man Schirrmacher lesen, werden bald von zornigen jungen muslimischen Männern umgeben sein. Verkehrte Welt, noch einmal: Strauß hingegen erinnert an Toledo, wo im Mittelalter eine Blütezeit religiöser Toleranz und 'westöstlicher Synergien' herrschte. Es wäre in der Tat verheerend, die modernen Phasen des Islam in der Geschichte zu negieren."

NZZ, 14.02.2006

Rebecca Hillauer stellt das "Theater des Jahres", die Neue Bühne Senftenberg vor. Sieglinde Geisel wirft einen Blick in die Neue Rundschau, die sich mit "Heiligenleben" befasst. U.Sm. meldet, dass das russische PEN-Zentrum in Moskau "von der Steuerpolizei die Aufforderung erhalten, innerhalb von fünf Tagen eine Kaution von 2 Millionen Rubel (90 000 Franken) für das Grundstück seines Gebäudes zu hinterlegen. Der Leiter des Zentrums, Alexander Tkatschenko, kündigte in einem Interview mit Radio Svoboda an, dass das Zentrum nicht imstande sei, diesen Betrag zu bezahlen, und möglicherweise geschlossen werden müsse."

Besprochen werden Mozarts "La finta giardiniera" im Opernhaus Zürich, die Ausstellung "Gott sehen" im Kunstmuseum des Kantons Thurgau und Bücher, darunter Zakes Mdas Roman über einen Skandal aus der Zeit der Apartheid, "Die Madonna von Excelsior", und Dan Diners Buch über den Stillstand in der islamischen Welt, "Versiegelte Zeit" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 14.02.2006

Eckhard Fuhr legt zu Botho Strauß' gestrigem Essay nach und warnt davor, die "Wut der islamischen Massen" als von "Mullahs und politischen Despoten" künstlich erzeugt anzusehen. Er zumindest glaubt nicht, dass "diese Massen" so leben wollen, wie wir im Westen. "Was die materielle Seite des Lebens betrifft, mag das ja stimmen. Aber bei allem, was darüber hinaus geht, sollten wir im Westen uns von dem Gedanken verabschieden, wir seien das heimlich bewunderte und fortschrittsgeschichtlich geadelte Vorbild."

Wolf Lepenies verteidigt die Akademie der Künste gegen ihre Spötter und zu hohe Erwartungen: "Werfen wir einen Blick über den Zaun und schauen zunächst auf die berühmteste aller Akademien, die Academie francaise. 40 Unsterbliche, es gibt nur eine begrenzte Zahl von fauteuils - ein Schläferverein. Die Berliner Akademie der Künste ist dagegen ein Club von Springinsfelds. Der französische Intellektuelle spottet über die Akademie - bis er Mitglied geworden ist."

Weiteres: Der Vorsitzende des Historikerverbandes, Peter Funke, beklagt in einem Interview die geplante Umwidmung des Göttinger Instituts für Geschichte in eine Einrichtung zur Erforschung heterogener Gesellschaften. Uta Baier berichtet von den Plänen des neuen Hamburger Kunsthallenchefs Hubertus Gaßner, aus dem Museum einen Verwöhntempel zu machen. Besprochen wird die Inszenierung von Mozarts "Gärtnerin aus Liebe" von Nikolaus Harnoncourt und Tobias Moretti.

Als einen Höhepunkt im Berlinale-Wettbewerb lobt Hanns-Georg Rodek Matthias Glasners Film über einen Serien-Vergewaltiger (gespielt von Jürgen Vogel): "In seinem Kern beschreibt 'Der freie Wille' eine Zwickmühle, in welcher der freie Wille sämtlicher Beteiligter ausgeschaltet ist: derjenige des Opfers, derjenige des Täters, der sich - in der Sicht des Films - nie unter Kontrolle bringen wird, und derjenige der Gesellschaft, die die Pflicht habe, seine Umgebung vor ihm zu schützen. Nur einen freien Willen gesteht der Regisseur Theo noch zu, und der führt zu einer in ihrer Emotionalität ungeheuer komplexen Schlussszene."

Außerdem von der Berlinale: Hellmuth Karasek schreibt über die Traumfrauen der fünfziger Jahre. Michael Pilz meldet, dass Marilyn Manson "Alice im Wunderland" verfilmen möchte. Holger Kreitling hat James McTeigues Comic-Verfilmung "V for Vendetta" gesehen.
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FAZ, 14.02.2006

Im Medienteil stellt Henrike Thomsen den islamischen Fernsehprediger Amr Khaled vor, der auf dem arabischen Satellitenkanal Iqra mit wöchentlichen Sendungen über das Leben des Propheten, das Ramadan-Fasten und mit seiner Selbsthilfeorganisation 'Lifemakers' bekannt wurde (hier seine Ansprache zu den Karikaturen). "Khaled kritisiert unverhohlen die Zustände im Mittleren Osten, vor allem das Bildungssystem, aber auch die traditionellen Geistlichen, die aus seiner Sicht nur reden und auf Pilgerfahrt gehen. Khaled, der einen Bachelor in Wirtschaftswissenschaft hat und seit einigen Jahren in England lebt, ist ein Macher. Sein Weltbild ist eine Mischung aus strengem Islam und einer 'You can do it'-Philosophie. Für die Weltgesundheitsorganisation, die britische Polizei und den Sportartikelhersteller Nike ist das die richtige Mischung: Sie kooperieren mit Khaled und unterstützen seine Projekte."

Im Feuilleton zählt Tilmann Lahme auf, was vom materiellen Erbe Thomas Manns alles vermisst wird - zum Beispiel die Nobelpreismedaille. Jordan Mejias spottet über den "Unscharfschützen" Dick Cheney, der bei einer Wachteljagd offensichtlich einen der ihn begleitenden Jäger getroffen hat. Auf der Titelseite wird ein Valentinsgedicht abgedruckt, dass Patricia Highsmith 1964 an sich selbst schrieb. Paul Ingendaay analysiert es. Gustav Falke bedauert den Tod des Sufi-Sängers Bahauddin.

Auf der Berlinaleseite verreißt Verena Lueken Matthias Glasners Studie eines Vergewaltigers. "Es gibt wenige Filme, die mit gutem Grund die Zuschauer länger als eineinhalb, höchstens zwei Stunden in ihre Sessel zwingen, und Matthias Glasners Wettbewerbsbeitrag 'Der freie Wille' gehört nicht dazu." Rezensiert werden auch Robert Altmans Film über die Radioshow "A Prairie Home Companion", James Bennings "One Way Boogie Woogie 27 Years Later" und Alan Berliners Untersuchung seiner Schlaflosigkeit "Wide Awake". Andreas Kilb referiert zudem das Gespräch zwischen den Kameramännern Christopher Doyle und Anthony Dod Mantle.

Auf der letzten Seite beobachtet Andreas Kilb den Niedergang des gutbürgerlichen Charlottenburgs in Berlin. Gina Thomas meldet, dass Luigi Canforas wegen seiner Ansichten über Stalin und den Kommunismus umstrittenes Buch zur Geschichte der Demokratie jetzt in England erschienen ist. Richard Pohle porträtiert kurz die klassische Philologin Gyburg Radke, die soeben mit dem Leibniz-Preis ausgezeichnet wurde.

Besprochen werden Nikolaus Harnoncourts und Tobias Morettis Inszenierung von Mozarts früher Oper "La finta giardinera" als "kurzweiliges Lustspiel" am Zürcher Opernhaus, eine Ausstellung über die Kunst der 20er Jahre in der Städtischen Galerie Karlsruhe, eine Schau mit den Skulpturen und Objekten von Wolfgang Laib in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel, als Buch unter anderem Leonie Swanns Krimi "Glennkill" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FR, 14.02.2006

Auf der Standpunkte-Seite verteidigt Rahel Volz von Terre des femmes Necla Kelek gegen die Angriffe von sechzig Migrationsforschern: "Es gibt keine genauen Zahlen über das Ausmaß von Zwangsehen. Die Arbeit von Terre des Femmes macht jedoch deutlich, dass es sich dabei nicht um Einzelfälle handelt. Es ist an der Zeit, dass auch die Migrationsforschung diese Problematik anerkennt und nicht damit abtut, dass es dafür 'bekanntlich Gesetze gibt'."

Im Feuilleton diagnostiziert Ina Hartwig bei Botho Strauß eine "stammtischhafte Melange aus Angst und Neid, kurz: aus Ressentiments". Besprochen werden Luk Percevals Inszenierung der "Maria Stuart" an der Schaubühne Berlin und ein lauschiges Zusammensein von Jeremy Rifkin und Daniel Cohn-Bendit bei einem Frankfurter Gespräch über Europa.

TAZ, 14.02.2006

Katajun Amirpur setzt im Feuilleton weiterhin auf die progressive Jugend im Iran - trotz Ahmadinedschad. "Sie haben die Gewissheit, dass sie am Ende doch am längeren Hebel sitzen. 'Im schlimmsten Falle warten wir eben, bis die alle ausgestorben sind', scheinen viele zu meinen. Selbst in den theologischen Hochschulen, den Kaderschmieden der Konservativen, wird heute über Islam und Demokratie, Islam und Menschenrechte diskutiert. Und viele jüngere Mullahs sind inzwischen der Meinung, dass die Religion beschmutzt wird, wenn sie zu viel mit der Politik zu tun hat. Auch dies trägt dazu bei, dass diese Gesellschaft immer stärker für die Trennung von Religion und Politik eintritt."

Das islamische Bilderverbot ist ohnehin eine frühe Form der Aufklärung, ergänzt Christian Schneider in der zweiten taz. "Es verwaltet die grundlegende Differenz zwischen Weltlichem und Göttlichem, indem es darauf beharrt, dass die göttliche Macht nicht repräsentiert werden kann, ohne sie zu verweltlichen." Für das Staralbum porträtiert Susanne Lang Oktay Özdemir aus Detlev Bucks "Knallhart".

Im Berlinaleteil trifft Sebastian Frenzel den Schauspieler Milan Peschel, der in "Lenz" zu sehen ist. Susanne Messmer erfährt vom thailändischen Regisseur Pen-ek Ratanaruang, warum in seinen Filmen schlechtes Englisch eine Tugend ist. "Die Welt ist einfach so. Ich lebe so. Ich lebe in Bangkok, und trotzdem spreche ich die Hälfte des Tages schlechtes Englisch mit meinen Freunden. Und auch auf den Filmfestivals spreche ich schlechtes Englisch. Alle sprechen heute schlechtes Englisch. Ich finde schlechtes Englisch einfach charmant. Es ist eine ganz neue Sprache."

In der einzigen Besprechung findet Simone Kaempf Peter Zadeks Version von Shelagh Delaneys "Der bittere Honig" am St. Pauli Theater zwar glamourös besetzt , stößt sich aber an der "lauschigen Sozialromantik".

Und Tom.

SZ, 14.02.2006

Gestern freute sich Botho Strauß in seinem Spiegel-Essay über den Karikaturenstreit über die Rückkehr der Verbindlichkeit. Thomas Steinfeld macht heute Anmerkungen zu diesem Artikel, durch den er sich an das späte 19. Jahrhundert erinnert fühlt, "an den Ultramontanismus zum Beispiel, an lauter heroische und am Ende vergessene Versuche, den erlöschenden doppelten Kern des christlichen Abendlands, die Kunst und die Religion, erneut zum Glühen zu bringen - wider die Kräfte einer rapide fortschreitenden Säkularisierung." Im Aufmacher konstatiert Alexander Kissler, dass die Kirchen nach dem Karikaturenstreit zusehends vom Konzept des Dialogs der Religionen im Zeichen ihrer gemeinsamen Genealogie abzugehen scheinen: "Abraham trennt heute mehr, als dass er eint."

Weitere Artikel: Jens-Christian Rabe zitiert aus dem Tagebuch, das der Rockstar und Kate-Moss-Verführer Pete Doherty im Gefängnis schrieb, wo er wegen notrischen Kokaingebrauchs einige Tage verbringen musste: "Ich werde mir eine Weile lang die Haare kämmen und sogar mein Bett machen." Christian Meier verfolgte ein von den Kirchen organisiertes (und lange vorm Karikaturenstreit beschlossenes) Symposion zum Thema "Feindbild Orient - Feindbild Westen" in Bonn.

Auf der Berlinale-Seite betrachtet Amin Farzanefar die sechs iranischen Filme, die in verschiedenen Sektionen des Festivals laufen. Und Susan Vahabzadeh ist von Matthias Glasners Film "Der freie Wille" (mehr hier) über einen von Jürgen Vogel gespielten Vergewaltiger gar nicht begeistert: "Vor allem aber ist 'Der freie Wille' voll gepackt mit falschen Gefühlen und falschen Tönen."

Besprochen werden Mozarts "Giardiniera" in Zürich und Salzburg, Peter Zadeks Inszenierung von Shelagh Delaneys Kammerspiel "Bitterer Honig" am Sankt Pauli-Theater ("zwischen der fulminanten Eva Mattes und der trotzig-verbohrten Julia Jentsch spitzt sich der ewige Mutter-Tochter-Clinch tatsächlich so dramatisch, hart und handgreiflich zu, dass die Fetzen fliegen, und einem der Atem stockt ob so viel Hass, Wut und Gefühlsverkümmerung", schreibt Christine Dössel), "Smile Machines", die Ausstellung zum Berliner Medienkunstfestival "Transmediale" und Strauss' "Arabella" an der Deutschen Oper Berlin.