Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.12.2005. In der SZ fragt die kroatische Autorin Slavenka Drakulic: "War der Preis für die Staatsgründung Kroatiens die geplante und systematische Ausrottung der serbischen Minderheit?" Die FAZ porträtiert den zweitbesten Freund von Gerhard Schröder. Die FR findet King Kong groß und die weiße Frau etwas klein. In der Welt fordert Norbert Lammert eine Expansion der Leitkultur nach ganz Europa. 

FAZ, 13.12.2005

Jürg Altwegg porträtiert auf der Medienseite Gerhard Schröders zweitbesten Freund, einen Mann namens Frank A. Meyer, seines Zeichens Chefpublizist und -Strippenzieher des Zürcher Ringier-Verlags. Meyer nutzte ein historisches Unglück - seine Verantwortung für die Berichterstattung über die Sex-Affäre um Botschafter Borer - als Chance: "Als Exil wählte sich Meyer Berlin. In der Hauptstadt entstand Cicero. Und hier fand der verstoßene Frank A. Meyer einen neuen Männerfreund. In den Monaten seiner größten Demütigung bereitete er seinen größten Triumph vor." Der große Vorteil für Schröder: "Da die russische Gasfirma NEGP, bei der Schröder Aufsichtsratsvorsitzender wird, Anfang des Monats Sitz im Schweizer Steuerparadies Zug genommen hat, sind die Dienstwege nicht weit." Meyer wird auch der folgende, ausgesprochen unfaire Spruch über die deutschen Medien zugeschrieben: "Wenn morgen Berlusconi die Medienmacht in Deutschland übernähme, müsste man, wie es aussieht, kaum Journalisten auswechseln."

Weitere Artikel: Eleonore Büning feiert in ihrer Kritik des "Boris Godunow" unter Daniel Barenboim den Berliner Bassisten Rene Pape: "Selten einmal hat man den Boris so tonlos mit seinem Gott hadern, so lyrisch-zärtlich mit seinen Kindern sprechen, aber auch so dumpf und dunkel Bannflüche und Befehle ausspucken hören." In der Leitglosse mokiert sich Lorenz Jäger über die religiös korrekten Amerikaner, die sogar auf Nichtchristen Rücksicht nehmen und von Holiday- statt Christmas-Season sprechen. Gemeldet wird, dass Schriftsteller wie Saramago, Marquez und Grass eine Solidaritätserklärung für Orhan Pamuk abgegeben haben. Enrico Santifaller besucht das neue "Dokumentationszentrum Hinzert" im Hunsrück, das als "begehbare Skulptur von erratischer Fremdheit" an ein Konzentrationslager an diesem Ort erinnert.

Auf der Medienseite schreibt Michael Hanfeld den Nachruf auf den Filmproduzenten Gyula Trebitsch. Michael Hanfeld meldet auch, dass Erich Schumann mit seinen 75 Jahren Geschäftsführer bei der WAZ bleibt. Hanfeld schreibt weiter, dass die Telekom gegen Premiere um die Fernsehrechte an der Fußballbundesliga pokert.

Auf der letzten Seite legt der Arzt und Publizist Michael Feld in einer eindringlichen Reportage überzeugend dar, dass es kein besonderes Vergnügen ist als Assistenzarzt an deutschen Krankenhäusern zu arbeiten, von einer späteren Niederlassung als frei praktizierender Arzt ganz zu schweigen. Hannes Hintermeier fürchtet um die Zukunft des bairischen Dialekts. Und Dieter Bartetzko erinnert an Fay Wray, die erste "weiße Frau" in der Geschichte der King-Kong-Filme.

Besprochen werden Peter Jacksons neue Version von "King Kong", eine Ausstellung mit Werken des schwedischen Idyllenmalers Carl Larsson in der Hypo-Kunsthalle in München, Max Kommerells Stück "Gefangene" in Erlangen, Jan Jochymskis Inszenierung des Stücks "Wir im Finale" von Marc Becker, Massenets "Werther" in Frankfurt und eine Ausstellung über Alexander von Humboldt im Museo de Ciencias Naturales in Madrid.

Auf der DVD-Seite geht's um Neuausgaben der "Thin Man"-Reihe mit William Powell und Myrna Loy, um eine Reihe der 20th Century Fox mit Kinoklassikern und um DVDs von Lars von Trier und Roberto Rossellini.

NZZ, 13.12.2005

Reines Rezensionsfeuilleton heute in der NZZ. Besprochen werden eine Ausstellung von Rubens' frühem malerischen Werk in der National Gallery in London, eine Aufführung von Benjamin Brittens "Peter Grimes" im Zürcher Opernhaus, ein Klavierabend mit Grigory Sokolov im Großen Saal der Tonhalle in Zürich, die Uraufführung von Falk Richters Stück "Die Verstörung" an der Schaubühne Berlin und Bücher, darunter die Erinnerungen von Martin Amis, Franzobels Roman "Das Fest der Steine oder Die Wunderkammer der Exzentrik" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 13.12.2005

Einen Tempel hat Peter Jackson dem "King Kong"-Film von 1933 mit seiner Neuverfilmung errichtet, ruft Daniel Kothenschulte. "Ich liebe dich, sagt Peter Jackson zu King Kong. Und mache dich dabei vollkommen. Was für eine Pointe für einen Film, der von nichts anderem handelt, als der Unvereinbarkeit ungleicher Liebe. King Kong würde Jackson verstehen. Er hätte die weiße Frau auch gern noch ein bisschen größer gehabt."

Weiteres: In Times mager findet Thomas Medicus die Argumente, die gegen den Abriss des Palastes der Republik vorgebracht werden, reichlich ideologisch. Besprochen werden die holländische Inszenierung von Jules Massenets "Werther" mit neuen Sängern an der Oper Frankfurt und Bücher, darunter Martin Kemps "Leonardo"-Studie (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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Welt, 13.12.2005

Uwe Schmitt erinnert an den Heilbronner Architekten Adolf Cluss (1825-1905), der die Architektur Washingtons mitprägte und dem in Washington zur Zeit eine Ausstellung gewidmet ist. Besprochen werden ferner die Neuverfilmung von "King Kong", die große Dada-Ausstellung in Paris und der "Boris Godunow" an der Berliner Staatsoper.

Im Forum möchte Bundestagspräsident Norbert Lammert den Begriff der "Leitkultur", den er jüngst wieder in die deutsche Debatte einbrachte, gleich nach ganz Europa expandieren lassen: "Wenn ein Europa der Vielfalt nationale Identitäten bewahren und dennoch eine kollektive Identität entwickeln soll, braucht es eine politische Leitidee, ein gemeinsames Fundament von Werten und Überzeugungen. Eine solche europäische Leitidee bezieht sich notwendigerweise auf gemeinsame kulturelle Wurzeln, auf die gemeinsame Geschichte, auf gemeinsame religiöse Traditionen."

TAZ, 13.12.2005

In der zweiten taz schreibt Henning Kober aus Kathmandu, wo er beim Turnier Nepal gegen Usbekistan einen Salto mit anschließender Schlägerei beobachtet. Ariel Magnus meldet, dass die Deutsche Welle den im Internet unter dem Pseudonym einer Hausfrau veröffentlichten Roman des Argentiniers Hernan Casciari als besten "Blog des Jahres" ausgezeichnet hat. Hier geht er los.

Besprechungen widmen sich Peter Jacksons Neuauflage von "King Kong", die zumindest stellenweise von Jacksons "exquisitem Trash-Humor" aufgehellt wird, Aufführungen von Aribert Reimanns "expressiver" Öko-Oper "Melusine" in der Regie von Michael Schulz in Weimar und Jacques Webers "spartanischer" Inszenierung von Jean Giroudoux' "Ondine" in Ludwigshafen mit Laetitia Casta, und Büchern, darunter Lukas Einseles Band zum Fotoprojekt "One Step Beyond. Wiederbegegnung mit der Mine", Ross Felds Buch "Erinnerungen an Philip Guston" sowie Martin Mosebachs "Hausfreund"-Buch "Du sollst Dir kein Bildnis machen" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.

SZ, 13.12.2005

Die kroatische Schriftstellerin Slavenka Drakulic kommentiert die Festnahme des kroatischen Ex-Generals Ante Gotovina, der in der Operation "Sturm" 1995 systematische Kriegsverbrechen an den aufständischen Serben in der Krajina verübt haben soll. "In dem Maße, wie man in Kroatien erleichtert ist, dass das Hindernis auf dem Weg in die EU beiseite geräumt ist, ist man darüber beunruhigt, was durch den Prozess gegen Gotovina an die Oberfläche gelangen könnte. Es geht nicht so sehr darum, was Gotovina aussagen und wie viele Menschen - einige vermutlich aus der Regierung - er belasten wird. Viel wichtiger ist, was die Anklage der Politik Franjo Tudjmans nachweisen kann. War der Preis für die Staatsgründung Kroatiens die geplante und systematische Ausrottung der serbischen Minderheit?"

Ulrich Sautter fordert kurz vor dem Abschluss des Handelsabkommens zwischen USA und EU noch einmal (und wahrscheinlich erfolglos) die Kennzeichnungspflicht für fraktionierte Weine. Beim Fraktionieren wird der Wein in Alkohol und Aromastoffe zerlegt und anschließend in veränderten Gewichtungen neu zusammengesetzt. Für Weintester wird es daher künftig knifflig. "Unter normalen Umständen wird man bei der Verkostung eines unbekannten Weins dunkle Farbe, einen Geruch nach Cassis-Konfitüre, kräftigen Alkoholgehalt und gaumenaufrauende Gerbstoffe zum Bild eines Cabernet Sauvignon aus einer warmen Klimazone zusammensetzen. Träfe man hingegen auf einen Wein von gleichem Duft und ebenso dunkler Farbe, doch schlank im Alkoholgehalt und schmeichelhaft am Gaumen, ergäbe die Interpretation der sensorischen Eindrücke Widersprüche: Der Duft deutet auf Cabernet aus warmer Klimazone, doch solche Weine können keinen niedrigen Alkoholgehalt besitzen."

Weiteres: Werner Bloch präsentiert das 350 Millionen Euro schwere Internet-Museum "Discover Islamic Art", das islamische Kunst der arabischen und südeuropäischen Länder dokumentieren will. Petra Steinberger lässt sich vom Geografen und Autor Jared Diamond ("Kollaps") beruhigen: Für unsere Gesellschaft ist es noch nicht zu spät. Katajun Amirpur versteht die erste Frauenkonferenz im jemenitischen Sanaa als Alternative zur gewaltvollen Demokratisierung der arabischen Welt a la USA. In architektonischer Hinsicht lohnt sich der Besuch des neuen Museums "Mac/Val" in der Banlieue-Gemeinde Vitry-sur-Seine auf jeden Fall, meint Johannes Willms, aber die dort ausgestellte zeitgenössische französische Kunst lässt ihn kalt. In der Zwischenzeit sinniert Wolfgang Schreiber über die gegenseitige Befruchtung von Fußball und Musik. Fritz Göttler bewundert den überraschenden Verkauf der Dreamwork-Studios an Paramount und nicht an die lange favorisierte NBC als "großes Stück im klassischen Stil".

Heute entscheidet der NDR-Verwaltungsrat über die Zukunft des durch Stasi-Akten belasteten Sportchefs Hagen Boßdorf, berichtet Hans Leyendecker im Medienteil, und rechnet sich wenig Chancen auf eine Begnadigung aus.

Besprochen werden die Essener Uraufführung von Lutz Hübners "im besten Fall einfallslosen" Stücks "Ehrensache" rund um den Hagener Mädchenmord, die "eindrucksvolle" Ausstellung "SchillerZeit" in Mannheim über den Aufenthalt des Dichters in der Stadt, Arne Birkenstocks Dokumentarfilm "12 Tangos", Johann Kresniks Tanz-Biografie von Hans-Christian Andersen ("Ein Begräbnis erster Güte", ächzt Thomas Thieringer), und Bücher, darunter Gerd Koenens Darstellung des "Russland-Komplexes" der Deutschen, Joshua Sobols Thriller "Whisky ist auch in Ordnung" sowie die Hörbuchfassung des Briefwechsels "Liebe Alice! Liebe Barbara!" zwischen Alice Schwarzer und Barbara Maia (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).