Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.08.2005. In der SZ erklärt Juri Andruchowytsch, warum die Russen, anders als die Ukrainer, am Brot nur riechen. In der FAZ wendet sich Ernst Jandl an die verehrten lederriemen und leser. In der taz fordert Herfried Münkler: Die Europäer müssen eine imperiale, zumindest aber sub-imperiale Aufgabe übernehmen. In der Berliner Zeitung sagt Rita Kuczynski eine Wiedervereinigung von SPD und Linkspartei an.

SZ, 01.08.2005

Angesichts des Siegeszugs der modernen Mischgetränke befürchtet der Autor Juri Andruchowytsch die "totale Ausnüchterung der Slawen" und hält deshalb noch einmal die kulturelle Bedeutung des Wodkas und seines ukrainischen Bruders, des Horilkas, fest. "Die Ukrainer wollen einfach nur gut essen und singen (letzteres ist für sie dasselbe wie atmen), den Russen aber geht es darum, die Wahrheit zu erkennen, also sich die Venen aufzuschlitzen oder unter dem unerträglichen Einfluss plötzlicher Erleuchtung ihrem Nächsten den Schädel einzuschlagen. Die Ukrainer essen zu jedem Glas Schnaps etwas Nahrhaftes und Intensives, Speck zum Beispiel. Die Russen essen nichts dazu, riechen nur manchmal am Brot - ihrer Ansicht nach ist es hinausgeworfenes Geld, zum Wodka etwas zu essen. Er soll nicht schmecken, sondern wirken."

Der Soziologe Wolfgang Sofsky meint, die deutschen Behörden begehen im Terrorkrieg mit ihrem Hang zur Prävention einen grundsätzlichen Fehler. "Ein Angriff mit chemischen oder nuklearen Kampfstoffen träfe die Katastrophenstäbe, Notdienste und Kliniken hierzulande völlig unvorbereitet. Dieses Versäumnis glaubt man ausgleichen zu können, indem man im Vorfeld die Zugriffsschwelle senkt. Für die Illusion, jeden Notfall verhindern zu können, werden Freiheiten, die auch die Attentäter nutzen, für jedermann eingeschränkt. Der Sehnsucht nach Sicherheit entspricht der Irrglaube, der Terrorkrieg ließe sich allein durch polizeiliche oder juristische Vorkehrungen einhegen. Doch weder Selbstmordattentate noch Akte totalen Terrors sind in irgendeinem Gesetzbuch vorgesehen."

"Gerade konzeptuell ehrgeizige Darbietungen des Werkes misslingen immer, fast ausnahmslos" weiß Joachim Kaiser von Mozarts Zauberflöte, "wenn auch nicht so radikal und am Ende quälend langweilig wie leider diesmal bei den Salzburger Festspielen". Graham Vicks Übertragung der Handlung in das Studentenmilieu der 1980er kann Kaiser nicht überzeugen. Doch "schlimmer ist, dass sie auch Mozarts Musik beschädigt".

Andrian Kreye stellt die New Yorker Künstlerin Katinka Matson vor, die mit ihren eingescannten Bildern tief in uns verborgene Wahrnehmungsmuster aus Insektenzeiten aktiviert. Wolfgang Schreiber sinniert über das traditionell skeptische Bayreuther Publikum und Schlingensiefs "Parsifal". Die Mannheimer Trinitatiskirche ist "vom Umbau bedroht", meldet Wolfgang Jean Stock, der vom Architekten Helmut Striffler alarmiert wurde.
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Besprochen werden eine Ausstellung zu Philipp IV. und seinem Lustschloss Buen Retiro im Prado in Madrid, Tschaikowskys Oper "Mazeppa" als rein konzertante und beispielhafte Aufführung unter der Leitung von Valery Gergiev bei den Salzburger Festspielen, Tim Fywells Film "Die Eisprinzessin", und Bücher, darunter Isabel Allendes "Zorro", Henner von Hesbergs "erstaunlich reiches und erfreulich knappes" Buch über die "Römische Baukunst" sowie zwei neue Bände zu Hiroshima (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 01.08.2005

Im Interview mit Ralph Bollmann wirbt der Historiker Herfried Münkler auf den Tagesthemen-Seiten für sein Buch und das Imperium als schön stabile Alternative zur Multipolarität, vor der es ihn eher "gruselt". Die USA sollten ihre Führungsrolle endlich gelassen annehmen, aber auch Europa müsste sich pragmatisch zumindest als Sub-Imperium begreifen. "Europa muss Formen der Integration finden, die zu den Rändern hin flacher werden - über die herkömmlichen Assoziierungsverträge hinaus. Im Falle der Türkei ist eine Vollmitgliedschaft angezeigt. Schon um ein Zusammenfließen der Konflikte im Nahen Osten und im Kaukasus zu verhindern. Der Kollege Winkler diskutiert diese Frage (zum Beispiel hier) identitätspolitisch. Das hat man sich bis zum Ende der Achtzigerjahre leisten können. Jetzt sind die Europäer in eine Situation hineingeraten, in der eine solche Nabelschau nicht mehr möglich ist. Sie müssen eine imperiale Aufgabe übernehmen, ohne sich selbst als Imperium zu positionieren."

Die philippinische Präsidentin Gloria Arroyo fühlte sich unbeobachtet als sie per Handy mit dem Wahlleiter Virgilio Garcillano mauschelte. Dass die Mitschnitte mittlerweile als Klingeltöne herunterzuladen sind und jeder sie kennt, ist auch ein Verdienst der Blogs, berichtet Tilman Baumgärtl, aber nicht nur. Bürgergesellschaft und Mafia arbeiteten Hand in Hand. "Erst als die Banden, die mit illegalen Piraten-DVDs ihr Geld verdienen, auf 'Hello Garci' ansprangen, erreichten die Mitschnitte wirklich die breiten Massen. In weniger als einer Woche hatten die Schwarzhändler in Manila, die an jeder Ecke Mitschnitte von brandneuen Kinofilmen wie 'Krieg der Welten' anbieten, die präsidialen Telefonate im Sortiment."

Weiteres: Daniel Schreiber besucht die "Warm Up Series" im New Yorker Museum P.S.1, die heuer mehr Party als Kunst sind. In der zweiten taz beobachtet Susanne Lang, wie im Cafe Einstein an der Großen Koalition gearbeitet wird. Mia Raben porträtiert jugendliche in Polen, die zwischen Katholizismus und Freizügigkeit schwanken. Arno Frank kommentiert die Absicht Angela Merkels, im Fernsehen nur einmal mit Gerhard Schröder zu streiten. Auf der Medienseite zweifelt Barbara Oertel am ukrainischen Ministerpräsidenten Wiktor Juschtschenko, weil der Berichte über das ausschweifende Leben seines Sohnes nicht sehr demokratiebewusst zu unterdrücken versucht.

Ebenfalls als Tagesthema schildert Bahman Nirumand den künftigen iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad als Angehörigen der radikalen Gotteskrieger, die einst von Ajatollah Chomeini inspiriert wurden. "Aus ihrer Sicht sind Morde an Gegnern der Islamischen Republik ein notwendiger Akt im Dienste des Glaubens."

Besprochen werden Ringo Starrs "ganz wunderbarer" renovierter Dokumentarfilm "Born to Boogie" über Marc Bolan von T.Rex sowie die interaktive DVD "13ter Stock", auf der sich die Bewohner des Bremer Trabantenviertels "Grohner Düne" vorstellen.

Und Tom.

FR, 01.08.2005

Elke Buhr hat dank Bazon Brock begriffen, wie das KaDeWe das kapitalistische System unterminiert: "Es repräsentiert einerseits die Totalität der Welt in horizonterweiternder Vollständigkeit; der Ekel jedoch, der den Menschen automatisch erfasst, wenn er diesem Übermaß an Angebot gegenübersteht, befreit ihn von der Ware als Attraktor und somit vom Terror des Kapitalismus selbst."

Ziemlich flau und eher lahm als lustig fand Hans-Klaus Jungheinrich Graham Vicks Inszenierung der "Zauberflöte" bei den Salzburger Festspielen, "schattenlos glanzvoll" dagegen das Gastspiel des Petersburger Mariinsky-Kirow-Theaters mit Tschaikowskys "Mazeppa". Außerdem besprochen werden die Lüneburger Ausstellung "Celebration" in der Halle für Kunst und Bücher: Inge und Walter Jens' Biografie der Hedwig Pringsheim "Katias Mutter" sowie argentinische Lyrik von Antonio Porchia und Roberto Juarroz (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).
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NZZ, 01.08.2005

Die Schweizer feiern heute ihren sagenhaften Rütli-Schwur von 1291. Wir zitieren Werner Stauffacher: "So erhebet, meine Freunde von Uri, Schwyz und Unterwalden, eure Hand zum Schwure ! Der dreieinige Gott sei Zeuge, dass wir beschlossen haben, unsere Freiheit gegen jede fremde Macht und Gewalt zu schützen für uns und unsere Kinder!"

Berliner Zeitung, 01.08.2005

Die Linkspartei als Nachfolgerin der PDS, meint die Autorin und Ost-Expertin Rita Kuczynski, ist der SPD historisch näher, als es derzeit den Anschein hat. "Langfristig ist nicht ausgeschlossen, dass sich die SPD mit der Linkspartei wiedervereinigt, denn wirklich 'ideologische Differenzen' zwischen den Sozialdemokraten und der Linkspartei a la Gysi & Lafontaine gibt es eigentlich nicht. Die Linkspartei plant keine Revolution wie einst die KPD. Der Zwist zwischen den verzankten Geschwisterparteien heute kreist doch eher um die Höhe des Arbeitslosengelds II."

FAZ, 01.08.2005

Heute wäre Ernst Jandl 80 Jahre alt geworden. Die FAZ präsentiert einige unveröffentlichte Gedichte, zum Beispiel:

"diese gedichte können, da es vorzüglich
gedichte zur bewältigung des Lebens sind,
in jeder beliebigen reihenfolge von Ihnen
gelesen werden, verehrte lederriemen
und leser."

Hinzukommt ein ergreifender Text von Friederike Mayröcker: "Heute morgen nach dem zweiten Erwachen denke ich über den Satz von Gertrude Stein nach, der lautet: 'ich bin ich weil mein kl. Hund mich kennt', und als EJ starb hatte ich den gröszten Teil meiner Identität eingebüszt." Schließlich lesen wir auf der Jandl-Seite die geduldige Antwort auf den ultimativen Brief einer Schülerin mit der Frage, wie sie denn das Gedicht "Im Delikatessenladen" bitteschön zu verstehen habe.

Weitere Artikel: Der emeritierte Althistoriker Christian Meier erklärt im Aufmacher noch einmal, wie schlimm das mit der neuen Rechtschreibung ist. Hans-Peter Riese besucht das von Renzo Piano entworfene Nasher Sculpture Center im texanischen Dallas. Lorenz Jäger mokiert sich in der Leitglosse über einen Erlass in Rheinland-Pfalz, laut dem in Polizeiberichten über Sinti und Roma jeder Hinweis auf ihre Herkunft zu unterbleiben habe. Zhou Derong berichtet über schwere Plagiatssvorwürfe einer chinesischen Journalistin gegen den in den USA lebenden sehr erfolgreichen Autor Ha Jin. Martin Thoemmes besucht Lübecks neues archäologisches Museum mit Ausgrabungen aus dem Mittelalter. Klaus Ungerer nimmt Abschied von dem Barmann Rudolf van der Lak, der fünzig Jahre lang in der Scharoun entworfenen Bar der Galerie Bremer in der Berliner Fasanenstraße amtierte. Dirk Schümer freut sich, dass die Mosaiken des Städtchens Piazza Armerina in Sizilien restauriert werden. Auf der Sachbuchseite berichtet Joseph Hanimann über das Buch "Un detail nazi dans la pensee de Carl Schmitt" des Politologen Yves Charles Zarka, der Schmitt als Vordenker der "Endlösung" entlarven will.

Auf der Medienseite berichtet Karen Krüger über einen Streit an der Hamburg Media School. Nina Rehfeld betrachtet die amerikanische Fernsehserie "Over There", die im Irak-Krieg spielt. Und Michael Hanfeld berichtet über die Frage von Zahl und Zeitpunkt etwaiger Fernsehduelle zwischen Merkel und Schröder.

Auf der letzten Seite betrachtet Frank Rutger Hausmann die antibritischen Karikaturen des Zeichners A. Paul Weber aus dem Jahr 1941. Wolfgang Sandner wendet sich gegen Pläne, aus dem Münchner Gärtnerplatztheater ein Musical- und Operettenhaus zu machen. Und Andreas Kilb kommentiert den angeblich geplanten Verkauf der Realfilmsparte von Jeffrey Katzenbergs Dreamworks-Studio.

Besprochen werden eine "Zauberflöte" unter Riccardo Muti und Graham Vick in Salzburg, ein Auftritt Julie Delpys, die jetzt als Chanson-Sängerin reüssieren möchte, und Wiederaufnahmen des "Parsifal" und des "Tannhäusers" in Bayreuth.