Juri Andruchowytsch

Zwölf Ringe

Roman
Cover: Zwölf Ringe
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005
ISBN 9783518416815
Gebunden, 307 Seiten, 22,90 EUR

Klappentext

Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr. Karl-Joseph Zumbrunnen, österreichischer Fotograf mit galizischen Wurzeln, reist in den neunziger Jahren immer wieder durch die Ukraine. Die Geburtswehen eines neuen Staates, die Ungleichzeitigkeit von brutal geschmackloser Kommerzialisierung, rückwärtsgewandter Huzulenfoklore, Resowjetisierung und Habsburg-Nostalgie faszinieren ihn. Das Chaos der postsozialistischen Übergangszeit scheint ihm unendlich reizvoller als das langweilige Leben im Westen - vor allem, seit er sich in Roma Woronytsch verliebt hat, seine Dolmetscherin. Er begleitet sie auf einem abenteuerlichen Ausflug in die Karpaten.
Was sich in der Bergeinsamkeit, im "Wirtshaus auf dem Mond", einem ehemaligen Observatorium und späteren Sporthotel, abspielt, wo zwischen Videofilmern, Stripteasetänzerinnen, Bodyguards und Intellektuellen der verfemte Dichter der ukrainischen Moderne, Bohdan-Ihor Antonytsch, höchstselbst umgeht; wie Zumbrunnen am Ende zu Tode kommt und seinen wunderbar lyrischen Nachtflug über Mitteleuropa antritt - all das erzählt Andruchowytsch mit so viel Intelligenz und Ironie, dass wir erst spät erkennen, warum dieser postmoderne Heimatroman aus der Ukraine in Wirklichkeit von uns und dem Westen handelt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 22.06.2005

Christoph Schröder hat ein sehr bemerkenswertes und stellenweise "atemberaubend gutes" Buch gelesen, ist aber mit seinem Lob für Juri Andruchowytsch vorsichtiger als mancher Kritikerkollege. So hebt auch er den Erfindungsreichtum, den Überschuss "an genuin literarischer Fantasie" hervor, ist aber zugleich der Ansicht, dass es Andruchowytsch in seiner "postmodernen Karpatengroteske" nicht immer gelinge, selbigen zu einer literarischen Ordnung zu fügen. Der Leser finde also, so Schröder, einerseits ein "Feuerwerk von Ideen, Ansätzen, Schreibweisen und Perspektiven" vor, das nicht weniger vermag, als die Ukraine als historische und mythologische Landschaft "in unser westlich zentriertes Bewusstsein" einzuschreiben. "Andererseits", so Schröder weiter, "lässt Andruchowytsch gerade im zweiten Teil seine Charaktere am langen Arm der Zwangsoriginalität verhungern". Dennoch: ein durch und durch faszinierendes Buch.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 02.06.2005

Olga Martynova ist über diesen Roman verstimmt. Juri Andruchowytsch ist hierzulande als Essayist berühmt geworden, weshalb sein erster ins Deutsche übersetzte Roman "gespannt" erwartet wurde, so die Rezensentin. Das vorliegende Buch hat in der ukrainischen Heimat des Autors einen "kleinen Skandal" verursacht, weiß sie zu berichten, weil Andruchowytsch darin unter anderem die fiktive Biografie des ukrainischen Franz Kafka - Bohdan-Ihor Antonytsch - erzählt . Mit dem Zitieren aus dem Werk Antonytschs verleiht der Autor seiner Geschichte zwar "Tiefe" und "bereichert" es auch ohne Frage, den "Absturz in die postmodernistische ukrainische Folklore" lässt sich damit aber dennoch nicht aufhalten, meint die verärgerte Rezensentin. Bei Andruchowytsch wird aus dem zurückgezogen lebenden Dichter ein ausschweifender Bohemien, wobei er eine derart "klischeebeladene Vita" verpasst bekomme, dass er zur reinen "Boheme-Banalität" gerinnt. Auch im übrigen Roman, in dem sich auf Einladung eines Neureichen verschiedene Figuren in einem Gasthaus zu Ehren Antonytschs versammeln, "dominieren" die "groben Klischees", stellt Martynova ungehalten fest. Insbesondere der neureiche Gastgeber Ylko Warzabytsch ist ihr zu eng an Bulgakows Satan aus "Meister und Margarita" angelehnt, gleichzeitig soll er auch noch das Bild der neuen Reichen parodieren, war die Rezensentin als störend gegensätzlich empfindet. Zudem hat sie zahlreiche Übersetzungsfehler gefunden, was ihren Ärger nur noch weiter anheizt und so ist dieser so erwartungsvoll zu Hand genommene Roman für die Rezensentin eine einzige Enttäuschung.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 23.04.2005

Der Rezensent Lothar Müller hat Juri Andruchowytschs Geschichte des Wiener Fotografen und Ukraine-Liebhabers Karl-Joseph Zumbrunnen als "surrealen Karneval aus dem Osten" erlebt, der sich gegen die sepia-farbene und "sentimental-elegische" Wiederentdeckung der Ukraine durch den Westen verwehrt. Zumbrunnen, so der Rezensent, wird in die mittlerweile in Aufbruchstimmung geratene Ukraine des Jahres 2000 eingeladen, auf eine Karpatenalm, genauer gesagt ins Gasthaus "Auf dem Mond", wo eine bunt gemischte Gesellschaft mehr oder weniger inspiriert-windiger Intellektueller und Kunstschaffender die Karwoche verbringt. Dort fange Zumbrunnen ein Verhältnis mit der verheirateten Dolmetscherin Roma Woronytsch an, woraufhin er ums Leben komme. Eine Zuordnung in die Gattung Ehebruchs- oder Kriminalroman kommt für den Rezensenten jedoch nicht in Frage, denn Andruchowytschs mit allen Wassern der Postmoderne gewaschene Erzähler liefere lediglich ein nonchalant hingeworfenes "windschiefes Handlungsgerüst". Allein in der "Bilderfolge" des zum lyrischen Schutzpatronen erkorenen Dichters Bohdan-Ihor Antonytsch glaubt der Rezensent das "ästhetische Rückgrat" des Romans zu erkennen. In Andruchowytschs "Karneval der Sprache", der, wie der Rezensent en passant bemerkt, "vorzüglich" ins Deutsche übersetzt ist, übernehme das "Delirium" die literarische Herrschaft.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.03.2005

Völlig mitgerissen zeigt sich Ilma Rakusa von diesem Roman des im Westen bisher vor allem als Essayist bekannt gewordenen Autors Jurij Andruchowytsch. Die Handlung, räumt sie ein, ist allerdings ein bisschen schwer wiederzugeben, genauer gesagt: Die Geschichte vom Fotografen Karl-Josef Zumbrunnen, der dem Ruf der "rätselhaft- ruinösen Ukraine" und "seiner anziehend-tollpatschigen Geliebten Roma" folgt und in einem Hotel mit dem schönen Namen "Wirtshaus auf dem Mond" landet, wirke nacherzählt ein wenig trivial. Es geht aber, so Rakusa, weniger um diese Handlungslinie als um die verschlungenen Abschweifungen, die faszinierenden Nebenfiguren, die hinreißenden Wortspiele und die überbordenden "literarischen (und anderen) Anspielungen". Man sieht: Die Rezensentin ist begeistert, und zwar ohne jede Einschränkung.

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