Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.08.2005. Die NZZ reist durch Böhmen und spürt Tendenzen zur deutsch-tschechischen Versöhnung auf. Die SZ entdeckt in den aktuellen Wahlprogrammen kein ehrliches Rezept für die Neuen Länder. In der taz beklagt Zafer Senocak die emotionale Kälte der Deutschen, die ihr Problem mit der Integration durch Statistiken kaschieren. Die FR fragt: Ist Al Qaida eine Erfindung der westlichen Geheimdienste? Der FAZ fehlen 90 bis 150 Millionen Frauen.

NZZ, 02.08.2005

Bei einer Reise durch Böhmen und seine Dörfer, durch Karlsbad und Marienbad, beobachtet Andreas Breitenstein eine deutliche Entspannung im deutsch-tschechischen Verhältnis und stellt eine "Rückbesinnung auf das historische Erbe Böhmens jenseits der nationalen Verbiesterung" fest: "Dass sich über Jahrzehnte hinweg keiner der heimatlosen deutschen Kultur im Böhmerland annehmen wollte, stellt eines der Desaster der Region dar. Mutwillige Zerstörung war das eine, systematische Vernachlässigung das andere - wobei das kommunistische Verdikt altdeutsche Schlösser ebenso traf wie tschechische Klöster. Erst das Ende des Kalten Krieges und die Perspektive auf Europa haben die Neuorientierung der Erinnerung beschleunigt. Was in Polen bereits weit fortgeschritten ist, kommt in Tschechien derzeit langsam und mühsam in Gang: die Pflege der Kultur derer, die 1945 'besiegt' wurden, die Erinnerung an das 'Fremde', ohne welches das 'Eigene' nicht gedacht werden kann.

Besprochen werden Graham Vicks Inszenierung der "Zauberflöte" bei den Salzburger Festspielen (bei der Marianne Zelger Vogt "viel unnützen Zauberspuk und viel Klangzauber" erlebte), Arnaud Desplechins Filmkomödie "Rois et reine", Olga Neuwirths Raumkomposition "Ce qui arrive" bei den Bregenzer Festspielen und Bücher, darunter Antonio Porchias Gedichtband "Voces completas" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

TAZ, 02.08.2005

Auf der Meinungsseite beklagt Zafer Senocak das zerrüttete deutsch-türkische Verhältnis, das mehr und mehr von Stigmatisierungen geprägt sei: "Seit Tagen wird eine Debatte um den Intelligenzquotienten von türkischen Einwandererkindern geführt, der, so belegen es die Zahlen, deutlich niedriger ist als der der deutschen Kinder. Der Zusammenhang zwischen Intelligenz, schulischem Misserfolg und ethnischer Herkunft taucht in der Wahrnehmung plötzlich als eine plausible, einfache Erklärung für Phänomene auf, die in Wirklichkeit komplex und widersprüchlich sind. Überhaupt sind Statistiken im deutsch-türkischen Verhältnis inzwischen ein Muss für jedermann, der mitreden will. Die emotionale Kälte, die Angst und die empfundene Fremdheit gegenüber dem Anderen sollen scheinbar durch harte Fakten untermauert werden. Türken schlagen ihre Frauen öfter als Deutsche, ihre Kinder schneiden in der Schule schlechter ab."

Politisch auch das Feuilleton: Diedrich Diederichsen warnt in der Serie "Political Studies" vor einem Kulturkampf, sollte Schwarz-Gelb an die Macht kommen: "Und zwar zum einen, weil die nicht mehr in Hinterzimmern hockenden Kulturkonservativen wesentlich frecher und selbstbewusster geworden sind und längst in den kulturellen Mainstream eingesickert sind. Zum anderen, weil von der kulturellen Linken momentan keine nennenswerte Gegenwehr zu erwarten ist."

Weiteres: Dirk Knipphals sichtet die ersten Plakate zur Bundestagswahl: "Scheiße, sind die langweilig!" Christian Füller giftet gegen die FAS, die den Clash of Civilzation im Freibad Pankow beobachtet haben will "Eine der interessanten Fragen dieses Nachmittags ist, ob das Stück von Diez auch als Rassismus zu deuten wäre. Ich würde sagen: ja." (Wir fragen uns, wie Füllers Rede von "12-jährigen Mädchen, die wie Nutten herumstolzieren" zu deuten ist). Und Isolde Charim entnimmt dem neuen Buch "On the Politcal" der Theoretikerin Chantal Mouffe Erhellendes zum Thema radikale Demokratie.

Und Tom.

SZ, 02.08.2005

Jens Bisky kann auch in den aktuellen Wahlprogrammen kein ehrliches Rezept für die neuen Bundesländer entdecken. "Die Aufregung über die Linkspartei erlaubt noch einmal, mit den alten Klischees auf die neue Wirklichkeit loszugehen: weiter von 'innerer Einheit' zu fabulieren oder im Osten Horden erbitterter alter Männer mit geballter Faust zu vermuten und zu rätseln, ob Angela Merkel sie vielleicht besänftigen könnte. Die Probleme liegen woanders. Der Osten ist nach wie vor die größte Baustelle der Republik, zwei Drittel der deutschen Wachstumsschwäche gehen auf die Lasten der Einheit zurück. Wenn der Solidarpakt so beibehalten wird wie bisher, werden diese Lasten wachsen. Wenn die Politik des Aufbaus Ost weiter auf den Staat und Gleichheit setzt, wird die ostdeutsche Gesellschaft weiter in Parallelwelten zerfallen."

Schweden ist vorne, Deutschland belegt den 7. Platz, USA ist nur 11.! Die Vereinigten Staaten sind im aktuellen Nationbrand Index, der das Image von 25 Nationen bewertet, weit abgeschlagen, berichtet Andrian Kreye. Werbung ist auf diesem Gebiet schwierig. "Am einfachsten sei dies auf dem Gebiet der Kultur, denn Kultur sei weitgehend wertneutral. Da allerdings schneide die USA relativ schlecht ab. Zwar steht die amerikanische Popkultur weltweit hoch im Kurs, doch die Gefahr, dass der Versuch den Weltmarkt zu übersättigen nach hinten losgeht, ist relativ groß. Amerikanische Hochkultur wird nach Anholts Studie überhaupt nicht wahrgenommen. Auch habe Amerika versäumt, seine Politik der kulturellen Diplomatie fortzusetzen, mit der sie während des Kalten Krieges enorme Erfolge verbuchen konnte."

Weitere Artikel: Alex Rühle lässt sich vom Wissenschaftshistoriker Hans-Arthur Marsiske ("Heimat Weltall") erklären, warum die bemannte Raumfahrt auf der Stelle tritt. "Wir haben diesen endlosen Weltraum und hier unten ist alle paar Monate Landtagswahl. Für eine vernünftige Weltraumpolitik bräuchte man 40-Jahres-Zyklen." Susan Vahabzadeh kolportiert Gerüchte um einen Verkauf der Dreamworks-Studios an NBC Universal. In der Zwischenzeit grübelt Evelyn Roll, ob sich in dem Bedürfnis, Angela "Angie" Merkel zu verniedlichen, "eine neue Unterform der German Angst" steckt. Henning Klüver erinnert an den Anschlag auf den Bahnhof in Bologna vor 25 Jahren, bei dem 80 Menschen starben. Die Hintermänner sind nach wie vor unbekannt. Ijoma Mangold gratuliert dem Germanisten und Präsidenten der Alexander von Humboldt-Stiftung Wolfgang Frühwald zum Siebzigsten.

Auf der Medienseite wertet Hans-Jürgen Jakobs die jeweiligen Auftritte von Schröder und Merkel bei Christiansen und beim Sommerinterview aus. Gewinner nach Punkten ist natürlich der Kanzler. Er "bot eine Performance, von der jeder Außendienstmitarbeiter etwas lernen kann".

Besprochen werden die erste große Retrospektive des Destruktionspioniers Gustav Metzger in der Generali Foundation in Wien, Michael Tippetts "The Knot Garden" als österreichische Erstaufführung in der "dichten" Version von Wally Sutcliffe im Wiener Semper-Depot, Auftritte der japanischen Klassik-Geigerin Midori im Barocksaal von Schloss Schleißheim und ihres italienischen Barockkollegen Giuliano Carmignola im Münchner Herkulessaal, John Schultz' "schöner kleiner" Film "The Honeymooners", Annette Wassermanns Anthologie zur jungen französischen Literatur "Tour de France", zwei neue Bände des Renaissancekünstlers und Autors Giorgio Vasari über Tizian und sich selbst sowie Robert Menasses "mutiger" Essayband "Das war Österreich" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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FR, 02.08.2005

Daniel Kothenschulte greift die These des Filmemachers und CNN-Terrorexperten Adam Curtis auf, der Al Qaida für eine Erfindung westlicher Geheimdienste und der Neokonservativen hält. In Curtis' dreistündiger BBC-Dokumentation findet Kothenschulte durchaus Überzeugendes. Al Qaida funktioniere wie eine Feindbildprojektion aus Zeiten des Kalten Kriegs: "Curtis zeigt herrliche Phantasieskizzen, mit denen nach Angaben des US-Verteidigungsministerium eine mögliche hochtechnisierte Al Qaida-Festung in den Bergen des afghanischen Tora Bora illustriert werden sollte. Alles, was dort später zu finden war, waren ein paar Höhlen." Nun ist noch zu klären, wie die Neokonservativen das World Trade Center zum Einsturz brachten.

Christian Thomas denkt in Times mager, dass der von Golfern abgeschossene Turmfalke in die Lokalfolklore des westfälischen Witten eingehen wird. Auf der Medienseite erfährt Harald Keller von Gernot Schumann, dem Europabeauftragten der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten, warum in der EU die Produktplatzierung vielleicht bald erlaubt sein wird. "

Besprechungen widmen sich der frühen Mozartoper "Mitridate" mit Mark Minkowski (Musik) und Günter Krämer (Regie), die den Salzburger Festspielen den heuer "stärksten und einhelligsten" Erfolg" bescherte, wie Hans-Klaus Jungheinrich feststellt, der Ausstellung "Zeitschichten. Erkennen und Erhalten" im Dresdner Residenzschloss, und Büchern, Pawel Huelles Roman "Castorp" (hier eine Leseprobe) sowie Clarissa Stadlers Roman "N.".

FAZ, 02.08.2005

Martina Lenzen-Schulte lotet die Abgründe der Präimplantationsdiagnostik aus, die bei künstlicher Befruchtung eine Geschlechtswahl zulässt - schon jetzt sind die Auswirkungen pränataler Geschlechtswahl fatal: "Neuere Schätzungen besagen, dass weltweit 90 bis 150 Millionen Frauen fehlen, überwiegend in Asien. In Indien gibt es unter den Ein- bis Vierzehnjährigen acht Millionen Mädchen zuwenig, in China fehlen in diesem Altersabschnitt rund zehn Millionen. Pro Jahr sollen in China eine Million weiblicher Föten abgetrieben werden, in Indien sei die Zahl noch deutlich höher. Es gibt dort reiche, den männlichen Nachwuchs bevorzugende Kasten, denen die Abtreibung aus religiösen Gründen untersagt ist, denen aber eine frühzeitige Geschlechtsselektion im Labor zupass käme. Und auch die Armen sehen sich auf Plakaten beworben: Sie sollen lieber jetzt für die Verhinderung weiblicher Nachkommen zahlen als bei der Heirat den tausendfachen Betrag aufbringen."

Weitere Artikel: In der Leitglosse macht sich Andreas Platthaus launige Gedanken über einen Wahlkampfcontainer der Grünen, die "Wählbar". Wolfgang Sandner besucht das Alte-Musik-Festival in Saintes. Wulf Segebrecht gratuliert dem Literaturhistoriker und Wissenschaftsfunktionär Wolfgang Frühwald zum Siebzigsten. Jordan Mejias liest schon auf Englisch die neuesten Romane des Literatenehepaars Jonathan Safran Foer und Nicole Krauss (Auszüge hier und hier). Rüdiger Klein stellt ein vom Architekturbüro Dürschinger in Fürth entworfenes Pflanzenkalthaus vor, das die Gartenarchitektur der Stadt bereichert.

Auf der Medienseite staunt Michael Hanfeld über den Auftritt des Medienvirtuosen Gerhard Schröder bei Sabine Christiansen.

Für die letzte Seite besucht Dirk Schümer den Friedhof Certosa in Bologna, deren viele bemerkenswerte Grabmonumente der kunsthistorischen Erschließung harren. Erna Lackner schildert den Andrang deutscher Medizinstudenten auf österreichische Universitäten, die keinen Numerus clausus haben und nach einem europäischen Gerichtsbeschluss deutsche Studenten gleich behandeln müssen. Und Gerhard Rohde porträtiert Katharina Wagner als weiblichen Jung-Siegfried des Bayreuther Clans.

Besprochen werden die Dresdner Ausstellung "Zeitschichten" über Denkmalpflege in Deutschland, eine künstlerische Präsentation der Videos von Alexander McQueens Haute-Couture-Kollektionen in Düsseldorf, neue CDs mit Werken von Karl Amadeus Hartmann und die Ausstellung "Fokus Istanbul" in Berlin, in der sich türkische und nicht-türkische Künstler mit der Stadt auseinandersetzen und um die es schon im Vorfeld durch Künstlerabsagen Diskussionen gab.