Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.07.2005. In der SZ erinnert uns Slavoj Zizek an Takt 331 im letzten Satz von Beethovens Neunter und an alles, was daraus folgt. Die taz berichtet über Unstimmigkeiten bei der Berliner Ausstellung "Fokus Istanbul". Die FAZ zeigt sich entsetzt über einen Kotau russischer Künstler vor dem Urteil gegen den Ex-Oligarchen Chodorkowskij. In der Welt empfiehlt Tim Robbins eine adäquatere Hilfe für Afrika. Die "Live 8"-Spektakel sind allenthalben ganz gut angekommen.

SZ, 04.07.2005

Der publizierende Philosoph Slavoj Zizek entdeckt in Beethovens schrägen Kadenzen der Ode an die Freude (zum Mitlesen und Anhören) nicht nur einen ironischen Kommentar auf den Beitritt der Türkei, sondern auch einen Hinweis auf die Spannungen zwischen Globalisierung und Sozialstaat, die die EU erschüttern. "Beethovens Finale ist eine wunderliche Mixtur aus Orientalismus und Regression, ein doppelter Rückzug aus der historischen Gegenwart -- und ein Eingeständnis, dass die 'Freude' in all ihrer weltumspannenden Brüderlichkeit ein allein phantastisches Gebilde ist. (...) Das Spiel mit einander widerstrebenden Motiven, das nach Takt 331 ausbricht, ist als Wiederkehr des Verdrängten zu verstehen, als Symptom für das, was von Anfang an eine Illusion war. Haben wir die Hymne womöglich zu sehr domestiziert? Uns zu sehr an sie gewöhnt, sie zu Unrecht als Symbol für Freude und Brüderlichkeit behandelt? Vielleicht sollten wir uns ihr erneut stellen, mit einem scharfen Ohr für Dissonanzen und Übertreibungen?"

Willibald Sauerländer kapituliert vor der Großartigkeit der Frida-Kahlo-Schau in der Londoner Tate Modern. "Man hat ohne Scham auf die Sensation gesetzt. Auf dem Umschlag des Katalogs prangt der Name der Künstlerin in goldenen Lettern vor dem wie eine Frucht lockenden Antlitz." Die Menschenmassen, die in umspülen, kann sich Sauerländer nur metaphysisch erklären. "Dieser Zustrom besagt Einiges über die subreligiösen Sehnsüchte, die Ängste in einer verunsicherten, bedrohten Welt. Die Ausstellung ist mehr als ein Kunstereignis."

Weitere Artikel: Stefan Koldehoff weist darauf hin, dass die im September in München zu versteigernde Sammlung Karg mit Werken Max Liebermanns teilweise aus Arisierungen stammen könnte. Oliver Herbig schreibt begeistert über die neuen Siedlungspläne des bisher dahindämmernden bayerischen Werkbunds, bekannt durch das Weißenhof-Projekt vor achtzig Jahren. "bru" schreibt zum Tod des Sängers Luther Vandross. Volker Breidecker lauscht dem Ethnologen Michael Oppitz, der auf der Frobenius-Vorlesung in Frankfurt vom Himalaya berichtete.

Live Aid beschäftigt die SZ fast seitenfüllend, in sieben Miniaturen schildern Korrespondenten die weltweit verstreuten Konzerte, Alexander Gorkow darf aus London atemlos und etwas länger schwärmen von David Gilmours "einmaliger Begabung, aus seiner schwarzen Fender derart lupenreine Töne in den Himmel über London zu schicken, der plötzlich - oh verdammt, lief denn so Geldofs deal mit Gott an diesem Abend? - sternenklar war!" Im Medienteil klärt Hans-Jürgen Jakobs über die turbulenten Zustände bei den Münchner Bavaria-Studios auf, die durch Schleichwerbung in der Soap "Marienhof" die ganze ARD in Verruf gebracht haben.

Besprochen werden zwei Aufführungen vom Theater der Welt in Stuttgart, Elfriede Jelineks "Burgtheater" in der Version des Off-Ensembles des Theaters im Bahnhof Graz und eine "Nora" aus New York, das "verstörende" Tanzstück "Puur" des belgischen Choreograph Wim Vandekeybus auf dem Sommerfestival Szene Salzburg, eine zusammengestrichene Fassung von Mozarts Oper "Idomeneo" unter Dirigent Lothar Zagrosek in Stuttgart, und Bücher, darunter Tina Uebels Roman "Horror Vacui", Jon McGregors Debüt "Nach dem Regen" (hier eine Leseprobe) sowie der erschwingliche Bildband "A Gun for Hire" mit Fotografien von Helmut Newton (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 04.07.2005

Jürgen Gottschlich weiß, warum in der Ausstellung "Urbane Realitäten: Fokus Istanbul" im Berliner Martin-Gropius-Bau nur ganze fünf Künstler von insgesamt 60 die Stadt am Bosporus vertreten. Es gab Probleme mit Kurator Christoph Tannert. "In einer Erklärung, die die zehn KünstlerInnen an Tannert schickten, begründen sie ihren Rückzug mit konzeptionellen Mängeln, der mangelnden Transparenz bei der Auswahl der Künstler und der undurchsichtigen und ungerechten Mittelvergabe an die Teilnehmer. Darüber hinaus fühlten sie sich als Künstler nicht ernst genommen, sondern hatten das Gefühl, die Ausstellungsleitung wolle sie als Goodwill-Botschafter der Türkei instrumentalisieren."

Weitere Artikel: Die Schriftstellerin Ariane Grundies lässt uns an ihrem Aufenthaltsstipendium in Krakau und ihren Begegnungen mit der bekannteren Kollegin Dorota Maslowska teilhaben. "Trafen wir uns, war sie nett und cool und setzte ihr Baby zur Belustigung auf den Küchentisch." In den USA wird über ein zu authentisches Pornoformat gestritten, berichtet Robert Defcon. Der 50. Todestag von Thomas Mann wir in der Neuen Rundschau erstaunlich "locker-flockig" aufgearbeitet, meint Jan Süselbeck. Arno Frank verabschiedet den verstorbenen Soul-Sänger Luther Vandross.

Live Aid beherrscht die vorderen Seiten. Dominic Johnson skizziert die afrikanischen Erwartungen an das Großereignis und stellt einen Forderungskatalog für die G8-Regierungsschefs auf. In der zweiten taz stimmt uns Felix Lee schon mal auf die Demonstrationen in Edinburgh ein und staunt über den gerissenen Tony Blair, der sich nun als "Bono unter den Regierungschefs" präsentiert. Im Medienteil macht Reinhard Wolff einen Kulturkampf in Dänemark aus: die rechtsgerichtete Regierung vermutet linke Milieus in den Redaktionen der öffentlich-rechtlichen Sender.

Und Tom.

Welt, 04.07.2005

Im Interview mit Hanns-Georg Rodek spricht der Schauspieler und Regisseur Tim Robbins über die subversive Kraft von Steven Spielbergs "Krieg der Welten" (in dem er mit Hingabe einen übergeschnappten Guerillero spielt), über die Tragik der amerikanischen Außenpolitik und über die bisherige Hilfe für Afrika: "Vom Budget meiner Regierung zur Bekämpfung der Malaria in Afrika sollen 98 Prozent in Infrastruktur, Verwaltung und Konferenzen geflossen sein - und zwei Prozent in Moskitonetze, Insektenspray und Impfstoffe. Diese Verpflichtung ist ein Witz."
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Tagesspiegel, 04.07.2005

Sebastian Handke nimmt Bob Geldof zwar gegen Kritiker in Schutz, die ihm etwa Naivität vorwerfen, ist aber trotzdem nicht ganz glücklich mit dem Live8-Spektakel geworden. Er fand es seelenlos: "Einmal kam Geldof auf die Bühne, da wurden Bilder von 1985 eingespielt von sterbenden afrikanischen Kindern. Plötzlich blieb der Clip bei einem Gesicht stehen. Dann trat dieses Kind, mittlerweile zu einer schönen, vierundzwanzigjährigen Frau geworden, auf die Bühne: Brihan Woldu wurde von Live Aid das Leben gerettet und hat in Äthiopien soeben ihr Studium der Landwirtschaft abgeschlossen. Das hätte einer jener Momente sein können. Doch dann walzte Madonna mit ihrer tanzenden Entourage auf die Bühne. Es war der Gipfel einer ganzen Reihe seelenloser Auftritte, aus der nur Michael Stipe mit REM herausfiel: Er hatte sich einen breiten blauen Balken quer durchs Gesicht gemalt. Will Smith forderte eine 'Declaration of Interdependence' und brachte später seinen aktuellen Hit 'Switch' zum Vortrag. Bon Jovi waren laut und dumm, Destiny's Child routiniert und desinteressiert."
Stichwörter: Äthiopien, Aids

FR, 04.07.2005

Der Psychologe Martin Altmeyer beschreibt das Generationensyndrom der (noch) regierenden 68er: mangelnde Führungsqualitäten. Schröder & Co, Fischer natürlich ausgenommen, hätten "den Verlust des sozialistischen Traums nicht verarbeitet und sich eine romantische Reserve gegenüber der Moderne bewahrt". Das zeige sich auch im Stellschraubenmodell, dass gerne zur Veranschaulichung der begrenzten politischen Gestaltungsmöglichkeiten gebraucht wird. "Ist Charlie Chaplin in Modern Times die Figur, mit der sich die rot-grünen Matadore insgeheim identifizieren: der Mensch mit den zwei Schraubenschlüsseln am rasenden Band - eine aberwitzige Parodie auf den Fordismus als mentale Blaupause für politisches Handeln im postfordistischen Zeitalter?"

Rüdiger Suchsland spricht die "hochgradig fragwürdige" Nominierungspraxis des Deutschen Film-Förderpreises in München an. In einer kurzen Times mager gleitet Harry Nutt dem deutschen Elend im Badesee davon. Holger Noltzer spottet über Kölner Querelen mit der UNESCO, die den Dom wegen benachbarten Hochhäusern von der Liste des Weltkulturerbes streichen könnte.

Besprochen werden zwei Opernaufführungen in Leipzig, J. C. Bachs "Temistocle" und Giacomo Meyerbeers "Margherita d"Anjou" in Leipzig sowie Neal Stephensons "fabelhafte" Romantrilogie "The Baroque Cycle" ("Stephenson hat den geheimen Krieg des 20. Jahrhunderts um Verschlüsselung und Decodierung, Radarortung und Funkpeilung auf die geopolitischen und nachrichtentechnischen Verhältnisse des Barock zurückprojiziert", schwärmt Niels Werber).

NZZ, 04.07.2005

Sabine Matthes spricht mit dem in Montreal lehrenden Historiker Yakov Rabkin über das Verhältnis von Zionismus, jüdischer Orthodoxie und christlichem Fundamentalismus: "Einige Christen hatten mit der Idee einer Wiederherstellung jüdischer Souveränität im Heiligen Land gespielt. Diese Ideen wurden oft von Antisemiten unterstützt, die es gern gesehen hätten, dass Juden ihre Länder Richtung Palästina verliessen. Heute gibt es eine Aufwallung eines neuen radikalen Zionismus unter jung entstandenen evangelikalen christlichen Gemeinden in vielen Ländern. Die Christian Coalition of America steht für die totale israelische Besitznahme des ganzen Heiligen Landes, und sie zählt mehr Mitglieder als die gesamte Anzahl der Juden weltweit, die übrigens ziemlich gespalten sind in ihrer Meinung zu Zionismus und Israel. Umgekehrt sind diese christlichen Zionisten vereint in ihrer glühenden Unterstützung für die radikalen zionistischen Aktivisten."

Gieri Cavelty hat beim Literaturfestival in Leukerbad "gestandenen Cracks, gefeierten Newcomern, aber auch hierzulande noch zu entdeckenden Schriftstellern" gelauscht. Bestens unterhalten hat sich Markus Ganz beim Open Air St. Gallen.

Besprochen werden die Nazarener-Ausstellung in der Frankfurter Schirn, eine Ausstellung zum Neuen Bauen im KunstRaumRiehen und Sayed Kashuas Roman "Da ward es morgen" (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 04.07.2005

Kerstin Holm zeigt sich in der Leitglosse entsetzt von einer Zeitungsanzeige prominenter russischer Künstler, die das Willkürurteil gegen den ehemaligen Oligarchen Chodorkowskij begrüßen: "Dass Vertreter der Intelligenz und des künstlerischen Lebens sich wieder hergeben, einen Bannfluch über ein staatliches Säuberungsopfer kollektiv nachzusprechen, wirkt wie ein Schock. Die Redaktion der Iswestija quittierte die eigene Anzeige mit einem entrüsteten Kommentar, in dem an die kollektiven Schmähschreiben erinnert wurde, mit denen Intellektuelle zu Sowjetzeiten sich von ihren in Ungnade gefallenen Kollegen wie Pasternak, Wassili Grossman, Sinjawski und Daniel lossagten und deren staatlichen Häschern ihre Unterwürfigkeit versicherten."

Weitere Artikel: Christian Geyer spekuliert im Aufmacher über die Frage, was Angela Merkel mit dem Wort "Durchregieren" meinen könnte. Gina Thomas kommentiert den Skandal um das Buch "Himmler's Secret War" von Tim Allen, der gefälschten Dokumenten über eine angebliche Ermordung Himmlers durch die Briten aufgesessen war und nun seine Zerknirschung bekennt. Joseph Haniman berichtet über eine geplante Unesco-Konvention zur kulturellen Vielfalt, in deren Vorbereitung die EU einmal wie ein Mann gegen den Widerstände der USA zu agieren scheint. In der Reihe mit Porträts von Verlegerinnen schreibt Hannes Hintermeier über Katharina E. Meyer vom Merlin-Verlag. Jonathan Fischer würdigt den verstorbenen Soulsänger Luther Vandross. Tobias Rüther zeigt sich unzufrieden mit dem deutschen Beitrag zu den "Live 8"-Konzerten: "Mittelmaß folgte auf Durchschnitt".

Auf der Medienseite berichtet Michael Hanfeld sehr ausführlich über den Stand des Bavaria-Skandals, deren Tochterfirmen offensichtlich nicht nur bei der "Marienhof"-Serie, sondern etwa auch bei einigen "Tatorten" sehr erfolgreich Schleichwerbung akquirierten: Bei der Krankenhaus-Serie "In aller Freundschaft", waren die Placement-Agenturen "in die Entwicklung der Dramaturgie regelrecht 'integriert'. Sie traten hier sogar aktiv mit eigenen Vorschlägen an die Produktion heran." Nina Rehfeld betrachtet zudem die ersten jetzt in Amerika gezeigten Folgen von Steven Spielbergs neuer Fernsehserie "Into the West" über die Eroberung des amerikanischen Westens. Und Jürg Altwegg meldet, dass sich die Berichterstattung des französischen Staatsfernsehens über den Airbus A 380 ebenfalls einem Schleichwerbungsverdacht ausgesetzt sieht.

Auf der letzten Seite analysiert der emerierte Strafrechtsprofessor Klaus Lüdersen Hans-Christian Andersens Märchen "Der kleine Klaus und der große Klaus" als eine Fabel über die Entstehung von Kriminalität. Jordan Mejias zeichnet das Zähnekrnischen amerikanischer Medien über den Rücktritt der gerade noch liberalen Bundesrichterin Sandra Day O'Connor auf, die nun wohl durch einen konservativeren Kollegen ersetzt wird. Und Wolfgang Sandner seufzt "Glückliches Zürich" angesichts des erfolgreichen Opernchefs Alexander Pereira, der sich nichtmal von der Staatsoper Wien und dem Münchner Nationaltheater aus Zürich weglocken ließ.

Besprochen wird eine von Peter Nadas ausgerichtete Ausstellung mit ungarischer Fotografie in Berlin, Mozarts "Idomeneo" unter Lothar Zagrosek und Jean Jourdeuil in Stuttgart und Sachbücher, darunter eine monumentale "Enzyklopädie der Neuzeit".

Hingewiesen sei auf Robert von Lucius' Leitartikel auf Seite 1 des politischen Teils, der über Ärger in Polen und Litauen über Schröders Reise nach Königsberg berichtet - denn Wladimir Putin hat die Repräsentanten der Nachbarstaaten ausdrücklich nicht zu den Feierlichkeiten gebeten: "Bis vor kurzem sahen viele kleinere EU-Länder von Finnland über Norwegen bis Lettland in Berlin einen Fürsprecher ihrer Belange. Diese Gewissheit verflüchtigt sich rapide." Auf der Gegenwartsseite schreibt überdies der Leipziger Historiker Stefan Troebst über divergierende Gschichtsbilder in West- und Osteuropa.