Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.07.2005. In der Welt erklärt die Mezzosopranistin Susan Graham, warum sie französische Operetten liebt: sie sind so unanständig! Die Berliner Zeitung beschimpft ihre Stadt, die heute eine ihrer meistbesuchten Attraktionen abräumt. Die SZ kritisiert die europäische Linke, die unter lautstarken Beschimpfungen Tony Blairs in den Nationalismus abdriftet. Die FAZ sinniert über die großartig einsame Bundestagsrede des Werner Schulz. Die NZZ sieht sich in Rustschuk um. In der FR entwirft Ulrich Beck ein europäisches Imperium.

Berliner Zeitung, 05.07.2005

Heute früh hat die Polizei die 1065 Mauerkreuze entfernt, die Alexandra Hildebrandt am ehemaligen Grenzübergang Checkpoint Charlie - ohne Genehmigung - aufgestellt hatte. Aber "diese hingepfuschte Anlage ist eine der Hauptattraktionen Berlins", protestiert Arno Widmann. "Sie zieht mehr Touristen an als das Pergamonmuseum. Berlin mag für alles Mögliche bekannt sein, berühmt ist Berlin als Mauerstadt. Wer nach Berlin kommt, der will die Mauer sehen. Er will sehen, wie eine Stadt mitten durch geschnitten wurde. Das machte nämlich die Dramatik Berlins aus. Die Spaltung der Welt ging mitten durch diese Stadt. Der Besucher möchte das hier sehen, begreifen können. Alexandra Hildebrandt hat das verstanden. Ohne ihren Einsatz gäbe es keinen Ort, an den man Besucher führen könnte, um ihnen zu zeigen: so oder doch wenigstens so ähnlich sah es aus bis zum Mauerfall. Die Stadt sollte Frau Hildebrandt feiern. So billig ist selten eine Kommune zu einer ihrer Hauptattraktionen gekommen."

SZ, 05.07.2005

Im Aufmacher stellt Tim B. Müller der europäischen Linken ein Armutszeugniszeugnis aus. Statt sich mit ernsthaft Tony Blair auseinanderzusetzen, laufe diese Gefühlslinke Jacques Chirac hinterher, dem "Paten aller Strukturkonservativen": "Als letzter ideologischer Restposten, der große Teile der westeuropäischen Linken - ob sie sich so nennen oder nicht - noch vereint, bleibt immerhin das Briten-Bashing. Diese Variante der Linken ist zum Hüter der Formelkompromisse und verkrusteten Strukturen erstarrt, und sie spielt mit den Ungeheuern des Nationalismus. Der Rest der Welt ist zum Fremdkörper, wenn nicht zum Feind geworden, mit dem sich bestens Angst- und Ressentimentpolitik betreiben lässt - Globalisierung, Amerika, Israel, Irak, Türkei, die Inder und Chinesen, die polnischen Spargelstecher und ukrainischen Prostituierten." Müller empfiehlt die Lektüre von Michael Walzers Magazin Dissent.

Weiteres: Der Kunsthistoriker Wolfgang Kemp reibt sich verwundert die Augen, mit welcher Selbverständlichkeit das Museum Revolterra in Triest ihrer Kunstwerke aus Istrien präsentiert: "Den Italienern ist zu danken, dass sie bei Ausbruch des Krieges diese Werke sicherstellten. Aber das macht sie nicht zu ihren Besitzern." Jürgen Schmide beobachtet einen Trend zu unsynchronisierten Filmfassungen. Karl Forster hat auf dem Jazz-Festival von Montreux beschwingte Altstars erlebt. Jürgen Otten berichtet vom Kammermusikfestival im norwegischen Risor.

Besprochen werden Stefan Puchers und Christoph Hombergers "deprimierende" Aufführung von Bachs Matthäus-Passion, ein "glanzloses" Konzert von Roxy Music in Frankfurt, Georg Friedrich Haas' Stück zum Lawinenunglück von Galtür "Ritual", ein Liederabend mit Diana Damraus bei den Münchner Operfestspielen, das Festival "Photo Espana 2005" in Madrid, die Ausstellung "Art Nouveau und Design" in Brüssel und Bücher, darunter Sven Hanuscheks Elias-Canetti-Biografie, Alois Reutterers Zitatensammlung "Die globale Verdummung" und Politische Bücher (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

NZZ, 05.07.2005

Thomas Frahm besucht Elias Canettis Geburtsort, die bulgarische Provinzstadt Rustschuk an der unteren Donau, zu Deutsch "Klein-Russe": "In den sozialistischen Jahrzehnten war die urbane kleine Handelsstadt mit dem zweitgrößten Donauhafen radikal, fast brutal industrialisiert worden... Infolge des Arbeitskräftebedarfs wuchs die Bevölkerung bis 1985 auf über 200 000 Einwohner an. Straßen wurden verbreitert, an denen die ersten grossen Plattenbau-Viertel entstanden. Deren Platzbedarf fiel der von Canetti so zauberisch erinnerte Obstgarten zum Opfer, der sich hinter dem Innenhof seines Geburtshauses in der General-Gurko-Strasse 13 erstreckte. Dass in Russe heute nur noch etwa 160 000 Menschen leben, hat nicht nur mit der Vertreibung der türkischen Mitbürger um 1985 zu tun oder mit den ökologischen Problemen der Stadt, auch nicht nur mit dem Raubbau an den ehemaligen Staatsbetrieben durch die Nomenklatura nach der demokratischen Wende von 1989, sondern auch damit, dass Bulgarien unter sozialistischer Führung insgesamt massiv überindustrialisiert war."

Weiteres: Ueli Bernays hat auf dem Montreux Jazz Festival bereits die "ehrenwerten Soulgrößen" Booker T, Billy Preston und Isaac Hayes genossen. Besprochen werden eine Inszenierung von Puccinis "La Boheme" im Zürcher Opernhaus und Bücher, darunter Ludwig Lahers Vaterroman Folgen, die Werkausgabe zu Juan Carlos Onetti, Udo Bermbachs Essays "Opernsplitter" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).
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TAZ, 05.07.2005

Wenn die Unterschiede im Politischen verschwinden, muss man sich über etwas anderes identifizieren. Stefan Reinecke untersucht für den Auftakt der Reihe "Political Studies" den Generationenhype, der in Medien aller Coleur betreiben wird. "Politisch sind wir alle Liberale geworden, kulturell alle Teil der gleichen Pop- und Massenkultur, und in der politischen Kernfrage, der Arbeit, werden Alternativen nur simuliert. In dieser Lage steigt offenbar das Bedürfnis nach virtuellen Abgrenzungen. 'My Generation', das sagt sich leicht - 'gender', 'class', 'race' scheinen als Kriterien jedenfalls außer Mode zu sein." Und nochmal Politik: Harald Bergsdorf erklärt im Meinungsteil, was linke und rechte Populisten in Deutschland gemeinsam haben.

Weitere Artikel: Robert Misik definiert den überaus lebendigen Neo-Existenzialismus nach Sartre. "Jeder soll seine Potenziale nutzen, ein allseits entwickeltes Subjekt werden, einzigartig sein, sich täglich neu erfinden. Kurzum: eine Ich-AG sein." Christian Rath stellt die Fusion Bands Nomad Sound System aus Berlin und Eastenders aus Frankfurt vor, die er beim Tanz- und Folkfest von Rudolstadt in Thüringen gehört hat. Auf dem traditionell karitativen Rockfestival im dänischen Roskilde kann man über die "Großspurhelferlein" von Live8 nur lachen, schreibt Andreas Becker in seinem Erlebnisbericht. In der zweiten taz weiß Ariel Magnus, wo man in sechs Tagen das Sezierhandwerk erlernen kann. Jurist Jony Eisenberg betont, dass die Jugendlichen friedlicher denn je und härtere Jugendstrafen deshalb nicht notwendig sind. Und Albert Hefele improvisiert ein Gespräch zwischen Edmund Stoiber, Max Strauß und Uschi Glas.

Auf der Medienseite veröffentlicht Steffen Grimberg erste Erkenntnisse zur Medienpolitik des NRW-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers: "Klumpen statt Gießkanne." Die einzige Besprechung widmet sich dem interdisziplinären Leipziger Kunstprojekt "Heimat Moderne Experimentale 1", die als Symbol eine Garage benutzen.

Und Tom.

FR, 05.07.2005

Auf der Dokumentationsseite beschreibt der Soziologe Ulrich Beck seine Vision eines kosmopolitischen Empires namens Europa. Es "zeichnet sich durch seinen offenen und kooperativen Charakter nach innen und außen aus und steht insofern im deutlichen Gegensatz zur imperialen Vorherrschaft der USA." Für den europäischen Einigungsprozess fordert er einen Paradigmenwechsel hin zur Toleranz der Unterschiedlichkeit. "Die 'Harmonisierungspolitik' verwechselt Einigkeit mit Einheitlichkeit oder geht davon aus, dass Einheitlichkeit die notwendige Voraussetzung ist, um Einigkeit zu erzielen. In diesem Sinne wurde Einheit zum obersten regulativen Prinzip des modernen Europas - in Übertragung der Prinzipien der klassischen Staatsrechtslehre auf die europäischen Institutionen. Je erfolgreicher die EU-Politik unter diesem Primat der Einheitlichkeit agierte, desto mehr wuchsen die Widerstände dagegen und desto deutlicher traten die kontraproduktiven Effekte hervor."

Im Kulturteil erfährt Rüdiger Suchsland vom österreichischen Regisseur und Drehbuchautor Michael Haneke, wie er die Naivität der Zuschauer aufbrechen will. "Über den Schock. Filme müssen einen Nerv treffen. Je schmerzhafter die Wunde ist, um so mehr werden sich die Leute auch dafür und dagegen entscheiden. Und das ist es schon, was ich als Filmemacher will, denn das ist auch das, was ich selber will, wenn ich ins Kino gehe. Der Film, der mich in meinem Leben am meisten weiter gebracht hat, war seinerzeit Salo von Pasolini. Der Film hat mich völlig fertig gemacht. Das ist bis heute der Film, der mich am meisten aus der Bahn geworfen hat. Ich hab den auch nur einmal gesehen. Zuhause liegt eine DVD, aber ich habe bis heute nicht gewagt, ihn mir noch mal anzuschauen. Ich war drei Wochen krank danach, der ist ja unerträglich."

Weiteres: Dem Film "Glut" des ungarischen Regisseurs Fred Kelemen ist von der Filmförderungsanstalt das Deutschsein aberkannt worden, berichtet Peter W. Jansen - er wird aber dennoch auf dem Festival des deutschen Films bei Ludwigshafen gezeigt. Frank Keil fasst die Hamburger Diskussionen über die maritime Sammlung von Peter Tamm zusammen. Obwohl die Stadt inhaltlich kaum Einfluss nehmen darf, soll der Sammlung ein Museum für 30 Millionen Euro gebaut werden. Thomas Medicus bedauert beim Umbau einer Berliner Kirche in einen Supermarkt eher die Verschandelung des architektonischen Werks des Kirchenbauers Rudolf Schwarz. In der Times mager deliriert Harry Nutt über Affinität der Tour de France zu den Verlierern, die sie hervorbringt.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken der amerikanischen Fotografin Diane Arbus im Essener Museum Folkwang sowie "Das beige Album" von Olli Schulz & der Hund Marie ("Wer die hört, der braucht dann nicht einmal mehr einen Hund", sagt Thomas Winkler).

Welt, 05.07.2005

Die amerikanische Mezzosopranistin Susan Graham erklärt im Interview, warum sie französischer Musik verfallen ist und jetzt Operetten singt: "... die Operetten waren fast jungfräuliches Terrain. Dabei sind sie so unanständig! Und handeln doch von starken Frauen, die sich nehmen, was sie wollen. Das war meine erste Sex-Platte! Und jetzt folgt die zweite ... (mit Chausson) ... Das ist abgründiger, eine melancholische, aber sehr starke Sinnlichkeit. Mit seinem 'Poeme de l'Amour et de la Mer' nähere ich mich fast Wagners Kundry. Da tun sich Abgründe auf. Bei Ravel genauso, aber in seiner 'Sheherazade' lieg die Lust hinter zarten Schleiern. Und Debussys Baudelaire-Lieder sind besonders durch die hinreißenden Orchestrierungen von John Adams unglaublich sinnlich geworden. Eine Traumvorlage für eine reife Frau, die um die Freuden, die Exzesse und die Verletzungen der Liebe weiß."

Außerdem: Heiner Kiesel hat sich unter den deutschen Wikipedia-Mitarbeitern umgesehen. Und Ulrich Weinzierl stellt den Schriftsteller Wolf Haas und seinen Detektiv Brenner vor.

Tagesspiegel, 05.07.2005

Die Journalistin und Filmemacherin Dorothee Wenner sieht angesichts des nigerianischen Filmbooms das Bild von Afrika als "traurigem Kontinent" Lügen gestraft: "Vor fünfzehn Jahren geschah in Nigeria ein kleines, mediales Wunder: Man begann, so genannte Home Movies zu produzieren. Die Branche ist inzwischen zur zweitwichtigsten Industrie des Erdöllandes avanciert - und spielt auch im politischen Bewusstsein eine immer größere Rolle. Jährlich werden rund 1300 dieser Videos produziert, meist schnell und preiswert gedrehte Filme, die als Kassetten oder VCDs (Video-CDs mit schlechter Auflösung) in Nigeria vertrieben, aber auch in fast alle anderen afrikanischen Länder südlich der Sahara exportiert werden. In Nigeria bietet diese Industrie mindestens 125.000 Menschen Arbeitsplätze, Tendenz: steigend."
Stichwörter: Afrika, Nigeria

FAZ, 05.07.2005

Mark Siemons meditiert noch einmal über die doch recht einsam großartige Bundestagsrede des Abgeordneten Werner Schulz gegen das fingierte Misstrauensvotum: "Die Begriffe, die er verwendete, gehören zum täglichen Brot aller Parteien, wenn sie auf Werte zu sprechen kommen. Er plädierte für Wahrheit, die eigene Überzeugung, Würde, und klagte das Inszenierte, das Absurde, die Sinnentleerung an. Doch das Eigentümliche war, dass er diese Begriffe nicht in den Dienst einer bestimmten Partei und deren Absichten stellte, sondern sie im Gegenteil gegen alle Parteien wendete, so als hätten die Begriffe tatsächlich von sich aus die Kraft, es mit der ganzen Welt aufzunehmen."

Im Interview mit Andreas Platthaus belegt der Historiker Ulrich Herbert (Autor des Buchs "Fremdarbeiter" von 1986), dass das Wort "Fremdarbeiter" zwar nicht von den Nazis erfunden worden sei, aber "wer einigermaßen aufmerksam ist, muss sehen, dass man das Wort nach 1945 nicht mehr unschuldig gebrauchen kann. Auf der anderen Seite ist der Begriff auch nicht so eindeutig konnotiert, als würde jemand zum Beispiel das Wort 'fremdvölkisch' gebrauchen, das ja einen deutlichen Bezug zur völkischen Ideologie enthält. 'Fremdarbeiter' oszilliert ein wenig, und das soll es ja wohl im Gebrauch von Herrn Lafontaine auch."

Weitere Artikel: "Ri." fragt sich in der Leitglosse, warum Gerhard Schröder in seiner Königsberger Rede so zögerte, den deutschen Namen der Stadt auszusprechen. Gemeldet wird, dass sich die Jury beim Theatertreffen in Dortmund beim besten Willen nicht auf einen Preisträger einigen konnte. Stephan Rixen kommentiert das Urteil eines Düsseldorfer Gerichts, das einem muslimischen Knaben nicht vom Schwimmunterricht befreien wollte, obwohl ihm seine Eltern den Anblick kaum bekleideter Mädchen ersparen wollten. Dirk Schümer meldet, dass sich Renzo Piano beleidigt aus seinem Megaprojekt für seine Heimatstadt Genua zurückzieht. Kerstin Holm fragt, ob Frankfurter Glasfenster der Marienkirche noch als Beutekunst in Moskau liegen. Andreas Rossmann schreibt zum Tod des britischen Dramatikers Christopher Fry. Joseph Croitoru liest Zeitschriften aus Rumänien und Polen, die sich mit Protagonisten der jüngsten Geschichte befassen.

Auf der Medienseite berichtet Frank Pergande über Kürzungen beim Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag. Und Helmut Schwank meldet, dass der MDR-Sportchef Wilfried Mohren unter Manipulationsverdacht steht.

Auf der letzten Seite gratuliert Patrick Bahners dem Bistum Münster zum Zwölfhundertsten. Dirk Schümer berichtet über Manipluationsvorwürfe gegen den Premio Strega, einen der wichtigsten italienischen Literaturpreise. Und Christian Geyer porträtiert den Soziologen Ulrich Beck, der von der Politik pünktlich zu den Wahlen in einem kleinen Buch mehr Mut zur Größe verlangt.

Besprochen werden Händels "Giulio Cesare" in Glyndebourne, die Ausstellung "Die Macht des Silbers" mit jüngst gefundenen karolingischen Silberschätzen in Frankfurt, das Musikfestival "Mitte Europa" in Osek und drei Ausstellungen über die Geschichte der amerikanischen Juden in New York (hier, hier und hier).