Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.04.2005. Die SZ feiert die beunruhigende Architektur von Rem Koolhaas. In der NZZ würdigt der Theologe Eberhard Jüngel Karol Wojtyla als polnischen Papst, wie er römischer nicht gedacht werden kann. Im Tagesspiegel konstruiert Jochen Hörisch das mediale Dreigestirn Papst, Khomeni, Reagan. In der FAZ begibt sich Tobias Hülswitt auf Pilgerfahrt nach Dukla. Und die Welt erinnert an die klingende Badeanstalt des Herbert von Karajan.

Welt, 05.04.2005

Vor fünfzig Jahren hat Herbert von Karajan die Berliner Philharmoniker übernommen, erinnert Kai Lührs-Kaiser, heute, gut fünfzehn Jahre nach seinem Tod, ist vom Ruhm des einstigen Titanen kaum noch etwas übriggeblieben: "Die Philharmoniker selbst demontierten mit. Seit der Stabübergabe an Claudio Abbado war man darum bemüht, das Klangbild zu lüften, die militante Streicherfülle abzurüsten und mit der Ästhetik der klingenden Badeanstalt radikal zu brechen. Die Karajan-Austreibung galt den blitzblanken Showeffekten, den Bläserverdopplungen und dem klanglichen Zusammenstehen-wie-ein-Mann. Es war ein Relikt aus den Zeiten des Kalten Krieges. Es musste untergehen."

SZ, 05.04.2005

Jörg Häntzschel stellt die Konzerthalle in Porto von Rem Koolhaas (mehr hier) vor und wertet sie als "Architektur der Beunruhigung". Er schreibt: "Eine dieser beunruhigenden Erfahrungen ist das Rohbauhafte der Koolhaas-Architektur. Die Bar scheint aus Resten von Schalungsholz zusammengenagelt und der bronzeverkeidete Aufzug riecht penetrant nach dem blanken Metall. Die Welt ist aus den Fugen, warum soll ich also spachteln? - fragt Koolhaas. Architektonische Wellness ist ihm völlig fremd."

Johannes Pauls II. Haltungen mögen für Europäer bisweilen konservativ bis bizarr erscheinen, das entscheidende Publikum aber sitzt schon längst woanders, diktiert der amerikanische Religionshistoriker Philip Jenkins den Leitartikellesern in den Notizblock. "In der päpstlichen Vorstellung zählen Nigeria und die Philippinen auf eine Weise, wie es die Niederlande oder selbst Deutschland schon seit Jahrzehnten nicht mehr tun. Die Vereinigten Staaten zählten noch doch zunehmend wegen ihrer Latinos und Asiaten, nicht wegen der lautstarken weißen Amerikaner." Deshalb auch der unverschämte Hang zur Marienverehrung. "Grob ausgedrückt, wenn diese devotionalen Trends abgeklärte Westeuropäer an den Rand des Schismas bringen, dann kann man eben nichts machen."

Weiteres: Der Experte für Politik des Nahen Ostens Amr Hamzawy entfaltet in einem Essay über die Zukunft der sich verändernden arabischen Welt drei mögliche Lesarten: So sieht er gleichermaßen Demokratisierungstendenzen, militante Islamisierung und die Wiederentdeckung des Nationalstaats wirken. In einem Interview spricht Jeremy Irons anlässlich seiner neuen Filme "Being Julia" und "Kingdom of Heaven" über radikale Gläubige und schwere Maschinen. Arno Orzessek fordert nach der Berliner Doppeltagung zu den Themen "Die schöne Seele" und "Schönheit muss leiden" im Haus der Kulturen der Welt, jemand möchte beim nächsten derart "inkalkulablen Projekt" doch "bitte schön" einen "hinstellen, der jede volle Stunde mit Hans Blumenberg dazwischen fragt: 'Was war es, was wir wissen wollten?'" Henning Klüver berichtet über fehlende Nachfolger für den als musikalischen Direktor der Mailänder Scala zurückgetretenen Riccardo Muti und meldet, dass der Palazzo Grassi nun doch wieder einen Käufer sucht. "jüsc" kommentiert larmoyant die mitleidheischende Promotion von Wir sind Helden für ihre neue CD. "bch" schwärmt in einer Glosse von lesenden U-Bahnpassagieren. Und in der Zwischenzeit wirft Wolfgang Schreiber einen Blick in die neuen, immer "raffinierter" werdenden Spielpläne und Saisonprogramme deutscher Bühnen und Kulturinstitutionen.

Besprochen werden die Wiederentdeckung von Johann Adolf Hasses Oper "Cleofilde" an der Dresdner Semperoper, eine Aufführung von Lessings "Minna von Barnhelm" am Thalia Theater Hamburg und Bücher, darunter die Wiederauflage von Bernward Vespers "Die Reise", eine Studie über Intentionalität, Zeitbewusstsein und Intersubjektivität, ein Band über "Marmorleiber. Körperbildung in der deutschen Nacktkultur (1890-1930)" und Dürrenmatts "Der Pensionierte" als Hörbuch, gelesen von Bruno Ganz (siehe dazu unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

TAZ, 05.04.2005

In der Debatten-Reihe um die Einordnung der 68er-Generation unter besonderer Berücksichtigung von Rudi Dutschkes Verhältnis zur Gewaltfrage schreibt heute der Attac-Aktivist Christoph Bautz über die Bedeutung von Dutschkes Ansätzen für die heutigen Verhältnisse. Vor allem hätten sich die Rahmenbedingungen erheblich verändert: "Was damals innovativ war, ist mittlerweile die Normalität sozialer Bewegungen.(...) Das libertäre Element Dutschkes ist Bewegungen fremd geworden, die in Zeiten neoliberalen Angriffs auf soziale Sicherungs- und Steuersysteme für einen regulierenden und umverteilenden Sozialstaat eintreten. Denn: Ging es 68 noch um übertriebene und fehlgeleitete Steuerungsfähigkeit des Staats, so droht diese in Zeiten eines globalen Standortwettbewerbs zerrieben zu werden. Globalisierung liefert die (Droh-)Kulisse, vor der soziale Sicherung und gesellschaftliche Umverteilung abgebaut werden. Als Folge bröckelt der soziale Kitt der Gesellschaften."

Julia Grosse begeistert sich über die großartige Filminstallation "Küba" des türkischen Künstlers Kutlug Ataman, der 2004 für den Turner-Preis nominiert war. Sie ist derzeit in London, ab 17. Juni auch im Rahmen von Theater der Welt in Stuttgart und ab September auf der Istanbul Biennale zu sehen. Bernhard "der Buchstabierer" Pötter schreibt in tazzwei übers Lesen- und Schreibenlernen. Besprochen wird außerdem eine Monografie des Malers Eberhard Schlotter, den Arno Schmidt für "einen der größten Illustratoren des Jahrhunderts" hielt (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.
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FR, 05.04.2005

Das Ausstellungsprojekt Populism, das in vier europäischen Städten - ab dem 10. Mai im Frankfurter Kunstverein - stattfindet, will sich dem Begriff in seinen ästhetischen, intellektuellen und politischen Bedeutungsebenen widmen. Den Auftakt zu einer lose erscheinenden Reihe mit Texten aus dem Reader zur Ausstellung macht heute Niels Werber, der Populismus als "Form der Vermittlung bereits entschiedener Fragen" definiert. "Populismus vermittelt bereits entschiedene Fragen so an ein Publikum, dass dieses glaubt, es selbst habe so entschieden oder so entscheiden wollen. Die Entscheidung ist bereits in elitärem Kreis gefallen, von der Hartz-Reform über die Nullrunde bei VW bis zur Schließung von Karstadt-Filialen oder Bundeswehr-Standorten, sie muss der Masse nur noch vermittelt werden. Der Versuch der Vermittlung ist in diesem Zusammenhang immer ein Versuch der Steuerung. (...) Der Populismus greift also keineswegs notwendiger Weise auf irgendeine Volksmeinung (vox populi) zurück, um sie dann, der Zustimmung gewiss, prominent zu vertreten; vielmehr ist es umgekehrt: Eine Idee, eine Meinung, eine Haltung werden im Publikum, unter den Massen, im Volk so implementiert, dass diese annehmen, es sei immer schon die ihre gewesen."

Im Aufmacher staunt Elke Buhr einigermaßen distanziert über den Erfolg der Band Wir sind Helden und analysiert: "Wenn etwas an Judith Holofernes und ihren Bandkollegen Pola Roy, Mark Tavassol und Jean-Michel Tourette wirklich generationstypisch ist, dann das: sich gern zu fühlen wie in einem Comic. Mit einer gewissen Distanz zu sich selbst und zu den Rollen, die zu spielen sind, und mit einem Sinn für die Komik, die entsteht, wenn man so ein kleines Ich im sechsten Jahrzehnt nach der Entstehung des Rock in die Posen zwängt, die das Star-Dasein verlangt."

In Times mager beklagt Daniel Schreiber den Rückzug von Theatermacher Richard Foreman, der das New Yorker Ontological-Hysteric Theater wegen "Publikumsschwunds" verlässt ("Eierkuchen-Menschen schauen sich kein experimentelles Theater an"). Besprochen werden die Inszenierung von "Cavalleria" und "Bajazzo" durch Calixto Bieito in Hannover, die Aufführung der fast vergessenen Oper "Cleofilde" von Johann Adolf Hasse in Dresden, neue Arbeiten der Theatergruppen Rimini-Protokoll und Gob Squad am Berliner Theater Hebbel am Ufer (HAU) und die Uraufführung von Simon Werles Stück "Parabel Parzival" in Darmstadt.

Tagesspiegel, 05.04.2005

Der Medien- und Literaturwissenschaftler Jochen Hörisch macht uns darauf aufmerksam, dass die päpstliche Kombination aus Medienmodernität und Wertkonservatismus nicht selten ist. Hörischs - ähem - interessanter Vergleich: Ronald Reagan und der Ayatollah Chomeini. "Hochgradig eigensinnige und betont traditionsverhaftete Konzepte rüsten ideologisch auf und stellen missionarische Ansprüche. Keine Mission ohne Emission. Keine Macht ohne Medien. Globale Geltungsansprüche stellen alle drei Mächte: Die Kirche nennt sich nicht umsonst katholisch, also allumfassend; Chomeini reaktivierte für den Islam die Idee der missionierenden Umma. Und konservative US-Politik arbeitet seit Reagan daran, die Reiche des Bösen zu besiegen und global amerikanische Werte zu verbreiten. Da der Vatikan anders als die beiden anderen Mächte kein Militär unterhält, hat er die Idee der Medienmacht perfektioniert."

Sebastian Moll stellt außerdem zwei neue Romane vor, die sich beide mit dem 11. September befassen: "Saturday" von Ian McEwan und "Extremely Loud and Incredibly Close" von Jonathan Safran Foer.

NZZ, 05.04.2005

Auch heute steht der Papst auf allen Seiten. Der Theologe Eberhard Jüngel hält fest, dass es seine Stärke war, die den Papst umstritten gemacht hat: "Karol Wojtyla war ein polnischer Papst, wie er römischer nicht gedacht werden kann. Er sprach Vorgänger selig und heilig, an die Juden und Protestanten mit sehr gemischten Gefühlen denken. Doch derselbe Papst war der erste, der eine Synagoge aufsuchte und mit Penetranz die Verständigung mit den reformatorischen Kirchen suchte. Er hat die päpstliche Autorität recht autoritär ausgeübt und dennoch dazu aufgerufen, über das Papstamt ganz neu nachzudenken. Was ihn wiederum nicht daran hinderte, die protestantischen Kirchen durch die Glaubenskongregation zu 'kirchlichen Gemeinschaften' herabstufen zu lassen, die keine Kirchen im Vollsinn des Wortes sein sollen."

Andrea Köhler hat mit unbestimmten Unbehagen das Sterben des Papstes auf CNN verfolgt: "Präludiert von dem öffentlichen Martyrium der Koma-Patientin Terri Schiavo, war der Tod des Papstes im US-Fernsehen vor allem eines: die Vergewisserung, dass das Leben ein Ende, die Übertragung desselben jedoch keine Grenzen hat."

Bruno von Lutz reicht den Nachruf auf den amerikanischen Lyriker Robert Creeley nach. Besprochen werden eine Ausstellung von "Wolkenbildern" im Kunsthaus Aarau, der Film zu Simon Rattles Projekt "Rhythm is it!", Danilo Kis' Roman " Ein Grabmal für Boris Dawidowitsch" und Jochen Missfeldts See- und Nachtstück "Steilküste" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 05.04.2005

Für die letzte Seite hat sich der Schriftsteller Tobias Hülswitt auf Pilgerfahrt nach Dukla begeben, wo er in ein rauschendes Fest gerät: "An diesem Abend wurde ich nicht müde. Durch irgendwelche unterirdischen Ströme versorgte mich Dukla mit Energie. Ich geriet an einen Tisch junger Leute. Ein fortgeschritten Betrunkener rief unentwegt: 'You speak English? You love me?' Man stellte mir ein nach Essig und Bier riechendes Mischgetränk hin, das ich dankend ablehnte. Man gab mir Wodka mit Tabasco, und ich hielt mich, so gut ich konnte, die Kraft von Dukla war mit mir."

Weitere Artikel: Gina Thomas berichtet von einer "bewegenden Gedenkveranstaltung" zum sechzigsten Todestag von Dietrich Bonhoeffer in London. Christian Geyer fragt "nach Sinn und Verstand, nach methodischem Bewusstsein und dem Begriff von Fahndungserfolg, die der augenblicklichen päpstlichen Phantomjagd zugrunde liegen". Dirk Schümer erzählt wie Rom drei Tage nach dem Tod des Papstes wieder zur Normalität zurückkehrt. Katharina Iskandar war bei einer Frankfurter Soiree zum Todestag Schillers. Joseph Hanimann skizziert die skeptische Haltung der Franzosen zu Europas Verfassung - viele hoffen, mit einem Nein bei der Abstimmung den europäischen Kurs weg vom Neoliberalismus lenken zu können. aro. stellt kurz das Programm der Ruhrfestspiele vor.

Auf anderthalb Seiten unterhalten sich Hans D. Barbier und der Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen unaufgeregt über Renten, den Wohlfahrtsstaat und die Bevölkerungsentwicklung. Raffelhüschen erläutert detailliert mehrere Reformvorschläge - vor allem zur Kranken- und Pflegeversicherung. Von Panikmache hält er jedoch nichts: "Das ist das beste Deutschland, das es jemals gab." Jürgen Tietz bewundert die lichte Eleganz von Santiago Calatravas neuer juristischer Bibliothek in Zürich.

Auf der Medienseite berichtet Jürg Altwegg von einer im französischen Fernsehen übertragenen Veranstaltung der Aids-Hilfe, die mit dem Tod des Papstes kollidierte. Anita Boomgaarden stellt die neue Zeitschrift more vor - ein "Kreativmagazin" für Design. Auf der letzten Seite mokiert sich Patrick Bahners über den Auftritt von Hans Küng bei Sabine Christiansen. Andreas Rossmann findet zehn Millionen Euro für das Denkmalförderprogramm 2005 in Nordrhein-Westfalen viel zu wenig.

Besprochen werden ein Konzert von Jonathan Richman in Frankfurt, die Ausstellung "Favoriten" im Lenbachhaus und die Süssmayr-Ausstellung im Münchner Haus der Kunst ("Der Versuch, mit 'Mir san mir'-Gehabe auf die vorderen Ränge zu rumpeln, ist typisch münchnerisch, sollte aber nicht davon ablenken, dass in der Stadt tatsächlich der Aufbruch geprobt wird", meint Brita Sachs), eine "Walküre" mit einem an Halsentzündung leidenden Bryn Terfel in London und Enda Walshs "Chatroom" an den Münchner Kammerspielen.