Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.03.2005. In der Zeit informiert Anselm Kiefer: Der Mensch ist abgrundtief böse. Der FR erschien der Geist in "Hamlet" in Teheran als imperialistischer Agent. Die taz feiert den Bollywoodhit "Main hoon na". Die Welt gratuliert dem Erreger der Syphilis zum hundertsten Geburtstag seiner Entdeckung. Die SZ beschreibt die erste Runde des Streits um die NS-Gedenkstätten in Berlin.

Zeit, 03.03.2005

Zur Klärung der Frage, ob es wirklich den oft beschworenen Ost-West-Streit im deutschen Theater gibt, hat sich Peter Kümmel hinein gestürzt ins Berliner Kampfgeschehen, zu Intendanten, Regisseuren und Politikern. Zum Beispiel zu Christoph Schlingensief: "Schlingensief sagt, die Berliner Theaterlandschaft komme ihm vor wie die deutsche Filmkultur in den neunziger Jahren: Alles Obsessive, das Fassbinderhafte, sei in dieser Phase ausgetrieben worden, und die Verwaltung habe die Macht ergriffen. Alles habe sich plötzlich 'rechnen' müssen. In Island dagegen, sagt Schlingensief, wo die Alte und die Neue Welt zusammenstoßen, seien die Erdplatten so dünn, dass die Geister noch austreten könnten. Berlin hindert die Geister am Austreten. Berlin, sagt Schlingensief, ist auf Sand errichtet, das hat Heiner Müller schon gesagt, und Sand zieht alles nach unten. Berlin saugt dich aus. Es will Höchstleistungen und vergisst sie sofort." Kultursenator Thomas Flierl bekommt aber auch noch eine mit: "Der Kultursenator hat sich mit einem ins Verhängnis verliebten Eigensinn den Ruf erarbeitet, kein Politiker zu sein. In seiner Politik ist zu viel Kunstwille, in seiner Kreativität ist zu viel Berechnung."

Klaus Dermutz unterhält sich mit dem Maler Anselm Kiefer, der dieser Tage sechzig wird, über Gott und die Welt, wobei es natürlich sehr mystisch zugeht: "Der Mensch ist ein Wesen, das abgrundtief böse ist, abgrundtief böse sein kann. Das erleben wir bis heute. Wir sind immer wieder entsetzt. Die Kultur kann weitergehen, die Zivilisation kann weitergehen, es bleibt der Abgrund der falschen Polung des Menschen." Luzide ist auch seine Deutung einer "vulgär manichäistischen" US-Politik: "Osama bin Laden und Bush haben sich gegenseitig emporgeschaukelt. Bush kamen die Selbstmordattentate nur zupass. Die Pläne der Eroberung der Welt, wie ich das im alten Sprachgebrauch nenne, gab es schon in der Schublade."

Weiteres: Claus Spahn konstatiert so etwas wie "Geschwindigkeitszwang" bei der Pianistin Helene Grimaud: "Bremsen ist nicht die Sache dieser Pianistin." Katja Nicodemus schimpft über die Entscheidung, Martin Scorsese auch für "The Aviator" keinen Oscar zu geben, hat es aber nicht anders erwartet: "So ist das Verlierertrauma dieses bedeutenden amerikanischen Regisseurs in Wahrheit die Angstneurose der amerikanischen Filmbranche." Der Philosophieprofessor Julian Nida-Rümelin möchte Deutschland wieder als eine Kulturnation sehen, für die Bildung nicht nur einen wirtschaftlichen Nutzen hat. Hans-Joachim Müller preist die "public private partnership", die Frankfurts Museen zu den lebendigsten in Deutschland gemacht haben: "attraktive Häuser, spannende Ausstellungen, vitale Direktoren, fantasievoll erweiterte Budgets". In der Reihe "50 Filmklassiker" rühmt Ulrich Greiner Ingmar Bergmanns "Das Schweigen".

Besprochen werden Theresia Wagners Prosecco-Gesellschaftsgroteske "Die Kriegsberichterstatterin", bei der Michael Skasa fast genauso viel gelacht hat wie bei Didi Hallervorden, Marco Tullio Giordanas "nationaler Versöhnungstraum" "Die besten Jahre" und Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften" als Hörbuch.

Im Aufmacher des Literaturteils bespricht Ursula März Eva Menasses Debüt "Vienna". Für das Dossier geht Sabine Rückert dem Tod eines jungen Deutschtürken nach, der in Hamburg auf offener Straße mit 33 Messerstichen von seinen Freunden getötet wurde.

FR, 03.03.2005

In der FRplus erzählt Dorothea Marcus vom Theaterfestival in Iran. Sie hat dort einen "Hamlet" gesehen: "Die Inszenierung des Kuwaiters Sulayman Al Bassam ist auf Arabisch. Hamlet spielt in einem Parlament, die dänische Königsfamilie besteht aus machtgierigen Bürokraten der Gegenwart. Hamlets Stiefvater ist Diktator in einem arabischen Staat, der Geist ein Amerikaner. Nachts überzeugt er Hamlet, dass sein Vater von imperialistischen Agenten ermordet wurde. Hamlet ist vom Willen zur 'Reinheit' durchdrungen. Er zieht ein Mullah-Gewand an und wird zum Terroristen. Hamlets Wahn zum Guten mit religiösem Fundamentalismus gleichzusetzen, ist schlüssig. Im Gottesstaat scheint das wenig zu interessieren. In Windeseile hat sich der Saal geleert." Politik hätten sie genug, erklären einige Zuschauer Marcus, sie wollten mehr Kunst. Die Theaterkritikerin Laleh Taghian fürchtet gar, dass das Festival bedeutungslos werden könnte. "'Die neue Leitung versteht nichts von Theater, es sind regierungstreue Männer.' Seit sie da sind, herrscht Desorganisation, auch Druck, die Zensur ist alarmiert. Beim Festival in der Provinz Khozestan kam es kürzlich zum Eklat. Eine armenische Gruppe trug durchsichtige Kostüme, seitdem sitzen die Leiter in Haft."

Im Feuilleton feiert Roland Mischke Herzog & de Meurons Neubau der Universitätsbibliothek in Cottbus: "32 Meter hoch, mit rundum gekurvten, fließenden Fassaden, so außergewöhnlich, so fremdartig in dieser Kiefernlandschaft. Wie Mekka im brandenburgischen Sand ..." Sebastian Moll widmet die Times-Mager-Kolumne einem Laurie-Anderson-Abend in der Brooklyn-Academy of Music. In FRplus berichtet Ole Frahm, dass Eyal Sivan in seinem vielgelobter Eichmann-Film "Ein Spezialist" die historische Wahrheit manipuliert haben soll.

Besprochen werden Rufus Wainwrights neues Album "Want Two", das neue Album von Antony And The Johnsons: "I Am A Bird Now", Michael Winterbottoms Thriller "Code 46" und Takashi Shimizus Remake seines eigenen Horrorthrillers 'Ju-On' "The Grudge".

TAZ, 03.03.2005

Dorothee Wenner singt ein Loblied auf den Bollywoodhit "Main hoon na" und seine Regisseurin Farah Khan, die zusammenrührt, "was 'tout Bollywood' derzeit für 'überholt' hält: eine geballte Ladung von Action, Romantik und einen Plot, der es wagt, masalamäßig alles in einen Topf zu werfen, was Emotionen beim heutigen, indischen Publikum wachrüttelt". Farah Khan zitiert "auf intelligente Art eine Bollywood-Tradition, die bei anderen Großproduktionen immer mehr aus der Mode gerät", weil sie versuchen, sich dem westlichen Publikumsgeschmack anzupassen, schreibt Wenner.

Weitere Artikel: Anett Busch berichtet aus München von einer Tagung zum Thema "Working Girls". In der tazzwei porträtiert Peter Unfried den österreichischen Kabarettisten und Schauspieler Joseph Hader, der gerade in dem Film "Silentium" den Kommissar Brenner spielt. Und Fra. berichtet, dass ein Beamter in Bayern behauptet hat, das kürzlich in der Berliner Gemäldegalerie entdeckte Mozartporträt zeige in Wahrheit einen bayrischen Beamten.

Besprochen werden die Florian-Süssmayr-Retrospektive im Münchner Haus der Kunst, der Film "Hitch - Der Date-Doktor" mit Will Smith, Michael Winterbottoms Thriller "Code 46" und David Bezmozgis Erzählungsband "Natascha" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Schließlich Tom.
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Stichwörter: Bollywood, München

SZ, 03.03.2005

Es bewegt sich was in Deutschland, rüttelt Gottfried Knapp seine ignoranten Zeitgenossen auf. "Rechnet man in Michelin-Sternen, dann hat sich die kulinarische Kultur im Land in den letzten zehn Jahren schlicht verdoppelt; ja sie hat sich von Südwesten her erstaunlich gleichmäßig über die dicht besiedelten Regionen der westlichen Bundesländer verteilt ... Es gibt also viele Gründe, warum die Deutschen, wenn sie sich zum Essen oder zum Trinken niederlassen, ein bisschen zufrieden sein kännten. Doch das will ihnen noch immer nicht richtig gelingen, weil sie von ihren Nachbarn zwar Vieles gelernt haben - aber nicht das Genießen."

Jens Bisky beschreibt die erste Runde eines neuen Berliner Kulturkampfs: Der von Christina Weiss erbetene Streit um die Zukunft der Berliner NS-Gedenkstätten begann am Dienstag bei einem Colloquium. "Drei Welten standen sich da gegenüber: die Verteidiger des Erreichten, Veteranen des Berliner Gedenkwesens; die Kulturstaatsministerin, die zwar Diskussion gefordert hatte, nun aber arg überrascht schien, als diese tatsächlich begann; und eine kleine Gruppe von Historikern, die einen grundsätzlichen Neuanfang forderten. Der Freiburger Historiker Ulrich Herbert stellte die entscheidende Frage, wo in der Fülle der authentischen Orte und Gedenkstätten eine 'Gesamtaussage' zum Nationalsozialismus getroffen werde. Nirgends, so seine Antwort, und das müsse sich ändern."

Weitere Artikel: Till Briegleb porträtiert den jungen Film- und Theaterschauspieler Devid Striesow. Carl Christ verabschiedet den Göttinger Althistoriker Jochen Bleicken, der jetzt neunundsiebzigjährig gestorben ist. Helmut Mauro informiert über Vorwürfe gegen den Dirigenten und Konzertveranstalter Volker Hartung, der illlegal Musiker aus Osteuropa beschäftigt haben soll, und "muz" berichtet, dass der Designermöbel-Hersteller "tecta" einen Lizenzrechtstreit gegen die Firma Knoll verloren hat und einem Düsseldorfer Gerichtsurteil zufolge den von ihm produzierten Marcel-Breuer-Hocker "B9" jetzt verschrotten muss. Auf der Medienseite schimpft Heribert Prantl über die Gesetzesnovelle zu einer Veränderung des Urheberrechts:, weil sie die "Bemessungsgrundlage für die Kopiervergütung auf töricht-bürokratische Weise" verändere.

Besprochen werden die Thomas-Demand-Schau im New Yorker Museum Of Modern Art, Max Mutzkes erstes abenfüllendes Konzert in Köln ("ähnlich naturwüchsig scheinenden, leicht joecockernden und von öligen Vibrato-Manierismen freien Soul-Gesang hat man zuvor im deutschen Pop noch nie gehört", staunt Dirk Peitz), Michael Winterbottoms Film "Code 46", Bernardo Bertoluccis Film "Besieged", Geoffrey Sax' Film "White Noise", Takashi Shimuzus Horrorfilm "The Grudge": "Der neue Schrecken ist nicht mehr aggressiv, gezielt, lanciert, nein, er kommt schleichend, triefend, zersetzend, dringt durch die Haut der sichtbaren, normalen Welt, ein Schatten hier, ein Knarzen dort, ein Rütteln hinter verklebter Schranktür", schreibt Fritz Göttler mit spürbarer Gänsehaut. Außerdem gibt es ein Interview mit Grudge-Hauptdarstellerin Sarah Michelle Gellar. Besprochen werden außerdem Bücher, darunter die über tausend Seiten starke Edition "Prosalanzelot V" in der Mittelalterbiliothek des Deutschen Klassikerverlages (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

NZZ, 03.03.2005

Joachim Güntner berichtet über den Streit zwischen Vertretern der Sinti und Roma in Deutschland um die Beschriftung des geplanten Mahnmals für die Ermordung der "als Zigeuner" Verfolgten in Berlin. Uwe Sustus Wenzel grtatuliert dem Philosphen Michael Walzer zum Siebzigsten.

Besprochen werden eine Ausstellung über den Designer Wilhelm Wagenfeld in Darmstadt, der Roman "Die Schatzsucher von Venedig" aus dem Nachlass von Ruth Landshoff-Yorck, ein neuer Band aus dem Briefwechsel von Sigmund Freud und Sandor Ferenczi und viele CDs, darunter wiederaufgelegte Aufnahmen von Charles Mackerras der Tschechischen Philharmonie mit Werken von Dvorak und Janacek und Neuaufnahmen von Mozarts Requiem durch Nikolaus Harnoncourt und Nigel Short.

Welt, 03.03.2005

Endlich ein origineller Gedenkartikel: Heute vor hundert Jahren wurde der Erreger der Syphilis entdeckt. Ulrich Baron erzählt die Kulturgeschichte dieser Krankheit. "Die Krankheit, deren Erreger Fritz Richard Schaudinn heute vor 100 Jahren entdeckte, hat Europa stärker geprägt als jede andere. Doch der Syphilis hat man keine Romane gewidmet wie ein Albert Camus der Pest. Sie war unappetitlich, aber diskret, man konnte mit ihr lange Zeit leben, ihre Geschwüre überpudern und mit Quecksilbersalbe kurieren. Doch bis zur Entwicklung des Penicillins war kein Kraut gegen sie gewachsen."
Stichwörter: Albert Camus, Europa

Berliner Zeitung, 03.03.2005

Matthias Kolb war dabei, als Anita Kugler in Riga aus ihrem Buch über den jüdischen KZ-Kommandanten Fritz Scherwitz und den Holocaust im Baltikum las: "Mehrmals wird gefragt: Wann kann man das Buch auf lettisch lesen? 'Das Goethe-Institut ist bereit, die Übersetzung zu bezahlen', erklärt Rudolf de Baey, Institutsleiter in Riga. Doch müsse der lettische Verlag Produktion und Vertrieb finanzieren. Es ist abzuwarten, ob ein Verleger dem unbequemen Buch Chancen auf dem kleinen Markt von nur 1,5 Millionen Lesern einräumt. Seit dem EU-Beitritt sind die Preise gestiegen, es werden weniger Bücher verkauft. Erste Kontakte wurden nach der Lesung geknüpft, erklärt Anita Kugler: Ein Verlag will sich um die Rechte bemühen."

Und Arno Widmann las bereits gestern das Buch des Papstes: "Der überwältigende Eindruck dieses Buches ist der der Enge. Etwas Gedrücktes, Kleinlich-Besserwisserisches beherrscht nahezu jede Seite. Wer nicht kapiert, dass es ein höchstes Gutes gibt, wer nicht akzeptiert, dass er ohne Gott den mörderischen Ideologien auf den Leim geht, der ist Teil des Bösen. Das Böse ist die Trennung von Gott. Wer Gott ist, verrät der Autor uns nicht. Er erklärt uns aber, dass Gott das Gute dadurch stützt, dass er uns gegen das Böse kämpfen lässt."

FAZ, 03.03.2005

Mark Siemons meditiert über die Problematik der Ehrenmorde an türkischen Frauen in Berlin und stellt richtig, dass diese Morde nur im Milieu der ostanatolischen Kurden geschehen, und dies aus kulturellen, aber nicht religiösen Gründen. In der Leitglosse befürwortet Heinrich Wefing ein neues Konzept für die Holocaust-Gedenkstätten in Berlin und möglicherweise sogar ein zentrales Museum. Hannes Hintermeier freut sich, dass Ursula Haeusgens "Lyrik Kabinett" jetzt in der Nähe der Münchner Universität eine ständige Bleibe gefunden hat und dort als öffentliche Bibliothek konsultiert werden kann. Jürgen Kaube schreibt zum siebzigsten Geburtstag des Philosophen Michael Walzer. In der neunten Folge seines "Grundkurses Demografie" untersucht Herwig Birg innerdeutsche Migrationsbewegungen. Uwe Walter schreibt zum Tod des Althistorikers Jochen Bleicken. Dieter Bartetzko hat einen Kongress zur Zukunft der Stadt in Frankfurt verfolgt.

Auf der Kinoseite schreibt der Regisseur Dominik Graf eine Hommage auf Robert Aldrich. Peter Körte fragt, was aus den Produzentenbrüdern Weinstein wird, nachdem sie die Disney-Tochter Miramax verlassen, um eine neue Produktionsfirma zu gründen. Und Verena Lueken konstatiert, dass "Schwarze und andere Minderheiten im amerikanischen Kino als Produzenten wie Konsumenten Teil des Mainstream geworden sind".

Auf der Medienseite berichtet Jürg Altwegg, dass sich die von irakischen Islamisten entführte Liberation-Journalistin Florence Aubenas auf einem Video meldete, und er schildert die undurchsichtige Rolle des Politikers Didier Julia, der behauptet, dass die französische Regierung wisse, wo die Journalistin festgehalten werde. Stefan Niggemeier fragt, "warum es so attraktiv ist, bei 'Big Brother' mitzumachen". Und Gina Thomas meldet, dass die Gebührenfinanzierung der BBC vorerst gesichert ist.

Auf der letzten Seite erinnert Dietmar Dath an den britischen Fantasy-Autor Robert Aickman. Andreas Rossmann schildert neueste Episoden im Streit der Firmen Knoll und Tecta an den Rechten für Marcel Breuers Stahlrohrmöbeln. Und Pia Reinacher porträtiert den Schweizer Schriftsteller Gerhard Meier, der sich nach 15 Jahren Schweigen mit einem kleinen Buch zurückmeldet.

Besprochen werden die Ausstellung "Die nackte Wahrheit" in der Frankfurter Schirn, der Film "The Grudge - Der Fluch" von Takashi Shimizu, neue Stücke von Will Eno und David Mamet in New York, Rossinis "Barbier von Sevilla" in Basel und ein Auftritt der schwedischen Rockband Mando Diao in Frankfurt.