Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.03.2005. Die FAZ bringt das Plädoyer des Historikers Ulrich Herbert zur Neuordnung der Berliner Gedenkstätten. Für die Welt ist diese Debatte Zeichen der Historisierung der NS-Vergangenheit. Die FR freut sich über das neue Kunstmuseum in Stuttgart - einen raffinierten gläsernen Kubus. In der NZZ versucht die Psycholgin Rona M. Fields die Psycholgie von Selbstmordattentätern zu ergründen. Elfriede Jelineks Stück "Wolken. Heim..." am Berliner Ensemble fällt durch.

FAZ, 04.03.2005

Der Freiburger Historiker Ulrich Herbert fordert ein neues Konzept für Berlins NS-Gedenkstätten. Die meisten Ausstellungen wurden von "privaten geschichtspolitischen Initiativen" geschaffen, deren Verdienste Herbert durchaus würdigt. Nur seien die Ausstellungen heute nicht mehr auf dem neuesten Stand und vor allem sei der Kontext in der Regel ein regionaler. "Im Mittelpunkt standen (und stehen zum Teil immer noch) die NS-Opfer, die in Deutschland verfolgt und ermordet wurden. Die meisten Toten aber, sicherlich mehr als 95 Prozent, sind nicht darunter: weder die europäischen Juden, die in Polen und der Sowjetunion ermordet wurden, noch die sowjetische Zivilbevölkerung - sicher die größte unter den bis heute wenig bekannten Opfergruppen. Und schließlich: die sowjetischen Kriegsgefangenen - mehr als drei Millionen kamen in deutschen Auffanglagern hinter der Front um. Diese Verbrechen, die ja im Kern den Zivilisationsbruch ausmachen, der die NS-Zeit kennzeichnet, wurden nicht innerhalb des deutschen Reichsgebiets begangen, sondern vor allem in Polen und der Sowjetunion. Diese Ausblendungen im Gedenken sind historisch nachvollziehbar, aber nicht hinnehmbar. Das Gedenken an die NS-Zeit ist auf diese Weise regional und nach Opfergruppen sektoriert worden. Die zentrale, die Zusammenhänge erläuternde Perspektive fehlt." Herbert schlägt daher vor, die Topografie des Terrors, den geplanten "Ort der Information" unter dem Holocaust-Mahnmal und die Wannseevilla "unter gemeinsamer Leitung eines wissenschaftlichen Direktors - oder einer Direktorin - zusammenzulegen."

Weitere Artikel: Herwig Birg bekennt in der letzten Lektion seines Grundkurses Demographie, dass auch ein plötzlicher Geburtenanstieg uns nicht vor der demographischen Katastrophe retten wird. Felicitas von Lovenburg war dabei, als mehr als vierhundert Schüler der Wiesbadener Humboldt-Schule anderthalb Stunden lang Marcel Reich-Ranicki zuhörten: "das Schulmotto 'Carpe diem' verwandelte er in die augenzwinkernde Aufforderung, gelegentlich auch die Nächte nicht ungenutzt verstreichen zu lassen, und empfahl für den Lateinunterricht statt Livius und Cicero, bei deren Lektüre er sich stets gelangweilt habe, lieber die römischen Dichter Ovid und Catull." Volker Weidermann war dabei, als in Berlin - in Anwesenheit des Bundespräsidenten - der letzte Band von Walter Kempowskis "Echolot" vorgestellt wurde: "Der Bundespräsident gibt sich von dem Abend beeindruckt. Später beim Empfang geht er von Gast zu Gast, spricht mit den Mitarbeitern des Kempowski-Archivs und des Verlags und mit den Kempowskis. An allem zeigt er sich interessiert." Eduard Beaucamp beklagt den Umbau beschaulicher Museen zu "Leistungsbetrieben für das Massenbedürfnis", interessant findet er immerhin den Versuch des Düsseldorfer "museum kunst palast", seine Sammlung neu zu ordnen.

Auf der Medienseite berichtet Kerstin Holm, dass der ukrainische Präsident Juschtschenko die Aufklärung des Mordes an dem Journalisten Georgi Gongadse zur "moralische Pflicht" seiner Regierung erklärt hat. Christian Deutschmann informiert über das neue Programm von Deutschlandradio Kultur. Auf der letzten Seite stellt Karen Krüger die Risum Skole im schleswig-holsteinischen Risum-Lindholm vor, wo Friesisch ebenso fächerübergreifend Unterrichtssprache ist wie Dänisch und Deutsch. Mark Siemons hat dem Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung entnommen, dass "der Reiche" in Deutschland diskret ist. Und Gina Thomas berichtet aus England, dass eine 16-jährige Muslimin erfolgreich gegen das Verbot geklagt hat, an ihrer Schule eine bodenlange Jiblah zu tragen.

Besprochen werden eine Ausstellung junger Malerei im Freiburger Kunstverein, Laurent Pellys Inszenierung von Emmanuel Chabriers Oper "Le Roi malgre lui" in Lyon, Laurie Andersons "The End of the Moon" in New York, Marco Tullio Giordanas Film "Die besten Jahre". Und Gerhard Stadelmaier watscht Elfriede Jelineks "Wolken. Heim. Und dann nach Hause" ab, das Claus Peymann im Berliner Ensemble uraufgeführt hat: "Vorsätzlich nationalkritisches Bestmenschen-Theater in einem verqualmten, unausgelüftet fidelen germanischen Selbsthass-Bewusstsein, das nichts als die Kehrseite einer herrenmenschenhaften Arroganz ist, die dauernd mit dem Zeigefinger auf sich selbst zeigt: Alle mal Achtung! Schaut her, wie schrecklich ich bin! Und wie tief! Und wie gefährlich! Habt bitte, bitte Angst vor mir!"

FR, 04.03.2005

Stuttgart hat sich ein neues Kunstmuseum für seine Sammlung gebaut, einen raffinierten gläsernen Würfel, entworfen von den Architekten Rainer Hascher und Sebastian Jehle. Silke Hohmann berichtet: "Gefragt, wie man in Zeiten wie diesen so ein eigenes Haus (das dazu ganz erstaunlich ist) eigentlich bauen kann, beantwortet der OB mit Ist-doch-klar-Blick: Man muss halt einfach ein paar Energie-Aktien verkaufen, erhält viele Millionen dafür und setzt über die Schächte einer stillgelegten sechsspurigen Straße, die mal mitten durch die Stadt ging und die dann mit einem Deckel aus Beton versiegelt wurde, einen spektakulären Bau."

Weitere Artikel: In Times mager kommentiert Stephan Hilpold den "fragwürdigen Transfer" des berühmten Dürer-Hasen und anderer Prachtstücke aus der Wiener Albertina zu einer Ausstellung in Madrid. Thomas Medicus hat der Vorstellung des letzten Bandes von Walter Kempowskis "Echolot" beigewohnt. Besprochen wird Elfriede Jelineks neues Stück "Wolken. Heim..." ("In seiner rigiden Rechthaberei verfällt der Text oft selber dem Verdikt, das er über alles Deutsche verhängt. Man kann auch sagen: Er wird zur Selbstbezichtigung", schreibt Peter Iden) und zwei Choreografien von Heinz Spoerli in der Frankfurter Oper.

Welt, 04.03.2005

Eckhard Fuhr kommentiert die neue Debatte um die Arbeitsteilung der Gedenkstätten in Berlin: "Auch die Bundesregierung scheint überrascht zu sein, dass jetzt plötzlich eine Grundsatzdebatte über Gedenken und zeitgeschichtliche Information losbricht. Doch so plötzlich kommt das gar nicht. Der Ruf nach Professionalisierung der Gedenkstätten fügt sich in den Prozess der Historisierung der NS-Vergangenheit. Aus Erinnerung wird Geschichte. Und diese Geschichte ist sehr gut erforscht. Die Hauptaufgabe von Gedenkstätten ist nicht mehr das Wachhalten der Erinnerung, sondern die Vermittlung von historischem Wissen."

Vytautas Landsbergis, erster postkommunistischer Präsident Litauens, artikuliert in einem Artikel des Project Syndicate das Unbehagen der baltischen Länder über die geplanten Gedenkfeiern zum 60. Jahrestag des Siegs über Hitler am 9. Mai in Moskau: "Russland, in Gestalt der Sowjetunion - war selbst Verursacher dieses Krieges, des blutigsten in der Geschichte Europas, dessen Ende nun gefeiert wird. Gewiß, die UdSSR löste diesen Krieg im Verein mit Hitler aus, aber ihre Verantwortung ist unbestreitbar. Indem es diese Feiern auf dem Roten Platz abhält und so den sowjetischen Sieg unterstreicht, feiert das heutige Russland auch seine Zugewinne aus diesem Krieg. (...) Es wird also nun ein ehemals versklavtes Land eingeladen, seine Gefangenschaft zu feiern."
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NZZ, 04.03.2005

Die Psychologin Rona M. Fields versucht die Psychologie von Selbstmordattentätern auszuloten und macht für ihre Taten die Ausgrenzung islamischer Minderheiten in den westlichen Ländern verantwortlich: "Angst besteht, wo sich eine Gruppe ausgegrenzt, ihre politischen und gesellschaftlichen Entfaltungsmöglichkeiten eingeschränkt sieht; der Hass, und mit ihm die Gewalt, wird schnell gegenseitig: Als aktuelles Beispiel wären der Mord an Theo van Gogh und die darauf folgenden Racheakte zu nennen."

Weitere Artikel: Georges Waser meldet, dass Zaha Hadid die Architecture Foundation in London bauen wird. Marc Zitzmann berichtet über neue antisemitische Äußerungen des schwarzen franzöischen Komikers Dieudonne. Paul Jandl stellt das Programm des Wiener Czernin-Verlags vor. Besprochen wird die Ausstellung "Akademie - Kunst lehren und lernen" in Hamburg.

Auf der Filmseite geht's um den Film "Kinsey" und Cate Shortlands Debüt "Somersault"

Auf der Medien- und Informatikseite kommt der Publizistikprofessor Ulrich Saxer zu schwerwiegenden Einsichten über die europäische Öffentlichkeit: "Die Konstruktion europäischer Öffentlichkeiten kommt nur zum Tragen, fallweise oder dauernd, wenn die nationalen Publika mittun." Wolfgang Kleinwächter, Professor für internationale Kommunikationspolitik an der Universität Aarhus, sucht im Hinblick auf den zweiten Weltgipfel der Informationsgesellschaft im kommenden November nach neuen Modellen der "Internet Governance". Georg David fragt nach den Plänen der Betreiber des Musikfernsehens MTV (und nach dem Schicksal von Viva Schweiz). Und Christa Piotrowski schreibt über neue, das Fernsehprogramm betreffende Moralkampagnen der religiösen Rechten in den USA.

TAZ, 04.03.2005

Thomas Winkler preist die neue Platte "Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen" der Hamburger Band Kettcar als eines der besten deutschen Alben seit langem. Mit echt starken Texten, zum Beispiel: "Erst in die Hölle und dann zu Ikea". Katrin Bettina Müller hat sich bei Claus Peymanns Inszenierung von Elfriede Jelineks Deutschland-Stück "Wolken. Heim. Und dann nach Hause" ziemlich gelangweilt: "Dieser Text legt ständig Fallen aus: Man ahnt, man soll erst hineintappen und sich dann ertappt fühlen. Daniel Bax schläft sanft über dem neuen Album "The Cosmic Game " der Thievery Corporation.

Auf der Meinungsseite beschwört der Publizist Abdel Husseini die Demokratiebewegung im Libanon: "Von den einstigen Schauplätzen der Kämpfe im Beiruter Zentrum donnern nicht Kanonen, sondern es erklingen Rufe nach Freiheit und Unabhängigkeit. Die von der Opposition geführte "Intifada der Unabhängigkeit" konnte sogar die prosyrische Regierung stürzen. Und dies alles in einer Region, in der Gewalt und Terror die Politik beherrschen. Eine Demokratie bahnt sich ihren Weg, ohne die Hilfe der US-Panzer in Anspruch zu nehmen."

Und noch Tom.

Berliner Zeitung, 04.03.2005

"Das muss man Claus Peymann lassen: Er nahm schon niedrigere Hürden nicht", ätzt Ulrich Seidler nach der kläglichen Inszenierung von Elfriede Jelineks "Wolken. Heim". Es dauerte nur wenige Minuten, "bis das vierzehnköpfige Ensemble die rechten Arme zum Hitlergruß hoch reißt und der Zuschauer aufhören kann, mitzudenken." Versöhnlich schließt er aber: Die Mühe ist das Sympathische an dem Abend. Selten hatte man Peymann so kleinlaut gesehen wie auf der Pressekonferenz, bei der er seine Zweifel darüber verkündete, ob 'Wolken. Heim. Und dann nach Hause" ein Publikum finden werde. Er hatte vor Rührung über die Entscheidung des Nobelpreiskomitees den Jelinek-Abend in den Spielplan genommen und sich später über die künstlerische Herausforderung erschrocken."

SZ, 04.03.2005

In einem Gespräch mit Sonja Zekri spricht die muslimische Schriftstellerin mit dem Pseudonym Nedjma über ihren erotischen Skandalroman "Die Mandel" und das Verhältnis von Sexualität und Freiheit in einer Gesellschaft: "In einer offenen Gesellschaft gehört Sexualität zum Privatleben, sie ist die Voraussetzung für ein gesundes Verhältnis zu sich selbst. Im Mittelalter mussten Richter, Imame und Kalifen sogar verheiratet sein, damit sie nicht aus Frustration falsche Entscheidungen trafen. In der heutigen arabischen Welt aber gibt es drei große Tabus: Religion, Politik und Sexualität. Diese Verbote schaffen Monstren, sie führen -- etwa in der Religion -- zu Fundamentalismus, zu Besessenheit, ja Verworfenheit. Nehmen Sie Saudi-Arabien: Es ist das prüdeste Land, das es gibt -- und das verdorbenste. Saudische Männer fahren nach Marokko, um zehnjährige Mädchen für Geld zu vergewaltigen. Das ist der wahre Skandal."

Sichtlich erbost schreibt der Theologe Friedrich Wilhelm Graf über das derzeit in Rom zu beobachtende Leidensdrama des Papstes: "Der Schmerzensmann auf Petri Stuhl ist kein hilfloses Opfer machtlüsterner Klerikergruppen im Vatikan. Das derzeit aufgeführte Papstpassionsdrama entspricht vielmehr bis in kleine Herrschaftsgesten hinein dem religiösen Selbstbild und dem postmodernen Amtsverständnis dieses Papstes."

Jens Bisky hat sich Claus Peymanns Inszenierung von Elfriede Jelineks Anti-Deutschland-Kollage "Wolken.Heim" am Berliner Ensemble angesehen - und fand es einfach nur blöd: "Man lernte: zum Deutschsein gehören Trillerpfeife, Volksliedsingen, Polonaise und Hitlergruß." Und Peymann hat es offenbar noch schlimmer gemacht: "Eben das Sekundäre, Unentschlossene, Bornierte verstärkte Peymann. Er schuf sich das Feindbild und schlug dann kritisch zu."

Weiteres: Überragende Talente hat Jürgen Otten beim ersten Internationalen Franz-Liszt-Wettbewerb für junge Pianisten in Weimar zwar nicht erlebt, aber einen 14-Jährigen, der Messiaens "Regard de l'Esprit de joie" ziemlich furios aus dem Geiste des Kung Fu interpretierte: "Die Akkorde zersplittern in tausend Stücke, der Klang sprengt beinahe die Außenmauern, ja, man fürchtet gar um das Instrument, einen eigentlich milde gestimmten Yamaha." "alex" kolportiert einen Bericht aus der Zeitschrift Nature über eine Frau, die angeblich Töne schmecken kann: "Die Musikerin hat beim Klang einer kleinen Sekunde einen sauren Geschmack auf der Zunge. Eine kleine Terz schmeckt salzig, eine Quart wie 'gemähtes Gras'.

Jeanne Rubner sieht die Europäische Akademie der Wissenschaften und Künste in Salzburg immer mehr ins Zwielicht geraten. Die Vorwürfe lauten: Personenkult, Nepotismus und Nachlässigkeit. Oliver Herwig freut sich über den Erfolg des Mozilla-Browsers Firefox, der dem Windows Explorer immer mehr Anteile abjagt: "Zwar dominiert der Platzhirsch mit 87,28 Prozent immer noch das Browserwesen, doch konnte sich der feurige Fuchs bereits mit 8,45 Prozent auf den zweiten Platz vorschieben. Tendenz steigend." Lothar Müller meldet, dass Michael Thalheimer leitender Regisseur am Deutschen Theater Berlin wird.

Besprochen werden eine Thomas-Hirschhorn-Schau in der Münchner Pinakothek in der Moderne (bei der Jutta Göricke ein "libidinöses Verhältnis zum Vorschlaghammer" erkannte), Händl Klaus' Elendsspiel "Wilde -- Der Mann mit den traurigen Augen" in den Münchner Kammerspielen, Andy Tennants Komödie "Hitch, der Date Doktor" mit Will Smith und Bücher, darunter Michael Wildenhains Roman "Russisch Brot" und Martin Grzimeks "Das Austernfest" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).