Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.12.2004. Die FAZ hat die großartigste Filmszene des Jahres entdeckt: Sie spielt auf dem Gesicht von Nicole Kidman. Die taz porträtiert Amerikas schwärzesten Romantiker: den Autor Denis Johnson. Das von Hans Magnus Enzensberger, nicht aber von Eichborn annoncierte Ende der Anderen Bibliothek sorgt für Spekulationen. Sucht Enzensberger einen anderen Verlag?

FAZ, 21.12.2004

Filmkritiker Michael Althen annonciert die "großartigste Szene des Jahres". Nicole Kidman spielt sie in dem Film "Birth". Althen beschreibt ihre Reaktion, nachdem ein kleiner Junge frech behauptet hat, er sei ihr verstorbener Mann, um dann in Ohnmacht zu fallen. Sie geht wie geplant in die Oper ("Walküre"): "Und dann hat die Kamera nur noch Augen für Anna, gleitet über die anderen Zuschauer in einer endlosen Fahrt auf sie zu, und man kann miterleben, wie diese Frau in ein schwarzes Loch stürzt, wie sie das Gesehene zu begreifen sucht, wie sie sich wehrt, wie ihr Geist sich im Kreise dreht und dann allen Widerstand aufgibt. Minutenlang nur dieser Blick auf eine Schauspielerin, die so feinnervig und durchsichtig wirkt wie keine andere zur Zeit, und der Schauder, der einen in dieser Szene befällt, erinnert nicht nur deswegen an 'Rosemarys Baby', weil Kidman ihre Haare so kurz wie Mia Farrow trägt."

Felicitas von Lovenberg berichtet, dass Hans-Magnus Enzensberger in einer E-Mail das Ende der einzigartigen "Anderen Bibliothek" für September 2005 angekündigt hat, aber auch dass der Verlag das ganz anders sieht und auf Einhaltung von Verträgen bis ins Jahr 2007 pocht: "Die Rechte an der Anderen Bibliothek, die Eichborn vor nunmehr fünfzehn Jahren von Franz Greno erworben hat, behält der börsennotierte Verlag ohnehin, der auch die Möglichkeit hat, nach Ablauf des Vertrages mit Enzensberger und Greno einen neuen Herausgeber zu küren. So sehr der Wunsch nach einer einvernehmlichen Lösung betont wird, so deutlich wird auch, dass man bei Eichborn nicht gewillt ist, die Herausgeber einfach ziehen zu lassen."

Weitere Artikel: Patrick Bahners versucht unter Aufwendung gelehrter Beispiele aus der britischen Parlamentsgeschichte des 19. Jahrhunderts verschiedene Denkstile in der Frage des EU-Beitritts der Türkei zu ergründen. Joseph Hanimann gratuliert dem Autor Tahar Ben Jelloun zum Sechzigsten. Andreas Platthaus kommentiert das milde Urteil gegen den Frankfurter Vizepolizeipräsidenten Daschner, der einem Entführer mit Folter gedroht hatte, als "Infragestellung unseres gesamten rechtsstaatlichen Systems". Die Literaturwissenschaftlerin Hannelore Schlaffer legt einen Essay über die Mode der Jugendlichen vor, die mit ihrer Kleidung angeblich ein "Sampling" betrieben (für das Modeketten wie "Zappa" das Grundmaterial feilböten). Wolfgang Sandner gratuliert dem Dirigenten Michael Tilson Thomas zum Sechzigsten. Gina Thomas schreibt zum Tod des britischen Journalisten Anthony Sampson, eines Freunds von Nelson Mandela und Kritikers britischer Eliten.

Auf der Medienseite schildert Michael Hanfeld den erbitterten Streit von ARD und ZDF um 3Sat als eines der Symptome ihrer Angst vor der Explosion der Programme durch die Digitalisierung des Fernsehens. Henrike Rossbach zeigt ARD und ZDF zudem in der Defensive vor der EU-Kommission, die ihr Gebaren im Internet untersucht.

Auf der letzten Seite druckt die FAZ die Dankrede der Autorin Julia Franck für den Marie-Luise Kaschnitz-Preis - sie versucht die "Jammerstimmung" in Deutschland zu ergründen. Paul Ingendaay schildert die Rede einer Vertreterin der Opfer des 11. März vor dem spanischen Parlament, die die Politiker beschämte. Und Michael Jeismann begrüßt Valery Giscard d'Estaing in der Academie francaise.

Besprochen werden ein "Rheingold" in Covent Garden, Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang" in Nicolas Stemanns Inszenierung am Burgtheater und Kinderopern in Berlin.

Berliner Zeitung, 21.12.2004

Arno Widmann denkt zum zweihundersten Geburtstag des Politikers, Autors und Verschwörungsfantasten Benjamin Disraeli darüber nach, wie verrückt man eigentlich sein muss, um ein Weltreich schaffen zu wollen: "An Disraeli kann man lernen, dass der Größenwahn auch dann einer bleibt, wenn die Realität ihm Recht gibt, dass man nicht aufhört ein Verrückter zu sein, nur weil man damit Erfolg hat. Wer Disraelis Leben betrachtet, der bekommt den Eindruck, dass ohne Verrücktheit, ohne einen Wahn, der gepaart ist mit einem allen Widerstand austricksenden Verstand, nichts Rechtes zu Stande zu bringen ist. An Disraeli fasziniert, wie die verrücktesten Allmachtfantasien in der Art Jules Vernes zusammengespannt werden mit der kleinteiligsten Realpolitik, mit der Kunst der Kabinettintrige. Hier ist ein Schiller, der nicht nur Ferdinand und Wurm ist, sondern dazu noch ein Weltreich regiert."

Harald Jähner spekuliert, was Hans Magnus Enzensberger dazu bewegt haben kann, das Ende der Anderen Bibliothek bei Eichborn so "lax und launig" zu verkünden: "Vielleicht ist Enzensberger der Erfolg zu Kopf gestiegen. Man hört, der geradezu bizarre Werberummel, der in Sachen Humboldt seitens des Verlags entfacht worden war, sei Enzensberger immer noch zu spärlich erschienen. Viel spricht dafür, dass Enzensberger gar nicht aufhören will, sondern das Spiel, wie er es nennt, in einem passenderen Ambiente fortsetzen will."

TAZ, 21.12.2004

Peter Henning hat sich mit "Amerikas schwärzestem Romantiker", dem Schriftsteller Denis Johnson getroffen, um mit ihm über seinen neuen Roman "Train Dreams" zu sprechen: "'Weshalb sollten meine Bücher gut ausgehen?', fragt Johnson rhetorisch im Gespräch. 'Das Leben geht doch auch nicht gut aus. Wir altern, unsere Freunde sterben, und am Ende müssen wir selbst daran glauben. Was, bitte schön, ist daran positiv?'" (Im Netz findet sich noch ein kurz gefasster Report Johnsons aus dem New Yorker, wo er von seiner Zeit als drogensüchtiger Obdachloser erzählt.)

Weitere Artikel: In der Kolumne "sozialkunde" erklärt der Soziologe Dirk Baecker, warum Gewalt eine Form der Kommunikation ist. Mehrere Artikel beschäftigen sich mit dem Drahtseilakt von Laurenz Meyer. So bescheinigt auf der Meinungsseite der Dozent für Krisenmanagement Holger Doetsch Meyer und der ganzen CDU den kompletten Mangel eines solchen. Und in tazzwei wollen Jan Feddersen und Natalie Tenberg wissen, dass "nicht Meyer eigentlich der Angeklagte ist, sondern die Clan-Chefin selbst."

Besprochen werden Giacomo Puccinis Oper "Manon Lescaut" an der Deutschen Oper in Berlin und Nicolas Stemanns Inszenierung von Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang" am Wiener Burgtheater.

Schließlich Tom.
Anzeige

FR, 21.12.2004

Doch eher fassungslos als beeindruckt berichtet Oliver Herwig über den Besuch einer neu erstandenen "Südsee-Erlebniswelt" 50 Kilometer südöstlich von Berlin und mithin mitten im märkischen Sand. Auf 360 Meter Länge und 210 Meter Breite - das entspreche gut acht Fußballfeldern - buchstabierten sich im brandenburgischen "Tropical Island" allerdings "die Tropen de Luxe nicht wie schwüle Abende unterm Moskitonetz und Schlagregen jeden Mittag. Sondern wie italienischer Feinsand am Strand, Bäume aus Thailand und Folklore von Bali bis Rio. All das, was man vom Durchblättern eines Reisekatalogs kennt." Den Autor würde es deshalb auch nicht wundern, wenn im Gegenzug "die Wintersommerwende in Südostasien bald richtig populär" würde.

Weiteres: In Times mager ätzt Alexander Kluy etwas kurzatmig über das Gimmick zur aktuellen Ausgabe von Brigitte: ein Reclam-Heft mit Kleists Erzählung "Die Marquise von O." Daniel Kothenschulte erklärt, warum Oliver Stones Film "Alexander" scheitert, aber doch immerhin als "stolze Ruine" zu bewerten ist. Und auf der Medienseite gibt Hans-Jürgen Krug einen Einblick in die zersplitterte Medienszene in Kosovo.

Im Forum Humanwissenschaften schreibt Karl Schlögel über Alexander von Humboldt und erklärt, warum es immer noch lohnt, seine Bücher zu lesen: Sie "sind alle auch Lehrbücher in Navigation, des Sich-selbstständig-Bewegen-Könnens in einer Welt, deren Unübersichtlichkeit nicht erst eine Sache unserer Tage ist. Doch wer ist heute, mehr als 200 Jahre nach Humboldt bereit, die Pizarro zu besteigen und hinauszufahren aufs offene Meer?" (Wir haben den Artikel leider nicht im Netz gefunden.)

Besprochen werden die Inszenierung von Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang" am Wiener Burgtheater und Umberto Ecos Buch zur "Geschichte der Schönheit" (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

NZZ, 21.12.2004

Birmingham hat seit Samstag einen handfesten Theaterskandal, weiß Thomas Leuchtenmüller zu berichten. Das Stück "Behtzi" ("Schande") der britisch-indischen Autorin Gurpreet Kaur Bhatti erregte die Gemüter von rund 500 Sikhs, die sich an dem Werk über "Mord, Vergewaltigung und Missbrauch in einem britischen Sikh-Tempel" störten, das Theater stürmten und sich eine "blutige Schlacht" mit der Polizei lieferten.

Weiteres: Eine Rheingold-Inszenierung, dirigiert von Antonio Pappano an der Königlichen Oper zu Covent Garden, lässt Peter Hagmann unentschieden zurück. Für die "instrumentale Zurückhaltung" findet er nur lobende Worte, aber dass die Rheintöchter "ihre anfänglichen Sentenzen in einem von Laserlicht bewegten Spiegelsaal splitternackt vorzutragen haben, erscheint schon weniger zwingend - Theater ist ja eine Sache des Scheins, nicht eine des Seins." Sieglinde Geisel hat bei einer Berliner Tagung zum Thema "Das Bild in der Wissenschaft" vorbeigeschaut und die Erkenntnis mitgenommen, dass dieses Medium weniger von der Wissenschaft, "sondern von Bildredaktoren verwaltet, beispielsweise auf Titelbildern von Hochglanzmagazinen, auf denen die Wissenschaft sexy daherkommt".

Dazu ein ganzer Rezensionsreigen: Besprochen werden die "Soiree Maurice Bejart" in Lausanne, Sean O'Caseys "Das Ende vom Anfang" ("S Ändi vom Aafang") in Luzern, "Moskau-Tscherjomuschki" von Schostakowitsch in Lyon, Frankfurter Adorno-Vorlesungen von Claus Offe, Weihnachtsgedichte von Joseph Brodsky, Dorothea Dieckmanns "Guantanamo" und der neue Roman von Gabriel Garcia Marquez (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 21.12.2004

Ijoma Mangold berichtet über die fassungslose Reaktion bei Eichborn auf die von Hans Magnus Enzensberger angekündigte Einstellung der "Anderen Bibliothek" beim Eichborn-Verlag. Sucht Enzensberger nun nach einem anderen Verlag für die Bibliothek? "Er sei, sagte er gegenüber dieser Zeitung, an einer einvernehmlichen Lösung interessiert. Erst wenn man sich, möglichst im Guten, auseinander dividiert habe, könne er über einen neuen Verlag für die Bibliothek nachdenken."

Weitere Artikel: Der kanadische Soziologe Y. Michal Bodemann zeigt sich optimistisch über eine Koexistenz zwischen Staat und Islam in Deutschland. Holger Liebs verabschiedet den amerikanischen Popkünstler Tom Wesselmann (mehr), den Erfinder der "Great American Nudes". Johann Schloemann interpretiert das "Föderalismuschaos" als "endgültigen Sieg der Beratungsgesellschaft, der Konvente und Initiativen". Alexander Kissler stellt die Ausstellung "Medizin und Verbrechen" im ehemaligen KZ Sachsenhausen vor. Jürgen Otten weist auf das "Digitale Beethoven Haus" in Bonn hin, eine Erweiterung des bereits bestehenden Museums im Beethoven-Haus, in dem sich der Besucher jetzt multimedial und interaktiv Beethoven erschließen kann.

In der Reihe über Kunstsammler im 21. Jahrhundert wird heute der Sammler Rudolf Udo Scharpff vorgestellt, der Jeff Koons für einen hochpolitischen Künstler hält und bekennt, "für ihn immer einen tiefen Schluck aus der Pulle" zu nehmen. Fritz Göttler denkt aus aktuellem Anlass über die Film(kunst) zerstörende Wirkung von Werbeblöcken im Fernsehen nach. Und in der "Zwischenzeit" erlebt Joachim Kaiser "Glück mit Klassikern", genauer gesagt mit dem Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe. Zu lesen ist schließlich ein Interview mit dem Geschäftsführer und Programmverantwortlichen des Würzburger Arena-Verlags, Albrecht Oldenbourg.

Besprochen werden Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang" am Burgtheater, die Kölner Inszenierung von Detlev Glanerts Oper "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung", eine "frivole" spanische Verfilmung von Ralf Königs Comic "Lysistrata" durch Francesc Bellmunt und Bücher, darunter der erstmals vollständig auf Deutsch vorliegende Roman "Tancred oder Der neue Kreuzzug" von Benjamin Disraeli, ein Studie über die Entstehung der modernen Wissensgesellschaft (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).