Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.11.2004. In der Welt kritisiert der Lyriker Safer Zenocak die in Europa lebenden Moslems. In der FR erklärt Natan Sznaider, warum die Linke in Israel zu hoffen beginnt: wegen Scharon und wegen Bushs Wiederwahl. Die taz resümiert das Berliner JazzFest. Die NZZ sieht eine von Ängsten geplagte katholische Kirche. In der FAZ sieht Amos Oz die Falken auf dem Rückzug.

Welt, 10.11.2004

Die Ermordung Theo van Goghs ist weiter Thema.

Im Kulturteil leistet der in Ankara geborene Lyriker Safer Zenocak scharfe Kritik an der Mentalität vieler in Europa lebender Moslems: "Die Muslime in Europa brauchen dringend eine Charta, in der die verbindlichen Regeln des Zusammenlebens mit Nichtmuslimen in einer demokratischen, offenen Gesellschaft festgeschrieben werden müssen. Wer sich nicht an diese Charta hält, müsste aus der Gemeinschaft der Gläubigen verstoßen werden und dürfte sich auch nicht auf die in der Verfassung garantierte Glaubensfreiheit berufen. Ein solcher Wertekanon aber kann nur dann entstehen, wenn es eine innere Debatte über die Konflikte des muslimischen Glaubens mit der Moderne gibt. Viele Muslime sind nicht einmal bereit, einen solchen Konflikt zu erkennen. Sie sind nicht bereit zur kritischen Analyse der eigenen Tradition, zu einer schonungslosen Gegenüberstellung ihres Glaubens mit der Lebenswirklichkeit in modernen Gesellschaften. Das ist übrigens auch ein Grund dafür, warum ihre Kultur so wenig Kunst und Kreativität hervorbringt und ohne Verständnis, ja feindselig auf solche reagiert."

Im Forum wird ein Text der Politikerin Ayaan Hirsi Ali nachgedruckt, mit der Theo van Gogh einen Film über die Unterdrückung der Frauen im Islam gemacht hat. Sie ist jetzt untergetaucht. "Ich trauere um den Tod von Theo. Ich bin traurig, weil die Niederlande neuerlich ihre Unschuld verloren haben, eine Unschuld, die sich in Theo manifestierte. Der Angriff auf Amerika und Spanien wurde wegrationalisiert wie etwas, was nur dort geschehen konnte, nicht hier. Theos Naivität bestand nicht darin zu glauben, dass es nicht geschehen konnte, sondern, dass es ihm nicht geschehen konnte. Er sagte: 'Ich bin der Dorftrottel, dem sie nichts tun. Aber sei du vorsichtig, denn du bist die betrügende Frau.' Aber ich bin auch wütend darüber, dass er tot ist und ich lebe, weil ich Personenschutz hatte und er nicht."

FR, 10.11.2004

"Man könnte meinen, dass alles falsch läuft", schreibt Natan Sznaider. Bush hat die Wahlen gewonnen, Arafat liegt im Sterben. Und doch, so Sznaider, stehen "alle Zeichen auf Hoffnung und Fortschritt". Scharons geplanter Rückzug der Israelis aus Gaza "ist nur der Anfang. Deshalb ist der Widerstand der Rechten so extrem. Und das ist auch der Grund, aus dem die israelische Linke Scharon bei diesem Unternehmen unterstützt, und aus dem sie über den Wahlsieg von Bush nicht niedergeschmettert war. Die israelische Rechte bekämpft Scharon aus dem selben Grund, warum die israelische Linke ihn unterstützt. Jeder im Land kennt die Bedeutung von Gaza, jeder weiß um die symbolischen Wirkung eines Rückzugs aus besetzten Gebieten."

Weitere Artikel: Mürrisch gratuliert Thomas Medicus dem Leiter der Kunstwerke, Klaus Biesenbach, der als Kurator für "Film and Media" ans New Yorker MoMA berufen wurde. Besprochen werden Jonathan Demmes Präsidentenfilm "The Manchurian Candidate" und Bücher, darunter Elke Erbs Prosaband "Die Crux" und Nicolas Righettis Fotoband "The Last Paradise - North Korea" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 10.11.2004

"Irgendwann hat sich das Berliner JazzFest darauf versteift, von den teuren Stars abzulassen und junge Musiker zu präsentieren, die noch unbekannt und preiswert sind. Das Problem ist, dass sie auch gleich noch die einzige JazzFest-These untermauern sollen, der europäische Jazz sei heute viel spannender als der amerikanische." Christian Broecking bezweifelt das. Aber "auch die amerikanischen Projekte bei diesem JazzFest blieben im Rahmen. Ob jetzt die spirituellen Exkurse des Saxofonisten Charles Lloyd, die Coleman-Hawkins-Hommage des Saxofonisten Benny Wallace oder der Blues des Gitarristen Doug Wamble - überall schimmert Tradition und Bewahrung durch. Kein Turntablism diesmal, auch keine Electronic-Experimente, stattdessen hinter den Kulissen viel Aufhebens um die verlorene Wahl und die Hoffnung, dass die europäischen Veranstalter den amerikanischen Musikern nicht die Gigs streichen. Die Angst vor einem neuen Antiamerikanismus war diesen Künstlern deutlich anzumerken, zu Hause gibt es für ihre Musik eh kaum Jobs."

Weiteres: Gerrit Bartels resümiert den 12. Open-Mike-Wettbewerb, bei dem Christian Schloyer für "seine sprachmächtigen Gedichte" zum Sieger gekürt wurde. Und Tim Ackermann stellt ein Buch mit 15 realen Kunstkrimis vor (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Schließlich Tom.
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NZZ, 10.11.2004

Hanno Helbling sieht die katholische Kirche von Angstzuständen geplagt: Denn der "Konsens zwischen Lehramt und Basis" gehe ihr verloren. Besprochen werden Jonathan Demmes Film "The Manchurian Candidate", eine Ausstellung über das landschaftsgestalterische Schaffen von Ferdinand Bac (1859-1952) und Luis Barragan (1902-1988) im Batiment SG der ETH Lausanne in Ecublens und Bücher, darunter Arnold Thünkers Roman "Keiner wird bezahlen" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
Stichwörter: ETH Lausanne, Lausanne

FAZ, 10.11.2004

Kurz vor Arafats Tod untersucht Amos Oz ("Eine Geschichte von Liebe und Finsternis") die Position der Tauben und der Falken in Israel. Den Tauben, zu denen er sich selbst zählt, wirft er vor, die Lage der armen Israelis verkannt zu haben, die die wahren Opfer der Siedlungspolitik seien und dies mit verschärftem Nationalismus kompensierten. Den Falken aber sagt Oz erfreut nach, dass sie still und heimlich von ihren Maximalpositionen Abstand genommen hätten: "Kein Falke traut sich mehr zu sagen, dass wir auch nicht einen Quadratzentimeter von Erez Israel aufgeben dürfen. Diese Ware haben sie aus dem Angebot genommen, weil ihnen womöglich selbst klargeworden ist, dass sie ungenießbar war. Nun murmeln sie, dass ein Rückzug militärisch gefährlich oder sehr schmerzhaft für die Siedler sei oder Hamas ermutigen werde oder im Rahmen eines Abkommens und nicht einseitig unternommen werden dürfe. Das heißt, die Falken haben schon klammheimlich den entscheidenden Rückzug angetreten... Diesen revolutionären Schritt sollten die Tauben mit Anerkennung und Erleichterung akzeptieren."

Weitere Artikel: Joseph Hanimann hat in Paris einige Gedenkveranstaltungen zu Derrida besucht und einige Publikationen gelesen und beobachtet eine tiefgehende Revision des Bildes des Philosophen, die seine späte "thematische Konzentration auf Menschenfreundschaft, Weltoffenheit und Gastlichkeit in den letzten fünfzehn Jahren nicht einfach als versöhnlichen Epilog eines dekonstruktivistischen Antihumanisten" erscheinen lassen. Michael Jeismann wirft Paul Spiegel, dem Chef des Zentralrats der Juden in Deutschland, vor, mit seinen Warnungen vor einem neuen Antisemitismus in rhetorischer Routine zu verharren, die niemanden verschrecke. Im Aufmacher kritisiert Jürgen Kaube die Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn, deren Argumente in der Frage der Studiengebühren er mehr als inkonsistent findet. Dirk Schümer schildert Querelen um das deutsche Studienzentrum in Venedig, die zur Schließung des Hauses führen könnten. Bernd Fritz schreibt zum Tod des Önologen Emile Peynaud, Autor des Standardwerks "Die Hohe Schule für Weinkenner". Jordan Mejias betrachtet in seinen New Yorker "Nachwahlwehen" den Wahlsieg Bushs als Absage der unendlichen amerikanischen Provinz an die Stadt. Wiebke Hüster schreibt über die traurige Lage des Tanztheaters in Heidelberg. Patrick Bahners gratuliert dem Historiker Wolfgang Hardtwig zum Sechzigsten. Gemeldet wird, dass Tankred Dorst anstelle von Lars von Trier im Jahr 2006 den Bayreuther "Ring" inszenieren wird.

Auf der Medienseite berichtet Nina Rehfeld, dass das Krümelmonster in der "Sesamstraße" im 35. Jahr seiner Existenz und angesichts der grassierenden Fettsucht in den USA maßvoll essen lernen soll. Josef Oehrlein berichtet aus Argentinien, dass die linksliberale Regierung die Zeitung Pagina 12 ("Argentiniens taz") großzügig mit Anzeigen unterstützt. Gemeldet wird, dass Datenschützer gegen die Praktiken der GEZ protestieren.

Auf der letzten Seite gratuliert Michael Siebler dem Deutschen Archäologischen Institut zum 175. Regina Mönch beharrt darauf, dass es keiner künstlichen Mauernachbauten in Berlin bedarf um der Teilung zu gedenken. Und Christian Geyer porträtiert Wolfgang Engler, Autor des Buchs "Die Ostdeutschen als Avantgarde".

Besprochen werden das Berliner Jazzfestival (nach Ulrich Olshausen ein "rauschender Erfolg"), der Film, dem die Deutschen den Titel "Der Manchurian Kandidat" gaben, eine Ausstellung über antike und die klassizistische Zeichenkunst in Leipzig, ein Kölner Konzert der amerikanischen Rockband Marah, eingeleitet vom Popliteraten Nick Hornby und die Ausstellung "The Unfinished Print - Meisterwerke unvollendeter Druckgraphik aus sechs Jahrhunderten" im Frankfurter Städel.

Online steht heute der wirklich lesenswerte Debattenbeitrag des niederländischen Publizisten Paul Scheffer über das Verhältnis Europas und der Moslems aus der gestrigen FAZ.

SZ, 10.11.2004

Reinhard J. Brembeck kündigt aufgeregt an, dass Tankred Dorst im Jahr 2006 in Bayreuth den "Ring" inszenieren wird. Im Interview mit Christine Dössel erklärt der "erfreute, aber auch erschrockene" Dramatiker in groben Zügen sein Konzept: "Dass man die Götter als rätselhafte Macht vergrößert und sie in ihrer Fremdheit belässt. Wotan, Fricka, Freia, die Riesen verkörpern die Elemente der Natur: Feuer, Wasser, Luft, Erde."

Der Sprachwissenschaftler Theodor Ickler wettert nun auch in der SZ gegen die Rechtschreibreform: "Es ist bisher kein einziges Schulbuch bekannt geworden, das die Reform korrekt umsetzt." (Vielleicht sollte er einfach selbst eins schreiben.) Tobias Kniebe stellt das Münchner DJ-Duo Munk vor, die mit einem neuen Album "Aperitivo" aufwarten. In Österreich revoltieren die Theaterdirektoren gegen ihre Budgets, die seit zehn Jahren mit der gleichen Summe bezuschusst werden, berichtet Gerhard Persche. Und auf der Medienseite melden Klaus Ott und Hans-Jürgen Jakobs, dass die Erbfolge bei Focus geregelt ist: Nachfolger von Helmut Markwort wird dessen bisheriger Stellvertreter Uli Baur.

Besprochen werden Paul W.S. Andersons Horrorfilm "Alien vs. Predator", den Hans Schifferle bei allem "kindlichen Spektakel" doch recht düster fand, Jerome Deschamps' "Proll-Satire" "Les Etourdis" in Zürich (die C. Bernd Sucher auch gern mal in Deutschland sehen würde), Kevin Elyots "Forty Winks" am Londoner Royal Court Theatre, Nick Hurrans Filmkomödie "Little Black Book", die Ausstellung "Veronese profane" mit Porträts von Paolo Veronese im Pariser Musee du Luxembourg und Bücher, darunter Aleida und Jan Assmanns Band über "Hieroglyphen" und Irina Liebmanns Roman "Die freien Frauen" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).