Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.11.2004. In der FR beschreibt Imre Kertesz das Trauma der ungarischen Intellektuellen. In der SZ erklärt er die drei großen Ts im Gulasch-Kommunismus. Die taz hat sich zur Feier des Tages vom Osten übernehmen lassen. In der FAZ fordert der niederländische Publizist Paul Scheffer eine tiefgehende Reform des Islam. In der Welt diskutieren Jens Bisky und Jakob Hein über Westgeld und Ostidentität.

FR, 09.11.2004

Im Gespräch mit Ina Hartwig denkt der ungarische Schriftsteller Imre Kertesz über die Diktatur, die Demokratie, den Umbruch und die tragische Rolle der Intellektuellen dabei nach. "Diese Intellektuellen, die haben gekämpft gegen die gegebene Welt. Sie haben für die Freiheit gekämpft in einem Land, das von der sowjetischen Armee besetzt war. Große Aussichten hatten sie nicht. Sie wollten eine Absurdität: den Sozialismus mit menschlichem Antlitz. So etwas gibt es nicht. Aber sie haben das gewollt. Und dann kam eine historische Wende, die nicht sie bewirkt haben, und bekamen die Freiheit als ein Geschenk. Das war überhaupt nicht vorgesehen. Der Nikolaus kam und brachte ihnen ein schön eingepacktes Spielzeug, dessen Regeln nicht zu verstehen waren (...) Wirklich ein traumatisches Erlebnis, wie diese Leute überflüssig geworden waren. Die heutige Spaltung der ungarischen Gesellschaft kommt noch von diesem Trauma her."

Peter Michalzik erzählt vom befremdlichen Vorgang, nach dem der Berliner Kultursenator Thomas Flierl bei der Suche nach einem Generalintendanten für die drei Berliner Opern den Feuilletonchef des Berliner Tagesspiegel, Peter von Becker, mit einer inoffiziellen Bewertung des Kandidaten Bernd Fülle beauftragte, deren Ton den Spiegel und auch Michalzik stark an einen IM-Bericht erinnert. "Der Eindruck, was BFs mögliche Befähigung für Berlin angeht, ist entschieden schlecht."

Zwei Artikel aus dem großen Mauerfall-Packen sollen nicht unerwähnt bleiben: Michael Rutschky wandelt durch ein Deutschland 15 Jahre danach, vom "guten König" bis zum "dicken Sachsenapfel". In der Dokumentation fordern die Historiker Ulrich Mählert und Manfred Wilke, die isolierte DDR-Forschung nun endlich in die gesamtdeutsche Geschichtsbetrachtung zu integrieren.

Besprochen werden Ernest Blochs Oper "Macbeth" unter der Regie von Keith Warner im Frankfurter Opernhaus, das Konzert des Sängers Max Herre in der Union-Halle, ein Computermusikabend des rührigen "Vereins für neuere künstlerische Ausdrucksformen", ein Theaterabend mit dem Zeitgeist-Ensemble der Mainzer Kammerspiele unter dem Motto "Idole", Kuo-Chu Wus "drollige" Choreografie "Oculus" in Kassel sowie ein Auftritt des Motettenchors Frankfurt, unter anderem mit Faures Requiem.

TAZ, 09.11.2004

Die taz feiert 15 Jahre Mauerfall, in dem sie in alter Übernahme-Tradition eine Mannschaft aus rund 50 Politikern, Künstlern und Journalisten eingeladen hat, eine ost-taz zu produzieren. Hier wird der Sinn des Unterfangens erklärt.

Im Kulturteil wundert sich der polnische Journalist Adam Krzeminski über die Ostdeutschen, die sich die Aufnahme nach Europa nicht erarbeiten mussten, sich nun geschichtsvergessen um die europäische Osterweiterung sorgen, während sie in der Vergangenheit meist durch Stillhalten glänzten. "Die DDR galt als die bravste Baracke im ganzen Ostblock, bekannt durch Plastikautos und eher solide als schicke Damenunterwäsche. Dass es am 17. Juni 1953 zu einem Aufruhr gekommen war, geriet ungerechterweise in Vergessenheit. Wenn eines sicher war, dann die politische Passivität der DDR-Deutschen immer dann, wenn die anderen rebellierten: 1956, 1968, 1970, 1976, 1980/81 und so fort."

Der Soziologe Wolfgang Engler und der Architekturkritiker Wolfgang Kil versuchen sich in einem ausgreifenden Gespräch mit Annett Gröschner über ihre Landsleute klar zu werden. Manchmal bleibt es beim Versuch. Kil: "Ich weiß nicht, wie das ostdeutsche Selbstbewusstsein wirklich tickt. Ich leide darunter, dass in Ermangelung eines ostdeutschen Diskurses die meisten Ostdeutschen nicht in der Lage sind, aus dem Stand heraus ihre Situation allgemein verständlich zu beschreiben. Da fehlt einfach die Praxis. Man hat es zu DDR-Zeiten nicht gelernt und jetzt auch nicht."

Weitere Artikel: Heidrun Hanisch dokumentiert die hartnäckigen kleinen Unterscheide zwischen West und Ost. Michael Harms vom BDI erklärt, wie gerade im Sozialismus die Ware zum Fetisch wurde. "Was der Osten nach 15 Jahren gut bezahlter Gängelei braucht, ist im Kern eine neue Kultur der Selbstständigkeit, ein neuer Anfang", meint Helmut Holter, Arbeitsminister in Mecklenburg-Vorpommern. Jochen Schmidt versucht zu erklären, warum es in der Berliner Lesebühne "Chaussee der Enthusiasten" ausschließlich ostdeutsche Autoren gibt.

Auf der Meinungsseite fordert Wolfgang Thierse den Westen auf, ein paar alte Bärte abzuschneiden. Auch ein bisschen mehr Tempo bei den Reformen könnte nicht schaden: "In der Zeit, die in unserem geeinten Vaterland auf die eingehende Erörterung der Eigenheimpauschale aufgewendet wird, haben wir Ostdeutschen eine ganze politische Klasse abgewickelt, das gesamte Rechtssystem umgestellt und uns, leider viele ohne Erfolg, eine neue Arbeit gesucht. Nicht dass dieses Tempo zur Normalität werden sollte. Aber wer es einmal erlebt hat, wird gegenüber manchen Entscheidungsprozessen doch von heiliger Ungeduld erfasst." Auf der Medienseite braucht Norbert Leisegang, Sänger von Keimzeit, keine Quote für deutschsprachige Musik. Andre Spangenberg informiert über eine Studie, nach der sich die Medienberichterstattung über Ostdeutschland in den vergangenen zehn Jahren um die Hälfte verringert hat.

Kein Tom diesmal, der ist Wessi.

Welt, 09.11.2004

In einem langen Gespräch mit Holger Kreitling und Michael Pilz unterhalten sich Jens Bisky (mehr) und Jakob Hein (mehr) über die Wende, das erste Westgeld, die "Zwangsjacke der ostdeutschen Identität" und Ostalgie im Westen: "Hein: 'Man probiert gerade, damit umzugehen, dass es doch größere Unterschiede in der Sozialisation zwischen Ost und West gibt. Das ist für den Westler schwierig. Dafür eignen sich Schablonen: Aha, so seid ihr aufgewachsen? Mit Kati Witt und Sauerkraut? Jetzt verstehe ich, warum ihr anders seid!' Bisky: 'Ich glaube, das ist noch etwas anderes. Auch die Bundesrepublik ändert sich gerade, es ist vorbei mit den Jahren endlosen Wachstums. Dadurch gewinnt die Vergangenheit einen ungeheuren Reiz. Viele haben das Gefühl, die besten Jahre lägen hinter ihnen. So versuche ich mir zu erklären, warum Westdeutsche sich gern Ostalgie-Geschichten ansehen."
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Stichwörter: Jakob Hein

NZZ, 09.11.2004

Peter Siedler besichtigt die Kulturfabrik "la fabbrica" in Losone, mit der sich der Tessiner Unternehmer und Garagenbesitzer Michele Tognetti weidlich ums Kulturleben verdient gemacht hat. "Der Garagenbesitzer ist nicht nur ausgebildeter Nationalökonom, sondern tritt daneben hin und wieder auch als Seiltänzer auf, und überdies ist er stärker am kulturellen und künstlerischen Geschehen der Gegenwart interessiert als am Anhäufen von Reichtum. Dieser Charakterzug führte dazu, dass Tognetti die alte Möbelfabrik in Losone sorgfältig renovieren ließ, weil es ihn reute, die prächtigen Räumlichkeiten niederzureißen oder eine Garage darin unterzubringen, doch ohne genau zu wissen, was er mit dem Erworbenen schließlich anfangen sollte. Da kam ihm der Zufall zu Hilfe, denn ein Bäcker suchte Raum für seine Backstube mit Holzbackofen. Es folgten eine Musikschule, Ballett-, Tanz- und Yoga-Studios. Zudem richtete Tognetti einen Raum ein, in dem er sich im Seiltanz üben kann."

Weiteres: Thomas Schacher berichtet von den Schweizer Weltmusiktagen, die auch in Basel gastierten und dort vor einer kleinen, aber feinen "Weltöffentlichkeit" Schweizer Komponisten präsentierten. Besprochen werden eine sehr instruktive "Hannibal"-Ausstellung im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe (allerdings weiß Cornelia Isler-Kerenyi immer noch, nicht, warum Karthago zerstört werden musste), und Bücher darunter Franz Bleis Autobiografie "Erzählung eines Lebens", Ludwig Wittgensteins Fragmente "Licht und Schatten", der Lyrikband von Marion Poschmann "Grund zu Schafen" sowie Gedichte von Ali al-Shalah und Girgis Shoukry (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 09.11.2004

Auch der SZ hat Imre Kertesz ein Interview gegeben. Er spricht mit Ijoma Mangold über große Themen wie das Alter, die Literatur, und die Geschichte. Wobei es persönlich zugeht, etwa in der Erinnerung an die ungarische Variante des Kommunismus. "Es war zynisch und sehr attraktiv. Man konnte damit leben, und das war in einem gewissen Sinne noch schlimmer als die pure Gewalt. Gleichwohl hatte dieser Gulasch-Kommunismus etwas Spielraum für die Schriftsteller und Intellektuellen vorgesehen. Das war ein ganz besonderer Tiergarten. Haben Sie von den Prinzipien gehört, denen der Gulasch-Kommunismus gegenüber den Intellektuellen folgte? Es gab drei Kategorien, und man sprach von den drei Ts, weil alle drei Begriffe auf Ungarisch mit T beginnen: Unterstützen, Tolerieren, Verbieten. Ich zum Beispiel gehörte zu den Leuten, die toleriert wurden."

Die SZ inspiziert das Thema Mauerfall auf der ersten Seite des Feuilltons unter der Perspektive der atomaren Bedrohung. Alex Rühle schreitet im Eilgang durch 40 Jahre westdeutschen Diskurses zwischen persönlicher Angst und wissenschaftlichen Fallout-Prognosen. "Die Druckwelle abwarten, die behelfsmäßige Schutzmaske umbinden, die aus Damenstrumpf und Zellstofftaschentüchern gefertigt worden war, und den nächstgelegenen Schutzraum aufsuchen." Jens Bisky schildert, wie in der DDR mit dem Nuklearkrieg distanzierter weil staatsvermittelter umgegangen wurde.

Weitere Artikel: Christine Drössel berichtet, wie der Berliner Kultursenator Thomas Flierl Journalisten als Kundschafter für die Suche nach einem Generalintendanten für die Berliner Opern einspannte. Petra Steinberger erklärt am Beispiel Palästina, wie politischen Systemen ohne Nachfolgeregelung das Chaos droht. "In einem Saal mit 2000 Zuhörern klingt ein Hammerklavier einfach nicht besonders vorteilhaft" - Reinhard Schulz unterhält sich mit dem ungarischen Pianisten Andras Schiff. Gerhard Matzig weist auf die kulturstiftende Wirkung des Berliner Palastes der Republik hin. Tim B. Müller stellt den Arbeitskreis Moderne und Islam am Wissenschaftskolleg Berlin vor.

Peter Burghardt berichtet auf der dritten Seite über die Debatte, die Miguel Cortois mit seinem Film über den legendären Eta-Enttarner "El Lobo" ausgelöst hat. Sebastian Handke möchte nicht ausschließen, dass der Berliner "Open Mike" Wettbewerb mittlerweile wichtiger ist als die Klagenfurter Literaturtage. Joachim Kaiser erinnert sich an einen verstorbenen Freund, den Pianisten und Pädagogen Robert-Alexander Bohnke. Holger Liebs schreibt zum Tod des Zeichners und Bildhauers Erwin Heerich. Fritz Göttler notiert, dass der MGM-Musical-Star Howard Keel gestorben ist.

Besprochen werden Keith Warners Version von Ernest Blochs einziger Oper "Macbeth" im Frankfurter Opernhaus, Christoph Marthalers Inszenierung der "Seemannslieder" in Gent, eine Ausstellung der Altarbilder von Jan Polack in Freising und München, Till Hastreiters Film "Status Yo!" sowie Alina Teodorescus Film "Paraiso".