Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.10.2004. In der FR preist Elfriede Jelinek die segensreichen Auswirkungen des Alpenwassers auf die Literatur. In der SZ fordert Timothy Garton Ash die Emanzipation des britischen Butlers. In der taz beschreibt Gilles Kepel, wie der Dschihad nach Ägypten zurückkehrte. In der Berliner Zeitung wünscht sich Oskar Röhler mehr Voyeure im deutschen Kino. Die NZZ erfreut sich an einer ungeahnten kulturellen Blüte in Oberschlesien. Die FAZ warnt vor einer Unterschriftenaktion gegen den EU-Beitritt der Türkei.

FR, 13.10.2004

Elfriede Jelinek denkt im Interview über den Unterschied zwischen deutscher Literatur und der Literatur der, hm, Alpenländer nach. "Diese Art Literatur, die sich mit der Sprache selbst beschäftigt, im Anschluss an den frühen Wittgenstein und vor allem in der Nachfolge der Wiener Gruppe, der ich samt Artmann, Jandl und Mayröcker eigentlich das allermeiste verdanke, ist typisch österreichisch." Diese Tradition wird sich wohl nie "im ganzen deutschsprachigen Raum ausbreiten" können, meint Jelinek. "Allerdings gibt es das auch in der Schweizer Literatur, die ja absolut großartig ist. Vielleicht sind ja doch die Alpen schuld, oder das kalkhaltige jodarme Wasser. Sowas kann man nicht einfach verpflanzen. Man kann das der deutschen Literatur nicht aufpfropfen. Die armen Deutschen, die meisten von ihnen zumindest, würden sich auch schön bedanken. Die wollen ja Lesefleisch zwischen die Kiemen kriegen, schön dick belegt."

Weitere Artikel: Adam Olschewski stellt die Kunst-Wanderbaustelle "Utopia Station" in München vor. Besprochen werden "Women by Women", eine Ausstellung arabischer Fotografinnen im Frankfurter Fotografie Forum international, eine Ausstellung zu den Arbeiten des Architekten Wilhelm Riphahn im Kölner Museum für angewandte Kunst, Händels "Messiah" in der Liebfrauenkirche, ein Konzert der Sterne in Frankfurt, die Aufführung des Kindertheaterstücks "Die Fürchterlichen Fünf" im Frankfurter Theaterhaus, ein "extra-frühes Stück" - "Geflügelschere" - des jungen Fausto Paravidino im Landestheater Marburg, ein Auftritt des Mainzer Sängerquartetts "Die Schmachtigallen" im Stadttheater Gießen und Bücher, darunter ein Band mit Fotoarbeiten von Jim Dine (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 13.10.2004

Der Historiker Timothy Garton Ash fordert dringendst eine Korrektur der "immer demütigeren" britischen Haltung gegenüber den USA: "Unter Blair hat England mehr denn je eine 'Jeeves-Diplomatie' praktiziert. Ähnlich dem unnachahmlichen Jeeves, Butler des etwas dümmlichen Aristokraten Bertie Wooster in den humoristischen Romanen von P.G. Wodehouse, oder Alfred, dem betagten britischen Butler des ungestümen Batman, verhält sich auch Britannien in der Öffentlichkeit Amerika gegenüber stets untadelig loyal, während es im kleinen Kreis Washington rücksichtsvoll formulierte Kritik ins Ohr flüstert. 'Ist dies denn wirklich klug, Sir?' murmeln wir Briten diskret. Doch der große Boss schert sich den Teufel um unseren Rat."

Weiteres: Stefan Koldehoff stellt als weiteren "Kunstsammler im 21.Jahrhundert" Frieder Burda vor, dessen Herz offenbar eher an der amerikanischen als an der deutschen Nachkriegsmoderne hängt. Gerhard Richters Zyklus "18. Oktober 1977" hätte ihn dagegen schon interessiert, wie Koldehoff erzählt, wenn seine Familie nicht auch im Visier der RAF gestanden hätte. Tobias Moorstedt spricht mit dem Filmproduzenten R.J.Cutler über seine Show "American Candidate", bei der - oh Wunder - der konservative Südstaatler (Krieg gegen den Terror!") gegen die Bostoner Liberale ("besseres Amerika") gewann. Gerhard Matzig sucht das Paradies in Brandenburg, das dort demnächst in Form des Themenparks "Tropical Island" zu haben ist. Arno Orzessek berichtet von einer Tagung in Wolfenbüttel zu Licht und Farbe im Goldenen Zeitalter. "zig" gratuliert Nana Mouskouri zum wahrscheinlich siebzigsten Geburtstag.

Besprochen werden Oskar Roehlers "zärtlich-schonungsloser" Film "Agnes und seine Brüder", ein Konzert des Geigers Frank Peter Zimmermann in München, Vera Nemirovas "Fidelio"-Inszenierung in Graz, Akram Khans Choreografie "Ma" in Essen, Wolfgang Bauers Stück "Foyer" beim Steirischen Herbst in Graz und Bücher, darunter Umberto Ecos Roman "Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana" und Rudolf Langes kleines Brevier der Körperfunktionen "Warum Tränen salzig schmecken" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Berliner Zeitung, 13.10.2004

In einem sehr interessanten Gespräch unterhält sich Anke Westphal mit Oskar Röhler über seinen Film "Agnes und seine Brüder", sadistische 68-Eltern, das pöbelhaft-unfreundliche Berlin-Mitte und natürlich das Filmemachen: "Die Frage ist doch, was man zeigen will im Kino: Will man die Gefühle groß machen oder unterspielen und versenken? Wahn ist immer ein Anfang, manchmal sogar eine Vorstufe zur Befreiung. Leider gibt es im deutschen Kino keine Voyeure! Voyeure bohren sich ein Loch, um etwas zu sehen, das außerhalb des abgesteckten gesellschaftlichen Rahmens befriedigt."
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NZZ, 13.10.2004

Marta Kijowska erzählt in einem interessanten Hintergrundartikel von einer überraschenden kulturellen Blüte in Oberschlesien und nennt hier vor allem die Filmregisseurin Magdalena Piekorz und den Autor Wojciech Kuczok (mehr). Pekorz' mit Preisen ausgezeichneter Film "Striemen" beruht auf einem Drehbuch Kuczoks und hat wie sein Roman "Mist" eine Jugend voller Gewalt zum Thema, Kijowska zitiert noch einige andere Werke und Künstler und hofft, dass "diese neue kulturelle Belebung möglicherweise für ein neues 'Wir-Gefühl' unter den Bewohnern Oberschlesiens" sorgt.

Weitere Artikel: Milo Rau besucht den Autor Philippe Djian in seiner Werkstatt. Hubertus Adam konstatiert ein immer größeres Interesse der Chinesen an Design. Klaus Englert stellt das Projekt einer Gartenstadt für eine Rheininsel bei Neuss vor.

Besprochen werden die Bonner Ausstellung "Still Mapping the Moon", welche die bedeutende Sammlung jüngster Malerei eines ungenannten Sammlers zeigt, eine Ausstellung über Maimonides im Jüdischen Museum Frankfurt am Main und einige Schallplatten und Bücher, drunter Gottfried Schramms Band "Fünf Wegscheiden der Weltgeschichte" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

TAZ, 13.10.2004

Auf der Meinungsseite gibt Gilles Kepel ein kurzes Interview zu den Zukunftsaussichten der islamischen Gotteskrieger. In seinem letzten Buch hatte er behauptet, der Islamismus sei im Niedergang. Dann kam der 11. September. "Im Dezember 2001 schrieb Aiman al-Sawahiri, der zweite Mann hinter Ussama Bin Laden, ein kleines Pamphlet. In den 90er-Jahren hätte die Avantgarde nicht die richtige Sprache gefunden, um die Massen zu erreichen, so sein Urteil. Sawahiri kommt aus Ägypten. Dort hatte der Krieg gegen das Mubarak-Regime in furchtbaren Blutbädern und mit der Niederlage der Dschihadisten geendet. Die neue Strategie war die Bekämpfung des 'fernen Feindes'. Dieser Strategiewechsel wurde mit 9/11 für jedermann sichtbar. Das Ziel war, mit spektakulären Aktionen die Massen aufzurütteln, die mit dem Kampf gegen den 'nahen Feind' offensichtlich nicht erreicht werden konnten ... Die Macht haben die Dschihadisten nirgendwo übernommen, im Gegenteil: Das Taliban-Regime wurde gestürzt. Interessant ist aber: Mit den Anschlägen von Taba in der vorigen Woche schwingt das Pendel retour, der Dschihad kommt zurück nach Ägypten. Dort fanden 1997 immerhin die ersten großen Terroranschläge statt. Möglicherweise hat sich die Orientierung auf den 'fernen Feind' doch als zu kurzlebig erwiesen."

Im Kulturteil schildert der Schriftsteller Ulrich Peltzer völlig gebannt das moderne Istanbul: "Obwohl ich es nach drei Wochen Aufenthalt schon hätte wissen können, bedurfte es anscheinend dieses letzten Anstoßes, um mir wirklich klar zu werden, dass hier jene Normalität und freie Konkurrenz der Moden herrscht, jene Politik der Differenzen, die kennzeichnend ist für die säkularen und demokratischen Gesellschaften des Westens ... Waren die Reformen Atatürks ein erster radikaler Sprung ins 20. Jahrhundert, so treffen wir heute in der Türkei auf ein sich rasend modernisierendes Sozialwesen, das dabei ist, alle falschen Bindungen an die Vergangenheit abzuschütteln, um sich als notwendige Voraussetzung und logische Folge seines Weges in eine globalisierte Zukunft tief greifend zu verändern. Gegen Istanbul wirkt St. Petersburg bedrückend archaisch."

Weitere Artikel: Katrin Kruse liefert einen kurzen Abschlussbericht zu den Pret-a-Porter-Schauen in Paris, und Ulf Erdmann Ziegler schreibt über die Künstlervideos, die die Frankfurter Schirn in Auftrag gegeben hat: "Der mit Abstand reifste Film stammt von Doug Aitken, indem er zunächst auf konstantem Licht beruht, in dem die Hautfarben der Akteure - sie murmeln im Schlaf - berauschende Exempel der menschlichen Physis darstellen. Erst gemächlich, dann enorm beschleunigt fegt Aitken mit Details der Erwachenden durch sein wohltemperiertes menschliches Inventar."

Schließlich Tom.

FAZ, 13.10.2004

Christian Geyer findet klare Worte gegen die von Angela Merkel erwogene Unterschriftenaktion zum EU-Beitritt der Türkei: "Wer in einer so vielschichtigen, auf Differenzierung angewiesenen Materie die Argumente im Parlament durch Unterschriftenlisten in der Fußgängerzone ablösen möchte, der verspielt jeden Kredit politischer Willensbildungskompetenz."

Gina Thomas feiert die seit Jahrzehnten erwartete Neuauflage des britischen "Dictionary of National Biography": "sechzig blaue buckram-gebundene Bände der Oxford University Press, die 11 Fuß (3,35 Meter) im Regal in Anspruch nehmen, zwanzig Stone (rund 190 Kilo) wiegen, 7500 Pfund kosten (6500 Pfund bis Ende November) und mehr als fünfzigtausend Einträge über zweieinhalb Jahrtausende britischer Geschichte enthalten, darunter meisterhafte Essays, verfasst von gut zehntausend Autoren aus aller Welt.." Auch im Internet ist das Monumentalwerk gegen eine Gebühr von 195 Pfund im Jahr zugänglich.

Weitere Artikel: Gerhard Stadelmaier berichtet kurz über einen Brief Bernd Wilms', noch Intendant des Deutschen Theaters in Berlin, gegen den Plan des Kultursenators Thomas Flierl, hier den Schriftsteller Christoph Hein ("Landnahme") als seinen Nachfolger zu installieren. Edo Reents kommentiert in der Leitglosse die Entlassung Sepp Maiers als Torwarttrainer der Nationalmannschaft. Dieter Bartetzko gratuliert Nana Mouskouri zum Siebzigsten. Henning Ritter resümiert französische Reaktionen auf den Tod Jacques Derridas.

Helmut Börsch-Supan fragt nach dem Schicksal der Porträts Friedrichs des Großen, die in Hitlers Reichskanzlei hingen. Christian Schwägerl beklagt den Zustand des Naturkundemuseums in Berlin und stellt bei weiterer Vernachlässigung ein trauriges Schicksal ähnlich dem der Weimarer Anna-Amalia-Bibliothek in Aussicht. Katja Gelinsky berichtet, dass der Supreme Court in den USA möglicherweise demnächst die Hinrichtung Minderjähriger unterbindet. Cord Riechelmann wendet sich gegen die Subvention durch den Hauptstadtkulturfonds für ein Werk des Künstlers Tilman Küntzel, das mit dem Gesang von Staren arbeitet, von denen dieser Künstler nach Riechelmann aber gar keine Ahnung hat.

Auf der Medienseite stellt Nina Rehfeld die zur Zeit in den USA angesagteste Fernsehserie vor: "Desperate Housewives". Matthias Rüb tritt Gerüchten entgegen, Bush hätte bei seinen Fernsehduellen einen "Mann im Ohr" getragen (spezialisierte Internetadressen und auch ein Artikel in Salon.com behaupten das Gegenteil). Verena Lueken schreibt einen kleinen Nachruf auf den Journalisten Reinhard Hesse.

Auf der letzten Seite berichtet Robert von Lucius, dass die litauische Hauptstadt Vilnius wieder zu einem Zentrum jiddischer Kultur werde. Hannes Hintermeier berichtet, dass Amazon wieder Bücher von Diogenes verkauft und ein Streit über die Höhe der Rabatte beigelegt sei (nebenbei erfahren wir, dass Amazon "rund zehn Prozent am deutschen Buchumsatz bewegt"). Und Petra Kolonko porträtiert den unerhört erfolgreichen Popsänger Dao Lang aus dem Westen Chinas, der mit "rauer Stimme Folk-Balladen mit uigurischem Einschlag singt".

Besprochen werden ein "Turandot" in Dresden und eine Ausstellung über den Schriftsteller Ludwig Hohl in Zürich.