Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.11.2003. In der SZ schildert der Schriftsteller Gernot Wolfram seine interkulturelle Kommunikation mit den Polen. Die taz fragt, wie einer, der "wie Forrest Gump durch die Entertainmentwelt stolpert", zum glamourösesten Deutschen nach Boris Becker und Marlene Dietrich werden konnte. Die NZZ bestellt The Walrus vor. In der FAZ gratuliert sich Marcel Reich-Ranicki selbst: 1.500 Gedichte in der Frankfurter Anthologie.

SZ, 28.11.2003

Der Schriftsteller Gernot Wolfram (mehr hier) erzählt, was er alles gelernt hat, während er polnische Studenten in Breslau "interkulturelle Kommunikation" lehrte. "Plötzlich fragt jemand: Wieso heißt es hier 'wieder politisch werden'? Auf welche Zeit bezieht sich das denn, auf die DDR? Nein, nein, werfe ich ein, es geht selbstverständlich um die Jahre danach. Innerlich denke ich jedoch: der Student hat Recht. Wann waren wir eigentlich das letzte Mal politisch in einem Sinn, der ohne peinliche Assoziationen auskommen würde? Die Frage erinnert mich an den Titel eines Aufsatzes des von mir bewunderten japanischen Schriftstellers Kenzaburo Oe: Waren wir wirklich modern, bevor wir postmodern wurden? Daraus ließe sich ohne große Mühe für uns jüngere Deutsche die Frage ableiten: Waren wir eigentlich politisch, ehe wir unpolitisch wurden?"

Weiteres: Joachim Nettelbeck, Sekretär des Wissenschaftskollegs zu Berlin, plädiert für die Einrichtung von Forschungskollegs nach amerikanischer Vorbild: "Universitätsnahe, themenspezifische Institutes for Advanced Study wären ein Anreiz für kooperative Forschung in den Geisteswissenschaften." Petra Steinberger greift Überlegungen auf, wonach Israelis und Palästinenser, wenn sie schon nach all den Attentate, Kriegen und Massakern nicht in zwei Staaten nebeneinander leben können, es doch mal wieder mit einem binationalen Staat versuchen könnten. "skoh" berichtet, dass die Stadt Wuppertal sein Museum per Ratsbeschluss dazu bringen musste, Raubkunst zurückzugeben.

Thomas Wild hat sich bei Tankred Dorsts Poetikvorlesungen in Frankfurt angehört, wie dieser mit Tschechow und Ray Kurzweil auf Kutschfahrt ging. "mea" meldet, dass Damien Hirst einige seiner Werke von Charles Saatchi zurückgekauft hat. In der Randglosse lässt uns "akis" wissen, was Menschen alles über sich und ihre Vorlieben gestehen, wenn man sie nur reden lässt - wie etwa die Internet-Geständnisseite "Group Hug". Großes Lob geht von Marc Fischer an die Sängerin Nelly Furtado: ein "Mädchen zum Pferde-, Sportwagen- und Schusswaffen-Stehlen". Christian Jostmann freut sich über erste Versuche, den Abgrund, "der Systemtheorie und Historie trennt", zu überspringen.

Besprochen werden Maria Eichhorns Ausstellung "Restitutionspolitik" im Kunstbau des Lenbachhauses in München, die Migrationsschau "Jeder ist ein Fremder" im Bonner Haus der Geschichte, Denys Arcands Film "Invasion der Barbaren" (ein kurzes Gespräch mit dem frankokanadischen Regisseur steht hier), eine Adaption von Douglas Couplands "Microsklaven" für das Theater Basel und Bücher, darunter Katharina Hackers Roman "Eine Art Liebe" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 28.11.2003

Jürgen Otten meldet die Rettung der Berliner Symphoniker durch eine honorige Tat: "Die vier vom Land Berlin subventionierten Orchester ... wollen Verzicht üben. Ihr Vorschlag lautet konkret: Die Musiker verzichten nach einer kurzfristigen Anhebung ihrer Bezüge um 2,4 Prozent (so wie es generell für den Öffentlichen Dienst Berlins vereinbart wurde) ab 2004 auf zwölf Prozent ihres Lohns." Allerdings fiel schon das Wörtchen "Freizeitausgleich", weshalb Otten bereits Zweifel am "Heldischen" dieser Entscheidung befallen.

Weitere Artikel: Claude Levi-Strauss, Begründer der Strukturalen Anthropologie, wird Fünfundneunzig. Hans-Jürgen Heinrichs gratuliert. Andreas Hartmann beobachtet am Beispiel der Band Mia die Rückkehr des positiven Nationalgefühls in die deutsche Popmusik. Christian Schlüter liefert einen leicht mokanten Bericht über die Verleihung des Hegel-Preises an den Philosophen Dieter Henrich.

Besprochen werden "Eisstadt" von Schorsch Kamerun im Prater der Berliner Volksbühne und die Uraufführung von Johan Maria Rotmans Kammeroper "Die sechste Stunde" ("sehr brauchbare Theatermusik"), inszeniert von Johann Kresnik in Gera.

TAZ, 28.11.2003

Ein bauernschlauer Urbayer vom Typ Gerhard Polts rangiert seit geraumer Zeit als "new erman cool": Helmut Geier alias DJ Hell. Cornelius Tittel fragt sich, wie einer, der "wie Forrest Gump durch die Entertainmentwelt stolpert", zum glämourösesten Deutschen nach Boris Becker und Marlene Dietrich werden konnte. Und wie aus dem "guten Gewissen des deutschen Techno" das schlechte Gewissen aller Techno-DJs werden konnte. Seine Antwort: "Hell befriedigt Bedürfnisse: Fast im Alleingang hat er das gerade wieder abebbende Eighties-Revival losgetreten und sich selbst überaus wirksam als "International DJ-Gigolo" positioniert. Wer zu Hell geht, geht nicht nur tanzen. Wer zu Hell geht, will sehen und gesehen werden und lässt sich vorher, sicher ist sicher, die Frisur asymmetrisch richten. Wer zu Hell geht, will sich für eine Nacht im Gigolo-Glamour suhlen, die Wangen hungrig eingezogen, die Nasenhärchen mit feinsten Kristallen verklebt."

Besprochen werden das neue, großartige Album von Jay Z und eine Ausstellung des "würdigen alten Narrs und großen Fotografen" Boris Mikhailov, der mit seinen Studenten in Leipzig ausstellt. In der anderen taz widmet sich Katrin Kruse der Renaissance der Birkenstock-Mode.

Und noch TOM.
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NZZ, 28.11.2003

Auf der Medien- und Informatikseite stellt Heribert Seifert eine neue Zeitschrift aus Kanada vor: The Walrus. "Als sei die Aufklärung ein aktuelles Projekt im Medienbetrieb", so Seifert bewundernd, soll das Blatt "den Aufbau einer Kommunikations- und Diskursgemeinschaft (ermöglichen), die zwischen akademischem Spezialistentum und tagesaktueller Kurzatmigkeit die ehrwürdige Idee einer kompetent und verantwortlich räsonierenden Öffentlichkeit wieder rehabilitieren könnte." Die erste Ausgabe beweist für Seifert "wieder einmal, dass die Medien der kleineren Länder oft einen weiteren und unbefangeneren Blick auf die Welt wagen, als es in den Gazetten der größeren Nationen der Fall ist".

Weitere Artikel: Marc Furrer, Direktor des Bundesamts für Kommunikation (Bakom), beschreibt, wie sich die Schweiz auf den Uno-Weltgipfel zur Informationsgesellschaft (WSIS) vorbereitet, damit am Ende nicht nur eine Sammlung schöner, aber nutzloser Papiere herauskommt. Und S. B. stellt die dritte Generation des Roboterhundes von Sony vor: "Aibo ERS-7, so heisst der Vierbeiner, kann sich selbständig im Raum bewegen und auch Hindernissen ausweichen. Er erkennt Stimme und Aussehen seines Besitzers und reagiert auf Streicheleinheiten. Er hat keine Verdauung und keinen Haarausfall, stattdessen Digitalkamera und E-Mail-Software." Für einen Hund ist Aibo allerdings ziemlich teuer: 2998 Franken kostet das Tier.

Im Feuilleton schildert Almuth Schellpeper für einen "Schauplatz Südafrika" den Versöhnungsprozess im Lande und kommt zu einem verhalten optimistischen Schluss: "Wenn man Versöhnung nicht als romantisierenden Akt von Reue und Vergebung versteht, sondern bescheidener und zugleich anspruchsvoller als eine Übung friedlichen Zusammenlebens definiert, dann befindet sich die Mehrheit der Südafrikaner auf dem Weg der Versöhnung - und die Reise dauert an."

Weitere Artikel: Andrea Köhler erzählt in einem zu kurzen Artikel, wie die amerikanische Zeitschrift Poetry mit einem ungewöhnlichen Problem kämpft - sie hat vor einem Jahr eine 100-Millionen-Dollar-Spende erhalten. (Wir würden mit diesem Problem fertig!) Sabine Haupt stellt ausführlich die neue Westschweizer Theaterhochschule in Lausanne vor. Besprochen werden Samuel Becketts "Endspiel" am Pfauen und Richard Strauss' "Ariadne auf Naxos" in Paris.

Auf der Filmseite berichtet Joachim Güntner, dass die Deutsche Filmwirtschaft wegen drei Cent beim Verfassungsgericht klagen will. Um diesen Betrag soll nämlich die Abgabe pro verkaufter Kinokarte an die Filmförderungsanstalt erhöht werden. Besprochen werden die Filme "Invasion der Barbaren" von Denys Arcand, Peter Weirs "Master and Commander" und Ralf Schmerbergers "Poem", für die Kritikerin Susanne Ostwald ein Paradebeispiel für den "bedeutungsschwangeren, sturzbetroffenen und weitgehend humorfreien deutschen Film".

FAZ, 28.11.2003

Die Frankfurter Anthologie, eine der besten Erfindungen seit es Zeitungen gibt, feiert Jubiläen: 1.500 Gedichte wurden präsentiert. Herausgeber Marcel Reich-Ranicki gratuliert gleich selbst: "Und ich kam auf die einfachste Idee: in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine neue Rubrik zu machen, die als Ergänzung der bisherigen Kritik Interpretationen einzelner Gedichte bieten würde, und zwar allwöchentlich. Klar war von vornherein, dass man sich nicht auf die Lyrik der Gegenwart beschränken durfte, vielmehr die ganze deutsche Poesie ins Auge fassen sollte - und eben nur die deutschsprachige."

In Berlin streiken die Studenten der Humboldt-Uni gegen die Streichung von Professoren-Stellen, berichtet Mark Siemons; "Die Lage ist ernst, aber es liegt ein eigenartiges Leuchten auf vielen Gesichtern. Neben den professionellen Aktivisten des ReferentInnen-Rats (früher als AStA bekannt), sind es vor allem die jüngsten Semester, die in diesen Tagen die Universität als Mobilisierung der Phantasie und Einsatzfreude erleben."

Weitere Artikel: Gerhard Stadelmaier fühlt sich in der Leitglosse durch die ehemaligen PGs Walter Jens und so weiter an Gogols "Tote Seelen" erinnert: "Soeben rattern sie in gespenstischer Fahrt durch Tübingen und hören Professor Dr. Walterowitsch Rhetorikow Jensitschki aus der großen Aula der Universität hertönen: 'Wo ist der Gogol unserer Tage, der die Lügen unserer Gesellschaft beschreibt?'" Zhou Derong berichtet aus Taiwan, wo die Publizistin und ehemalige Kulturreferentin von Taipeh Lung Ying-tai wegen des grassierenden Nationalismus aufsteckte - sie ist nach Hongkong emigriert. "Rh" meldet, dass vier Berliner Staatsorchester die bedrohten Berliner Symphoniker durch Lohnverzicht retten wollen, allerdings nicht ohne Bestandsgarantien vom Berliner Senat. Rose-Maria Gropp freut sich, dass die Kunstsammlung der Fürstenbergs vom Industriellen Reinhold Würth gekauft und somit für die deutsche Öffentlichkeit gerettet wurde. Caroline Neugebaur resümiert die Herbsttagung der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung. Edo Reents gratuliert Randy Newman zum Sechzigsten.

Die Medienseite bringt einen Irak-Schwerpunkt. Jürg Altwegg greift einen Artikel des Nouvel Obs auf und stellt die Frage, ob der Angriff irakischer Rebellen auf einen Airbus der DHL möglicherweise für eine Reportage der Paris Match inszeniert wurde. Souad Mekhennnet schreibt eine interessante Reportage über den jungen irakischen Schiitenführer Muqtada al Sadr, der die Amerikaner und die von ihnen eingesetzte Regierung durch Radikal-Islamismus in Verlegenheit bringt - und die Journalisten behandelt wie Vieh. Mekehnnnet schildert auch, wie im Irak mit Bildern von Attentaten gehandelt wird - offensichtlich von Mitwissern der Attentäter selbst, die immer rechtzeitig zur Stelle sind.

Auf der letzten Seite untersucht Dietmar Dath spezifisch französische Traditionen der phantastischen und Science-Fiction-Literatur. Patrick Bahners bringt ein Profil über Margaret H. Marshall, die Vorsitzende des Supreme Judicial Court von Massachusetts, welche mit ihrer Entscheidung für die Schwulen-Ehe für Aufruhr in den USA sorgte. Und Gina Thomas berichtet über ein Zerwürfnis zwischen dem britischen Künstler Damien Hirst und dem Sammler Charles Saatchi, der ihn einst en gros kaufte.

Besprochen werden Edoardo Pontis Film "Zwischen Fremden", Schorsch Kameruns Stück "Eisstadt" im Berliner Prater, Daniel Aubers Opera comique "Le domino noir" in Venedig und Burkhard Friedrich Oper "Lancelots Spiegel" beim Steirischen Herbst.