Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.11.2003. In der Zeit erinnert sich Peter Wapnewski, entsinnt sich aber nicht. In der SZ beschreibt Navid Kermani, wie sich amerikanische und moslemische Irrationalität präzise ergänzen. In der FAZ bekennt Andrej Bitow seine Angst, dass es die Russen den Georgiern nachtun könnten. Die FR analysiert Günter Bergs Abgang bei Suhrkamp als Chance für mehr Intellektualität im Verlag. Und die taz ruft Ulla Berkewicz zu: "Nun soll sie doch mal machen!" 

Zeit, 27.11.2003

Die Zeit ist heute morgen mal wieder nicht im Netz. Links können Sie später hier suchen.

Der Germanist Peter Wapnewski erinnert sich, wie er Mitglied der NSDAP wurde. "Erinnern kann ich mich an eine Zustimmung meinerseits nicht, aber es will mir nicht als erlaubt erscheinen, hier ein Versehen, einen Irrtum verantwortlich zu machen. Mir war dieses geplante Transaktion unendlich gleichgültig, und ich nahm sie schwerlich ernst. Denn ich wusste: In wenigen Monaten würde ich das Abitur machen, eingezogen und in den Krieg kommandiert werden. Da verflüchtigte sich der Gedanke an die Partei in nebelhafte Unwirklichkeit."

Die Terroristen haben Istanbul entweiht, zürnt die Schriftstellerin Dilek Zaptcioglu und liefert Eindrücke aus einer geschockten Stadt: "Erst gab es nur zwei Anschläge auf die Synagoge. Der Sabbat ist noch nicht vorbei. Tina ist aufgelöst, aber ... beharrt auf der Einschätzung, dass diese Anschläge auf die Synagogen nicht die Juden selbst zum Ziel hatten: 'Nein', widerspricht sie, 'ich lehne es ab zu sagen, dass das Ganze nur gegen die Juden gerichtet ist! Morgen kann es vor einer Kirche oder Moschee krachen, wir sollen uns nirgendwo mehr sicher fühlen."

Weitere Artikel: Thomas Gross verfolgt bekümmert die Demontage Michael Jacksons. In der Leitglosse wundert sich Christoph Siemes nicht, dass Michael Moore plötzlich vom Spiegel, der Sonntags-FAZ und dem ZDF verrissen wird: "Die Lieblingssportart unserer Kulturkritiker heißt 'Hochjubeln und fertig machen'." Volker Hagedorn berichtet über den Wechsel des Opernintendanten Albrecht Puhlmann vom armen Hannover ins reiche Stuttgart. Volker Gerhardt hält ein Plädoyer für die Stammzellforschung. Hanno Rauterberg beschreibt acht fragwürdige Entwürfe für ein Mahnmal am Ground Zero. Christian Staas porträtiert den künftigen Tatort-Kommissar Axel Milberg. Götz Hamann überlegt, was eigentlich "Grundversorgung" im Zusammenhang mit den Öffentlich-Rechtlichen bedeutet. In ihrer Kolumne über den Kunstmarkt schreibt Claudia Herstatt über Immobilien, die von Auktionshäusern versteigert werden: So kommt bei Sotheby's jetzt eine Bauhaus-Villa unter den Hammer.

Besprochen werden Denys Arcands Film "Invasion der Barbaren" und Moritz Rinkes neues Stück "Die Optimisten" in Bochum. Im Aufmacher des Literaturteils schreibt Rolf Vollmann über den Briefwechsel Ernst Jüngers mit Gerhard Nebel (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr). Außerdem präsentiert die Zeit heute eine 32-seitige Kinder- und Jugendbuchbeilage, die wir in den nächsten Tagen auswerten Hingewiesen sei noch auf das Dossier, das sich dem "Terrorziel Deutschland" widmet.

SZ, 27.11.2003

Mit unheimlicher Präzision sieht der Publizist und Islamwissenschaftler Navid Kermani amerikanische und muslimische Irrationalität einander zuspielen: "In der Folge des 11. Septembers entziehen sich wesentliche Stränge westlicher Außenpolitik der gewohnten realpolitischen Rationalität, die außer auf Stabilität auf den nationalen Vorteil, die eigene Sicherheit und das eigene Ansehen bedacht ist. Damit herrscht im Krieg gegen den Terror die kalkulierte Irrationalität auf beiden Seiten. Auf der einen Seite hat man es mit Extremisten zu tun, die sich um die öffentliche Meinung in den muslimischen Ländern und damit um ein realpolitisches Ziel nicht scheren, sonst würden sie nicht wahllos auch Muslime in die Luft sprengen. Mit ihnen kann man weder reden noch im Namen des Islams oder der Humanität an sie appellieren - man kann sie nur mit allen rechtsstaatlich vertretbaren Mitteln bekämpfen."

Der amerikanische Historiker Christopher Browning (mehr hier), dessen Buch "Die Entfesselung der 'Endlösung'. Nationalsozialistische Judenpolitik 1939-1942" diese Woche in Deutschland erscheint, geht der Frage nach, warum das NS-Regime auf die weitgehende Beteiligung so vieler 'normaler Deutscher' an der Ermordung der europäischen Juden zählen konnte. Den qualitativen Sprung vom Verschwinden durch Vertreibung zum Verschwinden durch systematischen Massenmord sieht er weder in Deutschland noch in Polen, sondern auf sowjetischem Territorium vollzogen: "'Rassenkrieg' und 'Rassenimperialismus' ebneten auf sowjetischem Territorium den Weg zum Genozid an den Juden. Dort einmal in Gang gekommen, empfahl er sich dem NS-Regime auch als Lösung für die Juden im restlichen Europa. Und nachdem 'normale' Deutsche bereits auf sowjetischem Territorium in einen Massenmord an Millionen von Juden und Nichtjuden verwickelt waren, stand zu erwarten, dass sie auch nicht davor zurückschrecken würden, Hitlers Endlösung gegenüber den europäischen Juden durchzuführen."

Weitere Artikel: Ralf Hertel lässt wissen, dass in England nun die Stelle des Poeta laureatus der Fußballgesänge ausgeschrieben worden ist. Thomas Steinfeld hat im Rahmen des Steirischen Herbstes in Graz an einer musikwissenschaftlichen Tagung zum Thema "Erwartung und Vorurteil" teilgenommen. Hans Schifferle war in München auf dem 13. Schwul-Lesbischen Filmfestival "Verzaubert". Von Frank Arnold erfahren wir, dass Kevin Spacey seit zwei Wochen in den Babelsberger Studios das Leben des Schlageridols Bobby Darin (mehr) verfilmt. Tobias Kniebe hat sich mit Tim Robbins über seinen neuen Film "Mystic River" (Regie Clint Eastwood) und das gegenwärtige politische Klima in den USA unterhalten. Christopher Schmidt erzählt, warum sich Kleists Dorfrichter Adam nach zweihundert Jahren vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe wegen Urkundenfälschung, Korruption, Amtsmissbrauch, sexueller Nötigung, Falschaussage, Erpressung und Bestechung verantworten muss. G.K. bejubelt kurz und bündig neue Säle in der Münchner Pinakothek der Moderne. Und Fritz Göttler schreibt zum Tod des Filmemachers Hans H. König.

Besprochen werden Peter Weirs Verfilmung des Abenteuerromans von Patrick O'Brian "Master and Commander", Leander Haußmanns Inszenierung von Shakespeares "Der Sturm" am Berliner Ensemble ("Wallende Stoffe, knarzende Bretter, Monster zum Kindererschrecken", klagt Christine Dössel), eine Sophie-Calle-Schau im Pariser Centre Pompidou, Stefan Tilchs Inszenierung des "Don Giovanni" am Südostbayerischen Städtetheater, ein Beethoven-Konzert des Hagen-Quartetts im Münchner Herkulessaal und Bücher, darunter John Cohens "Early Photographs of Bob Dylan", T. Hugh Penningtons Studie über den Umgang mit wissenschaftlichen Desastern "When Food Kills" (beide Bücher sind bisher nur auf Englisch erschienen) und eine Kulturgeschichte des Denkens der Brüder Tadie (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 27.11.2003

Für die Trennung des Suhrkamp Verlags von Günter Berg könnte nach Ansicht von Ina Hartwig nicht allein der Konflikt mit Ulla Berkewicz ausschlaggebend gewesen sein, sondern ein zäher, sich seit längerem schon hinziehender Konflikt zwischen Berg und dem in die erweiterte Geschäftsführung aufgestiegenen Programmdirektor Rainer Weiss. "Die Entscheidung, den scharfsinnigen, bei manchen als schwierig geltenden Weiss zu stärken, ist eine Entscheidung für Intellektualität und gegen den Machtwillen Bergs. Auch wer sich in der erwähnten kindlichen Bedürftigkeit nach einem untadeligen, allein verantwortlich handelnden Patriarchen wie Siegfried Unseld zurücksehnt, wird einsehen, dass diese Zeiten endgültig vorbei sind, nicht nur bei Suhrkamp."

Weitere Artikel: Matthias Arning skizziert die Thesen des neuen Buchs von Holocaust-Forscher Christopher Browning, das er als bahnbrechend bezeichnet. Florian Malzacher porträtiert den britischen Theaterkünstler Tim Etchell und dessen Theatergruppe "Forced Entertainment. Anlässlich der Eröffnung der 2. Ikea-Filiale in Berlin-Tempelhof unterzieht Ursula März das Ikea-Gefühl einer kleinen Revision. In der Kolumne Times Mager befasst sich Hans-Klaus Jungheinrich mit den neuen Windmühlen, jenen "weißen Monster mit den günstigenfalls mild rotierenden mercedessternartigen Flügelteilen", die seiner Ansicht nach "keinesfalls als Feld und Flur verschönernde Elemente namhaft" gemacht werden können: "Ein irgendwie grünes Bewusstsein spaltet sich bei ihrem Anblick unweigerlich in zähneknirschend pragmatische Zustimmung und krasse landschaftsästhetische Ablehnung." FR-Plus Kultur befasst sich heute mit dem Tod, und zwar, wie man lesen kann, aus der Perspektive der Lebenden.

Besprochen werden zwei Inszenierungen von Lukas Bärfuss' "Die sexuellen Neurosen unserer Eltern" am Staatstheater Stuttgart und am Thalia Theater in Hamburg, eine Otto-Steidle-Schau in der Münchner Pinakothek der Moderne und Wolfgang Schmales Geschichte der Männlichkeit (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 27.11.2003

"Die Verhältnisse sind geregelt, Ulla Berkewicz hat die Macht, warum auch nicht? An der Machtfülle alter Verlegertypen wie eben Unseld hat sich selten jemand gestoßen, eher wird ihr Aussterben betrauert. Nun soll sie doch mal machen!", schreibt Gerrit Bartels in der taz zur Trennung des Suhrkamp Verlags von Günter Berg. Und auf der Debattenseite meint Dirk Knipphals: "Sie gehört zu den kulturkonservativen Grunderzählungen in diesem Land: die These, dass es keine interessanten Verlegerfiguren mehr gibt ... Diese These hat nun an Evidenz verloren."

Weitere Artikel: Britta Scholze berichtet über eine Adorno-Tagung in Israel. Besprochen werden John Cassavetes wunderbarer Film von 1977 "Opening Night", der wieder in die Kinos kommt, Clint Eastwoods neuer Film "Mystic River" und Peter Weirs Abenteuerfilm "Master and Commander".

Schließlich TOM.

NZZ, 27.11.2003

Joachim Güntner kommentiert die neuen Verhältnisse bei den Verlagshäusern Heyne, Ullstein und natürlich Suhrkamp und fragt sich bei letzterem, wie sehr sich die Herren Enzensberger, Habermas, Kluge, Muschg und Singer des Stiftungsrats durch die rasche Trennung von Verlagsleiter Günter Berg "düpiert sehen. Und ob ihnen ihre Rolle als bloßes Aushängeschild nicht irgendwann zu dumm wird."

Besprochen werden die Neuinszenierung von Richard Wagners "Die Meistersinger von Nürnberg" im Opernhaus Zürich, die Bühnenfassung des "Kultromans 'Microsklaven' des Kultautors" Douglas Coupland am Theater Basel, die neue CD des Soul-Veteranen Al Green "I Can't Stop" (Hörproben finden Sie hier) und natürlich Bücher, darunter der letzte Roman des am 29. September verstorbenen Schriftstellers Helmut Eisendle "Ein Stück des blauen Himmels" sowie nur im Print Martin Pages zweiter Roman "Die Libelle des achten Jahres". Dazu geht Ueli Bernays in einer Doppelbesprechung dem neuen Album Kylie Minogues "Body Language" und einer Biografie der Australierin auf den Grund.

Welt, 27.11.2003

Gerhard Beckmann legt ein kleines Porträt des Bonnier-Konzerns vor, dem nun die Verlage Claassen, Ullstein, List und Econ gehören, und er stellt gleich klar: "Es gibt hier zu Lande künftig drei etwa gleichrangige Spitzengruppen von Publikumsverlagen, Random House, Bonnier und Holtzbrinck - mit Jahresumsätzen von schätzungsweise 220, 190 und 180 Millionen Euro."
Stichwörter: Bonnier

FAZ, 27.11.2003

Der Schriftsteller Andrej Bitow ("Georgisches Album") kommentiert die georgischen Ereignisse: "Ich erinnere mich an die Worte eines georgischen Freundes vor einem Vierteljahrhundert. 'Merk dir: Alles was bei uns geschieht, geschieht in zehn Jahren in Russland.' Man bekommt Angst. In Georgien kann so etwas immer noch friedlich, gleichsam häuslich oder unter Laborbedingungen, vor sich gehen. Gebe es ihnen Gott. Über Russland jedoch hängt Puschkins Formel von der Revolte ohne Sinn und Erbarmen."

Weitere Artikel: Joseph Croitoru stellt eine Studie des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung vor, wonach der Antisemitismus durch den Islamismus bestärkt wird und neue Allianzen zwischen ganz links und ganz rechts entstehen - die EU gab die Studie in Auftrag und hält sie jetzt als inopportun unter Verschluss. Christian Schwägerl regt in der Leitglosse an, die Schlagkraft der Forschungspolitik durch Umwidmung der europäischen Agrarsubventionen zu steigern. Der Romanist Frank-Rutger Hausmann nimmt die ehemaligen Parteignossen Walter Jens, Peter Wapnewski und so weiter in Schutz ("Mag sein, dass sie dem ewigen Drängen, in die Partei einzutreten, nachgegeben hatten, aber das hinterließ in ihrem Denken keine Spuren.") Peter Jochen Winters resümiert ein Kolloquium zu Ehren des ehemaligen DDR-Zensurministers Klaus Höpcke. Dokumentiert wird die Rede des Philosophen Dieter Henrich anlässlich der Verleihung des Hegel-Preises der Stadt Stuttgart. Und schließlich gratuliert Martin Lhotzky dem Historiker Hermann Wiesflecker zum Neunzigsten.

Auf der Kinoseite bespricht Peter Körte eine DVD-Kassette mit Sergio Leones Italo-Western. Bert Rebhandl porträtiert den ostdeutschen Dokumentarfilmer Thomas Heise. Claudius Seidl schreibt zum Tod des Regisseurs Hans H. König.

Auf der Medienseite schildert Gina Thomas Verwerfungen auf dem britischen Zeitungsmarkt (nach dem Vorbild des Independent erscheinen übrigens immer mehr Titel im Tabloidformat, wann ist es wohl bei FAZ und SZ der Fall?) Michael Hanfeld beobachtet, wie sich ARD und ZDF wacker gegen die Zumutung wehren, ihren Gebührenhunger zu dämpfen. Und Susanne Preuss zitiert den ARD-Intendant Jobst Plog, der zunächst eine Länderfusion fordert, bevor er ARD-Anstalten fusioniert.

Auf der letzten Seite besucht Tobias Rüther das neu eröffnete Mori Art Museum in Tokio, das in den oberen Stockwerken der Roppongi Towers offensichtlich atemberaubend gelegen ist - der Baulöwe Minoru Mori braucht das Museum, um die Türme für die Mieter attraktiv zu machen. Jürgen Kaube porträtiert Christoph König, den Herausgeber des Internationalen Germanistenlexikons, das gerade so viel Wind macht.. Oliver Tolmein wundert sich, dass die bioethisch sonst so zweifelhaften Briten die Geschlechtsselektion - allerdings mit Ausnahmen! - verbieten wollen.

Besprochen werden Leander Haußmanns BE-Inszenierung des "Sturms", in der das Publikum das Meer symbolisiert (aber "wenn das Publikum tatsächlich das Meer sein sollte, so hat dieser 'Sturm' nichts aufgewühlt", schreibt Frank Busch), Denys Arcands Film "Die Invasion der Barbaren", eine Fortsetzung des "Niedergangs des amerikanischen Imperiums" von 1986 mit denselben Schauspielern, eine vergleichende Ausstellung mit Fritz Winters Malerei und Naum Gabos Skulpturen im Essener Folkwang-Museum und die "Meistersinger" in Zürich.