Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.08.2003. Die SZ erklärt, warum es uns zu Recht interessiert, ob ein Politiker schwul ist. Die Zeit warnt vor den Alten. In der FR plädiert Wolfgang Templin gegen ein Zentrum gegen Vertreibung. Die NZZ beschreibt, wie sich Künstler in Simbabwe durchschlagen. In der FAZ möchte der Theologe Klaus Berger die antisemitischen Stellen des Neuen Testaments nicht verdrängt sehen.

Zeit, 21.08.2003

In einem Essay beschreibt der palästinensische Dichter und Chefredakteur der Kulturzeitschrift al-Shuara, Ghassan Zaqtan, wie die Sehnsucht nach Rückkehr das Leben Palästinensern beherrscht, nach Rückkehr in eine Heimat und Vergangenheit, die die meisten nie hatten: "Während die Palästinenser ins schmerzliche Exil drängten, hatten sie ihre 'Sehnsucht' nach ihrer Heimat bereits aufgebaut und sich in ihrem Traum von der 'Rückkehr' eingerichtet. Dieser Traum wuchs zu einem diffusen, eigenständigen Wesen heran und entfaltete sich unabhängig von der Zeit und dem Ort, an dem sich die Palästinenser fortan befanden. Wie durch einen geschickten rhetorischen Kunstgriff verfestigte sich die Heimat hinter ihnen als starre, stumme Beschreibung. Ein wenig Jüngstes Gericht und ein wenig Paradies, das ist die Gleichung von Rückkehr und Heimat."

Zeit-Autor Jens Jessen weiß, dass mit Alten nicht zu spaßen ist, und warnt dringlichst vor leichtfertigem Gerede, besonders über Rentenkürzungen: Denn: "Alte, die in steter hypochondrischer Sorge um ihre Gesundheit leben, sind eine Plage; aber Alte, die sich um ihre Gesundheit nicht mehr sorgen, sind die Desperados von morgen. Alte, die nichts zu verlieren haben, könnten den Enkel, den sie heute noch liebend hüten, schon morgen auf dem Balkon vergessen. Wovor sollten sie sich fürchten? Vor Gefängnis oder Vorwürfen der Familie? Im Knast gibt es wenigstens einen Arzt und warme Mahlzeiten."

Weiteres: Peter Kümel wurde beim Theaterfestival von Edinburgh (mehr hier) vom Hauch der Weltseele gestreift. Andrea Kaiser wünscht sich eine anständige Nomenklatur für all die neuen Real-Doku-Formate, mit denen uns das boomende Echtmenschenfernsehen überschwemmt. Barbara Lehmann verabschiedet die "unermüdliche Entdeckerin" Nele Hertling, die das Berliner Hebbel-Theater verlässt. Thomas Assheuer beklagt, dass Gunther von Hagen schauriges Leichenkabinett nun ausgerechnet in Hamburgs Erotik-Museum einzieht. Vom Kunstmarkt weiß Claudia Herstatt zu berichten, dass orientalische und asiatische Kunstwerke derzeit Höchstpreise erzielen.

Besprochen werden die Salzburger "Woyzeck"-Inszenierung, bei der Michael Thalheimer so gnadenlos wie einst das erzhogliche Landgericht Woyzeck als "gefährlichen Proleten", als "berechnenden Fundamentalisten" gar, schuldig spricht, Calos Sorins melancholisches Roadmovie "Historias Minimas", Antoine Fuquas Kriegsfilm "Tränen der Sonne", mit dem wie Katja Nicodemus verspricht, delirierendes Großmachtkino in eine Art Schlingesief-Stadium eintritt, Neil Youngs Beschwörung des amerikanischen Provinz "Greendale", Hans Werner Henzes Oper "L'Upupa", die große Hans-Holbein-Ausstellung in Den Haag.

Den Literaturteil eröffnet Martin Lüdke mit einer Besprechung von A.F.Th. van der Heijdens Romanzyklus "Die zahnlose Zeit".

SZ, 21.08.2003

Gustav Seibt beschreibt in einem klugen Artikel zu den Hamburger Schill-Ausfällen, warum uns die Homosexualität von Politikern zu Recht beschäftigt: "Als Klaus Wowereit sich outete, reagierte nicht zuletzt ein Teil der liberalen Presse sehr dumm. Man interessiere sich nicht für Wowereits Privatleben oder gar seine sexuellen Vorlieben, hieß es da... Tolerant sei man ohnehin, und der Rest sei Privatsache... Der schmutzige Hamburger Vorgang beweist, dass Ole von Beust falsch kalkulierte, wenn er meinte, er könnte Öffentliches und Privates so diskret auseinanderhalten, wie es vielleicht möglich war, als Homosexualität noch ein Tabu darstellte. Mit diesem Tabu fiel nämlich auch der Schutz der bürgerlichen Diskretion und - umgekehrt - auch der Anspruch, nicht mit der Privatsphäre der Politiker behelligt zu werden.Was wir in Hamburg zerfallen sehen, sind bloß die verfaulten Reste des Tabus, die sich als konservative Diskretion tarnten. Hinter fehlender Offenheit stand bis zuletzt die alte Lüge und damit die Erpressbarkeit. Homosexuelle können inzwischen in staatliche Spitzenpositionen aufrücken. Dies aber setzt auch in einer säkularisierten Öffentlichkeit voraus, dass man sich auf eindeutige Weise erklärt."

Alexander Kissler beobachtet das Lavieren der Kirchen zwischen Ökumene und Ökonomie: "Als Deutschlands größter nichtstaatlicher Arbeitgeber können sie kaum jene wirtschaftlichen Reformen verteufeln, die sie angesichts kollabierender Einnahmen selbst einleiten müssen. Also versucht man sich in der ethischen Begleitung des Sozialumbaus, nicht aber in Totalopposition. Ob diese Strategie christlicher Defensive zum Ziel führt? Auf jeden Fall wird in diesen Tagen deutlich, wie schwer es sein kann, die frohe Botschaft und deren Management ins Lot zu bringen."

Weitere Artikel: Holger Liebs denkt angesichts der Debatte um die geplante Ausstellung "Mythos RAF" über Historienmalerei und die Frage nach, warum die Kunst die Freiheit besitzt, unverdaute Historie ans Licht zu bringen. Werner Schiffauer beschreibt, wie die türkischen Einwanderer, die zwischen der Türkei und Deutschland pendeln, beide Länder zu einem gemeinsamen Raum verbinden. Fritz Göttler hat sich mit Lara-Croft-Regisseur Jan de Bont unterhalten. Der deutsche Filmregisseur Dominik Graf schreibt über den amerikanischen Filmregisseur Nicolas Roeg, der in der vergangenen Woche 75 Jahre alt geworden ist. Jens Malte Fischer gratuliert der Mezzosopranistin Janet Baker zum 70. Geburtstag.Und von Sonja Zerki erfahren wir, dass Russland dem neuen Buch Pelewins entgegen fiebert.

Besprochen werden Berlins Jugendorchestergipfel Young Euro Classic und Bücher, darunter der Briefwechsel zwischen Heinrich Mann und Felix Bertaux und ein F.K.-Waechter-Hörbuch: "Nur soviel sei verraten: Es geht um Scheiße und Kacke, Pisse und Kotze. Selten hat jemand diese Wörter so dezent artikuliert wie F.K. Waechter. Selten wurden die 'letzten Dinge' so sorgfältig erforscht wie hier" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FR, 21.08.2003

Der souveräne Umgang mit Geschichte kann kein entspannter sein, findet Wolfgang Templin und erklärt, weshalb ein Zentrum gegen Vertreibungen nicht die Lösung sein könne, ob nun in Berlin oder Breslau: "Wie sollen sich die grundverschiedenen Kontexte der Vertreibung von Millionen Deutschen, von Polen und Bürgern anderer östlicher Nationen während und nach zwei Weltkriegen in einem europäisch überwölbten Vertreibungszentrum entschlüsseln lassen? Wie soll Stalins Praxis der gigantischen Völkerbahnhöfe, der Nationen- und Grenzenverschiebung, die in einen solchen europäischen Vertreibungsbegriff gehört, im gleichen Zentrum untergebracht werden? Wie sollen die türkische Vertreibungs- und Genozidpraxis gegenüber den Armeniern zu Beginn des 20. Jahrhunderts und die ethnischen Säuberungen im zerfallenden Jugoslawien am Jahrhundertende gemeinsam dokumentiert werden? Die einen Untaten sind im öffentlichen Bewusstsein präsent, mit Kriegen und totalitären Systemen verbunden, um die Aufarbeitung und Anerkennung der anderen wird noch gerungen. Und vor allem: Wie sollen wir Deutsche bei einem solchen Rettungssprung auf die europäische Ebene mit unserer natürlich nicht alleinigen, aber einzigartigen Täterschuld und Verantwortung für die schlimmsten Gräuel des 20. Jahrhunderts umgehen?"


Weiteres: Burkhard Müller-Ullrich hat die "neuen Asozialen" ausfindig gemacht: "Die asozialen Monster unserer saturierten Gesellschaft lungern nicht mehr nachts im Park herum und schlafen nicht mehr unter Brücken. Nein, sie fahren Ski oder Motorrad, machen Weltreisen und steigen auf die höchsten Gipfel. Sport und Tourismus sind die hauptsächlichen Tummelplätze für alle möglichen Formen von Devianz geworden, vor allem natürlich Extremsport und Extremtourismus." In einer Gerichtsreportage erzählt Verena Mayer die Geschichte des Brandstifters Detlef M., der nicht allein sein wollte. Die Ankündigung der Mitarbeiter kleinerer Verlage, während der Buchmesse aus Kostengründen in Campingbussen zu übernachten, verleitet Christoph Schröder, von einem improvisierten Suhrkamp-Bauwagendorf auf dem Opernplatz zu träumen. Jürgen Otten bejubelt den Europäischen Musiksommer Berlin "young. euro. classic".

Besprochen werden der Film "Historias Minimas"des argentinischen Regisseurs Carlos Sorin und Andrew Crumeys Philologenkrimi "Rousseau und die geilen Pelztierchen", der im Original schlicht "Mr. Mee" heißt (mehr ab 14.00 Uhr in der Bücherschau des Tages).

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TAZ, 21.08.2003

"Da haben wir den Salat, der Sommer ist nur schlecht kompatibel mit Arbeit." stöhnt Michael Rutschky auf der Meinungsseite. "Neulich, an einem wiederum heißen Nachmittag, als die Getränke gereicht wurden nach ein bisschen Arbeiterei, fragte der junge A. sanftmütig: Ob es eigentlich stimme, dass die Kultur nur im gemäßigten Klima sich fruchtbar entwickle? Gleich fielen uns natürlich die Gegenbeispiele ein, das alte Ägypten, das antike Griechenland, und ich schlug flugs bei Hegel nach - heute wird wieder ein bisschen mit Bildung geprotzt: Allzu heißes und allzu kaltes, allzu grandioses Klima gewissermaßen hemmt die Entwicklung, weil es den Menschen vor allzu schwere Aufgaben stellt; nur im gemäßigten Klima gelingt ihm folgenreich die Auseinandersetzung mit der Natur."

Weitere Themen: Andreas Busche beschreibt Techniken der Filmrestauration und Andreas Hartmann verkündet: "Die Ästhetik des Heavy Metal ist zurück!"

Besprochen werden Barbara Teufels halbdokumentarischer Film "Die Ritterinnen" und Carlos Sorins melancholisches Roadmovie "Historias Minimas".

Und schließlich TOM.

NZZ, 21.08.2003

Flora Veit-Wild beschreibt, wie sich Schriftsteller, Musiker und Künstler in Simbabwe durch die Misere kämpfen. "'Man schreibt jetzt hauptsächlich für Sponsoren', meint Albert Chimedza, der selber ein Mbira-Zentrum in Harare aufbaut und außerdem im Filmbereich tätig ist, 'für Projekte zu Aids, Hunger usw., denn dafür gibt es Geld'. Genuine künstlerische Impulse würden dadurch nicht gefördert. Tatsächlich ist das Schreiben und erst recht das Lesen von Literatur in den letzten Jahren zum Luxus geworden, Bücher kann sich kaum noch einer leisten."

Besprochen werden das dank Claudio Abbado und Michael Haefliger "unvergessliche" Lucerne Festival, Neil Youngs musikalisches Sittenbild "Greendale"

Und Bücher, darunter Gedichte des irakischen Lyrikers Abdulwahab al-Bayyati, Gore Vidal Anklageschrift "Bocksgesang", Michal Glowinski Erinnerungen "Eine Madeleine aus Schwarzbrot" und Jochen Gerners Comic-Remix "TNT en Amerique" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 21.08.2003

Der Theologe Klaus Berger greift die Debatte um Mel Gibsons Film "Passion" (den nach wie vor kein Mensch bisher gesehen hat) auf und fragt, wie die heutige Theologie jene Stellen des Alten Testaments deutet, die als antisemitisch verstanden werden können. Sein Schluss: "Generell ist unbedingt daran festzuhalten, dass alle Aussagen des Neuen Testaments, die kritisch mit Juden ins Gericht gehen, immer Indizien für innerjüdische Kontroversen sind, im Evangelium des Matthäus also zwischen christlichen und nichtchristlichen Juden. Die unbarmherzige Schärfe derartiger religiöser Auseinandersetzungen ist man seit den Propheten in Israel gewohnt. Daher hat es keinen Sinn, diese Stellen auszulassen oder zu verdrängen."

Weitere Artikel: Hubert Spiegel stellt den neuen Fortsetzungsroman der FAZ vor, ein gelehrtes Versepos von Durs Grünbein über Descartes in Deutschland. Felicitas von Lovenberg kommentiert ein Gerichtsurteil, das Autobiografien wegen ihres Anspruchs auf Wahrhaftigkeit der Gattung der Sachbücher zuordnete. Christiane Hoffmann wirft Mario Vargas-Llosa, der jüngst in der FAZ über seinen Irak-Besuch schrieb, einen voreingenommen Blick auf den schiitischen Islam vor ("Vargas-Llosa findet, was er gesucht hatte - 'tiefstes Mitellalter'.") Jürgen Kesting gratuliert der Sopranistin Janet Baker zum Siebzigsten.

Auf der Medienseite stellt Stephan Kuss Zeitschriftengründungen für Senioren vor. Gina Thomas beschreibt das Ringen der Blair-Regierung mit der BBC. Auf der Filmseite erzählt Dirk Schümer die Geschichte des Film "La porta del cielo", für den Vittorio de Sica 1943 300 Verfolgte als Komparsen benutzte, um sie vor den Nazis zu schützen - diese Geschichte wird nun ihrerseits verfilmt. Und Andreas Kilb geht durch eine Berliner Ausstellung über Luchino Viscontis "Deutsche Trilogie" in Berlin. Auf der letzten Seite lesen wir eine Reportage Paul Ingendaays über den spanischen Badeort Benidorm, der inzwischen eine Manhattans würdige Skyline aufweist. Heinrich Wefing porträtiert den amerikanischen Armeemaler Michael Fay, der auf Befehl der Generalität Schlachten de Irak-Kriegs festhielt. Und Jordan Mejias erinnert an die Entstehung einer Künstlerkolonie in Woodstock vor hundert Jahren.

Besprechungen gelten einer Ausstellung mit Ölskizzen des 18. Jahrhunderts in Straßburg, Barbara Teufels Film "Die Ritterinnen" und eine Performance Laurie Andersons in Düsseldorf.