Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.08.2003. Die SZ spottet über Jörg Immendorff, der nun die Strafe für sein Leben als Neuer Wilder erhält, und natürlich über Ronald Schill. In der NZZ plädiert Renate Klett gegen werktreue Aufführungen. Die taz unterhält sich mit Lutz Hachmeister über "Ähnlichkeiten zwischen der Militanz der dreißiger und der siebziger Jahre". Die FAZ erliegt zahlreichen Terroranschlägen auf die deutschen Stadttheater.

SZ, 20.08.2003

Das Feuilleton schillert heute mal ganz in Rot- und Blaulicht. Tobias Kniebe spottet über den Maler Jörg Immendorf, der in einer Hotelsuite mit gleich elf Prostituierten und einem Silbertablett, darauf mehrere Linien Kokain, erwischt wurde: "Ob er will oder nicht, die Nacht in jenem Hotel ist schon jetzt Teil von Immendorffs Opus. Nicht die Neigung zur Orgie ist dabei relevant, wohl aber, dass die Gestalt seiner geheimsten Wünsche dabei öffentlich wurde. Wenn diese so aussehen, dass sie selbst als dritte Wiederholung einer schlechten 'Tatort'-Folge nicht durchgehen würden, also wie die Kopie eines billigen Klischees - was sagt das aus über das Schaffen selbst? Kann es sein, dass Immendorff nicht nur als Bürger ein Problem hat - sondern auch als Schöpfer seiner eigenen kunstvollen Imagination?"

Mit Blick auf das Hamburger Schmierentheater bemerkt Willi Winkler, dass der Skandal erst da beginnt, wo die Politik anfängt, und dass Hamburgs Erster Bügermeister Ole von Beust eigentlich schon früher hätte auffallen müssen, wie es um die charakterliche Disposition des Herrn Schill steht. Und Alexander Kissler schließlich klärt uns über die vom britischen Guardian veröffentlichte Instruktion "Crimen sollicitationis" von Papst Johannes XXIII auf: Mit ihr nämlich soll der Vatikan von Priestern, denen sexuelle Übergriffe vorgeworfen werden, und von deren vermeintlichen oder tatsächlichen Opfern absolutes Stillschweigen verlangt haben.

Weiteres: Jörg Häntzschel erinnert an die Baupläne, nach denen Frank Lloyd Wright einst im Stil des "idiosynkratischen Sci-Fi-Orientalismus" für König Faisal II. ein neues Bagdad entwarf - samt Opernhaus, Universität, Fernsehstation, Museen und Basar. Thomas Steinfeld ächzt über ein Urteil des Münchner Landgerichts, das mit entschiedener Bedenklosigkeit geurteilt hat: Autobiografien sind Sachbücher. Fritz Göttler ruft den über ihre Kosten klagenden Hollywoodstudios zu: "Macht die Autoverfolgungen kürzer, verdammt noch mal, und verpulvert nicht so viel in den Special-Effect-Studios!" Jeanne Rubner erklärt mithilfe des Hirnforschers Gerhard Roth, warum Lernen nicht nur Spaß machen darf, sondern ab und zu auch mal die grauen Zellen anstrengen muss.

Dorothea Razumovsky erzählt, wie Adorno zu der Erkenntnis gelang: "Die Nationalhymne der DDR ist eindeutig ein Werk des Widerstandes." Werner Burkhardt hat sich die britische Moderne beim Schleswig-Holstein Festival (mehr hier) angehört und eine "hochexplosive Sondermischung aus größenwahnsinnigem Concerto Grosso, meditativem Balladenton und häkeliger Streicher-Virtuosität a la Strawinsky" vernommen. Alex Rühle widmet sich dem "verblassten Mythos" des Kassengestells. Matthias Kross berichtet vom 26. Wittgenstein-Symposium in Kirchberg, bei dem es um "Wissen und Glauben" ging.

Auf der Medienseite berichtet Claudia Tieschky, wie sich mit dem Schweizer Verleger Ringier (Blick, Cash, Schweizer Illustrierte) wieder mal jemand an einem "deutschen New Yorker" versucht.

Besprochen werden eine Schau des Fotografen Milton Rogovin in der New York Historical Society, eine Ausstellung der "Texte et photos" von Marcel Broodthaers in Köln, eine Aufführung der "Carmen" bei den "Jeunesses Musicales" in Weikersheim und Bücher, darunter Stephan Malinowskis "glänzende" Studie über den deutschen Adel "Vom König zum Führer" und Hans Nieswandts Hörbuch "plus minus acht. DJ Tage, DJ Nächte" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

NZZ, 20.08.2003

In der Reihe "Regie im Theater" plädiert die Theaterkritikerin und Dramaturgin Renate Klett gegen werktreue Aufführungen. Obwohl die Freiheit, es anders zu machen, auch noch keine gute Aufführung garantiert: "Als Zadek seinen Schuhcreme-Othello die tote Desdemona über die Wäscheleine hängen ließ - fast dreißig Jahre ist das jetzt her -, da war das ein genialer Moment (und ein Riesenskandal), weil es die Unverschämtheit und die Radikalität dieser Aufführung auf den Punkt brachte. Die vielen Duodezmörder und -opfer, die in der Folge auf jeder Provinzbühne herumzadekten, verkleinerten das Vorbild nicht, aber sie inflationierten, negativierten dessen Freiheit."

Besprochen werden die Ausstellung von Paul Klees Spätwerk in der Fondation Beyeler, die Günter Behnisch-Ausstellung im Behrens-Haus der Weißenhofsiedlung in Stuttgart und Bücher, darunter der Tagebuchband "Eine Frau in Berlin" und die gesammelten Gedichte von Martin Merz (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 20.08.2003

In einem Flatiron Letters berichtet Marcia Pally aus der "Volksrepublik Bush" unter anderem vom "K Street Project". Dieses "Ziehkind des Steuerkürzungs-Gurus Grover Nordquist platziert Aktivisten der Republikaner in Machtpositionen bei Konzernen und Lobbyisten, ganz nach dem Vorbild der Sowjets oder der irakischen Baath-Partei vor ihrer Demokratisierung. Der Washington Post zufolge setzt das K Street Project "Einschüchterungen und private Drohungen" ein, um Demokraten abzuschrecken. Dass die Regierung nicht einmal versucht, die Einschüchterungstaktiken zu vertuschen, stellt einen beeindruckenden Beweis ihrer Macht dar."

Weiteres: Hilal Sezgin bespricht in aller gebotenen Ausführlichkeit die drei jüngst erschienenen Adorno-Biografien. Richtig überzeugt hat sie dabei keine: "Bei allen drei Büchern hat man schließlich den Eindruck, das Jubiläum habe dem Unterfangen, das Leben des Jubilaren zu zeichnen, keinen allzu großen Gefallen erwiesen. Zu vorsichtig, zu konfus oder zu gehässig geschrieben." Michael Tetzlaff hatte das "unglaubliche Glück", mit Mary Carey reden zu dürfen, einem großbusigen Collegegirl, das bei den kalifornischen Gouverneurswahlen antreten will. Daniel Kothenschulte ist sich noch nicht sicher, ob Mel Gibsons Jesus-Film nun antisemitisch wird oder nicht. In Times Mager hat es Christian Schlüter ja schon immer gewusst: "Die Kehrseite des hellen, hanseatisch aufgeklärten Kaufmannsverstandes ist das kleinbürgerliche Ressentiment."

Besprochen werden das Ende der "American Pie"-Saga "Jetzt wird geheiratet", eine Schau des "rigoros konservativen" Werks von Paul Schmitthenner im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt, eine Retrospektive des "Ausnahmekünstlers" Marcel Broodthaers in der Kunsthalle Wien.
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TAZ, 20.08.2003

Heute abend ist Lutz Hachmeisters Dokumentation über den von der RAF ermordeten Hanns Martin Schleyer in der ARD zu sehen (mehr hier). Im Gespräch mit Stefan Reinecke erzählt Hachmeister, auf was für "Ähnlichkeiten zwischen der Militanz der 30er- und der 70er-Jahre" er bei seiner Arbeit gestoßen ist, womit er sich auf Schleyers nationalsozialistische Vergangenheit bezieht: "Ich meine das nicht im Sinne einer naiven Totalitarismustheorie oder einer Gleichsetzung. Aber es gibt Schnittmengen im völkisch-sozialistischen Denken. Auch Schleyer, der ja vor und nach 1945 stets in Begriffen von Betriebs- und Volksgemeinschaft gedacht hat, war in manchen Punkten dem Denken der linken Militanz nicht vollkommen fern. In den 30er-Jahren hat er sich sehr für die Idee einer "sozialistischen Hochschule" eingesetzt, in der die üblichen Privilegien abgeschafft werden und Studenten zum Arbeitseinsatz in die Betriebe oder aufs Land geschickt werden sollten. In bestimmten antiindividualistischen, antiintellektuellen Affekten gibt es durchaus Berührungen."

Weiteres: Reinhard Seiss schildert, wie kreativ man in Wien kreativ mit der Bauordnung umgehen kann: Die Wohnanlage Sargfabrik hat es vorgemacht. Robert Misik erklärt uns die neuerliche Marx-Renaissance, die selbst an den eingefleischten Liberalen des britischen Economist nicht vorbeigegangen sei. Christian Broecking berichtet weiter über den Streit um den Jazz-Kritiker Stanley Crouch, der weißen Kritikern vorgeworfen, ihre Rebellionssehnsucht auf die afroamerikanische Kultur zu projizieren und deswegen vom Magazin Jazz Times gefeuert wurde.

Besprochen wird ein lesenswerter Sammelband zu "Charlie Chaplin", der "Ikone der Moderne" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 20.08.2003

Eine aufregende Theatersaison wird das, glaubt man Gerhard Stadelmaier, der alle Stücke und Spielpläne schon gelesen hat. "Krieg, Kampf und Terror stecken heuer noch dem unmartialischsten Dramatiker in den Knochen." Zum Beispiel David Lindemann, der das Stück "Koala Lumpur" vorlegt. Zwei deutsche Touristen leben da auf einem Zeltplatz in der Nähe des gerade geschleiften WTC: "Innen liegt außen, und dort regnet es und katastropht es; außen aber liegt innen, und dort wird gekocht und so lange von allem möglichen und vor allem vom 11. September so traulich deutsch geredet, bis selbstverständlich die amerikanische Luftwaffe auf die Initiative von ein paar japanischen Geschäftsleuten (Globalisierung! Kapitalismus! Konkurrenz!) eingreift und den Zeltplatz mit Reis und Milchpulver bombardiert. Was sackgemäß tödlich wirkt. Max sagt noch: 'Alles löst sich auf.' Dann ist Schluss. Uraufführung immerhin soll in Bochum sein."

Weitere Artikel: Kerstin Holm schildert in einem schönen Artikel die notorische Liebe russischer Künstler für geistig Behinderte, zum Beispiel Menschen mit Down-Syndrom, die etwa von dem Regisseur Boris Juchananow in Tschechow-Inszenierungen eingesetzt und von dem Fotografen Jewgeni Semjonow in Heiligenkostüme drapiert werden. Hanno Rauterberg glossiert das gestrige Drama um den Hamburger Oberbürgermeister Ole von Beust, der seinen Vize Ronald Schill vor laufenden Kameras hochkant rausschmiss. Dirk Schümer bereitet uns innerlich auf das heutige Länderspiel gegen Italien vor. Gemeldet wird, dass der Kongress "Futura Mundi" der parallel zur Buchmesse stattfinden sollte, abgesagt ist.

Auf der letzten Seite werden Berlin-Glossen von FAZ-Redakteuren aus dem Buch "Hier spricht Berlin" vorabgedruckt. Niklas Maak schreibt ein kleines Profil des neuen Wilden Jörg Immendorff, der jetzt wegen Kokainbesitzes Ärger kriegt. Und Edo Reents kommentiert die Entführung und Befreiung der Geiseln in der Sahara.

Auf der Medienseite empfiehlt Hans-Dieter Seidel den Fernsehfilm "Familienkreise" mit Götz George und Jutta Lampe, der heute Abend in der ARD läuft. Und Verena Lueken hat sich eine Dokumentation Lutz Hachmeisters über Hanns-Martin Schleyer angesehen.

Besprochen werden eine Monet-Ausstellung in Edinburgh, die Ausstellung "Alte Klöster, neue Herren - die Säkularisation im deutschen Südwesten 1803" in Bad Schussenried, die Ausstellung "Kirchengut in Fürstenhand" im Schloss Bruchsal und die Ausstellung "Tod am Nil" im Papyrusmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien.