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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.03.2002. Elfriede Jelinek prangert in der Süddeutschen Zeitung das Beinahe-Monopol der Kronenzeitung mit ihrem "gesunden Volksempfinden" an. In einem F.A.Z.Artikel über den Kölner SPD-Skandal berichtet Andreas Rossman über den "Kultur-Klüngel".

SZ, 09.03.2002

In einem schönen langen Text prangert Elfriede Jelinek das Beinahe-Monopol der Kronenzeitung mit ihrem "gesunden Volksempfinden" an. Politik? So was braucht Österreich nicht mehr. "Die Österreicherwelt beruht auf keinen Parteien, sie beruht auf der Kronenzeitung ... Die Krone übernimmt das Sagen, weil sie es hat, indem sie den Menschen mit ihrem unaufhörlichen Sprechen den Mund schließt. Wenn die Krone für sie zu sprechen scheint, müssen sie das nicht mehr tun, obwohl sie es immer schon gesagt haben. Sie lädt die Menschen, indem sie ihnen ihre politischen Interessen, von denen sie unaufhörlich spricht, gleichzeitig nimmt, sie also politisch enteignet, mit Sinn auf, die Krone, mit Sinn, der aus ihnen förmlich zu quellen scheint, und gleichzeitig apathisiert sie sie." Etwas später holt Frau Jelinek neu aus: "Zweiter Teile und herrsche: Die Deutschen. Die Anteilseigner. Die die Hälfte besitzen. Die WAZ. Jetzt sind Sie dran!..."

George Friedman, Vorsitzender des geopolitischen Institutes Stratford in Austin, erklärt den israelisch-palästinensischen Konflikt in seiner geografischen Dimension und macht damit nicht eben Mut. Der von Friedensstiftern und Vermittlern angestrebte Palästinenserstaat, schreibt er, böte gar nicht genug Lebensraum für diese Nation. "Er ist, erstens, räumlich zwischen dem Westjordanland und Gaza aufgesplittert - und jeder Zutritt wäre vom guten Willen Israels abhängig. Zweitens, was noch wichtiger ist, reichen die Ressourcen dieses palästinensischen Staates gar nicht aus, um eine gesunde, unabhängige Volkswirtschaft zu unterhalten." Israel wiederum käme durch die geografische Lage dieses Staates in die Reichweite seiner Artillerie.

Weitere Artikel: Wieland Schmied führt durch eine Ausstellung, mit der das Pariser Centre Pompidou die Revolution der Surrealisten würdigt. Stefan Koldehoff zeichnet die Spur eines 4,5 Mio Euro teuren Gemäldes nach, das nur vielleicht ein Van Gogh ist. Cordelia Edvardson erzählt, wie Daniel Barenboim mit dem Plan scheitert, in Palästina aufzutreten. Jeanne Rubner weiß von einer neuen Professur, die Physik und Friedensforschung verzahnen soll. Petra Steinberger stellt iranischen Pop aus Kalifornien vor. Zum Thema Schulreform schreibt der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft Ernst-Ludwig Winnacker wider den naturwissenschaftlichen Analphabetismus. Ralf Berhorst rätselt über die Bedeutung der Stalin-Note vom 10. März 1952 (Winkelzug im Propagandakrieg oder ernst gemeintes Angebot?), und Christopher Keil entdeckte viel Menschliches bei der Verleihung des deutschen Phono-Preises "Echo".

Besprochen werden die Uraufführung von Judith Herzbergs "Simon" am Düsseldorfer Schauspielhaus, Thomas Riedelsheimers Film über das Schaffen des Land-Art-Künstlers Andy Goldsworthy, ein Konzert mit Cesc Gelabert in der Münchner Muffathalle und Bücher, darunter ein Müßiggänger-Roman von Akos Doma und "Seitenblicke in Poesie und Prosa" von H. M. Enzensberger (siehe auch unsere Bücherschau Sonntag ab 11 Uhr).

Die Wochenendbeilage verrät, was Electroclash ist (eine neue Modebewegung aus N.Y.), Friedemann Bedürftig gibt einen Einblick in die Ehe Alma Schindlers mit Gustav Mahler, und Axel Bojanowski schreibt übers nie endende und immer glücklose Ringen des Menschen um absolute Sauberkeit - eine kleine Phänomenologie des Staubs.

NZZ, 09.03.2002

Stephan Templ erinnert daran, wie die Tschechoslowakei 1938, nach dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland, Züge mit Flüchtlingen zurückschickte "Für viele der Insassen bedeutete das die Deportation in ein Konzentrationslager."

Weiteres: Harald Weinrich erinnert im "Kleinen Glossar des Verschwindens" an Knickerbockers. Besprochen werden eine Ausstellung über Giuseppe De Nittis und die "Maler des modernen Lebens" in Turin, eine italienisch-schweizerische Architekturausstellung in Mailand, Sascha Andersons "Autobiografie als Bankrotterklärung" (so Beatrix Langner), drei neue Dramen von Elfriede Jelinek und Norbert Krons Debutroman "Autopilot". (Siehe für dies alles unsere Bücherschau morgen ab 11 Uhr.)

Nach einigen Monaten endet heute, eingeleitet von Uwe Justus Wenzel, die Literatur-und-Kunst-Serie über die heutige Rolle des Intellektuellen. Sie war von Michael Walzer eröffnet worden und schließt mit einem Widerwort von Axel Honneth. Er denkt über den Intellektuellen im medialen Zeitalter nach. Es gebe zwar immer mehr Intellektuelle, aber "die spezifische Funktion der Öffentlichkeit, die kraft interner Schleusen für eine Aufmerksamkeitsverlagerung auf nur wenige, medial behandelbare Themen sorgt, hat dazu beigetragen, dass die immer größer werdende Zahl von Intellektuellen sich weitgehend nur noch mit Fragen von tagespolitischer Relevanz befasst."

Weiteres: Auch Jan-Werner Müller befasst sich mit den Intellektuellen und setzt sich kritisch mit Richard A. Posners "Public Intellectuals" auseinander, das ja auch in den USA wegen seiner Hitlisten der bekanntesten Intellektuellen schon für Streit sorgte. Drei Artikel sind dem italienischen Lyriker Andrea Zanzotto gewidmet. Georges Güntert würdigt sein Werk. Alice Vollenweider erzählt von einem Besuch bei dem Dichter im Jahr 1987. Und Maike Albath bespricht Andrea Zanzottos Gedichtband "La Belta", der jetzt auf deutsch erschienen ist.

Und noch drei Artikel: Astrid Froese begibt sich auf die Spuren Ingeborg Bachmanns und Hans Werner Henzes. Fritz Hennenberg setzt sich mit Paul Burkhards Songs zu Brechts "Mutter Courage" auseinander. Und Jean-Jacques Dünki stellt den Musiktheoretiker Musiktheoretiker Hans Keller vor.

FR, 09.03.2002

In der FR gibt der argentinische Schriftsteller, Philosoph und Literaturwissenschaftler Santiago Kovadloff einer der Junta nachfolgenden korrupten Zivilregierung die Schuld am Ruin Argentiniens und sagt (auch im Original), was seiner Auffassung nach zu tun ist: "Dringend ist ... die Rückgewinnung des verlorenen gesellschaftlichen Vertrauens. Nötig ist die Erneuerung des Gesellschaftsvertrages. Und sie kann nicht erreicht werden ohne eine entschiedene Geste. Diese muss von jenen kommen, die sich zu Trägern eines neuen Politikverständnisses ausrufen. Von jenen, die heute die Verantwortung tragen, den geordneten Marsch in eine echte Demokratie zu gewährleisten. Diese Demokratie kann nicht authentisch sein, wenn sie sich nicht unvereinbar zeigt mit der Perversion, die Argentinien in einen Hort beschämender Desillusionen und Katastrophen verwandelt hat."

Außerdem: Christof Bodenbach besieht sich Jean Nouvels "KölnTurm" im Media-Park realiter, Christian Broecking wittert die Morgenluft des polnischen Jazz beim Record-Release mit Tomasz Stanko in Warschau, Gunnar Lützow knüpft Kontakte in Londoner Internet-Cafes, und Wladimir Kaminer schwelgt in Jugenderinnerungen an die Krim und erzählt, wie Joseph Beuys dort einst einen Sohn zeugte.

Besprechungen gibt's zur großen Gerhard-Richter-Werkschau im New Yorker MoMA, zu Yo Yo Mas Seidenstraßen-Konzerten in der Kölner Philharmonie, zu Kurzgeschichten und einem frühen Roman von A. L. Kennedy, zu Eizabeth A. T. Smiths "Case Study Houses" sowie zu einem Buch über die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich (auch in unserer Bücherschau Sonntag um 11).

Das Magazin schließlich bringt ein Interview mit dem israelischen Botschafter Schimon Stein, der die "europäische Perspektive" auf die Probleme in Nahost kritisiert: "Begriffe wie Demokratie, wie Menschenrechte sind nur vier Flugstunden von hier nichts mehr wert. Gewalt und Krieg sind dort Mittel, um politische Dinge zu verändern. Und wenn die Deutschen glauben, dass die Welt am deutschen Wesen genesen kann, dann irren sie sich."
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TAZ, 09.03.2002

Auf der Suche nach den kulturellen Schätzen Kabuls begegnet Sven Hansen dem findigen Verleger und Buchhändler Schah Mohammad. Sowjetische und deutsche Karten von Afghanistan, polnische Kabul-Stadtpläne und pakistanische Analysen über die politische Situation der Region hat Mohammad im Angebot, dazu das größte Sortiment an Postkarten über das Land. Und gegen die Religionspolizei der Taliban, die ihm schon mal Buchdeckel zerkratzten oder Seiten herausrissen, entwickelte er die Methode, problematische Abbildungen mit seinen Visitenkarten zu überkleben. "Das schonte die Bücher, war Werbung und subtiler Protest zugleich."

Weitere Artikel: Katrin Bettina Müller untersucht die Auswirkungen schweizerischer Gepflogenheiten auf das Zürcher Programm der amerikanischen Choreografin Meg Stuart, auf einem Konzert der Strokes in Berlin wippt Jenni Zylka etwas gelangweilt auf den Zehen, und Susanne Messmer befragt Ursula Gräfe, die Übersetzerin Haruki Murakamis, zu ihrer Arbeit und stellt Murakamis Bücher "Tanz mit dem Schafsmann" und "Untergrundkrieg" vor.

In den Tagesthemen kommentiert Christian Semler das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, demzufolge die Birthler-Behörde Unterlagen über Personen der Zeitgeschichte nur noch mit Einwilligung der Betroffenen herausgeben darf, und tröstet sich damit, dass viel Aufschlussreiches ja schon publiziert ist.

Und im Magazin der taz würdigt Jan Feddersen den gerade 75 gewordenen Harry Belafonte als Entertainer der Bürgerrechtsbewegung, der sich "der Unterhaltungsmaschine, mit Kurs auf den Mainstream, bediente, um deren Möglichkeiten zu erweiteren".

Schließlich Tom.

FAZ, 09.03.2002

In einem Artikel über den Kölner SPD-Skandal berichtet Andreas Rossmann, dass sich die Praxis des Klüngelns nicht auf die politische Sphäre beschränkt: "Die Frage, ob in anderen Bereichen auch so gehandelt wird, scheint gerade in der Kultur nicht zu weit hergeholt. So wird aus einem Kölner Museum berichtet, dass ein Künstler nach einer Ausstellung ein Bild dem Direktor geschenkt haben soll, es kurz darauf im Besitz eines Malermeisters auftauchte, der es, so das Protokoll des Kulturausschusses, der Stadt als Schenkung überließ, dafür eine 'Spendenquittung' über dreißigtausend Mark erhielt und daraufhin das Treppenhaus des Museums 'kostenlos' renovierte."

Anlässlich der "Echo"-Verleihungen fragt sich Niklas Maak, ob nicht die krisengeschüttelte Musikindustrie selbst durch die Kreation immer neuer synthetischer Jungen- und Mädchenbands ihre Abschaffung beschleunigte. Der frühere Star "kam von unten, von außen, er war härter und wilder, er lebte vor allem hemmungslosen Genuss aus und war, als Genie des Exzesses, ein Vorbild. Die synthetischen Popbands, meistens zusammengestellt aus ehrgeizigen Schülern, bemühen sich nicht mal mehr um das lockende Bild vom unverstellten Leben, von Glamour und Exzess: Sie üben fleißig, trainieren Tanzbewegungen und Stimmen und erklären wie 'O-Town', dass 'das Leben des Popstars' kein Genuss, sondern 'harte Arbeit sei'." Gott ja, das klingt wirklich langweilig.

Mathias Oppermann erinnert an die Staaten- und Friedenstheorie des französischen Denkers Raymond Aron, die er nach wie vor für aktuell hält. Jordan Mejias berichtet über umfangreiche Dokumente aus dem Nachlass von Malcolm X, die unter dubiosen Umständen aufgefunden wurden und nun vom Auktionshaus Butterfields versteigert werden. Timo John stellt David Chipperfields (mehr hier) Entwurf für ein Literaturmuseum in Marbach vor. Siegfried Stadler erläutert die Pläne des neuen Direktors der Dresdner Kunstsammlungen, Martin Roth. Jakob Köllhofer gratuliert dem Anglisten Rudolf Sühnel zum 95. Geburtstag. Karol Sauerland weist auf einige drastisch-antisemitische Ausfälle in der polnischen Vergangenheitsbewältigung im Sejm hin. Siegfried Schibli erklärt, warum Julia Jones nicht mehr in Basel dirigiert

Gina Thomas berichtet über einen Streit zwischen britischen Linksintellektuellen - Mary-Kay Wilmers, Chefin der London Review of Books lehnte einen Beitrag des Politiologen David Marquand ab, der ihr zu Blair- und kriegsfreundlich war - er ist jetzt im Prospect nachzulesen (online nur für Subscribers). Christian Geyer kommentiert den vom Papst erzwungenen Abschied des Limburger Bistums aus der Schwangerenkonfliktberatung. Mark Siemons schreibt in seiner Hauptstadt-Kolumne über die kosmopolitische Atmosphäre im Berliner Europa-Center.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Zeichnungen der Sammlung Jabach im Louvre, das Dessauer Weill-Fest (mehr hier), die "British Dance Edition" in Birmingham und eine Ausstellung mit Bildern von Susanne Kühn in der Harvard University.

In den Überresten von Bilder und Zeiten legt Christoph Luitpold Frommel, ehemaliger Direktor der Biblioteca Hertziana in Rom einen Essay über die jüngst restaurierte Moses-Statue von Michelangelo in San Pietro in Vincoli vor. Michael Jeismann gratuliert Karl Dietrich Bracher zum Achtzigsten. Und in der Frankfurter Anthologie stellt Hans-Christoph Buch ein Gedicht von Christoph Meckel vor - "Ophelia":

"Treibt sie, von Moder befleckt mit Schaum beladen kalt in das kalte Bett mit Schilf behangen Fischleib, strömendes Haar und bettelt um Liebe..."