Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.03.2002. In der SZ schildert Günter Rohrbach das Problem des deutschen Films so: Der deutsche Regisseur ist jung - darf aber nicht altern. Die FAZ findet Botho Strauß' "Unerwartete Rückkehr neu, schön, leicht und merkwürdig. Die taz setzt sich mit Avishai Margalits und Ian Burumas "Okzidentalismus"-These auseinander.

FAZ, 11.03.2002

In der "Unerwarteten Rückkehr", dem neuen Stück von Botho Strauß geht's mal wieder um Paare. Luc Bondy hat am Berliner Ensemble inszeniert. Gerhard Stadelmaier ist angetan: "das ist das Neue, Schöne, Leichte, Merkwürdige an den Paaren hier: Sie haben zum ersten Mal nur noch sich selbst. Es gibt für sie nichts anderes, das sie überstiege oder unterhöhlte: weder etwas Höheres noch etwas Tieferes, weder etwas Schöneres noch etwas Hässlicheres, weder etwas Göttlicheres noch etwas Teuflischeres. Die Gesellschaft des Botho Strauß, die letzte Gesellschaft dieser Welt, die im wesentlichen nur aus Paaren besteht, die das große Ganze im kleinen Katastrophalen feiert, ist nun ausgeglüht, aller Schlacken ledig, ganz rein bei sich angekommen."

Nun hat das ZDF doch noch einen Intendanten bekommen. Es ist Markus Schächter, der bisherige Programmdirektor des Senders. Michael Hanfeld kommentiert: "Hinter ihm liegt ein Schlachtfeld voller Leichen, die einmal als Kandidaten für sein neues Amt galten, und vor ihm der überlange Schatten des Altintendanten. Doch nicht nur aus diesem muss Schächter heraustreten. Er muss die Hypothek abtragen, dass er nur der Letzte in einer ganzen Reihe von Kandidaten war, die bis zuletzt höher gehandelt wurden als er. Er muss Wunden heilen, die so zahlreich sind, dass sie für mehr als ein Ableben reichen." Auf der Medienseite hält Hanfeld überdies Rückblick auf die "Jagdszenen", die zu diesem Ende führten.

Ilona Lehnart sieht einen Einschnitt in der Entscheidung der Bundesländer, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz nicht mehr mit zu finanzieren: "Für Berlin muss das ernüchternde Fazit lauten, dass seine Hauptstadtambitionen andernorts nicht geteilt werden."

Weitere Artikel: Robert von Lucius berichtet von den Trauerfeiern für Astrid Lindgren in Stockholm. Michael Gassmann durfte der Eröffnung des Theodor-Heuss-Hauses in Stuttgart beiwohnen. Jürgen Kaube resümiert ein von den Stiftungen der Konzerne Bertelsmann und AOL Time Warner veranstaltetes Kolloquium über "21st Century Literacy" in Berlin. Stefanie Peter hat einer Dresdner Tagung über den Begriff der Kontinuität in der Geschichte zugehört. Gina Thomas erinnert an das Erscheinen des Daily Courant, der ersten Tageszeitung der Welt in London vor 300 Jahren. Auf der Medienseite findet sich neben Hanfelds Artikel über das ZDF ein Bericht von Wolfgang Kleinwächter über Diskussionen in der Internetbehörde Icann, die sich heute in Accra zu einer Tagung trifft. Auf der letzten Seite feiert Hannes Hintermeier Jubiläum mit dem Passauer Kabarett im Scharfrichterhaus. Und Claudia Schülke schreibt ein kleines Porträt über den Frankfurter Schauspieler und Prinzipal eines Boulevardtheaters Claus Helmer. Ferner denkt Jürgen Kaube über die Angst der Konzerne nach, Erfolgsmeldungen zu verkünden - man fürchtet, als unseriös dazustehen.

Besprechungen gelten Giorgio Battistellis Oper "Auf den Marmorklippen" nach Ernst Jünger in Mannheim, einem Manfred-Krug-Liederabend in der Frankfurter Alten Oper, zwei Ausstellungen über Bali im Basler Museum der Kulturen, Hans Werner Henzes früher Oper "Verratenes Meer" in Frankfurt und Sibylle Bergs Stück "Herr Mautz" in Oberhausen.

NZZ, 11.03.2002

"Wieder Krieg" heißt das neue Buch des Soziologen Karl Otto Hondrich. Die NZZ druckt die Einleitung nach. So "neu" erscheint ihm der Afghanistan-Krieg darin gar nicht: "Eine globale Weltordnung braucht .., als stabile Binnenstruktur, nicht nur Staaten, sondern von mehrheitlicher Zustimmung getragene Staaten. Dass Kriege zu Nationalstaaten geführt und dass Nationalstaaten Kriege geführt haben, macht sie suspekt. Wo aber stabile Nationalstaaten fehlen, da ist der Krieg erst recht zur Stelle, auch wenn es um ganz andere Dinge zu gehen scheint: Der 'Krieg gegen den Terrorismus', der ja als Musterbeispiel eines globalen, postnationalen Krieges gehandelt wird, hat, scheinbar beiläufig, als Erstes ein Ziel erreicht, das er gar nicht hatte: Er hat Afghanistan auf den Weg zu einem nationalen Staat gebracht."

Georg Sütterlin hat die Schriftstellerin Irene Lucilia Andrade besucht, die auf Madeira lebt und publiziert: "Bedenkt man, wie marginal sich die Portugiesen fühlen, weil sie am Rand Europas leben, kann man sich vorstellen, wie unerreichbar einer Schriftstellerin in Madeira die Zentren der Kultur erscheinen müssen." Das nennen wir Saudade!

Weiteres: Andreas Breitenstein war dabei, als der Autor Daniel Ganzfried in Zürich sein abschließendes Buch über den Fall Wilkomirski vorstellte - Ganzfried enthüllte vor zwei Jahren Wilkomirskis angebliche, bei Suhrkamp publizierte Kindheitserinnerungen an Auschwitz als Fälschung. Besprochen werden Strauß' "Unerwartete Rückkehr" in Berlin, eine Inszenierung der "Pest" nach Camus durch Albrecht Hirche in Luzern, eine Stephan-Huber-Ausstellung im Münchner Lenbachhaus und Giorgio Battistellis Ernst-Jünger-Oper "Auf den Marmorklippen" in Mannheim.

FR, 11.03.2002

Im dünnen Montags-Feuilleton der FR haben heute nur Rezensionen Platz.

Peter Iden widmet sich natürlich dem Theaterereignis aus der Hauptstadt, Botho Strauß' "Unerwarteter Rückkehr" in der Inszenierung von Luc Bondy. Iden kommt zu dem knappen Schluss: "Zu unterscheiden ist das neue Stück von seiner Aufführung: Der Text von Strauß scheint in seinem Potenzial vielschichtiger, spannender, auch komischer, als er sich in Bondys Inszenierung darstellt."

Besprochen werden zwei Musiktheaterstücke: Giorgio Battistellis Ernst-Jünger-Vertonung "Auf den Marmorklippen" (Mannheim) und Hans Werner Henzes Oper "Das verratene Meer" (Frankfurt), weiter Molieres Stück "Der Menschenfeind" (ebenfalls Frankfurt) und politische Bücher, darunter die Erinnerungen von Hitlers Sekretärin Traudl Junge (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 11.03.2002

Kündigt sich da etwa eine neue Debatte an? Stefan Reinecke diskutiert den Essay "Occidentalism" von Avishai Margalit und Ian Buruma aus der New York Review of Books, in dem die beiden Autoren die These aufgestellt haben, dass alle antiliberalen Bewegungen der Geschichte der Hass auf die westliche Stadt verband, auf künstlerische Freiheit, sexuelle Freizügigkeit, gemischte Bevölkerungen, Forschungsdrang und Wohlstand. Reinecke ist davon nicht überzeugt und fragt, ob "afghanischen Jugendliche, die nichts außer endlosem Bürgerkrieg kennen", und deutsche Nazis, "die die Welteroberung planen", wirklich aus den gleichen Motiven handeln. Bei den Autoren vermutet Reinecke dagegen eine neue Art "kultureller Totalitarismustheorie": "Buruma und Margalit rauschen mit Siebenmeilenstiefeln durch die Weltgeschichte, und der Kompass zeigt ziemlich verlässlich immer in die gleiche Richtung: hier der liberale Westen, dort doktrinäre, atavistische Bewegungen. Dieser Konflikt erscheint als Motor der Historie, als zentrale Kampflinie, an dem sich Wohl und Wehe scheiden. So reduzieren sich komplexe Zusammenhänge auf ein Muster." Der Merkur wird "Occidentlism" in seiner April-Ausgabe nachdrucken.

Weitere Artikel: Dan Richter macht sich Gedanken über die Schwierigkeit, Arbeit zu vermeiden. Katrin Bettina Müller erklärt, dass Luc Bondy und Bothos Strauß mit der Uraufführung von "Unerwarteter Rückkehr" in Berlin vor allem eins offenlegten: "die Unfähigkeit, sich zu ändern".

Auf der Medien-Seite berichtet Alexander Kühn, wie das ZDF in Markus Schächter doch noch einen neuen Intendanten gefunden hat. Und auf der Meinungsseite befasst sich der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter ausführlich mit der "Unfähigkeit" des Westens, die "Ungerechtigkeit einer gespaltenen Welt zu überwinden".

Schließlich Tom.

SZ, 11.03.2002

George W. Bush sei ein Fleisch gewordener amerikanischer Bildungsroman, bemerkt Klaus Koydl. Was haben sich alle über ihn lustig gemacht. Und jetzt? Jetzt arbeitet seine Umgebung schon einfrig am Bild für die Historie und die Nachwelt. "Willige Helferdienste", meint Koydl, leisteten dabei eben jene Medien, die Bush früher so unnachsichtig verfolgt haben. Wie etwa die New York Times, deren Reporter Frank Bruni Bush bereits im Wahlkampf begleitet und nun seine Biografie herausgebracht hat ("Ambling into History"). Das Weiße Haus hatte sich offenbar schon Sorgen gemacht, doch, wie Koydl schreibt, das war gar nicht nötig: "Bruni mag Bush, und obschon sein Buch all die Grotesken einer merkwürdigen Wahlkampagne wieder in Erinnerung ruft, wird dies dem Präsidenten Bush nicht schaden. Im Gegenteil: Was einst als Schwäche gesehen wurde, wird heute als Zeichen tief empfundener Menschlichkeit und Wärme gedeutet. "

Zur ewigen Krise des deutschen Films stellt Filmproduzent Günter Rohrbach fest: "Der deutsche Filmregisseur ist jung." Die interessanteren Filme der letzten Jahre seien durchweg Erstlingswerke, doch nach oben knickten die Lebensläufe weg: "Der Theaterregisseur fängt auf der Werkstattbühne an, möglichst irgendwo in der Provinz, wandert in die Kammerspiele und, wenn das Talent es hergibt, irgendwann ins große Haus. Und auf diesem Weg verbessern sich fortlaufend seine Bedingungen, er bekommt die stärkeren Schauspieler, die begabteren Mitarbeiter, die größeren Budgets. Der deutsche Filmregisseur dagegen bleibt sein Leben lang auf die Werkstatt verwiesen."

Weitere Artikel: Karl Bruckmaier hat den Künstler Paul Myoda (mehr hier) interviewt, dessen Atelier im World Trade Center untergebracht war und der nun an den Towers of Light (mehr hier) mitgearbeitet hat, dem Mahnmal aus Licht, das ab heute Nacht den Himmel über Manhattan erleuchten wird. Navid Kermani setzt seinen Reisebericht aus Israel fort. Fritz Göttler schreibt einen Nachruf auf die Ufa-Schauspielerin Winnie Markus. Verena Auffermann hat einer Lesung von Judith Hermann im Frankfurter Goethe-Haus zugehört. Und auf der Medienseite berichtet Klaus Ott, dass der Springer-Verlag überlegt, gegen seinen Aktionär Leo Kirch Konkursantrag zu stellen.

Besprochen werden außerdem Agnes Vardas neuer Film "Les glaneurs et la glaneuse" (mehr hier), der zweite Teil von Lorin Maazels Mahler-Zyklus in München und Bücher: darunter ein Band über Bismarcks Spiel mit den Parteien und eine Werkausgabe von Sarah Kanes Theaterstücken (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

C.Bernd Sucher schließlich lobt Luc Bondys Uraufführung des Botho Strauß-Stücks "Unerwartete Rückkehr": Es ist "vielleicht Strauß' wichtigstes Bühnenwerk", meint Sucher. "Das Stück zeichnet sich durch eine überraschend heitere Gelassenheit aus, ist wenig mythelnd und dennoch keineswegs blass-blöd oberflächliches Beziehungshickhack."