Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.02.2002. Die Berlinale ist das große Thema: Wie wird's laufen unter der neuen Leitung? Die FAZ schildert außerdem den Kampf der Giganten zwischen Leo Kirch und Matthias Döpfner (wobei sie am Gigantentum des letzteren zweifelt). Die NZZ berichtet über den neuen Antisemitismus in Rumänien und die taz interviewt Claus Leggewie zum Gipfel von Porto Alegre

NZZ, 06.02.2002

Die Wiederkehr der Faschisten in Rumänien und einen Antisemitismus ohne Juden schildert Claus Stephani in einer Reportage aus Bukarest: "Vor kurzem wurde im Hof der Bukarester Kirche Sf. Paraschiva eine Büste Ion Antonescus enthüllt, eben jenes 'Conducators' und Verbündeten Hitlers, der 300.000 Juden ermorden liess. Inzwischen tragen vier Straßen in Rumänien den Namen Antonescus, darunter auch ein Boulevard in Oradea (Grosswardein), an dem eine Synagoge steht." Und die letzten rumänischen Juden emigrieren nach Israel und in die USA.

Weitere Artikel: Wadi Saadah berichtet über Kolloquien arabischer Intellektueller in Kairo und Rabat, wo man das Verhältnis zum Westen etwas pragmatischer definieren wollte und das bloße Bestehen auf Feindbildern aufgab: Nun will man im Westen Öffentlichkeitsarbeit machen, um ein differenzierteres Bild des Islam zu verbreiten. Michael Schefzyk verweist auf ein neues Buch, in dem der "alte und kranke" John Rawls, basierend auf Vorlesungen der achtziger Jahre, noch einmal seine politische Philosophie präzisiert: "Justice as Fairness - A Restatement". Und Claudia Schwartz schreibt zum Auftakt der Berlinale.

Besprochen werden Kompositionen von Friedrich Cerha in der ORF-Edition "Zeitton" und einige Bücher, darunter eine deutsch-französische Ausgabe des "Code Napoleon". (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)

SZ, 06.02.2002

Der Historiker Thomas W. Laqueur erinnert sich an seinen Vater, der - aus Deutschland geflohen - viele Jahre am pathologischen Institut in Washington gearbeitet hat. "Oft begleitete ich ihn zu Kursen und besuchte dann mit ihm die Knochen- und Organsammlungen an der Mall in Washington. Die Exponate kamen alle aus den Staaten, doch entsprach das Prinzip ihrer Anordnung jener aufgeklärten Rationalität, die für meinen Vater das verlorene Deutschland repräsentierte." Was das Museum die Besucher lehrt? "memento mori. Die moderne Medizin mag für manchen den Tod aufschieben, doch erinnern uns hier eine Millionen Museumsstücke an die Zerbrechlichkeit des Körpers." Hier eine Raucherlunge.

Fritz Göttler kommentiert das Programm des neuen Berlinale-Chefs Dieter Kosslick und freut sich über die vier deutschen Filme im Wettbewerb: "Es ist natürlich keine Koinzidenz, dass der Berliner Neustart so prächtig zusammenfällt mit diesem Purgatorium des deutschen Kinos - dieser Durchspülung, diesem Befreiungsschlag. Die deutschen Filmemacher haben, nach Jahren der Stagnation, rapide wieder Selbstbewusstsein gewonnen und gleich die Berlinale auf den Kopf gestellt. Die vier deutschen Filme ziehen die Aufmerksamkeit auf sich und degradieren die internationalen Beiträge fast zu Nebenrollen."

Queen Elizabeth II. feiert ihr 50-jähriges Thronjubiläum, und Franziska Augstein findet das gut so. "Die Queen erhielt im vergangenen Jahr gut acht Millionen Pfund vom Staat zur Deckung ihrer Unkosten ... Thomas Middelhoff, der Chef von Bertelsmann, soll sich im vergangenen Jahr eine Gratifikation von 50 Millionen Mark genehmigt haben. Was die Queen für ihr Geld getan hat, das weiß man."

Weitere Artikel: Ijoma Mangold berichtet über den ersten Vortrag, den der Schweizer Literaturwissenschaftler Peter von Matt ("Die tintenblauen Eidgenossen") als Fellow der Carl Friedrich von Siemens Stiftung in München gehalten hat: Es ging um "Theorie und Praxis der Intrige in der Literatur". Oliver Fuchs hat Catherine Millet ("Das sexuelle Leben der Catherine M.") vor ihrer Lesung im Münchner Literaturhaus ein paar Fragen gestellt. Tilman Spengler beschreibt Reaktionen von Besuchern der Jörg-Immendorff-Ausstellung im Marmorpalast des Russischen Museums in St. Petersburg. Adrienne Braun berichtet über den Streit um das Erbe des Kunstsammlers Gustav Rau. Uwe Mattheis schreibt zum Tod der Schauspielerin Inge Konradi und sus. zum Tod des Jerry-Cotton-Darstellers George Nader.

Christine Dössel versucht sich an einem persönliche Register zur neuen Hamburger Kultursenatorin Dana Horakova. Auf der Seite 3 gibt es übrigens einen Bericht von Reymer Klüver und Hans Leyendecker über das "Gerücht", dass Horakova "in einem früheren Leben im Verdacht stand, Spitzel des verhassten tschechoslowakischen kommunistischen Geheimdienstes gewesen zu sein." Bewiesen ist zwar "gar nichts", wie die Autoren betonen, aber es ist ein schöner Anlass, die Frau noch einmal "Dissidenten- Girlie" zu nennen und "Femme fatale der Dissidenz". Ebenfalls auf der 3 findet sich ein Bericht über Leo Kirchs Kampf um sein Imperium.

Besprochen wird heut viel Musik: Psychedelische Musik von International Harvester und Nagisa Ni te, Jazz von Dave Holland und seinem Quintett, die CD "L?Absente" von Yann Tiersen (Komponist des "Amelie"-Soundtracks) und CDs der Beachwood Sparks und von Hope Sandoval. Weiter geht es um die Ausstellung "Volksboutique Organizational Ventures" von Christine Hill in der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig, ein Konzert von Vadim Repin und Zubin Mehta im Münchener Nationaltheater (Harald Eggebrecht beklagt sich über die schlechte Akustik und fragt das bayerische Innenministerium: "Wann bekommen wir das Geschenk Ludwigs I. an seine Bürger, wann bekommen wir das Münchner Odeon zurück?") und Bücher, darunter Bjorn Lomborgs bisher leider nur auf Englisch veröffentlichtes Buch über die Ängste der Umweltschützer und Albrecht Beutelspachers "Mathematik für die Westentasche" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 06.02.2002

Daniel Kothenschulte begutachtet eher skeptisch das diesjährige Berlinale-Programm und meint schließlich: "Den härtesten Vergleichsmaßstab, den sich diese Berlinale setzt, sollte man freilich nicht auf die Gegenwart anwenden: In den 130 Filmen der Retrospektive "European 60s" entfaltet sich eine kollektive Momentaufnahme eines Einbruchs der Freiheit, wie ihn das Kino in West- und Osteuropa so nie mehr erlebt hat ... Wenn es etwas gibt, dessen sich das deutsche Kino, das in diesem Jahr erstmals mit dem prominenten Schaufenster der 'Perspektive' gefeiert wird, im Augenblick rühmen kann, so ist es die Neuentdeckung dieser Freiheit. Und dies gelang schon immer am besten, wie etwa Katalin Gödrös' Uraufführung 'Mutanten' verspricht, wenn das Thema die Jugend ist."

Daneben gibt es ein kurzes Interview mit Tom Tykwer, dem Regisseur des Eröffnungsfilms "Heaven". Tykwer erzählt, wie schwierig es war, "die Dinge wirklich einfach in ihre Form zu bekommen. Nichts sollte von der Komplexität ablenken, die dahinter steht. Das hat uns fast zerrissen. Wir sahen uns am Ende als Senioren mit einem Kurzfilm."

Roderich Reifenrath rekapituliert noch einmal die zwei Parteiverbotsverfahren vor dem Bundesverfassungsgericht: 1952 gegen die Sozialistische Reichspartei (SRP) und 1956 gegen die KPD. Das Verbotsverfahren gegen die NPD begrüßt er, denn : "Nicht die Möglichkeit eines Parteiverbots läuft dem Demokratieprinzip zuwider, sondern die agitatorische und demonstrative Verachtung der Regeln freier, weltoffener, pluraler Ordnungen."

Weitere Artikel: Martina Meister meldet, dass die Stiftung Preußischer Kulturbesitz im vergangenen Jahr einen Besucherrekord verbuchen konnte: 2,9 Millionen Besucher, das ist ein Zuwachs von fünf Prozent. "Im starken Gegensatz zu den Erfolgsmeldungen und enthusiastischen Plänen, steht die unsichere Finanzierung der Preußenstiftung. Nicht nur Berlin, auch andere Bundesländer wollen aus der Finanzierung aussteigen." Thomas Medicus schreibt den Nachruf auf den Schauspieler George Nader. Und Anton Thuswaldner gratuliert dem österreichischen Dichter Andreas Okopenko (mehr hier) zum Trakl-Preis.

Besprochen werden die Ausstellung "Im Zeichen der Stadt - Zeitgenösssiche Kunst aus der Türkei" im Kunstmuseum Bonn, "Modern Dance I" vom BallettTheater München und eine Ausstellung mit den "ironischen Scherenschnitten" von Kara Walker im Mannheimer Kunstverein.
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TAZ, 06.02.2002

Auf den Tagesthemen-Seiten gibt es ein Interview mit dem Politologen Claus Leggewie zum Ende des Weltsozialforums in Porto Alegre. Leggewie rät den Globalisierungskritikern, nach Verbündeten in den transnationalen Institutionen zu suchen und die "linkslibertäre Kritik am Welthandelssystem auszubauen. Die neoliberale Elite verstößt ja gegen ihre eigene Ideologie: Sie behauptet, den freien Wettbewerb zu stärken. In Wirklichkeit schafft sie Monopole, die Wettbewerb und Fortschritt behindern. Der angebliche Freihandel bedeutet Diskriminierung für die Armen und Monopolisierung für die Reichen. Wenn sie es richtig anpackt, könnte diese Bewegung eine Volksbewegung werden."

Auf den Kulturseiten stellen Harald Fricke und Cristina Nord das Programm der Berlinale vor. Auf den täglichen Berlinale-Seiten der taz findet sich u.a. ein Interview mit Tom Tykwer und Detlef Kuhlbrodt stellt die Retrospektive "European 60s" vor.

Weitere Artikel: Christiane Kühl erzählt von der "Weather Capitol of the World", der Kleinstadt Punxsutawney, die sich seit Harald Ramis' Film "Und täglich grüßt das Murmeltier" über eine "stetig wachsenden Schar von Murmelmeteorologen-Groupies" freut. Besprochen wird die Ausstellung "Partnerschaften" in der Berliner NGBK, die Fotos von Wolfgang Tillmans mit der Malerei seines verstorbenen Freundes Jochen Klein kombiniert. Zu sehen in der Berliner Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst.

Schließlich Tom.

FAZ, 06.02.2002

Michael Allmaier, der Filmredakteur der FAZ, freut sich über die neue Festivalleitung der heute startenden Berlinale unter Dieter Kosslick und hält gleich den Eröffnungsfilm, "Heaven", von Tom Tykwer für einen der preiswürdigen Filme: "Er spielt in Italien, und Cate Blanchett verkörpert eine Lehrerin, die nach einer Verzweiflungstat mit einem jungen Polizisten in ein Land jenseits der abgebrochenen Brücken flieht. Der Stoff stammt von Krzysztof Kieslowski. Die Umsetzung ist vorbildlich für den leisen, intensiven Stil, der die besten unter den neuen deutschen Filmen verbindet. Es scheint durchaus denkbar, dass in diesem Jahr der Goldene Bär im Land bleibt."

Es geht um 770 Millionen Euro, die das Kirch-Imperium in den Ruin treiben könnten. Michael Hanfeld schildert den Kampf der Giganten zwischen Leo Kirch und Matthias Döpfner vom Springer-Konzern. Aber ist Döpfner wirklich ein Gigant? Hanfeld zweifelt: "Man kann die Dinge... auch von einer etwas irrationaleren Seite sehen: Ein junger Vorstandschef, gelernter Journalist, dem die entsprechend ausreichenden Lehrjahre als zweiter Mann in der Wirtschaftshierarchie fehlen, hat sich einen gigantischen Coup vorgenommen, um von der eigenen wirtschaftlichen und konzeptionellen Dauerkrise abzulenken. Nur scheinbar ist er im Blitzkarrierekrieg von Sieg zu Sieg geeilt. In Wahrheit hat er, wo immer er wirkte, nur verbrannte Erde und verstörte Weggefährten hinterlassen..." Wir erinnern uns an Zeiten einer freundlicheren Berichterstattung über diesen Mann.

Der Filmregisseur Nanni Moretti, eine moralische Autorität in der italienischen Linken, hat auf einer öffentlichen Veranstaltung der italienischen Opposition, Parteiführer der Linken für das politische Desaster mit verantwortlich gemacht und in Italien eine Riesendebatte ausgelöst, berichtet Dirk Schümer: "Der öffentliche, durch und durch mediale Charakter der Ohrfeige war für die dabeistehenden Spitzenfunktionäre sichtlich peinlich. Der aktuelle, hochumstrittene Oppositionsführer Rutelli zeigte sich unangenehm berührt und unterließ nicht einmal wohlfeile Intellektuellenschelte. Italiens politische Klasse scheint sich nach Jahren der Kritik und einer Revolution durch die 'mani pulite' wieder gegen die Basis zu immunisieren und nach Berlusconis gutsherrenhaftem Vorbild auch im Habitus zu feudalisieren." Der Perlentaucher wird zu diesem Thema heute Vormittag eine "Post aus Neapel" bringen.

Weitere Artikel: Siegfried Stadler stellt den neuen "Deutschen Bücherpreis" vor, der nicht dotiert ist, so wichtig sein soll wie der Oscar ist und in Form eine Butts verliehen wird - den ersten Ehrenbutt bekommt Christa Wolf bei der Leipziger Buchmesse. Eva Menasse schreibt über den Streit zwischen den Tschechen und den Sudetendeutschen. Der Theologe Friedich Wilhelm Graf sieht in der von Forschungsministerum Bulmahn geplanten Hochschulreform den "zerstörerischsten Akt der neueren deutschen Hochschulpolitik". Zum Kronjubiläum von Elizabeth II. bringt die FAZ einen Auszug aus Paul Theroux' Roman "Mein anderes Leben" von 2000, in der ein Empfang mit Königein geschildert wird ("Ich drehte mich um und erblickte eine Frau, der Gäste vorgestellt wurden. Aus ihrem Diamantschmuck und der Größe ihres Kopfes schloss ich, dass es sich um die Königin handelte") Die Schriftstellerin Felicitas Hoppe liefert (allerdings nicht mehr ganz frische) Impressionen von einer Indien-Reise.

Ferner schreibt Gerhard R. Koch zum 70. Geburtstag des Musiktheoretikers Heinz-Klaus Metzger. Ilona Lehnart berichtet von der Jahrespressekonferenz der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. In Carl Zuckmayers Geheimdienstkolumne geht's um Frank Wedekinds Kinder Tilly und Pamela. Pia Reinacher schreibt zum Tod der Autorin Aglaja Veteranyi. Patrick Bahners gratuliert dem Historiker Christopher Hill zum Neunzigsten. Walter Hinck schreibt zum 70. Geburtstag des Schriftstellers Ernst Herhaus. Auf der Medienseite erzählt Jörg Thomann, wie die Berliner BZ mit einer Pressekampagne die Reiterstaffel der Polizei retten will. Andreas Rosenfelder resümiert ein Kolloquium der Adenauer-Stiftung über den Islam und das Christentum. Und Verena Lueken meldet, dass der ehemalige New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani die Akten seiner Amtszeit unter Verschluss hält.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Winterlandschaften aus Hollands Goldenem Jahrhundert im Hager Mauritshuis, eine Ausstellung der Silbersammlung des Holländers Alfons Leythe in Karlsruhe und ein Konzert des Cleveland Orchestras unter Christoph von Dohnanyi in New York.