Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.10.2001. "Die selbstkasteiende Selbstunterschätzung der Germanisten" sei wieder ein deutscher Sonderfall, hatte der Literatur-Professor Hans Ulrich Gumbrecht in seiner Rede zum Germanistentag erklärt. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung und Neue Züricher Zeitung veröffentlichen Auszüge.

NZZ, 01.10.2001

Oh! Auch die NZZ bringt eine gekürzte Fassung des Vortrags von Hans Ulrich Gumbrecht beim Germanistentag, allerdings eine ganz andere - man hat eigentlich den Eindruck, in der NZZ den Anfang und in der FAZ das Ende des Vortrags zu lesen. Mit dem Internet fügen wir nun also wieder beide Teile zusammen!

Für Urs Schoettli ist die Armut der Dritten Welt als Ursache des Terrors zu sehen: "So muss auch die hohe Politik in Washington zur Kenntnis nehmen, dass es im gigantischen Slum der Dritten Welt im Kampf gegen den Terror, der die wohlfeile Waffe der Armen und Ärmsten ist, keine verlässlichen Alliierten zu finden gibt, solange die Menschen nicht konkrete Aussichten auf ein besseres Leben besitzen. " Das gilt zumal für bin Laden, der wahrscheinlich nicht mal genug Geld hat, um sich die Kühlerfigur auf dem Rolls-Royce vergolden zu lassen.

Weitere Artikel: Hanno Helbling kommentiert die Äußerung des Papstes, dass Gewaltanwendung gegen Terror verständlich sei. Besprechungen widmen sich dem Saisonstart am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, der internationalen Foucault-Konferenz in Frankfurt am Mai und der deutschsprachigen Erstaufführung von Abi Morgans Stück "Splendour" in Zürich.

SZ, 01.10.2001

Ian Buruma fragt, was junge Männer zu Selbstmordattentätern macht. Eine Antwort liegt für ihn ? wie seinerzeit in Japan ? in einer forcierten Verwestlichung ohne die Übernahme von Demokratie: "Die Japaner taten genau das. Auf seine Weise versuchte es auch der Schah von Persien. Aber Verwestlichung von oben ist immer selektiv. Verwestlichende Autokraten wollen nicht, dass ihre Untertanen von so subversiven Ideen wie Demokratie oder Redefreiheit beeinflusst werden. Diese müssen als schädliches fremdes Gift bekämpft werden. In Japan wurde der Kaiser-Kult, der Samurai-Geist und die spirituelle Reinheit des 'Japanisch-Seins' als Gegenmittel eingesetzt gegen den westlichen Einfluss ...

Anlässlich der jüngst vergebenen Echo-Preise schildert Reinhard J. Brembeck die immer desolatere Lage am Klassikplattenmarkt: "Selten geworden sind Opernaufnahmen. In den letzten dreißig Jahren ist so gut wie keine Einspielung einer Repertoire-Oper produziert worden, die mit den früheren, oft legendären Aufnahmen konkurrieren könnte... Es fehlt an großen Sängern wie an bedeutenden Produzenten, die eine ideale Besetzung zusammenbringen könnten. In jedem Fall kostet eine Opernaufnahme mittlerweile gut eine Million Markt, und wenn es zu keiner Co-Produktion mit einer Rundfunkanstalt kommt, lassen sich die Unkosten in absehbarer Zeit kaum einspielen ? trotz stolzer Verkaufspreise von 40 Mark pro CD, wovon etwas mehr als die Hälfte an den Produzenten geht. Denn 5.000 bis 10.000 verkaufte Exemplare gelten bereits als großer Erfolg. Alles darüber hinaus ist sensationell."

Weitere Artikel: Sonja Zekri beschreibt, wie das Dorf Wöbbelin seines größten Sohns, des Dichters Theodor Körner, gedenkt. Bernd Graff legt dar, dass die seit langem gehegte kriminologische Utopie der Rasterfahndung erst jetzt technisch realisierbar ist. Eva Marz hat einem Zürcher Vortrag Richard Sennetts über "Solidarität" zugehört. Jeanne Rubner resümiert ein Symposion über Werner Heisenberg.

Besprochen werden Martin McDonaghs Stück "Der Leutnant von Inishmore" in Bochum und Berlin, Lessings "Emilia Galotti" am Deutschen Theater, Rene Polleschs "Stadt als Beute" im Prater der Volksbühne, Hubertus Siegerts Film "Berlin Babylon" und einige Bücher, darunter Leif Davidsens Thriller "Der Fluch der bösen Tat" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 01.10.2001

Kleines Feuilleton heute: Besprochen werden das Frankfurter Pol-Festival, Martin McDonaghs Terrorismusfarce "Der Leutnant von Inishmore" in Berlin und Bochum und politische Bücher, darunter Noam Chomskys "War against People" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
Anzeige

TAZ, 01.10.2001

Rene Aguigah resümiert das große Frankfurter Foucault-Kolloquium und macht folgende Anmerkung: "Breite Diskussionsstränge, ja ganze Disziplinen, die sich unmittelbar auf Foucault berufen, waren bei dieser Zwischenbilanz nicht vertreten, Ansätze aus den Postcolonial Studies ebenso wenig wie die jüngste Fortschreibung des Biomacht-Konzeptes, wie sie der italienische Philosoph Giorgio Agamben vornimmt." Stattdessen wiederholte das organisierende Frankfurter Institut für Sozialforschung seine Foucault-Kritik aus den achtziger Jahren.

Weitere Artikel: Christiane Kühl bespricht die ersten Aufführungen am Deutschen Theater unter der Leitung von Bernd Wilms. Heinrich Raatschen stellt einen fiktiven Museumskatalog des Comiczeichners Enki Bilal vor: "Der Sarcophag".

Im Rahmen der Berichterstattung über die Anschläge ist auf ein Interview mit der afghanischen Soziologin Mariam Notten hinzuweisen, die die jetzt von den Amerikanern unterstützte Nordallianz kritisiert: "In ihrer Grausamkeit und ihrer Einstellung zu Frauen sind diese Gruppen kein bisschen besser als die Taliban. Auch bei ihnen wurden Frauen verschleiert, sie durften nicht zur Schule, sie wurden gesteinigt."

FAZ, 01.10.2001

Hans Ulrich Gumbrecht polemisiert in einer von der FAZ dokumentierten Rede vor dem Germanistentag gegen die heutige Germanistik - nicht etwa, weil er sie provinziell findet, sondern weil sie selber glaubt, provinziell zu sein: "Madame de Staël hatte schon am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts bemerkt, dass sich die Geistesheroen Europas hinter den Butzenscheiben deutscher Provinzstädte vor sich selbst versteckten. Heute ist die selbstkasteiende Selbstunterschätzung der Germanisten wieder ein deutscher Sonderfall, ebenso wie die Produktivität ihrer kulturwissenschaftlichen Reflexionen und ihrer medienwissenschaftlichen Forschungen. Eine entscheidende Frage ist also, wie weit und wie lange es sich die Germanistik leisten kann, in dieser doppelten Weise - in ihrem einzigartigen Forschungsprofil und in dessen grotesker Geringschätzung - deutsch zu sein."

Der britische Historiker Norman Stone schreibt eine etwas rosig wirkende Hymne auf die Türkei, die angeblich alle Probleme mit dem Islam, den Kurden und dem Terrorismus schon gelöst hat und vom Westen ungerecht behandelt wird: "Die französische Nationalversammlung verabschiedete eine Resolution, in der die Türkei wegen des Völkermords an den Armeniern im Jahr 1915 verurteilt wurde, obwohl die heutige Türkei keinerlei Schuld an diesen Ereignissen trägt." Dann soll jetzt aber auch das Gemecker über die deutsche Vergangenheit aufhören!

Weitere Artikel: Auf der letzten Seite erzählt Dietmar Dath die Geschichte des Voynich-Manuskripts - einer verschlüsselten Schrift aus dem 16. Jahrhundet, die bis heute nicht dechiffriert ist. Die Politologin Ingeborg Villinger denkt mit den Büchern von Samuel Huntington und Carl Schmitt in der Hand über das moderne Partisanentum nach. Der Ägyptologe Jan Assmann fragt jetzt schon, wie man des 11. September dereinst gedenken wird. Michael Adrian resümiert das große Frankfurter Foucault-Symposion. Paul Ingendaay resümiert das Filmfestival von San Sebastian. Joseph Hanimann schreibt über eine Pariser Tagung zur wünschenswerten aber wenig praktizierten Mehrsprachigkeit in Europa. Andreas Rossmann stellt den neue regionalen Privatsender tv.nrw vor.

Besprochen werden Martin McDonaghs Stück "Der Leutnant von Inishmore" in Bochum, George Taboris "Ödipus" am Berliner Ensemble, Skulpturen aus der Zeit der Reichen Herzöge in der Landshuter Spitalkirche Heiliggeist, eine Guillaume-Bijl-Ausstellung in Antwerpen, die Solotournee von Dave Davies (von den seligen Kinks), eine Alberto-Magnelli-Ausstellung in Bellinzona und eine nicht genannte Ibsen-Inszenierung an ungenanntem Ort - die Angaben, die vielleicht unter den Artikel sollten, hat man wohl vergessen (ein tröstlicher Beweis, dass nicht nur der Perlentaucher Fehler macht!)