Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.09.2001. Die Frankfurter Rundschau fragt, was Nietzsche gesagt hätte. Die SZ bezweifelt die Wirksamkeit der Sicherheitsmaßnahmen gegen den neuen Terrorismus. Die taz empfiehlt einen Bildband über Afghanistan. Und in der FAZ setzt sich Georg Klein mit Mark Twain auseinander.

NZZ, 29.09.2001

Marc Zitzmann untersucht die französischen Raktionen auf den 11. September und macht vor allem in den Debattenspalten des Figaro eine antiislamische Stimmung aus: "Von einer Bedrohung des 'gesamten demokratischen Okzidents' geht da die Rede, 'im Namen einer eroberungslustigen Religion, die sich darauf verbeißt, ein mit dem unseren nicht vereinbares Wertesystem durchzusetzen'. Was die Reaktion auf die Anschläge angeht, wird - wie immer wenn in Frankreich der Ruf nach hartem Durchgreifen ertönt - der fatale 'Esprit de Munich' von 1938 als Schreckbild bemüht."

Roman Hollenstein besucht eine Ausstellung über katalanische Architektur in Barcelona: "Während sich Hollands Architektenstars dem urbanistischen Zynismus verschrieben haben, bekennt man sich in Spanien noch immer zur gewachsenen Stadt."

Weiteres: Beatrice von Matt berichtet über intensive schweizerisch-lettische Kulturbeziehungen. Besprochen werden Henrik Ibsens "John Gabriel Borkman" am Theater Basel und einige Bücher wie Karl Barths "Offene Briefe" (siehe unsere Bücherschau morgen ab elf Uhr).

Zwei Essays, die eine lockere Folge von Reflexionen über die Rolle der Intellekutellen heute fortsetzen, präsentiert die Samstagsbeilage Literatur und Kunst. Ian Buruma (mehr hier) warnt vor einer intellektuellen "Mode des Exils". Es scheint sich untergründig um eine Auseinandersetzung mit dem mehrfach genannten und kritisierten amerikanisch-palästinensischen Intellektuellen Edward Said zu handeln: "Gerade in den USA ist die Identitätspolitik von Minderheiten zunehmend wichtig geworden, und die zu propagierenden Identitäten beruhen häufig auf einem sentimentalen Empfinden einer kollektiven Opferrolle.Ein smarter Intellektueller mit politischem Ehrgeiz macht sich zum Fürsprecher solcher Gefühle. Indem er sich mit der misslichen Lage mehr oder weniger diskriminierter Minderheiten oder anderen Formen kollektiven Leidens identifiziert, gelingt es dem einsamen Intellektuellen nicht nur, seiner Isolierung zu entkommen, sondern auch, selber zum Symbol jenes Leidens zu werden und somit viele der Vergünstigungen und Privilegien zu erlangen, die damit einhergehen."

Micha Brumlik fragt, auch vor dem Hintergrund der Anschläge in den USA, "was Intellektuelle im Übergang zur Weltgesellschaft noch vermöchten". Und er warnt: "Ungeklärt ist nach wie vor, ob Fernstenliebe psychologisch überhaupt möglich ist, ob eine abstrakte Weltgemeinschaft der Menschenrechte jenseits der nach wie vor bestehenden Nationalstaaten als Identifikationspunkt dienen kann und ob überzeugende Distributionskonzepte für den ganzen Globus vorliegen und realisierbar sind."

Weitere Artikel: Oskar Bätschmann denkt über Alberto Giacometti und den Surrealismus nach. Gottfried Boehm befasst sich mit Giacomettis neuer Deutung der Plastik nach dem Krieg. Frank Schäfer kommt auf die Rolle der Popmusik in neueren deutschen Romanen zu sprechen. Besprochen wird unter anderem das Buch "Wir Maschine" des Popliteraten Joachim Bessing.

SZ, 29.09.2001

Was bringen die neuen Rituale des Schutzes? Die SZ ist skeptisch. Alex Rühle etwa erinnern die Sicherheitsbemühungen der Bundesregierung an die 70er Jahre und den Kampf gegen den damaligen Terror, während er die heutigen Terroristen für immun hält gegen derart antiquierte Methoden. Und auch Andrian Kreye ahnt, dass ein Teil der geplanten Gesetzesänderungen nichts taugt: "Da soll die Einwanderungsbehörde INS Ausländer in Zukunft ohne richterlichen Haftbefehl auf unbegrenzte Zeit festhalten dürfen; CIA und Polizeibehörden sollen eng zusammenarbeiten und somit die Trennung zwischen Spionage und Polizeiarbeit auflösen; Polizeikräfte sollen auf Verdacht hin Durchsuchungen, Lauschangriffe und vorübergehende Festnahmen durchführen dürfen; Gesetze, die die Unterstützung von Terroristen und terroristischen Vereinigungen als Schwerverbrechen klassifizieren, sehen vor, Besitz von Verdächtigen zu beschlagnahmen ? eben nur 'auf Verdacht' hin."

Weitere Artikel: Joseph von Westphalen leidet schrecklich unter den Folgen des Diskursterrors. Alexander Kissler berichtet von einer Tagung über Aby Warburgs Bilderatlas "Mnemosyne" und der Suche nach den Pathosformeln unserer Zeit. Und Gregor Schöllgen macht sich Gedanken über das Mitteilungsbedürfnis Willy Brandts.

Kritisch gesehen: Paul Harathers Film "Die Gottesanbeterin", Schillers "Die Räuber? am Hamburger Schauspielhaus, Urs Dietrichs "Appetit" im Bremer Tanztheater, Fotografien von Wolfgang Tillmans und Porträts von Elizabeth Peyton in Hamburg, ein Audiobuch mit Abiturreden von Wilhelm Genazino und Birgit Vanderbeke, Johann Peter Hebels "Kalendergeschichten", ein Buch über populäre Kultur um 1900 ("Schund und Schönheit"), "Notaufnahme"-Geschichten von Frank Huyler (der Mann ist Arzt) sowie ein Text- und Fotobuch zum Thema Magersucht.

Der Literaturteil bringt zusätzliche Rezensionen u.a. zu Michael Rutschkys Fototagebuch "Berlin. Die Stadt als Roman", zu einer Neuübersetzung von Flauberts "Madame Bovary" und zu einem Buch über die "Grundzüge einer Philosophie der Wissenschaften bei Ernst Cassirer" (alles auch in unserer Bücherschau Sonntag ab 11).

Und in der SZ am Wochenende berichtet Matilda Jordanova-Duda von einem weniger bekannten Streit zwischen Israel und Palästina (es geht um Schulbücher), Franziska Meier erinnert an den Arzt, Traumdeuter und Mathematiker Girolamo Cardano, Anne Linsel schreibt über ihre Begegnung mit der Malerin Françoise Gilot. Und der Politikwissenschaftler Herfried Münkler untersucht die Privatisierung des Krieges in der Moderne und die damit einhergehenden Erscheinungen: Dörfer, Stadtteile, Hochhäuser treten an die Stelle von Schlachtfeldern und Fronten, die Akteure des Krieges haben kein rationales Interesse an seiner Beendigung mehr, und im Fall terroristischer Gegner steht die gezielte Entterritorialisierung jeder staatlichen Kriegskunst entgegen.

FR, 29.09.2001

Einer ist noch nicht bemüht worden, um uns das Unerklärliche zu erklären: Was hätte Nietzsche zum Terror gesagt? Friedrich Balke weiß es: "Die Rache des Ohnmächtigen, des ressentimentalen Menschen, schreibt Nietzsche (in der 'Genealogie der Moral', Anm. der Perlentaucher) hellsichtig, vergreift sich 'an seinem Gegner - in effigie natürlich'. Auf diesen Zusatz kommt es an, denn der vollendete Massenmord in New York wurde billigend in Kauf genommen, um die Zeichen einer äußersten Ferne zu Fall zu bringen."

Ulrich Holbein gibt uns eine schaurig-schöne Literaturszene aus Alfred Döblins "Die drei Sprünge des Wang-Iun" zu lesen, wo "Zwergpilze in hingepinselter Natur detailliert geerntet werden, und verarbeitet, bis alchimistischer Extrakt und Sud entsteht, mit Schwenk auf ausschwärmende Ausführorgane, zu allem entschlossene Verschwörer, in dem Fall nicht Piloten und Messerträger, sondern Wasserträger in etagenreicher Ober- und Unterstadt einer Mongolenmetropole des 18. Jahrhunderts, organisierte Brunnenvergifter mit diffiziler Logistik ... zwar alles nur Literatur, dafür aber unangenehm realitätskompatibel, und übel vorausdatierbar auf jede heutige und spätere Vergleichssituation."

Außerdem: Daniel Kothenschulte über Walt Disneys Spuren in Steven Spielbergs Filmen und Uwe Neumahr gratuliert zum 500. Geburtstag des Renaissance-Astrologen Girolamo Cardano.

Besprochen werden: neue CD von den Einstürzenden Neubauten ("Berlin Babylon"), waghalsige "Räuber" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, noch ein Klassiker: Lessings "Emilia Galotti" am Deutschen Theater Berlin, ferner Cavallis Barockoper "La Calisto" im Gelsenkirchener Revier, stuckradbarre.de auf MTV. Und Bücher: Martin Mosebachs Roman "Der Nebelfürst", Veduten und Landschaften, fotografiert von Elger Esser und eine normative Theorie des Privaten von Beate Rössler (auch in unsrer Bücherschau am Sonntag um 11).
Anzeige

TAZ, 29.09.2001

Brigitte Werneburg empfiehlt uns einen vor drei Jahren erschienenen Bildband des afghanischen Fotografen Fazal Sheikh. Die Fotos und die begleitenden Erlebnisberichte erzählen von Afghanistan vor der Machtübernahme der Taliban, als der einzige Feind der frommen und gottesfürchtigen Menschen die Kommunisten und sowjetischen Besatzer schienen. "Doch als neben die vielen Männer auch Frauen und Kinder vor die Kamera treten, berichten die Erzählungen jetzt auch davon, wie die Menschen zwischen die Frontlinien der Mudschaheddin gerieten und wie auch dort ethnische Säuberungen, Folter und Vergewaltigung an der Tagesordnung waren. Das Pathos liegt nun im Erstaunen und im Schock darüber, wie fromme Muslime sich so gotteslästerlich gebärden können."

Anderes: Dirk Knipphals stellt Barbara Ehrenreichs Studie übers arm sein in Amerika vor. Der iranische Theatermacher Majid Sharifkhodaei spricht über den Terror und die Bedeutung der Bühnen in seinem Land. Und Gerrit Bartels macht uns mit einem Mikroterroristen bekannt: Myxovirus influenza.

Im tazmag erklärt Ute Scheub, was Krieg, Religion und Männlichkeit miteinander zu tun haben. Ihrer Meinung nach explodierten die Attentäter vom 11. September, die sich opferten, um Teil einer "phallokratischen Kriegerkaste mit Aussicht auf Unsterblichkeit" zu werden, im "obszönsten Wargasm, den es je gab." Auf lange Sicht, meint Scheub, helfe gegen den Terror vor allem die Stärkung der Frauen.

Ferner denkt der Forschungsanalytiker Christian Schneider über die Renaissance des Bösen nach, Michael Rutschky erinnert sich an seine Zeit als Antiamerikaner (so zwischen 1963 und 1987 war das), wir lesen einen Auszug aus einem Buch von Hele Beji, in dem es um das Unbehagen muslimischer Menschen gegenüber der westlichen Moderne geht, sowie ein Interview mit dem Ex-Landkommunarden Kurt Germann, der im sibirischen Jakutsk an einer neuen Wirtschaftsform schraubt. Schließlich noch vom Altvertrauten: Oliver Koerner von Gustorf über Andy Warhol.

Schließlich sei noch auf ein Interview mit Joschka Fischer auf den Tagesthemen-Seiten hingewiesen. Fischer erklärt hier, wen er liebt, ob er SPD-Mitglied werden will und ob er mit der Unterstützung eines amerikanischen Vergeltungsschlages nicht seine eigenen Grundwerte aufgibt, die die Interviewer für friedensbewegt halten. Auf letzteres antwortet unser Außenminister: "Ich komme aus einer Generation, die den Vietcong unterstützt hat. Der zeichnete sich nicht gerade durch friedliche Schweigekreise aus. Ich komme aus einer Generation, die begrüßt hat, dass ein Batista in Kuba und andere mittelamerikanische Diktatoren unter Einsatz von Gewalt gestürzt worden sind. Ich komme aus einer Generation, die es legitim fand, Waffen für die Rebellen von El Salvador zu sammeln."

Und Tom.

FAZ, 29.09.2001

Georg Klein liest die gerade erst posthum veröffentlichte Erzählung "Eine Bluttat" von Mark Twain als eine Auseinandersetzung mit europäischen Literaten ? heute undenkbar, meint er: "Glückliches Europa, das noch derart als Spiegel und Konkurrent dienen konnte! Kaum vorstellbar, dass ein gegenwärtiger amerikanischer Großschriftsteller sich einen zeitgenössischen europäischen Kollegen in dieser Weise zum Bild seiner Nöte und geheimen Wünsche machen könnte. Heute muss es uns rühren, wie Twain in halb mörderischer, halb selbstmörderischer Absicht seinem transatlantischen Alter ego an die Gurgel geht. Dieses Europa gibt es im Selbstverständnis der heutigen Vereinigten Staaten nicht mehr." Viele Links zum Thema gibt es bei Atlantic Monthly.

Jürg Altwegg setzt sich mit französischen Reaktionen auf den 11. September auseinander und zitiert unter anderem eine Polemik von Pascal Bruckner: " "Die Motivation des Terrors ist der reine und der kalte Hass. Dieser Hass ist älter als alle Begründungen, mit denen er sich entschuldigt. Nicht wegen dem, was er tat, wird der Westen gehasst - sondern weil er ist, wie er ist. Unser Verbrechen ist, dass es uns gibt."

Weitere Artikel: Gerhard Stadelmaier schreibt eine zwiespältige, aber letztlich sehr angeregte Kritik von Michael Thalheimers Inszenierung der "Emilia Galotti" am Deutschen Theater Berlin. Peter Richter befasst sich mit Leerstand und Verfall in ostdeutschen Städten, die nur von außen manchmal wie vormoderne Idyllen wirken. Nicolas Pethes versucht eine Technikfolgenabschätzung besonderer Art, indem er mit Sloterdijk fragt, ob nicht schon der Mensch eine Technikfolge sei. Jordan Mejias schildert die Laxheit der Kontrollen bei Einreisen in die USA ? zumindest bis zum 11. September. Der Filmproduzent Günther Rohrbach setzt sich mit den Bildern von Gut und Böse und der konstitutiven Notwendigkeit von Happy Ends im amerikanischen Kino auseiander ? und befürchtet, dass dieses Muster auch die Bekämpfung des Terrorismus prägen wird. Gerd Roellecke setzt seine Serie zu historischen Urteilen des Bundesverfassungsgerichts fort. Auf der Medienseite erfahren wir, warum Fernsehproduzenten die Urheberrechstsreform fürchten. Ferner stellt Alexander Bartl die Programmreform bei Arte vor.

Besprochen werden die Ausstellung "Loop" in München, die Ausstellung "Facetten der deutschen Romantik" im Landesmuseum von Mainz, "Die Räuber" am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, eine Fotoausstellung von Wim Wenders im Berliner Museum für Gegenwart, das Heilbronner Pianoforum und Irina Pauls Tanztheaterstück "wahnsinnsjung" in Heidelberg.

Und Achim Bahnen schreibt zum 100. Geburtstag des Physikers Enrico Fermi. Dieter Bartetzko gratuliert Anita Ekberg zum Siebzigsten. Lars-Olav Beier gratuliert Deborah Kerr zum Achtzigsten. Christian Geyer gratuliert Wolfgang Beck zum Sechzigsten.

In der Samstagsbeilage Literatur und Kunst befasst sich Anthony Grafton mit der Rolle des Biografen als "Wegbereiter der Wissenschaftsberichterstattung". Anja-Rosa Thöming denkt über braslianische Einflüsse auf den Komponisten Darius Milhaud nach. Maxim Biller legt die kleine Erzählung "Tischmanns letzte Krise" vor. Heinz-Joachim Fischer sieht die katholische Kirchenführung "zwischen der Verpflichtung zur Tradition und den Möglichkeiten der Veränderung". Freddy Langer porträtiert den Fotografen Horst Wackerbarth. Und in der Frankfurter Anthologie stellt Ruth Klüger das Gedicht "Was wahr ist" von Ingeborg Bachmann vor:

"Was wahr ist, streut nicht Sand in deine Augen,
was wahr ist, bitten Schlaf und Tod dir ab..."