Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.10.2001. Nobelpreisträgerin Christiane Nuesslein-Vollhard schreibt in der FAZ über die Frage, wann ein Mensch ein Mensch ist. In der Tageszeitung wird der Frust der Anti-Amerikaner beschrieben, die Süddeutsche Zeitung thematisiert das Wesen des Ostlers.

NZZ, 02.10.2001

Ekkehard Kraft stellt das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse vor: ausdrücklich Griechenland, nicht Hellas. Allen Philhellenen, die wie Goethe dies Land mit der Seele suchen und in jedem gewitzten Tavernenwirt noch immer einen modernen Odysseus erkennen wollen, rät Kraft, zur Abwechslung mal nach Athen oder Saloniki zu fahren, um den dort gepflegten "dionysischen Hupkonzerten" beizuwohnen. Oder aber man greift zum Buch. Allerdings nicht gerade zum Dichter des "Alexis Sorbas", sondern besser zu Konstantinos Kavafis. Oder man fährt jetzt nach Frankfurt ...

Besprochen werden Nicholas Hytners Londoner Inszenierung von Mark Rabenhills "Mother Clap's Molly House", der "Ring"-Auftakt in Dresden, ein Kammermusikabend mit Heinrich Schiff in Zürich, Arbeiten des Ghanesen Atta Kwami in der Kunsthalle Basel. Sowie der vierfache Saisonstart am Deutschen Theater Berlin ("Bluthochzeit", "Emilia Galotti", "Antigone", "Der Leutnant von Inishmore"). Und zwei Bücher: Hermann Ungars Roman "Die Verstümmelten" und Erzählungen von Klaus Merz (auch in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Ferner schreibt Eberhard Jüngel zum Tod des Theologen Gerhard Ebeling. Und Uwe Stolzmann zeigt, wie Kulturschaffende in Simbabwe über den Rassenkonflikt reflektieren.

SZ, 02.10.2001

Petra Steinberger schreibt über die Erschütterung der viel zitierten multikulturellen Gesellschaft nach den Anschlägen in den USA: "Bis vor kurzem wurde unterschieden zwischen "guten", weil angepassten Ausländern, und jenen nicht so guten, die sich nicht einfügen wollten. Jetzt will es der diffuse Verdacht, dass doch allezu den nicht so guten "Ausländern" gehören können." Und so sei es diesen wenigen Terroristen offenbar gelungen, all jene "Ausländer" in den Kreis der latent Verdächtigen zu ziehen, die gerade jene Kriterien erfüllten, die man in Deutschland von ihnen verlangte, um als integriert zu gelten.

Hat man überhaupt einen Text eines ostdeutschen Intellektuellen über dieAnschläge lesen können? fragt Jens Bisky. Aber selbst will er jetzt auch keinen schreiben, sondern stellt stattdessen Überlegungen über das Wesen des Ostlers an sich an. Schließlich steht der 3. Oktober vor der Tür. Fazit: Irgendwie ist der Unterschied zwischen den deutschen Leitkulturen kleiner geworden. Dafür haben sich die Auseinandersetzungenin der ostdeutschen Teilgesellschaft selbst verschärft. Diese Konflikte prägen und zerreißen viele Freundeskreise, schreibt Bisky. In die westlich dominierte Öffentlichkeit gelangten sie allerdings nur selten. Weshalb man im Westen über den Osten eigentlich immer noch nichts weiß.

Die Auswirkungen des Terrors vom 11. September auf die amerikanische Filmindustrie beschreibt Fritz Göttler. Verschobene Filmstarts, umgestriebene Szenen, gebremste Projekte und hastige Nachdrehs: " Es war, als wären viele Bilder selbst visuelle sleepers. Lange Zeit hatten sie verspielt, dekadent, ein wenig gewagt gewirkt, aberplötzlich aktivierten sie Assoziationen in unseren Köpfen, an die vorher nie einer gedacht hätte."

Für Navid Kermani muß jeder Zukunftsentwurf, der die Lage der Menschen in Afghanistan verbessern will, ohne die Taliban gedacht werden. Der Sturz der Taliban sei nicht deshalb zwingend notwenig, weil ihre Verwickllung in die Anschläge inWashington und New York bewiesen wäre, "sondern weil sie Massenmörder im eigenen Land sind, kriminelle Ideologen, die mit dem Islam so wenig (und so viel) zu tun haben wie Pol Pot mit Karl Marx."

Weitere Artikel: Eva-Elisabeth Fischer schreibt über ein Gastspiel des Kirow-Balletts in München. Niels Röller berichtet von der Frankfurter Foucault-Konferenz. Michael Struck-Schloen ist begeistert von einer Dresdener "Rheingold"-Inszenierung. Christopher Schmidt senkt den Daumen über Sandra Strunz' Inszenierung von Ibsens "Die Frau vom Meer". Und Joachim Kaiser berichtet von einer Sentimental Jouney nach Ostpreussen, wobei er die Grenzwerte zur Stilblüte gelegentlich deutlich überschreitet: O-Ton: "als ich die masurischen Seen um meinen Geburtsort erblickte, da beseeligte mich zarte Fülle."

FR, 02.10.2001

Als zurückgekehrter Berichterstatter versucht Rolf Paasch die Frage "Wie war es in New York?" zu beantworten. "Während sich auf der anderen Seite des Atlantik das deutsche Feuilleton pflichtgemäß in Pro- und Anti-Amerikaner sortierte, versammelte sich hier der melting pot in freier und widersprüchlicher Rede zur gemeinsamen Andacht. In Deutschland kam davon nur an, wie patriotisch - sprich fragwürdig ? dieses amerikanische Ritual gegenseitiger Selbstbestätigung ist. Die ungeheure Integrationsleistung des nationalen Zusammenrückens wurde dabei kaum erwähnt." Niemand aber sei von den Attacken auf das World Trade Center so in seinem Selbstverständnis getroffen worden, wie das linksliberale Amerika "Für die in New York sozialisierten Liberalen, sind am 11.9. 2001 nicht nur die zwei vertrauten Türme eingestürzt, sondern ihr ganzes Selbstverständnis." Und diese direkte physische und intellektuelle Betroffenheit der liberalen Elite des Landes, meint Paasch, werdeschwerwiegendere Folgen haben, als der Angriff auf das Pentagon.

Mit deutlicher Häme kommentiert Michael Braun die Selbstauflösung desvirtuellen Dichterzirkels "Forum der13". Eben noch habe als "grellePathosformel" auf der Literaturzeitschrift Akzente das "Donnerwort"Politik geprangt. Jetzt ende die Utopie von der "strukturellen Sezession"einer politisch inspirierten Elite in kollektiver Wehleidigkeit.

Hans-Klaus Jungheinrich berichtet vom 7. Darmstädter Jazzforum. Frank Keil hat in den Hamburger Deichtorhallen die Ausstellung von Elisabeth Peyton und Wolfgang Tilmans gesehen. Klaus Dermutz hat mit George Tabori empfunden, dass dessen Berliner "Ödipus" als Tanztheater nicht an seine großen Theatertriumphe heranreicht. Frauke Hartmann sah in Hamburg Ibsens "Frau vom Meer" und Clare Boothe Luces "Damen der Gesellschaft" und war nicht zufrieden. Und Martin Bauer berichtet von der "Frankfurter Foucault-Konferenz".

Roman Luckscheiter schließlich hat in Paris und Nanterre den 3. InternationalenMarx-Kongress im Surrealismus verschwinden sehen. Auch die ChinesischeDelegation hatte, wie wir lesen, zur Rettung der Veranstaltung nicht vielbeizutragen. Als Daniel Bensaid am Ende zum internationalen Klassenkampfaufrief, waren die Chinesen nämlich längst eingeschlafen.
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TAZ, 02.10.2001

Niels Werber erklärt den taz-Lesern die amerikanische Politik und freut sich über den Frust der Antiamerikaner: "Das flüsternde Ressentiment muss von der US-Politik geradezu enttäuscht sein, die mehr als zwei Wochen nach den Terroranschlägen noch immer keinen fernsehtauglichen Großangriff a la Desert Storm gestartet hat, sondern alle diplomatischen Optionen zu nutzen scheint, um eine breite Allianz gegen den Terror zu formieren, und gemeinsam mit Polizeikräften in aller Welt versucht, Beweise gegen Täter und Hintermänner zusammenzutragen." Die Bush-Regierung agiere multipolar statt unilateral. Sie führt sich nicht wie eine Großmacht auf: "allein, einsam entscheidend und mit allein selig machender Sicht auf die Dinge,sondern kooperativ, lernbereit, flexibel, facettenreich - und dennoch ohneZweifel an ihrer Entschlossenheit und Stärke aufkommen zu lassen."

Der Titel des neuen Kursbuches klingt für Brigitte Werneburgso, "als würde man ihn schon von wenigstens zehn Themenheften her kennen". Der Inhalt scheint, bis auf zwei Ausnahmen, diese Befürchtung zu bestätigen. Und Gabrielle Wittman findet, dass das neue Tanzquartier Wien Maßstäbein der Vernetzung von Choreografie und Forschung setzt.

Und hier der Tom.

FAZ, 02.10.2001

Jürgen Todenhöfer, ehemaliger entwicklungspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, ist während der sowjetischen Besetzung mit den Mudschahedin über den Hindukusch gezogen, zu einer Zeit, wie er in der FAZ schreibt, als sich niemand für das Unheil interessierte, das die sowjetische Armee dort anrichtete. Für Todenhöfer hat jetzt bin Ladin die Rolle der Sowjets in "diesem geschundenen Land" übernommen: "Ich kenne keinen Mudschahedin, der in diesem langen Kampf um die Freiheit Afghanistans gegen die Sowjetunion sein Leben riskiert hätte, damit später von seinem Land aus ein saudiarabischer Milliardärssohn den Terror in die Welt tragen und in den Vereinigten Staaten Tausende unschuldige Menschen töten konnte. Die Feigheit dieser Terroristen und die Tapferkeit der Afghanen sind wie Feuer und Wasser."

Wann ist ein Mensch ein Mensch? Die Nobelpreisträgerin Christiane Nuesslein-Vollhard bezieht Stellung zu dieser zentralen Frage der Stammzellendebatte und macht die Mütter froh. Die Befruchtung, sagt sie, sei ein entscheidender Moment. Aber zur Person kann der Mensch erst nach der Einnistung in die Gebärmutter werden: "Das Programm des Embryos ist zwar vollständig, was die genetische Ausstattung betrifft. Dieses Programm läuft aber nicht von alleine bis zur Geburt ab. Es muß aktiviert und gesteuert werden ... Ohne den mütterlichen Organismus kann sich die befruchtete Eizelle nur bis zu einem Bläschen aus wenig mehr als hundert menschlichen Zellen entwickeln."

Weitere Artikel: Die Politologin Claudia Derichs schlägt vor, den Islam als eine Lebensart zu begreifen, "vergleichbar etwa dem American way of life", Patrick Bahners berichtet, wie sich der Oberste Gerichtshof der USA erstmals zu den Anschlägen äußerte, Hans-Jürgen Schings besucht eine Münchner Ringvorlesung zur Goethe-Kritik, Michael Althen erinnert an den Filmregisseur Michael Cimino und Jürgen Kesting gratuliert dem italienischen Bassbariton Ruggero Raimondi zum 60.

Und besprochen werden: die große Jean-Dubuffet-Schau im Pariser Centre Pompidou, der Auftakt zum neuen Dresdner "Ring", ein Symposion zum Thema Globalisation am idyllischen Comer See, eine Tagung der Grabbe-Gesellschaft im weniger arkadischen Detmold, Abi Morgans "Splendour" im Schauspiel Zürich, Claudels "Hartes Brot" im Staatstheater Mainz. Und ein Kölner Gespräch über Bölls "Briefe aus dem Krieg", die dieser Tage erscheinen.