Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.09.2001.

NZZ, 08.09.2001

Peter Hagmann porträtiert den Komponisten Hanspeter Kyburz, diesen Sommer Gastkomponist beim Lucerne Festival, und beschreibt seine Arbeit mit Zahlen: "1993 stiess Kyburz auf den Algorithmus, ein auf mathematischer Logik basierendes Verfahren zur schrittweisen Veränderung von Zeichenreihen. Eine kapitale Entdeckung insofern, als sie dem Komponisten eine Art Werkzeug in die Hand gab, seine Musik zu formen. Seither begründet Kyburz seine Musik in solchen Zahlenreihen, die sich aus sich selbst heraus auf Grund von teils einfachen, teils komplexen Strukturprinzipien verändern, erweitern und entwickeln.

Weitere Artikel: Stefan Weidner berichtet über das deutsch-israelisch-palästinensisches Autorentreffen in Mainz. Birgit Sonna will zum 100. Todestag von Henri de Toulouse-Lautrec "einige der hartnäckig kolportierten Klischees" um den Maler entkräften und nennt ihn einen "Pfennigfuchser", der "durchaus auch seine Karriere zu ebnen wusste".

Besprochen werden eine Ausstellung des Architekten Adalberto Libera in der Galerie des Musee national d'art moderne im Pariser Centre Pompidou und Aufführungen beim Laokoon-Sommerfestival in der Hamburger Kampnagelfabrik.


In der Beilage "Literatur und Kunst" schildert der Mediävist Jean-Francois Bergier seine Erfahrungen als Vorsitzender der Expertenkommission, die Ende 1996 in der Schweiz eingesetzt worden war, um das Verhältnis der Schweiz zum nationalsozialistischen Deutschland zu klären. Dabei hat Bergier beträchtliche Unterschiede in der handwerklichen Praxis von Mediävisten und Zeithistorikern festgestellt ? eine Erfahrung, die er "jedem Historiker" wünscht. Zumal sich damit "an die verlorene Tradition des Allgemeinhistorikers wieder anknüpfen" lasse.

Aldo Keel beschreibt die heiklen Beziehungen Knut Hamsuns zur Schweiz, und zitiert aus einem Brief Hamsuns: 'Die Schweiz darf für uns kein Ziel sein; zu etwas so Dreckigem und in jeder Hinsicht Armem sollten wir nicht emporblicken. Wenn wir von einem Sagenhelden, einem religiösen Fanatiker sowie einigen Uhrenfabrikanten absehen, war und ist die Schweiz ein geistig totes Land. In ihrer ganzen Geschichte keine einzige grosse Seele.' Klingt wie Orson Welles im "Dritten Mann".

Weitere Artikel: Dan Diner denkt darüber nach, ob die nach 1989 in Gang gekommenen mittelosteuropäischen Restitutionsprozesse die Auffassung bestärken, dass der Zweite Weltkrieg und der Holocaust als Gründungsereignis Europas angesehen werden müssen. Norbert Kapferer berichtet über die Entdeckung von zwei Gutachten Martin Heideggers aus den Jahren 1929/1930 vor, mit denen der Philosoph die Berufung des jüdischen Kollegen Siegfried Marck auf einen philosophischen Lehrstuhl ablehnte.

Besprochen werden Bücher, darunter Briefe von Aragon und James Knowlsons Beckett-Biografie (siehe auch unsere Bücherschau morgen ab 11 Uhr).

SZ, 08.09.2001

Am Sonntag wird das Jüdische Museum in Berlin eröffnet. Die SZ sieht dieses Ereignis aus zwei unterschiedlichen Perspektiven: Holger Liebs nimmt das Haus noch einmal als architektonische Meisterleistung Libeskinds in Augenschein, als geglückten Versuch, "Absenz und Verdrängung mit architektonischen Mitteln erfahrbar zu machen," und bedauert zugleich, "dass dieses ursprünglich aus der Not geborene Experiment einer Form, die wenigstens für eine Weile nicht von der Funktion verfolgt wurde, zu den Akten gelegt werden (soll)."
 
Ulrich Raulff dagegen äußert Bedenken angesichts der "Internationalisierung des Projekts" Jüdisches Museum: "Mit den Befindlichkeiten der Nationalseele und ihren Abgründen hat dieses Museum nicht mehr viel zu tun ... Je mehr es ihm gelingt, die allerdings seltenen glücklichen Seiten im Buch der deutsch-jüdischen Geschichte aufzublättern, um so eindrücklicher der Kontrast zum Holocaust". Sollte es den Deutschen, prophezeit Raulff, für die der Holocaust die letzte Ausfahrt vor der totalen Spaßgesellschaft ist, im neuen Jüdischen Museum zu heiter hergehen, werden sie sich indigniert abwenden.

Weitere Artikel: Hanns Zischler setzt die Serie 50 Jahre Minima Moralia fort, Jens Bisky erwartet nichts Neues beim Berliner Wissenschaftssommer, Fritz Göttler verrät, wie man ohne Alphabet die Welt lesen kann und wieso Menschen sich gern chiffrieren lassen. Und der Politikwissenschaftler Gianfranco Pasquino sagt, wie Europa Berlusconis Doppelspiel als Ministerpräsident und Medienkontrolleur erschweren könnte ? und müsste.

Besprochen werden Filme von Eric Rohmer und Philippe Garrel in Venedig sowie die Ausstellung "Pygmalions Werkstatt" im Münchner Lenbachhaus.


Die SZ am Wochenende bringt eine Geschichte aus dem Alltag Russlands, erzählt von Arkadij J. Inin. Wir lesen eine Erinnerung an den von Goethe verehrten Lederstrumpf-Schöpfer James Fenimore Cooper, der vor 150 Jahren in die ewigen Jagdgründe verschwand. Achim Zeilmann besichtigt das irische Dorf Cong, einst Kulisse des Filmklassikers "The Quiet Man", Thomas Blubacher gedenkt des "verwilderten Genies" Francesco von Mendelssohn.

Und Thomas Günther ist zum Ortstermin beim Ex-Warhol-Vertrauten Paul Morissey, der Andys Wohnensemble auf Long Island feilbietet ? für schlappe 50 Millionen Dollar. Günther staunt nicht nur über den Preis ("der teuerste Warhol"), sondern auch über die Nüchternheit mit der sich Morissey an die alten Zeiten erinnert: "Aber seine (Warhols) Ideen waren doch genial, sage ich. Was für Ideen? fragt Morrissey. Wir haben uns doch damals immer nur gefragt, wie kriegen wir das Geld für die nächste Woche zusammen, und wie sterben wir nicht vor Langeweile?"

Auf den Literaturseiten schließlich zu finden: Josefs Winklers römische Novelle "Natura morta", Tom Lamperts kontroverse Fallsammlung "Ein einziges Leben". Und Christian Meiers kritische Ausführungen zu Geschichte und Politik: "Das Verschwinden der Gegenwart" (auch in unsrer Bücherschau Sonntag ab 11 Uhr).

FR, 08.09.2001

Micha Brumlik hat sich auf der "World Conference against Racism, Racial Discrimination, Xenophobia and Related Intolerance" im südafrikanischen Durban umgesehen: "Nicht minder als der soziale Protest gegen Genua war die offizielle Konferenz in Durban ein globalisierungskritisches Forum und zeigt die Schwäche und Verführbarkeit einer doch sehr naiven universalistischen Moral". So sprach Fidel Castro vor rund zweitausend Zuhörern "von Israels Genozid an den Palästinensern und erntete dafür johlenden Beifall." Und angesichts des Umstandes, dass die Kurdenfrage auf der Konferenz ebenso wenig eine Rolle spielte wie die russischen Menschenrechtsverletzungen an den Tschetschenen, schreibt Brumlik weiter, lassen sich Formulierungen aus einer der Fassungen der NGO-Schlusserklärung nur als antisemitisch verstehen.

Adam Olschewski folgt den theologischen Implikationen des Phänomens Michael Jackson, der demnächst sein Comeback feiern wird: "Auch er möchte erlösen und heilen, Kaputtes ganz machen. Kraft seines Charismas, seiner Präsenz, des Moonwalk, des Beat, der Oberbekleidung, der Knieschoner, die den Glanz, der von ihm, dem König aller künstlichen Sonnen, abprallt, an die Umgebung abgeben." Und genau wie Jesus, so glaubt Olschewski, wird das Nichts Jackson demnächst schlucken: "Nach einem weiteren Eingriff des Skalpells oder der Hautaufheller spätestens."

Weiterhin: Rüdiger Suchsland schreibt über Filme von Rohmer, Salles und Pascaljevic in Venedig, Christian Thomas wartet mit einer weit ausholenden Zweikörpertheorie zum Spiel Borussia Dortmund gegen Bayern München auf. Jochen Hörisch analysiert das DM-Bewusstsein der Deutschen ? ein letztes Mal bevor der Euro es atomisiert. Es gibt einen Auszug aus François Dufays dieser Tage erscheinenden Buch "Die Herbstreise. Französische Schriftsteller im Oktober 1941 in Deutschland". Und Hans-Ulrich Treichel führt Wolfgang Koeppens "Tod in Rom" auf leichtsinniges Baden im Tiber zurück.

Besprochen werden: ein reich bebilderter Band über den schwedischen Fotokünstler Dawid, Juli Zehs Romandebüt "Adler und Engel", der Roman "Sara in der Nacht" von Sylvie Germain, Und Jack Miles' Jesus-Biografie (auch in unsrer Bücherschau Sonntag ab 11 Uhr).
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TAZ, 08.09.2001

Nathan Sznaider schreibt zur Eröffnung des Jüdischen Museums in Berlin und möchte aus dem Holocaust universale Lehren ziehen: " Das Gedächtnis kann sich aus den ethnischen Grenzen lösen und bekommt im Zeitalter der Globalisierung neue Bedeutungen, mit denen auch Grundprinzipien einer neuen Politik im 21. Jahrhundert geschaffen werden können."

Katja Nicodemus hat in Venedig einen "dieser kleinen Videofilme (gesehen), für die sich die Chose lohnt": den Videofilm "Serbie, Annee Zero" des serbischen Regisseurs Goran Markovic. "Es geht um den politischen Sound der Ära Milosevic und den persönlichen eines Lebensabschnitts, um den Alltag in der Diktatur, um Freunde, die sich mit der Macht eingelassen haben und deren Werdegang Markovic ohne je zu werten oder zu verurteilen verfolgt." Aber wann und wo werden wir diesen Film je zu sehen kriegen?

Susanne Messmer schreibt über das Projekt "99 Euro" des Regisseurs und Schauspielers Rolf Peter Kahl ? er will das deutsche Kino mit der kleinen Videokamera retten und mit Filmen, die auf Finanzierungsfragen schlicht verzichten können.

Im taz-Mag bringt Klaus Theweleit eine Art Prosagedicht, das im Gedanken an das Berliner Holocaust-Mahnmal um die Frage kreist: "Lässt sich das Gedenken ästhetisieren?" Ein Auszug:

"Die Hände einer Sekretärin füllen
vorgedruckte Spalten aus.
Rubrik Zahnfüllungen:
15.371 in Gold . . . Haare: 469 Kilo . . . Schuhe ca. 30.000 Paar . . .

Sie scherzt mit einer Kollegin
packt ihr Frühstücksbrot aus -
dann eine Reemtsma zwischen die Lippen . . ."

Eine Reemtsma - verstehen Sie die Anspielung?

FAZ, 08.09.2001

Stefanie Peter berichtet über neue Untersuchungen zum Massaker über Jedwabne. Demnach hat Peter Urban in der SZ nachgewiesen, dass die Deutschen für das Massaker verantwortlich waren. Uns war dieser Text leider entgangen (er stand im Auslandsteil). Tomasz Gross' Buch "Nachbarn", das die Polen für das Massaker verantwortlich macht und die Debatte auslöste steht danach für Peter in neuem Licht: "Inzwischen sieht es so aus, als erwiese sich 'Nachbarn' als großer Irrtum."


Da haben wir's. Nun hat die FAZ auch noch ein ökonomisches Feuilleton. Jürgen Kaube erklärt uns die Rezession: "Das weltweit verteilte Auf und Ab wandelt sich zum Ab." Zwar glaubt er nicht, dass der Abschwung zum Denken anrege, aber einen Trost hat er doch: "Als schwache Hoffnung für die Rezession bleibt also nur: Sie wird die Favoriten von gestern älter aussehen lassen." Und ewig bleibt nur der kommentierende FAZ-Redakteur.

Ray Kurzweil (mehr hier und hier und hier) glaubt nicht an die Intelligenz von Stephen Hawkings (mehr hier und hier). Der Astrophysiker hat neulich gefordert, dass wir unsere Intelligenz durch Manipulation am Erbmaterial und eine direkte Infrarotverbindung zum Computer aufbessern sollen, aber Kurzweil glaubt nicht, dass das schnell genug geht: "Während die erste genetisch manipulierte Generation erst noch heranwächst, wird das Zeitalter übermenschlicher Maschinen längst angebrochen sein."

Mark Siemons schildert die akribischen Vorbereitungen der Gräfin Ira von Hardenberg für die Eröffnungsfeier des Jüdischen Museums in Berlin. Die Einladungsliste zum Beispiel unterliegt bis zuletzt "strengster Geheimhaltung. Die Namen der Ehrengäste sollen auf Blättern stehen, die der Museumsdirektor Michael Blumenthal persönlich nicht aus den Augen lässt und beim Verlassen des Büros stets mit sich führt. Wer neben wem sitzt, wer in der Nähe der Fernsehkameras plaziert wird, wer die hinteren Plätze einnehmen muss, ohne sich zurückgesetzt fühlen zu müssen, ist wie bei allen gehobenen gesellschaftlichen Anlässen von einer solchen protokollarischen Delikatesse, dass es niemand anderem als dem Chef persönlich überlassen werden darf." Aber was berichten wir eigentlich? Wir sind ja nicht eingeladen!

Weiteres: Dirk Schümer schreibt aus Venedig über französische Filme und lobt zumal Marion Vernoux' Film "Reine d'un jour" als Meisterwerk, während er an dem deutschen Filmschaffen kein gutes Haar lässt. Joseph Hanimann berichtet über weitere Debatten zu Michel Houellebecqs Statement, dass er den Islam für die dümmste aller Religionen hät. Dieter Bartetzko vergleicht die Jüdischen Museen in Berlin und in Frankfurt. Michael Jeismann schreibt zum 200. Geburtstag des deutsch-jüdischen Jacobson-Gymnasiums in Seesen. Rainer Flöhl fragt in der Rubrik Natur und Wissenschaft, ob uns die Aufklärung über die Struktur eines Integrinrezeptors eine bessere Krebstherapie verspricht. Gerhard R. Koch gratuliert dem Kritiker Gerhard Rohde zum Siebzigsten. Oliver Jungen resümiert ein Düsseldorfer Kolloquium über "Gedächtniskult und Sinnverlangen". Joseph Croitoru liest osteuropäische Zeitschriften, in denen es um Roma in Tschechien geht. Der Hämatologe Walter M. Gallmeier plädiert gegen den unkontrollierten Einsatz von Stammzellen zur Therapie nach Herzinfärkten.

Eine ganze Seite ist dem Denkmalschutz gewidmet. Dieter Bartetzko resümiert anlässlich des morgigen Denkmalschutztages einige Debatten am Beispiel Offenbachs. Edgar Haupt berichtet über den Streit um eines der legendären Eigenheime des Architekten Richard Neutra in Wuppertal. Gislind Nabakowski vermeldet einen Denkmalschutzpreis für den Wiesbadener Ufa Palast. Heinrich Wefing beklagt modernde Denkmale in Berlin, etwa die barocke Parochialkirche oder die Ruine der Sankt-Elisabeth-Kirche von Schinkel an der Invalidenstraße.

Auf der Medienseite porträtiert Michael Hanfeld den "Quoten-Gott Günther Jauch, der heute seine IQ-Show präsentiert und sich im Interview gegen zuviel Fernsehen für Kinder ausspricht. Der Heuchler!

Besprechungen gibt's auch: Sie widmen sich Wole Soyinkas Stück "King Baabu" als Gastspiel aus Lagos in Düsseldorf. Handkes "Publikumsbeschimpfung" als Tanzspektakel beim Aarhus-Festival und einer Ausstellung des Malers Peter August Böckstiegel im Kreishaus Gütersloh.

Hinzuweisen ist außerdem auf einen Text eines gewissen Gotthold Ephraim Lessing, der einen Botho-Strauß-Preis dankend ablehnt. Lessing kritisiert darin an Strauß, "dass dieser Dramaticus mehr fühlt, als er an Gefühlen auszudrücken vermag, und seinen Figuren weniger Geist - dafür aber mehr Geister (aus der Bocksvergangenheit und Zickenzukunft) auf die doch etwas schmalen Schultern lädt". Eine Parodie auf Strauß' Dankrede auf den Lessingpreis also - wir vermuten Gerhard Stadelmaier als Autor.

In Bilder und Zeiten gedenkt der überaus fleißige Andreas Kilb des spanischen Erbfolgekriegs vor dreihundert Jahren. Christoph Peters präsentiert die Erzählung "Gold im Feuer". Werner Spies betrachtet Robert Longos Gemäde-Zyklus über Freuds Wiener Wohung (mit einem eindrucksvollen Bild von Freuds Arbeitssessel als Illustration). Dietmar Dath gratuliert Stanslaw Lem zum Achtzigsten. Und Elfie Siegls hat Peredelkino, das berühmte russische Schriftstellerdorf, besucht.

In der Frankfurter Anthologie denkt Peter von Matt über Lessings "Lied aus dem Spanischen" nach.

"Gestern liebt ich,
Heute leid ich,
Morgen sterb ich:
Dennoch denk ich
Heut und morgen
Gern an gestern."