Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.06.2001.

NZZ, 09.06.2001

Matthias Frehner bewundert auf der Biennale die Werke der alten Meister (Richter, Twombly, Serra) und kritisiert die Jugend: "Deren Anliegen ist es nicht, das Werk ihrer Väter und Grossväter im Sinne einer kontinuierlichen Entwicklung fortzusetzen, zu vollenden oder neu zu formulieren. Genauso wenig greift das Modell von Bruch und Neubeginn. Die junge Kunst setzt sich absolut. Sie geht mit der Kunst, die älter ist als sie, um wie mit einer Erbschaft ohne Verpflichtung. Seit der Postmoderne gibt es keine neuen Stile mehr. Alles ist verfügbar, alles potenziell Kunst. Niemand hat das so verinnerlicht wie die jungen Stars. Wirklichkeitsbesetzungen und Revitalisierungen bereits bestehender Kunst sind ihr Patent, dessen sie sich ohne jeden Skrupel bedienen."

Sieglinde Geisel denkt über das Paradox von Zivilisiertheit und Barbarei in der amerikanischen Praxis der Todesstrafe nach: "Der elektrische Stuhl, der Strang, die Gaskammer und die Schusswaffe sind auf dem Rückzug; im Sinn einer 'effizienten und humanen' Hinrichtungsmethode werden sie allmählich durch die Giftspritze ersetzt, die den tabuisierten Akt des Tötens verschleiert (und damit übrigens in den übrigen Ländern mit Todesstrafe kaum Nachahmer findet). Die moderne Hinrichtung verwandelt sich scheinbar in einen medizinischen Routinevorgang: Bei jeder Gelegenheit wird betont, dass die drei Chemikalien, die den Verurteilten nacheinander betäuben, seine Muskeln lähmen und schließlich sein Herz zum Stillstand bringen, in jedem Operationssaal dieser Welt zur Anwendung kommen."

Besprochen werden das Stück "Der biblische Weg" von Arnold Schönberg in Wien und das 16. Davoser Musikfestival.


Eine Standortbestimmung der Gegenwartskunst versucht die Beilage Literatur und Kunst anlässlich der Biennale von Venedig. Es schreiben vornehmlich Kunsthistoriker. Grundthese ist, dass wir "immer mehr nur noch in der Gegenwart" leben, wie Matthias Frehner im Eröffnungsessay schreibt. Es geht unter anderem um die Verluste der Grenzen durch die Postmoderne, um politische Inhalte von Gegenwartskunst, um nichtwestliche Kunst im westlichen Ausstellungsbetrieb, um die großen Metropolen der Kunst, die möglicherweise vom Netz abgelöst werden, um Körperkunst und Gender-Thematik, um "das erste Jahrzehnt ohne stilkritische Patente", das wir in den Neunzigern zurückgelegt hätten, und um Netzkunst.

SZ, 09.06.2001

Andrian Kreye schildert noch mal die ideologischen Hintergründe des Timothy McVeigh: "Hunderttausende glauben an die Halbwahrheiten, die die Bewegung über das Internet, in Sendungen auf Kurzwellensendern und in den offenen Kabelkanälen, in Büchern, Pamphleten und Rundbriefen verbreiten. Timothy McVeigh war der einzige, der die Gewaltfantasien vom rechten Aufstand der Massen in die Tat umsetzte. Er hat sich den Mythos der leaderless resistance zu eigen gemacht. Als Wortführer wie Louis Beam vom Ku Klux Klan in Arkansas und Tom Metzger von der White Aryan Resistance begriffen, dass sich die rechtsradikale Bewegung nicht effektiv organisieren ließ, adaptierten sie die linke Idee von den revolutionären Zellen. Unabhängige Kampfeinheiten und Einzelkämpfer sollten ohne die Unterstützung einer Organisation auf eigene Faust in den Kampf ziehen."

Vergeblichkeit, Vergänglichkeit seien die Themen der Biennale in Venedig, schreibt Dorothee Müller: "Nie ankommen wird auch Mark Wallinger (Großbritannien), der mit einem Blindenstab auf einer Rolltreppe steht, doch diese fährt rückwärts..."

Weitere Artikel: Jürgen Berger bereitet uns auf das Wormser Nibelungen-Festival vor, für das man Mario Adorf als Zugpferd (aber doch nicht als Siegfried?) habe gewinnen können. Niklas Maak stellt das Haus vor, das Richard Meier für die Reederei Rickmers in Hamburg baute. Und der amerikanische Jazz-Kritiker und Schriftsteller Amiri Baraka porträtiert die Jazzsängerin Abbey Lincoln.

Besprochen werden Klaus Weises Theaterprojekt "Georg Forster ? Weltumsegler und Revolutionär" in Essen, Melanie Gischens "Abzocker" in Mainz und ein "Don Giovanni" in London.


Herbert Riehl-Heyse denkt im Aufmacher der SZ am Wochenende darüber nach, wie sich Zeitungen im Internetzeitalter verhalten sollten: "Weil es aber keinen Sinn hat, mit den Reportern von Internet-Zeitungen wie Wired News zu konkurrieren, die ihre Geschichten, noch während sie passieren, ins Netz hacken, muss es für uns umso mehr darum gehen, den Wahrheitsgehalt allzu fixer Informationen zu überprüfen, zu analysieren, weniger nahe liegende Informationen herbeizuschaffen, sie zu kommentieren und zu glossieren mit dem gebotenen Ernst oder dem gebotenen Unernst." So wie es der Perlentaucher schließlich auch hält.

Weitere Artikel: Olaf Kaltenborn schreibt über die Wiederentdeckung der Mannheimer Schule (bekanntlich Komponisten des 18. Jahrhunderts) im Mannheimer Nationaltheater. Helen von Ssachno liefert Reminiszenzen an den sowjetischen Regisseur Eisenstein. Und Burkhard Müller-Ulrich polemisiert gegen die deutsche Verpackungsverordnung, "ein Gesetzeswerk, das erklärtermaßen die Schaffung eines neuen Bewusstsein zum Ziel hat und tiefer in die Lebenswelt eingreift als jede Rechtschreibreform. Doch anders als bei dieser gab es bis heute keine Massenproteste, Zeitungskampagnen und Musterprozesse gegen ein staatliches Umerziehungsprogramm, das es den Untertanen auferlegt, ihre Abfälle zu begutachten, zu waschen, zu trennen, zu horten und sie mit dem Auto herumzukutschieren."

Auf den Literaturseiten werden unter anderem Bücher von Robert Gernhardt besprochen und Jean Starobinskis "Aktion und ReAktion" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages morgen ab 11 Uhr).

FR, 09.06.2001

Ulf Erdmann Ziegler nimmt in einem schönen Essay Abschied von der Schwarzweißfotografie ? und damit von der Fotografie selbst: "Wir haben im vergangenen Jahrzehnt ein kulturelles Phänomen bestaunt: die Durchsetzung der Fotografie in den Abteilungen der Museen, die sich ansonsten mit Gemälden, Skulptur, Konzeptkunst und Installation befassen. Versucht man jedoch, sich die gewaltige Verschiebung im Gesamtkontext der Reproduktion vor Augen zu halten, wird deutlich, dass sich die Vollendung des Paradigmas 'Schwarzweiß / Farbe' mit der Öffnung der Museen für die Fotografie überschneidet. Die Fotografie hat einen Streitdiskurs abgeworfen und mit ihm alle möglichen Implikationen. Insofern wäre es mir recht, von einem 'Ende der Fotografie' zu sprechen, wenn damit das Ende des Paradigmas 'Schwarzweiß / Farbe' gemeint ist. Es ist auch nicht eine monumentale Fassung der alten Farbfotografie, die in den Museen triumphiert, sondern eine Bildgestaltung, die längst einen elektronischen Prozess durchlaufen hat, mit teils sichtbaren, teils unsichtbaren Manipulationen."

Viel zu viele Videos präsentiert die Biennale von Venedig, hat Peter Iden bei einem Rundgang festgestellt: "Wollte man sich das alles in voller Länge ansehen - man bräuchte wohl einige Tage. Und wäre doch wahrscheinlich kaum weniger ratlos als nach der flüchtigen Wahrnehmung eines Rundgangs, den das Überangebot jedenfalls der großen Mehrheit der Zuschauer nur erlaubt."

Konrad Lischka versucht eine Charakterisierung des ländlichen Rechtsextremismus in den USA, dem auch Timothy McVeigh angehörte: "Das Selbstverständnis der rural radicals entspringt den Erfahrungen der frontier. Der Begriff bezeichnet nicht nur unerschlossene Landareale. Vielmehr verweist der Mythos vom Zug nach Westen auf das immer noch mächtige Ideal des Raumes ohne Staat: Statt eines kodifizierten Rechtes der Pioniergeist und die Dynamik des Einzelnen. Wenn der Staat diesen Raum domestiziert, ist der Fortschritt am Ende."

Weitere Artikel: Katajun Amirpur schildert Auseinandersetzungen zwischen Konservativen im Iran vor den Wahlen. Besprochen werden einige Bücher, darunter Gedichte von Konstantinos Kavafis (siehe unsere Bücherschau morgen ab 11 Uhr).
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TAZ, 09.06.2001

Die Praxis der Kunstrezeption schildert Harald Fricke in seiner täglichen Kolumne von der Biennale: "Die Verwirrung nimmt zu. Nach drei Tagen, die man ununterbrochen im Kunsttross verbracht hat, mischen sich Bilder, Dinge und Menschen im Kopf zu einem Brei, der schwer auf die Schläfen drückt." Aber dann: "Nur Vera vergisst man nicht. Sie sitzt mit geschlossenen Augen auf einer grauen Bank in einer kleinen Koje im Arsenal. Alle paar Minuten wechselt sie die Position, nimmt einen Stickrahmen zur Hand und zieht mit einer Nadel imaginäre Fäden durch ein Stück Stoff, auf dem ihr eigenes Gesicht abgebildet ist. Früher hieß Vera Veruschka von Lehndorf und war das wohl berühmteste Model der Sechzigerjahre. Antonioni hat mit ihr damals die Fotosessionszene in 'Blow Up' gedreht. Wahrscheinlich ist Vera inzwischen an die sechzig Jahre alt und sieht trotzdem noch makellos aus, wie eine Hohepriesterin des Glam. In Venedig posiert sie während der Eröffnung für den jungen Mailänder Künstler Francesco Vezzoli, dessen Arbeiten vom verblichenen Glanz weiblicher Filmstars handeln."

Besprochen werden der Band "Ohne einen Schrei" von Aleksandar Tisma, ein Konzert von George Dalaras in Berlin und die Ausstellung über Ernst Ludwig Kirchners Gemälde "Potsdamer Platz" und die Berliner Moderne in der Nationalgalerie.

Im taz-Mag setzt sich Ulrike Winkelmann ausführlich mit der bei Antje Kunstmann erschienen Studie "Die neue Sklaverei" von Kevin Bales auseinander. Und Dominic Johnson versucht die britische Identität zu ergründen.

Schließlich Tom.

FAZ, 09.06.2001

Zwei Artikel beschäftigen sich mit Tony Blairs Labour Partei. Gina Thomas bescheinigt Labour zwar, die moderneren Ideen zu vertreten, während die Konservativen "in ihren etwas zu lauten Nadelstreifenanzügen" aussahen "wie Karikaturen aus alten Zeiten". Doch sammelt sie in ihrem Artikel vor allem Negativpunkte Labours: So sei die Partei keineswegs eine "Partei des Volkes" wie die geringe Wahlbeteiligung zeige, und weiter sei "New Labour, allen Modernisierungen zum Trotz, dem Althergebrachten tiefer verhaftet ist, als es den Anschein hat. An der bislang nur halb durchdachten Reform des Oberhauses wird der Zwiespalt zwischen Reformwille und Traditionsgebundenheit besonders deutlich, in dem sich die Regierung gefangen sieht."

Jürgen Kaube erinnert an das Schröder-Blair-Papier und erklärt, warum der Pragmatismus der britischen und deutschen Sozialdemokraten, ihre "Ideologielosigkeit" bzw. "Ideologiefreiheit" für ihn dazu führt, dass man "sich schlechterdings nicht merken (kann), was diese Leute wollen."

Jürg Altwegg greift noch einmal den Fall des Generals Aussaresses auf, der sich ganz ungeniert dazu bekannt hatte, in Algerien gefoltert zu haben. Ein Teil der Medien, der Armee und auch seine peinlich berührte Familie verfolgt inzwischen die Strategie, den General als Karikatur, als Trottel hinzustellen, wozu der 83-Jährige wohl auch einigen Anlass gibt. Gleichzeitig wurden seine Memoiren, die vor allem auf den Interviews des Schriftstellers Georges Fleury basieren, vom Verlag Editions Perrin derart zusammengekürzt, dass das Buch jetzt "fast nur noch von der Lust des greisen Generals am Quälen und Töten" handelt. Die so noch angeheizte moralische Empörung hat bei antikolonialistischen Intellektuellen inzwischen Unbehagen ausgelöst, schreibt Altwegg. "Die moralische Empörung ... verengt die 'politische Perspektive'", kritisierte der Sarte-Biograf Francis Jeanson in Le Monde. Die entscheidende Frage sei: "'Warum haben wir gegen das algerische Volk gekämpft? Man tut nun so, als ob der kolonialistische Krieg ohne Folter legitim gewesen wäre.'"

Eleonore Büning schildert die Aufführung zweier großformatiger Kantaten von Carl Orff, die das American Symphony Orchestra zusammen mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks in New York aufführte: die "Catulli Carmina" und das "Trionfo di Afrodite". Flankiert wurde das Konzert von einem Symposion, dass "die 'Facetten eines Komponisten' neu ausleuchten sollte." Die Frage, ob man diese "politisch-kontaminierte Musik" heute noch hören dürfe, wurde im Konzert jedoch offenbar besser beantwortet als im Vortrag: "Ungläubiges Staunen machte sich breit angesichts des Furors, der Brutalität und der Drastik, mit denen Botstein das stilisierte Aufbäumen vorgeblicher Urinstinkte unterstrich. So erhellend überpointiert, dergestalt genau auf die Spitze gestellt und jede Note beim Wort genommen schien die Kritik der Musik dem Dirigat bereits inbegriffen. Es zog Orffs Musik just jene Distanz ein, die ihr (anders als der Strawinskyschen) selbst recht eigentlich fehlt."

Weitere Artikel: Marc-Christoph Wagner berichtet aus Dänemark über den Streit um zwei Bücher junger Autoren, die sich mit Kollaboration und Widerstandsjustiz der Dänen während der deutschen Besatzung auseinandersetzen und dabei wenig Schmeichelhaftes für die Dänen enthüllen. Joseph Croitoru berichtet über Versuche der israelischen Erziehungsministerin Limor Livnat, "patriotische Akzente in der Bildungspolitik" zu setzen, Thomas Wagner berichtet von der Kunst-Biennale in Venedig, Dieter Bartetzko würdigt 250 Jahre Hofkirche in Dresden, Camilla Blechen schreibt den Nachruf auf die gestern gestorbene Formkünstlerin und Keramikerin Hedwig Bollhagen, Michael Allmaier gratuliert Jürgen Prochnow und Andreas Obst dem Musiker Jon Lord (Deep Purple) zum 60. Geburtstag, Karl-Markus Gauss gratuliert dem sorbischen Autor Jurij Brezan zum 85. Geburtstag, und schließlich gilt ein kurzer Nachruf der am 6. Juni verstorbenen Suzanne Schiffmann, Truffauts Regieassistentin.Besprochen werden ein Konzert des russischen Pianisten Jewgenij Kissin in Frankfurt, eine David-Hockney-Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn, Conor McPhersons Stück "Port Authority" im Schauspiel Dresden, eine Ruhrpott-Reise mit Georg Foster und dem Theater Oberhausen auf der Kokerei Zollverein in Essen und ein Dokumentarfilm über Black-Panther-Veteranen von Jens Meurers.


In der Wochenendbeilage Bilder und Zeiten feiert ein von der FAZ geheim gehaltener Autor (Paul Ingendaay?) ein "Meisterwerk" des neunzehnten Jahrhunderts: "Die Präsidentin" ? ein "Ehebruchsroman", aber auch "ein böses Porträt" der spanischen Provinz von Leopoldo Alas "Clarin".

Wolfgang Sofsky analysiert Tizians "Schindung des Marsyas", Friedrich Niewöhner beschreibt zionistische Entwürfe um die Jahrhundertwende zwischen Nation und Religion, Michael Siebler berichtet über die Ausgrabungen der Ruinen Olympias, und Iring Fetcher erinnert an den französischen Politologen Elie Halevy, der bereits 1938 Nationalsozialismus und Kommunismus zusammendachte: "Die zeitgenössischen Regime in Italien, Sowjetrussland und Deutschland sind keine Diktaturen, sondern tyrannische Herrschaftssysteme. Eine Diktatur ist eine Zusammenfassung der staatlichen Exekutivgewalt zum Zweck der Abwehr eines aktuellen Notstands. Sie war - im antiken Rom - zeitlich begrenzt und keineswegs auf Dauer eingerichtet. Das konnte man von den Regierungen der Nazis, der Faschisten und der Bolschewiki nicht behaupten", so die Zusammenfassung der These Halevys durch Fetscher.

Besprochen werden A.F.Th. van der Heijdens Roman "Die Schlacht um die Blaubrücke" und der Briefwechsel Hermann Broch-Annemarie Meier-Graefe "Der Tod im Exil" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages morgen ab 11 Uhr).

In der Frankfurter Anthologie widmet sich Peter Wapnewski heute einem Minnesang von Wolfram von Eschenbach.