Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.04.2001.

NZZ, 10.04.2001

George W. Bush ist eine Plage für seine Satiriker, die sich über seine sprachlichen Lapsus lustig machen wollen, berichtet Susanne Ostwald. Denn er dreht den Spieß einfach um: "Die Sammlungen präsidialer Wortschnitzer und -schnitzereien werden immer zahlreicher, besonders im Internet. Der Journalist Jacob Weisberg sammelt die sogenannten 'Bushisms' für das Online-Magazin Slate und ist Herausgeber des Buches 'George W. Bushisms' - welches nun allerdings insbesondere dem Präsidenten zur Vorbereitung seiner Reden dient. Bei einem Dinner mit Journalisten las Bush aus dem Buch vor und erheiterte seine Zuhörer diesmal ganz gewollt mit seinen Versprechern. 'Ich bin eine Wohltat für die englische Sprache', scherzte Bush, denn er habe neue Wörter erfunden und die Definition von Begriffen erweitert." Und überhaupt: "'Jenen, die sagen, Mr. Cheney treffe die Entscheidungen, sage ich . . ', hob er an, drehte sich zum Vizepräsidenten um und fragte diesen: 'Dick, was sage ich ihnen?'"

Bernadette Conrad besucht den Schriftsteller Veit Heinichen, der mit seinem Triest-Krimi "Gib jedem seinen eigenen Tod" Erfolge auf dem deutschen Buchmarkt feiert. "Am 2. 1. 1980 habe er zum ersten Mal Triest besucht, erzählt Veit Heinichen. Voller 'Neugier auf die Stadt der Dichter' hatte sich der damals noch zwischen Buchhandel und Verlag schwankende Autor aufgemacht nach dem 'literarischen Ort'. Und kam immer wieder. 'Man ist hier nie zu Ende mit Beobachten. Triest liegt zwischen den Himmelsrichtungen, zwischen den Ideologien. Die Widersprüche, auch die zwischen Kultur und Kommerz, sind hier vielleicht heftiger als anderswo.'" Inzwischen hat sich Heinichen ganz in Triest niedergelassen und man hat "den Eindruck, als treffe man Heinichen in einem besonders glücklichen Moment seiner Biographie an, als schwebe er geradezu ein bisschen über dem Boden."

Weitere Artikel widmen sich zwei Schinkel-Ausstellungen in Berlin, der Westschweizer Theaterszene, Hans Holleins Media Tower in Wien, der Janacek-Oper "Katja Kabanova" in Luzern und einigen Büchern, darunter einem Tagebuchband von Gershom Scholem und Wlodzimierz Kowalewskis Roman "Rotes Haar nachts". (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)

SZ, 10.04.2001

Gerhard Schröder hat neulich behauptet, es gebe kein Recht auf Faulheit. Hilmar Klute hat Robert Gernhardt dazu interviewt. Ein Auszug: "SZ: Gefällt Ihnen der Satz von Kant: 'Faulheit ist der Hang zur Ruhe ohne vorhergehende Arbeit?' Gernhardt: Auf Anhieb fällt mir dazu nichts ein; ich bin jetzt zu faul, darauf zu reagieren."

Der immer schon kleine Unterschied zwischen Drogen und Medikamenten verschwindet gerade in den USA zusehends, berichtet Konrad Lischka. Ein Beispiel ist Ritalin, ein Medikament gegen Hyperaktivitätsstörungen (ADHD) beim Kinde: "Auf ADHD-Patienten wirkt das eigentlich aufputschende Mittel beruhigend. Wie genau, ist nicht erforscht. Fest steht nur, dass Ritalin den Serotoninspiegel im Gehirn erhöht. Ein erhöhter Serotoninspiegel bringt enorme Glücksgefühle. Deshalb ist Ritalin in den Vereinigten Staaten bei nicht von ADHD Betroffenen als Droge sehr begehrt. In Phoenix müssen sich inzwischen Eltern Entziehungstherapien unterziehen, nachdem sie das Ritalin ihrer Kinder schluckten." Kein Wunder, dass die Kinder hyperaktiv sind!

Um Drogen geht es auch in Ted Demmes Film "Blow", den Andrian Kreye gesehen hat ? er ist gerade in den USA angelaufen. Der Film schildert die Karriere von George Jung, der das Kokain in den USA in Mode brachte: "Steven Soderberghs 'Traffic' war einer der ersten Filme, die das Drogenproblem als unlösbaren gordischen Knoten gezeigt hat. 'Blow' spinnt den Faden weiter. Demme porträtiert George Jung und seine Komplizen als ganz normale Amerikaner, die Chancen erkennen und Unternehmergeist zeigen. Da gibt es keine Opfer und auch keine Helden. Nur den unaufhaltsamen Auf- und Abstieg, der das Leben im Untergrund so nüchtern beschreibt wie einen launischen Aktienkurs."

Weitere Artikel: Ralph Hammerthaler porträtiert den kolumbianischen Autor Arturo Alape, der eine dicke Biografie über einen Guerillaführer schrieb, auf eine Todesliste geriet und nun im Hamburger Exil lebt. Besprochen werden Erkki-Sven Tüürs CD "Desert Island", ein Buch und eine Ausstellung für den Kinopionier Ottomar Anschütz, Fotografien von Peter Nadas in Zürich, Antony Rizzis Ballett "Judy was angry" in Frankfurt, Szenen von Karl Valentin in Wien und ein "Fliegender Holländer" unter Barenboim und Kupfer an der Berliner Staatsoper. Schließlich antwortet Heino Ferch auf die Frage, was ihn zuletzt zum besseren Menschen gemacht hat.

FR, 10.04.2001

Micha Brumlik fragt in einem hier dokumentierten Vortrag, ob wir in einer "traumatischen Kultur" leben: "Sigmund Freud sprach bezüglich der Kriegsneurosen davon, dass die in ihnen gemachte und gefürchtete Erfahrung zum 'inneren Feind' werde. Ist es denkbar, dass die Erinnerung an die Massenvernichtung, die Gestalt, in der sie in unseren Gesellschaften wiederkehrt, die eines 'inneren Feindes' ist, das heißt eines Feindes, der genau deshalb so bedrohlich erscheint, weil jede Erfolg versprechende Strategie, ihn zu bekämpfen und auszuschalten, das Subjekt, das ihn ausschaltet, mit zu vernichten droht?"

Weitere Artikel: Axel Brüggemann versucht durch eine Parade von Barthes- und Adornozitaten nachzuweisen, dass Oper nie moderner war als ausgerechnet gerade jetzt. Gabriele Meierding bedauert, dass sich Andy Warhol gegen John Herzfelds Film "15 Minuten Ruhm" nicht mehr wehren kann. Paolo Rumiz setzt seine Reise mit dem Rad von Triest nach Wien auf der Suche nach Mitteleuropa fort. Besprochen werden ferner die neue CD von Nick Cave, die Uraufführung von Franz Wittenbrinks Stück "Zigarren" am Berliner Ensemble, der Berliner "Holländer" und eine Ausstellung in London über die Beziehungen der futuristischen Künstler zur Fotografie. In einer Meldung erfährt man, dass Daniel Barenboims Vertrag als Künstlerischer Leiter der Staatsoper Unter den Linden nun endgültig verlängert werden soll.
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TAZ, 10.04.2001

Der englische Historiker Richard J. Evans wendet sich auf der Politischen Buchseite mit Verve gegen Robert Gellatelys Buch "Backing Hitler", das die These von einer breiten Popularität des Nazi-Terrors in der deutschen Bevölkerung verbreitet: "Die von den Nationalsozialisten verfolgten Minderheiten waren zahlenmäßig keineswegs so unbedeutend, wie es Gellately vermuten lässt. Schließlich gewannen Kommunisten und Sozialdemokraten bei den letzten freien Wahlen im November 1932 zusammen 13 Millionen Stimmen: das waren eineinhalb Millionen mehr als die Nationalsozialisten. Das Regime hat diese Wähler nicht in begeisterte Anhänger seiner Politik und Handlungen umgewandelt - ganz zu schweigen von den aktiven Mitgliedern der beiden Parteien der Arbeiterklasse. Gellatelys ... eigene Zahlen zeigen, dass hunderttausende wahrer und eingebildeter Regimegegner schon frühzeitig in die Konzentrationslager eingeliefert wurden und dass während des Krieges viele Menschen wegen häufig eher trivialer Verstöße oder Meinungsäußerungen eingesperrt oder hingerichtet wurden."

In der Kultur setzt Peter Fuchs seine Serie über unser Zusammenleben mit Behinderten aus systemtheoretischer Perspektive fort. Helmut Höge zieht eine Zwischenbilanz des mit ungeheuren rhetorischen Aufwand geplanten und halb fertig gebauten Checkpoint Plaza am ehemaligen Checkpoint Charlie in Berlin: "Die Berliner Schwerkraft war stärker: Die Gegend zwischen Checkpoint Charlie und Mauermuseum kann man getrost wieder als einen der trostlosesten Orte in der Stadt bezeichnen." (Und auch die taz residiert in der Gegend.)

Besprochen werden eine Ausstellung des Fotografen Leon Levinstein, Don DeLillos Buch "Körperzeit", Comics von Lewis Trondheim und Cornelia Arnholds Krimi "Pitbull-Parade".

Schließlich wie immer Tom.

FAZ, 10.04.2001

Der Krebsarzt Stephan Sahm plädiert unter dem melodramatischen Titel "Wann werden wir getötet?" gegen eine Freigabe der freiwilligen Sterbehilfe, wie sie in den Niederlanden ab heute legal wird. Nicht wegen der Schmerzen oder der Furcht davor, so schreibt er, verlangen die Patienten nach Sterbehilfe. "Tatsächlich geht es, wie diese Studien zeigen, in der Regel um andere Gründe. Vereinsamung, finanzielle Probleme, Trennung von Lebensgefährten sind es, die Menschen den Wunsch nach Hilfe zur Selbsttötung und Euthanasie äußern lassen. Die begleitenden wissenschaftlichen Beobachtungen nach Freigabe der ärztlich assistierten Selbsttötung im Bundesstaat Oregon bestätigen das Sich-verlassen-Fühlen als Hauptgrund. Katastrophal wirkt sich dabei für den Patienten schon der Gedanke aus, Angehörige oder der Arzt könnten auf seinen Wunsch spekulieren, sich aus dem Weg räumen zu lassen, und unausgesprochen darauf warten, diesen Wunsch zu exekutieren."

Werner Spies bespricht eine Picasso-Ausstellung über die "großen Serien" in Madrid und bechreibt Picassos Variationsarbeit. "Sein Vorgehen ist ohne Beispiel. Er verändert von Anfang an das Ausgangsbild. Deshalb können in seinen Variationen auch zwei Künstler und zwei Ausgangsbilder übereinandertreten. 'Der Raub der Sabinerinnen' bezieht sich gleichermaßen auf Poussin wie auf David. Er setzt sofort mit Variationen ein, er malt den Unterschied, und mit dem Unterschied meint er sich selbst, seine Position in der Malerei des zwanzigsten Jahrhunderts."

Horst Rademacher erzählt von einem Projekt des Massachusetts Institute for Technology. Sein Präsiden Charles Vest hat "angekündigt, das MIT werde die Mitschriften, Übungen, die weiterführende Literatur, ja selbst die Klausuren für sämtliche an der Hochschule angebotenen Vorlesungen und Seminare ins Internet stellen. Dort kann sie jedermann kostenlos einsehen und abrufen. Das Projekt 'Open Course Ware' für sämtliche zweitausend Lehrveranstaltungen soll innerhalb der nächsten zehn Jahre abgeschlossen sein."

Weitere Artikel: Der Sozialhistoriker Franz Josef Brüggemeier betont, dass auch im Zeitalter der möglichen Gendiagnostik das Solidarprinzip der deutschen Sozialgesetzgebung gültig bleibt. Achatz von Müller kommentiert Gerhard Schröders Satz "Es gibt kein Recht auf Faulheit". Hansjörg Küster erklärt, wozu ein Hafen am Jadebusen bei Wilhelmshaven gut sein soll ("irgendwo an der Nordseeküste müssen Container von Ozeanriesen auf kleinere Schiffe umgeladen werden, mit denen man die Ostsee erreichen kann.")

Auf der Medienseite spürt Jordan Mejias den Intentionen Ted Turners nach, der bekanntlich Anteile an dem nun bald von Gazprom gehaltenen Moskauer Sender NTW erwerben will: "Ins russische Abenteuer, wenn es denn dazu käme, stürzte Turner sich nicht als tumber Tor. Putin kennt er persönlich... Er wird sich mithin nicht in Illusionen wiegen. Trotzdem hat er von Putin verlangt, ihm für sein Vorhaben eine Nichteinmischungsgarantie zu geben." Ferner erklärt Gina Thomas die neueste Krise des britischen Königshauses.

Besprochen werden eine Pariser Ausstellung über Schriftstellermanuskripte, der Dokumentarfilm "Escape to Life" über Erika und Klaus Mann, die Ausstellung "Kosmos im Kopf" in Mannheim, ein Konzert von Benny Green und Roy Hargrove in der Alten Oper Frankfurt, der Zeichentrickfilm "Hilfe! Ich bin ein Fisch" (den Andreas Platthaus kindisch findet), Anouils "Medea" in München, eine Ausstellung russischer Ikonen in Martigny, eine Pipilotti-Rist-Ausstellung in Zürich und der "Fliegende Holländer" in Berlin.