Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.04.2001.

NZZ, 09.04.2001

Bora Cosic versucht eine Uchronie seines eigenen Lebens. Jeder, so meint er, solle sich sein Leben einmal vorstellen, wie es sich abgespielt hätte ohne die Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Cosic wäre heute Besitzer eines Weinguts in Slawonien, das er von seinem Großvater geerbt hätte: "Ohne jene Räuber in Großvaters Garten würden sich meine literarischen Ideen langsam in einem angenehmen, legeren und reichen Dasein auflösen. Und das Reiten würde am Abend meiner Zeit jenen Haufen Papier ersetzen, den ich vielleicht unnütz vollgeschrieben habe."

"Subtilen Humor" konzediert Barbara Villiger Heilig Botho Strauß' neuem Stück "Der Narr und seine Frau heute abend in Pancomedia": "Zu unserem Glück und zum Glück des gut 30-köpfigen 'Pancomedia'-Ensembles auf der Bühne,das 100 Rollen über vier unterhaltsam vorüberplätschernde Stunden verteilt. 'Gut gesehen. Gut gesagt', stimmt man dem titelgebenden Narren eins übers andere Mal zu; freilich hat er auch dann recht, wenn er seufzt: 'Das ist mir zu gescheit.'"

Weitere Artikel: Gerda Wurzenberger erspürte neueste Tendenzen der Jugendliteratur auf der 38. Kinderbuchmesse Bologna. Samuel Herzog sieht die Nachlässe von Alberto und Annette Giacometti "im Spannungsfeld divergierender Interessen". Besprochen werden Chorkonzerte in Luzern und der "Falstaff" in Salzburg.

SZ, 09.04.2001

C. Bernd Sucher bespricht Botho Strauß' neues Stück "Der Narr und seine Frau heute abend in Pancomedia", das vorgestern in Bochum uraufgeführt wurde: "Strauß positioniert Ausnahmen und schreibt Übertreibungen, Unwahrscheinlichkeiten. Er verzerrt Realität, in dem er die Motive der Wirklichkeit bearbeitet wie Material. Da er mit Sprache umgeht, verwundert es nicht, dass diese Komödie gebaut ist, wie eine Komposition. Motive werden vorgestellt, durchgeführt, variiert." Klingt ein bisschen abstrakt, oder?

Glaubt man Arezu Weitholz, dann hat Tony Blair ein Problem: "Vielleicht sollte man den Meinungsumfragen nicht vorschnell glauben. Die vier großen britischen Erhebungen zur Zeit, der Mori-Poll in der Times, der des Telegraph, der des Guardian sowie die Gallup-Umfrage von letzter Woche bestätigen Labour trotz Krise noch immer einen großen Vorsprung. Aber sie sagen auch: Leute würden Labour wählen, selbst wenn sie glauben, die Partei bestünde aus Trotteln. Das ist verwirrend."

Auf der Medienseite erklärt Dieter Deul, wie die Plattenkonzerne in den USA Hits machen: Sie bezahlen die Radios dafür, dass sie ihre Stücke spielen. "Drei große Senderfamilien kontrollieren momentan 60 Prozent der Stationen in den Top 100-Märkten. Deren Musik-Fahrpläne bestimmen, was das Publikum zu hören bekommt und was ein Hit wird. Das ist für die Musikindustrie mit ihrem Zwölf-Milliarden-Dollar-Jahresumsatz ein bestechendes Argument. Um einen Titel wochenlang auf einem Rockradio laufen zu lassen, müssen zwischen 100.000 und 250.000 Dollar bezahlt werden. Die Plattenfirma CBS ließ ihre Indies in den 80-ern 300.000 Dollar für neue Singles ausschütten."

Weitere Artikel: Jost Kaiser denkt über die "Love Parade als Mutter aller Domonstrationen" nach. Barbara Sichtermann fragt in der Reihe "Kulturverschwörung" nach der Zukunft des Fernsehens. Besprochen werden ein "Falstaff" unter Abbado bei den Salzburger Osterfestspielen, Klaus Emmerichs Inszenierung von Jean Anouilhs "Medea" am Münchner Cuvilliestheater und Aufführungen der Münchner Ballettwoche.

FR, 09.04.2001

Peter Iden über Strauß' "Der Narr und seine Frau...": "Ein Erfolg wie man ihn selten erlebt hat. Die Zuschauer dieser Uraufführung am Bochumer Theater haben sich am Ende erhoben und dem Stück von Botho Strauß, dem Ensemble, dem Bühnenbild Erich Wonders und dem Regisseur Matthias Hartmann stehend Ovationen dargebracht. Vier Stunden lang hatten sie gleichsam sich selber zugesehen und zugehört, war ihnen vorgeführt worden: wie wir leben, wie wir reden, wie wir jetzt sind."

Carl Wilhelm Macke denkt in der 16. Folge der Serie "Heimatkunde" über seine Heimat Cloppenburg nach: "Hier stinkt's. Nach Weihrauch und Gülle."

Und sonst? Stefan Howald bespricht eine CD der Manic Street Preachers, und Thorsten Jantschek hat Vitracs "Victor oder Kinder an die Macht" in Hannover gesehen.
Anzeige

TAZ, 09.04.2001

Istvan Eörsi schreibt über die rechtsextremische ungarische Partei MIEP, die gegen den Holocaust-Gedenktag protestiert, welcher in Ungarn in diesem Jahr auf Ostersonntag fällt. Argument der Partei. "Beide Osterfeiertage sind christliche Festtage, an denen wir Christen des von den Juden gekreuzigten Christus und seiner Auferstehung gedenken." Eörsis Kommentar: "Nach fünfzig bis sechzig Jahren verjähren also selbst die größten Verbrechen, doch nach 2.000 Jahren verjähren sie nicht."

Volker Weidermann hat in Strauß' "Der Narr und seine Frau..." folgende Beobachtung gemacht: "So vielschichtig und vielgestaltig die unzähligen Männergestalten in Pancomedia auch sein mögen, die Frauen sind sich alle gleich. Die Frauen kommen nur als Hühnchen oder Hürchen auf die Bühne, als lispelnde, schnatternde, dämliche und hysterische Wesen, die am dringendsten damit beschäftigt sind, ihren Körper an den Mann zu bringen oder Gewinn bringend zu veräußern." So stellt man sich das halt vor, in seinem Hortus conclusus.

Ferner bespricht Katrin Bettina Müller die Ausstellung "Remake Berlin", für welche ausländische Fotografen die Stadt Berlin fotografierten.

Und hier wie immer Tom.

FAZ, 09.04.2001

Und wie fand Gerhard Stadelmaier Strauß' neues Stück? Er fragt erst mal: "Ist das ein gutes oder ein schlechtes Stück?" Und antwortet dann: "Weder noch. Es ist vielmehr ein wunderbares Stück - in dem Sinne: bar aller Wunder." Immerhin aber scheint er von Strauß' Stück, wenn schon nicht von der Inszenierung, ganz angetan: "Strauß geht durch eine wimmelnde, wuselnde Gesellschaft, von der er Apartes, lose Gebärden, Details, Beiseitegesten, Seelensplitter, Wortbruchstücke sammelt, der er aber nicht auf den Grund gehen möchte. Paare, die hereinkeuchen, sich kurz prügeln. Paare, bei denen der Mann die Frau als Sklavin hält und in die Ecke stellt. Paare, bei denen der Vater den Sohn examiniert und dann ablegt. Paare, die sich verkrallen, ver- und entlieben. Paare, bei denen die Frau sagt, sie sei unzerstörbar, ein Plastikwesen. Paare wie in Trance."

Auf eine mit vielen Fotos geschmückten Seite bespricht Michael Jeismann den jüngst erschienen Band mit Privatfotos von Auschwitz-Häftlingen, die ihnen beim Eintritt ins Lager abgenommen worden waren, und zieht daraus die Konsequenz: "Man pflegt heute, aus manch gutem Grund, einem universalistischen Gedenken zu misstrauen, in dem alle Opfer, ob Juden, politisch Verfolgte oder etwa polnische Christen, in ihrem Schicksal gleich sind. Angesichts dieser Fotografien aber scheint es angebracht, den universalistischen Aspekt nicht ganz zu unterdrücken, weil er hier in seiner alltäglichsten und offensichtlichen Form anwesend ist." (Siehe auch unsere Bücherschau des Tages heute ab 14 Uhr).

Schon den zweiten Artikel innerhalb von einigen Tagen bringt die FAZ zur in NRW geplanten Hochschulreform. Diesmal schreibt Andreas Rosenfelder über die Lehrerausbildung. Der Stoff, den die Lehrer lehren, wird nach den Plänen offensichtlich zweitrangig: "Den Fachwissenschaften überträgt der Masterplan aus Münster bei der Lehrerbildung lediglich Zulieferdienste. Im Anschluss an einen Bachelorstudiengang von sechs Semestern, der das nötige Fachwissen kurz abhandelt, soll sich ein viersemestriges Masterstudium allein dem ganz Speziellen des Lehramts widmen: dem Unterrichten. Ein blitzblankes Modul aus Fachdidaktik und Pädagogik als Krone auf dem Lehrerhaupt? Damit hätte die erziehungswissenschaftliche Komponente eine steile Karriere von der Hilfswissenschaft zur Königsdisziplin hingelegt."

Weitere Artikel: Wolfgang Sandner schildert die Intendantenkrise der Bamberger Symphoniker. Renate Schostak erzählt von einer umstrittenen Skulptur von Markus Lüpertz, die nun nicht mehr in die Augsburger Maximilianstraße gestellt werden soll. Wolfgang Jean Stock würdigt die von den Architekten Herzog & de Meuron gestalteten "Fünf Höfe" in München. Eleonore Büning stellt die Luzerner Musikwochen vor, die immer mehr zu einer Konkurrenz für Salzburg zu werden scheinen. Alexandra Kemmerer befasst sich mit sexuellem Missbrauch von Ordensfrauen durch Priester in Benediktinerklöstern und die langsame Reaktion des Vatikans auf diese Vorwürfe. Susanne Klingenstein schildert die vergrätzte Reaktion Bernhard Schlinks auf einen kritischen Essay der Autorin Cynthia Ozick zu seinem Roman "Der Vorleser".

Besprochen werden der "Falstaff" unter Abbado in Salzburg, die Ausstellung "Dreaming with Open Eyes" in Jerusalem, "Die Affäre Rue de Lourcine" in Köln, eine Ausstellung des Veduten-Malers Eduard Gärtner in Berlin und Jochen Ulrichs Tanzstück "La Stravaganza" in Innsbruck.