Magazinrundschau
Ihr flüchtiges Lächeln
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
21.04.2026. Byline Times sucht und findet in den Epstein Files Verbindungen zwischen Peter Thiel, Jeffrey Epstein und der Alt Right Bewegung. Der New Statesman begutachtet gutbürgerliche linke und sehr depressive Frauen der Gen Z. The Atlantic staunt über die innovative Drohnenindustrie der Ukraine. New Lines erzählt, wie die Regierung in Kuwait sich ihre Macht sichert: durch massenhafte Aberkennungen von Staatsbürgerschaften. In Elet es Irodalom denkt der Philosoph Mihály Szilágyi-Gál darüber nach, wo die ungarische Gesellschaft heute steht. Times of Israel und The Free Press setzen sich mit den israelischen Siedlern auseinander.
Byline Times (Großbritannien), 14.04.2026
New Statesman (UK), 23.04.2026
Emily Lawford beschäftigt sich mit einem speziellen gender gap, der sich in Großbritannien - und vermutlich nicht nur dort - vor allem unter jungen Menschen auftut: Während junge Männer sich rechten und konservativen Positionen annähern, rücken junge Frauen immer weiter nach links. Ein wichtiger Auslöser für ihre Radikalisierung war in vielen Fällen, man ahnt es, der Gaza-Krieg, die entsetzlichen Misshandlungen von Frauen in Sudan oder Afghanistan scheinen dagegen keine große Rolle zu spielen. Außerdem stößt Lawford auf viel Pessimismus, was die Zukunft angeht; und auf jede Menge harsche Kritik an Männern jeden Alters. "Die zunehmende Isolation junger Frauen könnte langfristig tiefgreifende Folgen für die britische Gesellschaft haben. Sie wird ziemlich sicher Beziehungen erschweren: Weniger als die Hälfte der jungen Frauen hat das Gefühl, dass Männer sie verstehen. Junge Frauen sind außerdem deutlich weniger bereit als Männer, mit Menschen auszugehen, die politisch anderer Meinung sind als sie selbst. Die Menschen werden einsamer - und wütender. Und die Entwicklung verschärft sich. Unter den Unter-30-Jährigen empfinden jüngere Frauen die Lage am düstersten: Frauen unter 25 glauben am ehesten, dass 'alles gegen mich läuft, egal wie sehr ich mich anstrenge'." Zu beachten ist freilich eine eigenartige Binnendifferenzierung: "Auffällig ist, dass eine für den New Statesman durchgeführten Umfragen darauf hindeuten, dass privilegiertere Frauen am pessimistischsten sind. Frauen in bürgerlichen Berufen geben seltener an, sich von der Gesellschaft wertgeschätzt zu fühlen, und glauben im Vergleich zu ihren Pendants aus der Arbeiterklasse weniger daran, dass sie es im Leben durch harte Arbeit zu Erfolg bringen werden. Junge Männer sind inzwischen öfter arbeitslos als junge Frauen, doch junge Frauen sind in finanziellen Belangen deutlich zynischer: Sie glauben mit einer um 21 Prozent geringeren Wahrscheinlichkeit als junge Männer, dass sie jemals mehr verdienen werden als ihre Eltern. Weiße Frauen neigen eher dazu, das Land als rassistisch zu empfinden als nicht-weiße Frauen."The Atlantic (USA), 18.04.2026
In den letzten anderthalb Jahren hatten sich die Amerikaner - aber auch viele Europäer - daran gewöhnt, die Ukraine als die schwächere der beiden Kriegsparteien anzusehen. Trumps Spruch, dass Selenski "keine guten Karten" habe, ist allenthalben in Erinnerung. Und plötzlich zeigt sich, dass die Ukraine gerade ohne amerikanische Hilfe zu neuer Stärke gefunden hat - vor allem durch ihre innovativen Drohnen. Phillips Payson O'Brien resümiert diese Entwicklung: "Kiew scheint die Hoffnung auf die Vereinigten Staaten aufgegeben zu haben. Es sucht aggressiv nach neuen diplomatischen und militärischen Partnern - beispielsweise indem es sein hart erkämpftes Fachwissen im Bereich der Drohnenkriegsführung an Saudi-Arabien, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate weitergibt und Waffenproduktionsabkommen mit Deutschland schließt… Gestützt auf ihre eigene Drohnenindustrie haben die ukrainischen Streitkräfte in vielen Gebieten die Initiative zurückgewonnen. In den letzten Monaten haben sie Berichten zufolge mehr Verluste verursacht, als Russland ersetzen kann - und mehr Gebiete zurückerobert, als Russland eingenommen hat. Entlang der Frontlinien hat die Ukraine ihre sogenannte Drohnenwand verstärkt und ausgeweitet, die die Bewegungsfreiheit russischer Streitkräfte aus Fleisch und Blut einschränkt. Anfang dieser Woche gab Kiew an, eine russische Stellung eingenommen und eine Reihe russischer Soldaten gefangen genommen zu haben, ohne dabei überhaupt ukrainische Soldaten zu exponieren, sondern nur mit unbemannten Luft- und Bodenfahrzeugen." Die Ukrainer, so O'Brien, glauben nicht mehr, dass sie den Krieg ohne amerikanische Unterstützung zwangsläufig verlieren werden.HVG (Ungarn), 16.04.2026
Der Schauspieler Ervin Nagy wird nach den Wahlen als zukünftiger Minister für Kultur gehandelt. Er stellte sich sehr früh neben den jetzigen Wahlsieger Péter Magyar und nahm damit Rückschritte in seiner Karriere in Kauf. Ervin Nagy spricht im Interview mit Andrea Szabo über seine Pläne und Ambitionen als möglicher zukünftiger Minister. "Als bloße Dekoration würde ich natürlich weder ins Parlament noch ins Ministerium gehen. Ich möchte eine wichtige Rolle dabei spielen, das ungarische Kulturleben wieder an die europäischen Tische, in die europäischen Netzwerke und an die europäischen Fördermittel heranzuführen, den Rahmen für kulturelle Vielfalt zu gestalten und vor allem einen 'Kulturfrieden' zu schaffen. (…) Tatsächlich ließ die Verjüngung des Theaterlebens lange auf sich warten, und damit hat die Modernisierung des Theaters an Boden verloren. Wenn es nach mir geht, werden wir nicht so konservativ sein; talentierten jungen Menschen muss Raum, ja Theater geboten werden." Dafür lohnt es sich auch - zumindest vorerst - die Bühne zu verlassen, meint er: "Mir als kreativem Menschen eröffnet die Politik Perspektiven, die mich mit größerer Begeisterung erfüllen, als noch diese oder jene Rolle im Theater oder im Film zu spielen. Wenn ich zum Beispiel dabei helfen kann, ein internationales Filmfestival ins Leben zu rufen, das POSZT (das frühere Theaterfestival - Anm. d. Red.) in einer Provinzstadt neu zu organisieren, und ich dann bei den Off-Programmen junge Leute mit strahlenden Augen treffe und sehe, dass sie sich freuen, in einem so tollen europäischen Land zu leben, wäre das für mich eine riesige Freude. Bestimmte Teile der ungarischen Kultur gleichen derzeit einer Mondlandschaft, die wieder mit Leben gefüllt werden muss."London Review of Books (UK), 23.04.2026
Im Rahmen einer Besprechung eines Buches von Srinath Raghavan macht sich Pratinav Anil Gedanken über das politische Erbe Indira Gandhis. Zweifellos war Gandhi eine Schlüsselfigur Indiens auf dem Weg zur modernen Massendemokratie. Gleichzeitig jedoch prägte sie einen populistischen, korruptionsanfälligen Politikstil, der in Indien bis heute gravierende Folgen zeitigt. Tatsächlich ist der derzeitige indische Premierminister Narendra Modi laut Anil Gandhis gelehrigster Schüler. Und das, obwohl er einst als Gandhis Gegner auftrat: "Er stellte sich gegen Gandhis Regime und reiste häufig in Verkleidung, um einer Verhaftung zu entgehen - einmal kostümierte er sich als Mönch und ein anderes Mal als Sikh. Er war an der Herstellung oppositioneller Flugblätter beteiligt und organisierte Demonstrationen. Doch seine eigene Herrschaft hat die Rückkehr eines politischen Stils in die Wege geleitet, der deutlich an Gandhi erinnert: Personenkult; Feindseligkeit gegenüber Institutionen im Allgemeinen und Universitäten im Besonderen; Eingriffe in die Justiz und Mundtotmachen der Presse; Paranoia; Wirtschaftsnähe; Zugang zu gewaltigen, nicht nachvollziehbaren Geldströmen, die durch das Wahlsystem fließen. Letzteres war Gandhis Innovation. (…) Trotz all der Bewunderer, die im Indira-Gandhi-Gedenkmuseum Schlange stehen, um dem blutbefleckten Sari, den sie am Tag ihrer Ermordung trug, ihre Ehrerbietung zu erweisen, haftet der Makel der Korruption weiterhin an ihr. Daran wurde ich ausgerechnet in einem nordlondoner ocakbaşı erinnert, wo ich erfuhr, dass 'İndiregandi' im Türkischen umgangssprachlich 'Veruntreuung' bedeutet."New Lines Magazine (USA), 20.04.2026
Die Regierung in Kuwait hat in den letzten zwei Jahren eine so noch nie dagewesene Kampagne zur Aberkennung von Staatsbürgerschaften lanciert, berichten Fatimah Muhammed und Sultan Alamer. Die Nationalisten um den Emir Meshal al-Ahmad, haben laut "der Newsroom Initiative, einer unabhängigen Medienorganisation aus der Golfregion, die die im kuwaitischen Amtsblatt veröffentlichten Dekrete verfolgt", bis April 2026 über "71.059 Menschen die Staatsbürgerschaft entzogen. Dies entspricht 4,6 Prozent der offiziellen Bevölkerung Kuwaits von 1,545 Millionen", so die Autoren. Betroffen sind vor allem Doppelstaatler, eingebürgerte Personen, Frauen und die sogenannten Bidoon, die "zu Stämmen im Norden Kuwaits gehören, deren Siedlungsgebiet sich über Teile Kuwaits, des Irak und Saudi-Arabiens erstreckt." Der Grund ist weniger Rassismus, meinen die Autoren, als die Schwächung von oppositionellen Kräften in der Nationalversammlung, denn mit der Staatsbürgerschaft wird auch das Wahlrecht und das Recht ein politisches Amt zu bekleiden, entzogen. Schon früher wurde in Kuwait mit Staatsbürgerschaften Politik gemacht, erklären die Autoren, vor allem geht diese politische Maßnahme auf den ehemaligen Emir Jaber al Sabah zurück, der sich mit einem Staatsbürgerschaftscoup Chancen auf den Thron sichern wollte, indem er massenhaft Beduinen die Staatsbürgerschaft verlieh. Sami Zaïbi blickt auf den Irak, wo die schiitischen Milizen - nach der teilweisen Zerschlagung der Hamas, der Hisbollah und den Huthis im Jemen - das letzte Überbleibsel der vom Iran gesteuerten "Achse des Widerstandes" sind: "Im Zentrum dieser Koalition stehen die Volksmobilisierungskräfte (PMF), ein Dachverband von etwa 60 überwiegend schiitischen Milizen, die größtenteils im Krieg gegen den Islamischen Staat entstanden sind. Diese Gruppen üben in weiten Teilen des Landes sowohl militärische als auch wirtschaftliche Kontrolle aus. Die in den letzten Jahren institutionalisierte PMF erhält jährlich über drei Milliarden US-Dollar vom irakischen Staat, der sie als integralen Bestandteil des nationalen Sicherheitsapparats betrachtet. Einige ihrer Anführer bekleiden Regierungsämter und Parlamentssitze, und ihre Flaggen sind in Bagdad allgegenwärtig. Während manche Iraker sie als Garanten für die lokale Sicherheit sehen, verurteilen andere sie als eine Art Mafia. Die kleinste und radikalste Gruppierung ist der 'Islamische Widerstand' im Irak, ein Bündnis dreier radikaler Milizen: Kataib Hisbollah, Harakat al-Nujaba und Sayyid al-Shuhada." Zaïbi spricht mit einem hohen Funktionär des "Islamischen Widerstandes", der allerdings anonym bleiben will: "'Dies ist ein existenzieller Krieg', sagte er. 'Die Vereinigten Staaten und Israel zielen auf den Schiismus selbst. Dieser Krieg hat eine religiöse Dimension. Wir glauben, er wird zur Rückkehr des Mahdi führen. Wir sehen die Zeichen.' Im Zwölfer-Schiismus glaubt man, dass der Mahdi - der verborgene zwölfte Imam - über ein Jahrtausend lang im Verborgenen gelebt hat und zurückkehren wird, um dem Unrecht ein Ende zu setzen. Der Überlieferung nach wird seine Erscheinung inmitten von Kriegen gegen ungerechte Kräfte stattfinden und von drei Gestalten angekündigt werden: al-Yamani, einem rechtschaffenen Führer aus dem Jemen; al-Sufyani, einem aufstrebenden Tyrannen in Syrien; und al-Khorasani, einem Militärführer aus der Region Chorasan, der mit al-Yamani verbündet ist."
The Insider (Russland), 18.04.2026
Elet es Irodalom (Ungarn), 17.04.2026
Nach dem überwältigenden Wahlsieg der Tisza-Partei (Tisza bezieht sich auf den Fluss Theiß, den längsten Nebenfluss der Donau, sowie auf den ehemaligen Ministerpräsidenten Ungarns 1903-07 und 1913-17 István Tisza, ein Aristokrat und Vertreter des liberal-konservativen Konsenses) überlegt der Philosoph Mihály Szilágyi-Gál, wo die ungarische Gesellschaft wohl steht und wovon sie sich befreite: "Viktor Orbán hat die Wahl für Péter Magyar gewonnen und die Nation wieder vereint (gegen sich selbst und seine Politik, aber dennoch). Während seiner sechzehnjährigen Regierungszeit hat er Ungarn berüchtigt gemacht und damit den Grundstein für dessen wiederauflebenden guten Ruf gelegt. Nach seinem Sturz haben sich die ukrainisch-ungarischen und die polnisch-ungarischen Beziehungen sowie das Ansehen des Landes in der Europäischen Union auf einen Schlag verbessert. Und hier hören Witz und Heiterkeit auf. Denn wir müssen erkennen, dass die Linke und der Liberalismus vollständig aus der ungarischen Politik verschwunden sind, nicht nur aus dem Parlament, sondern auch darüber hinaus. Sie kann von nirgendwo mehr zurückkehren und wird sich so schnell nicht neuformieren. (…) Die Wahl war also ein Nullpunkt, danach kann die eigentliche Politik kommen. Das NER (System der nationalen Kooperation, Bezeichnung des Orbán'schen Systems - Anm. d. Red.) war ein System der freiwilligen Unterwerfung. Viktor Orbán konnte ein diktaturähnliches System aufbauen und über anderthalb Jahrzehnte lang aufrechterhalten, ohne auf bewaffnete Unterdrückung zurückgreifen zu müssen, weil die Menschen es akzeptierten und sich auf das Überleben einstellten." Jetzt haben sie sich durch die Wahl selbst befreit, "doch in Anlehnung an Arendt: Das ist noch nicht die neue Freiheit. Diese muss erst noch aufgebaut werden."Novaja Gazeta Europe (Russland / Lettland), 17.04.2026
The Times of Israel (Israel), 31.03.2026
The Free Press (USA), 13.04.2026
In The Free Press erklärt Haviv Rettig Gur geduldig, dass es sehr unterschiedliche Arten von israelischen Siedlern gibt. Ein sehr großer Teil der Siedler sind ultraorthodoxe Juden, die ein paar hundert Meter weg von Jerusalem leben - und das zumeist, weil die Mieten hier billiger sind. Es gibt aber auch die messianischen Extremisten der "Hilltop Youth", die zwar eine sehr kleine Speerspitze bilden, aber von den rechtsextremen Politikern in Netanjahus Regierung, Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir zumindest gedeckt werden. Das Ausmaß der Siedlergewalt wird von den UN und westlichen Medien, deren Berichterstattung nicht immer von Kenntnis getrübt ist, meist übertrieben, so der Autor, aber die Gewalt der Radikalen ist nicht schönzureden. Rettig Gur wünscht sich, dass diese Terroristen von den israelischen Behörden genauso bekämpft werden wie palästinensische Terroristen. Sonst würde Israel den "Krieg der Narrative" vollends verlieren. Allerdings "bin ich widerwillig zu der Vermutung gelangt, dass zumindest Smotrich - und vielleicht auch Ben-Gvir, falls er sich überhaupt Gedanken über solche Dinge macht - wollen, dass Israel den Kampf um die Deutungshoheit verliert. Sie streben aktiv ein Israel an, das auf der Weltbühne isoliert ist, ein Israel, das bereits den internationalen Preis für die von ihnen befürwortete Politik bezahlt hat und dadurch eher bereit ist, Maßnahmen wie die Massenvertreibung der palästinensischen Bevölkerung aus dem Westjordanland und den Neubau von Siedlungen im Gazastreifen durchzuführen. Ein isoliertes Israel ist schließlich ein Israel ohne Einschränkungen. Wenn dieser Verdacht zutrifft, dann geht es bei ihrer Weigerung, dem Militär zu erlauben, hart gegen extremistische israelische Gewalt vorzugehen, nicht nur um politische Zweckmäßigkeit. Es ist ein bewusster Schachzug, um genau den Schaden zu vergrößern, den diese Gewalt derzeit dem Ansehen Israels zufügt."New Yorker (USA), 20.04.2026

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