Magazinrundschau

Was das Meer nicht will

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
10.03.2026. Der Guardian porträtiert den starken Mann und wahren Herrscher Libyens Khalifa Haftar. Kann die Trump-Regierung wirklich als Faschismus beschrieben werden? Im Merkur plädiert Patrick Eiden-Offe eher für "Faschisierung". Die New York Times erzählt die Geschichte der afghanischen Zero Units. In La Regle du Jeu lässt BHL noch einmal António Lobo Antunes zu Wort kommen. Die London Review fragt sich, wie Autismusdiagnosen innerhalb von 40 Jahren 5 pro 10.000 Menschen auf heute etwa 1 pro 100 steigen konnten. Und der New Yorker untersucht den Boom Klassischer Philologie in China.

Guardian (UK), 10.03.2026

Anas El Gomati porträtiert Khalifa Haftar, den starken Mann Lybiens. Eines Landes mithin, in dem seit über zehn Jahren zwei Regierungen existieren, die beide die Souveränität über das gesamte Land für sich beanspruchen. Wirklich souverän ist jedoch nur einer, den niemand gewählt und der keinen offiziellen Titel hat - eben Khalifa Haftar, der sich in der Vergangenheit mal mit Ghaddafi, mal mit der CIA zusammentat, inzwischen jedoch auf eigene Rechnung arbeitet. Es sind seine Streitkräfte, die die Ölreserven des Landes und beide Regierungen kontrollieren: "Seit mehr als einem Jahrzehnt, während Libyens Politiker um diplomatische Anerkennung stritten, veränderte Haftar die Realität vor Ort: Er sammelte das Öl, das Territorium und die ausländischen Unterstützer, die echte Macht ausmachen. Er behauptet, ein Diener der östlichen Regierung zu sein - doch es ist eine Regierung, deren Minister von ihm gebilligt werden, deren Parlament von seinen Soldaten umstellt ist und deren Gesetze nur gelten, wenn er es erlaubt. Unterdessen überlebt die rivalisierende Regierung in Tripolis von Öleinnahmen und Infrastruktur, die durch Gebiete verlaufen, über die er die volle Kontrolle hat. Beide Regierungen sind offiziell für alles verantwortlich, doch keine hat Macht über irgendetwas Wesentliches. Das ist Haftars System: alles kontrollieren was zählt, für nichts verantwortlich sein und alle dazu zwingen, so zu tun, als existiere diese Ordnung nicht. Dieses System wird von außen durch ausländische Mächte gestützt und im Inneren durch erzwungenes Schweigen zusammengehalten. Ägypten, Russland und die Vereinigten Arabischen Emirate erkennen offiziell die Regierung in Tripolis an. In der Praxis jedoch unterstützen sie Haftar. Die VAE finanzieren seine Operationen und liefern die Waffen, die seine Autorität durchsetzen. Ägypten stellt Geheimdienstinformationen bereit und lässt ihn einen Militärstützpunkt auf ägyptischem Territorium nutzen. Russland liefert Söldner, die seine Ölfelder bewachen und seine Kriege führen."
Archiv: Guardian
Stichwörter: Libyen, Haftar, Khalifa

Merkur (Deutschland), 01.03.2026

Viel Diskussion gab es seit Trumps Wiederwahl um das "F-Wort", wie der Kulturwissenschaftler Patrick Eiden-Offe in einem Essay darlegt: Ist Trump nun ein Faschist oder ist er es nicht? Eiden-Offe schlägt statt des historischen Faschismus-Begriffs den der "Faschisierung" vor. Der ist übrigens auch keine neue Erfindung, wie wir lesen, bereits Georg Lukacz benutzte ihn, später fragte André Glucksmann 1972 in Les Temps Modernes: "Gibt es nicht vor dem Faschismus die Faschisierung, die ihn vorbereitet und etabliert?" In "allen aufgeführten Richtungen zielt der Begriff der Faschisierung auf eine Auffächerung der Perspektiven und Fragerichtungen: weg von der monolithischen Betrachtung des Faschismus, hin zur Untersuchung einzelner Sachgebiete und Institutionen, die im Prozess der Faschisierung strategisch zusammengeführt werden, die potenziell aber auch Widersprüche und Inkohärenzen entfalten können. Faschisierung vollzieht sich auf unterschiedlichen Ebenen: im Bereich der großen, offiziellen Politik wie dem der öffentlichen Meinung; in den (ehemals) seriösen Medien wie in den ausgewilderten Sphären des Netzes und der sozialen Medien; und schließlich auch im Bereich des Persönlichen oder Privaten, der eben durch diese neuen Medien und Vernetzungsmöglichkeiten kaum noch klar abzugrenzen ist. All das ist nicht ganz neu, und all diese Phänomene müssen einzeln und gesondert untersucht werden und werden es vielerorts auch schon. Was heute zu einer neuen Debatte treibt - zur Debatte um einen 'neuen Faschismus' etwa -, ist die Beobachtung (oder das Gefühl), dass die einzelnen Bereiche und Maßnahmen auf eine neue, andere und stärkere Weise zusammenwirken. Für genau diese neue Form des Zusammenwirkens schlage ich den Begriff der Faschisierung vor, und dabei möchte ich - das Latinum war vielleicht doch zu etwas gut - auf die Übersetzung des lateinischen fascis /fasces: das Bündel zurückgreifen. Faschisierung wäre dann eine Bündelung, und erst in der Bündelung entstehen die Faschisierungseffekte, mit denen wir es heute zu tun haben - durch Verzahnung, Ergänzung und gegenseitige Verstärkung."
Archiv: Merkur

Elet es Irodalom (Ungarn), 06.03.2026

Einen Monat vor den Parlamentswahlen in Ungarn ist der Publizist János Széky sehr pessimistisch, was das Wahlverhalten der Ungarn und deren Umgang mit dem Ergebnis angeht: "Bei genauerer Betrachtung ist die durch Regierungspropaganda beeinflusste Masse hinsichtlich ihrer Struktur und ihres Verhaltens nichts anderes als eine Sekte, die ihre eigene Zerstörung gutheißt. Sie ist nicht mehr in der Lage zu erkennen, dass das, was sie tut, Selbstzerstörung ist." Das ist nicht neu, das gab es sogar schon vor dem Internet, erklärt Szeky und nennt als Beispiel den 18. November 1978, als nicht nur die islamische Revolution im Iran ausbrach, sondern auch "in Guyana, auf einer elenden Kollektivfarm namens Jonestown - einem selbsterklärten 'sozialistischen Paradies' - 909 US-Bürger, darunter 304 Minderjährige, einen massenhaften 'revolutionären Selbstmord' begingen. Ihrem Anführer zufolge war dies die einzige Möglichkeit zu verhindern, dass sie ihren grausamen Feinden, der kapitalistischen Elite, den weißen Rassisten, der CIA, dem FBI und dem Anwalt Tim Stoen, der seinen sechsjährigen Sohn aus der Sekte zurückforderte, in die Hände fielen und sich überhaupt dem Gesetz stellen mussten. Zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem 11. September war dies der größte Verlust an zivilen Menschenleben in den Vereinigten Staaten aufgrund einer Gewalttat. (...) Es gibt eine ganze Reihe von Filmen über das Massaker von Jonestown, Netflix arbeitet gerade an einer dreiteiligen Dokumentarserie. Für mich lautet die Lehre daraus: Man sollte nicht darauf vertrauen, dass die Auswirkungen von Gehirnwäsche und Fanatisierung begrenzt und flüchtig sind. Es gibt keine Grenzen, und die ungarischen Verfechter der Freiheit sollten auch nicht daran glauben."
Stichwörter: Ungarn

New York Times (USA), 01.03.2026

Matthieu Aikins und Wesley Morgan haben sich mit ehemaligen Mitgliedern der Zero Units unterhalten, das waren von der CIA gegründete afghanische Spezialeinheiten, die gemeinsam mit amerikanischen Soldaten gegen die Taliban gekämpft hatten. Waisenknaben sind das nicht - den Einheiten wurden auch Morde an Unbewaffneten vorgeworfen. Tatsache ist aber auch, dass sie von der CIA ausgebildet, trainiert und als Mitkombattanten eingesetzt wurden. Nach dem Krieg konnten viele in die USA reisen. Als Kämpfer waren sie bei den Amerikanern höchst respektiert, aber als Nachbarn? "'Es gab nie einen Plan, sie alle nach Amerika zu holen', sagte ein hochrangiger pensionierter CIA-Beamter. Er sagte, viele Berater seien der Meinung gewesen, dass es keine gute Idee sei, Tausende von ihnen in den Vereinigten Staaten anzusiedeln. Die kulturelle Kluft sei zu groß, und viele der Soldaten hätten kaum eine Ausbildung oder Erfahrung mit anderen Dingen als dem Krieg. 'Die paramilitärischen Leute, mit denen ich gesprochen habe, sagten: Ich vertraue diesen Leuten hier mit meinem Leben, aber ich möchte sie nicht als Nachbarn in den USA haben.'" Doch das Chaos des US-Rückzugs ließ Joe Biden damals kaum eine andere Wahl, wollte er die Kämpfer nicht von den Taliban abschlachten lassen. Es lief auch alles einigermaßen, bis Rahmanullah Lakanwal, ein afghanischen Flüchtling, der Teil der Zero Units gewesen war, letzten November zwei Soldaten der Army National Guard in Washington, D.C. erschoss. Regierungsbeamte nahmen daraufhin alle afghanischen Evakuierten ins Visier, an deren Einreise sie der Regierung Biden die Schuld gaben, ohne die CIA-Beteiligung aus Trumps erster Amtszeit zu erwähnen. genommen. Bald gab es mehrere Verhaftungen. "Laut Personen, die mit den Verfahren gegen Veteranen der Zero Unit in ICE-Haft vertraut sind, hat die Regierung dieselben Menschenrechtsberichte herangezogen, die die CIA als Ergebnis der Taliban-Propaganda abgetan hat. ... Ehemalige Mitglieder der Zero Unit und ihre Unterstützer argumentieren, dass einige wenige Einzelfälle von Gewalt nicht repräsentativ für die große Mehrheit sind, die einfach nur ihre Familien versorgen und ihr Leben weiterleben möchte. 'Ich sehe sie wie amerikanische Veteranen', sagte ein ehemaliger paramilitärischer Agent. 'Letztes Jahr hat ein Armee-Veteran in New Orleans mit seinem Auto eine Gruppe von Menschen überfahren und ein Marine-Veteran hat in Michigan eine Kirche beschossen. Das ist schrecklich, aber deshalb scheren wir nicht die gesamte Armee oder das gesamte Marine Corps über den gleichen Kamm.'"
Archiv: New York Times

La regle du jeu (Frankreich), 05.03.2026

Bernard-Henri Lévy veröffentlicht auf der Seite seiner Zeitschrift ein "Entretien-fleuve" mit dem kürzlich verstorbenen portugiesischen Autor António Lobo Antunes, der hier über seinen Arztberuf spricht, den er auch im Kolonialkrieg in Angola ausübte, und der in einem Absatz seine Herkunft und Öffnung zur Welt erzählt: "Ich wurde in eine privilegierte Familie geboren, lebte seit meiner Kindheit in einem großen Haus mit Garten, war der zukünftige Freiherr, gehörte zur Aristokratie. Es gab keine Beziehungen zwischen den verschiedenen sozialen Schichten, so dass wir ziemlich isoliert waren. Ich begann früh mit dem Studium, ich war 16 Jahre alt, und dort lernte ich eine Welt kennen, die mir bis dahin verschlossen war. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Zugfahrt mit Soldaten. Wir kamen aus dem Norden und der Zug fuhr am Meer entlang. Ein Soldat fragte mich: 'Herr Leutnant, wie heißt dieser Fluss mit so viel Schaum?' Er hatte noch nie das Meer gesehen, was für einen Portugiesen unverständlich ist - manchmal denke ich, dass Portugal das ist, was das Meer nicht will: Das Wasser zieht sich zurück, zurück bleiben eine Kathedrale, ein paar Häuser, die Armut der Diktatur, das Elend."
Archiv: La regle du jeu

London Review of Books (UK), 05.03.2026

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Paul Taylor beschäftigt sich im Rahmen seiner Besprechung von Suzanne O'Sullivans Buch "The Age of Diagnosis" mit dem Problem der Überdiagnostik - Krankheiten oder Störungen, die sich in einer Population auszubreiten scheinen, aber nicht, weil tatsächlich mehr Menschen objektiv nachweisbare Symptome aufweisen, sondern weil sich die Diagnosekriterien oder auch die Selbstbeobachtungsschemata der Patienten geändert haben. Beispiele, auf die der Text zu sprechen kommt, sind, unter anderem, Lyme-Borreliose, ADHS - und Autismus: "Autismus wurde erstmals 1943 in einer Veröffentlichung das amerikanischen Psychiaters Leo Kanner beschrieben. Darin schilderte er elf Kinder, die er behandelte und die unfähig waren, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Bis 2021 hatten schätzungsweise 61,8 Millionen Menschen weltweit eine Autismusdiagnose. Allerdings ist die Erkrankung heute nicht mehr dieselbe wie die, über die Kanner schrieb. Damals wurde sie als Unterform der kindlichen Schizophrenie verstanden und auf Personen mit schwerer geistiger Behinderung beschränkt. Die ersten Veränderungen kamen in den 1970er-Jahren, als Psychiater Patienten mit Merkmalen identifizierten, die denen in Kanners Stichprobe ähnelten, aber eine viel größere Bandbreite an Sprachfähigkeiten zeigten. Da Autismus als irreversibel galt, ist es überraschend, dass die Störung jahrzehntelang nur bei Kindern diagnostiziert wurde. Als schließlich erkannt wurde, dass Autismus auch bei Erwachsenen vorkommt, wurden die diagnostischen Kriterien erneut erweitert. Das Asperger-Syndrom wurde 1994 im DSM-4 als mildere Form der Störung aufgenommen. Seitdem wurde Autismus als Spektrumstörung neu definiert, und das Asperger-Syndrom wurde wieder als eigene Diagnose gestrichen, als 2013 das DSM-5 veröffentlicht wurde. Die Häufigkeit von Autismusdiagnosen ist von 5 pro 10.000 Menschen in den 1980er-Jahren auf heute etwa 1 pro 100 - oder sogar mehr - gestiegen. Ein Teil dieses Anstiegs ist auf bessere Erfassung und Meldung zurückzuführen. Auffällig ist jedoch, dass die Häufigkeit von schwerem Autismus kaum zugenommen hat."

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Erin Maglaque liest das Buch "Street Style" der Historikerin Elizabeth Currie, die vor allem an den Gemälden Caravaggios die Bedeutung von Mode und Kleidung im Barock untersucht: "Currie macht uns auf Details aufmerksam, die wir sonst vielleicht übersehen oder nicht richtig deuten könnten: die wehenden Federn an den Mützen der Bravi; die hauchzarten Schleier römischer Adliger; die voluminösen Umhänge der 'Zigeunerinnen' (die ihnen, laut Zeitgenossen, beim Hühnerdiebstahl halfen). Das Buch vertieft unser Verständnis der Malerei von Straßenszenen und gibt einen Einblick in die Bedeutung der Mode für die einfachen Leute. Rom - wie weite Teile des frühneuzeitlichen Europas - war ein Ort, an dem Kleidung eine große Rolle spielte. Ein römisches Gesetz von 1561 schrieb beispielsweise vor, dass Schuldner eine grüne und jüdische Männer eine gelbe Baskenmütze tragen mussten. Eine Verordnung von 1631 besagte, dass Roma-Frauen 'ihre Roma-Kleidung ablegen oder vielmehr zerstören mussten'. Sexarbeiterinnen wurde das Tragen des modischen Lenzuolo, des langen, durchsichtigen Schleiers, der von römischen Adligen getragen wurde, verboten. Diese wiederum durften die Zimarra, ein Überkleid mit schicken, herabhängenden Ärmeln, oft aus Seide gefertigt oder mit glitzerndem Metallfaden bestickt, nicht tragen, das bei Sexarbeiterinnen beliebt war."

Eurozine (Österreich), 09.03.2026

Der Ausschluss russischer Athleten von wichtigen Sportveranstaltungen als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg in der Ukraine wird nach und nach rückgängig gemacht, berichtet der ukrainische Schriftsteller und Journalist Mykola Riabchuk. Das IOC erlaubte beispielsweise 2024 die Teilnahme russischer Sportler bei der Olympiade, darunter auch "höchst fragwürdiger Persönlichkeiten" wie den Eiskunstläufer Petr Gumennik, der mit einer militärisch inspirierten Kür in Soldatenuniform für Aufsehen sorgte. Gefährlich und naiv findet Riabchuk die rhetorische Frage von UEFA-Chef Aleksander Čeferin, der in einem Interview wissen wollte, "ob das Verbot russischer Vereine den Krieg beendet habe. ... Natürlich können Sanktionen im Sport keine Kriege verhindern, die mit harter Macht geführt werden; sie können aber die Kriegsfähigkeit eines Staates erheblich schwächen, indem sie seine Mittel für internationale Propaganda, Beschönigung und nationalistische Mobilisierung einschränken. Ein weiteres Argument, das Sportbefürworter häufig zur Rechtfertigung ihrer versöhnlichen Politik gegenüber Schurkenstaaten anführen, ist die angebliche Autonomie des Sports von der Politik. Selbst in Demokratien trifft dies nur teilweise zu. Und in Autokratien ist es eine bewusste, skrupellose Lüge. Der Begriff der Autonomie liegt dem zugrunde, was Experten als 'Sportwashing' bezeichnen - dem Prozess, durch den Regime mithilfe der Förderung populärer Sportveranstaltungen und der dabei demonstrierten organisatorischen Fähigkeiten von ihren unschönen, repressiven Aktivitäten im Inland und ihren Aggressionen im Ausland ablenken."

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In einem ausführlichen Interview erklärt die britische Politikwissenschaftlerin Mary Kaldor den Unterschied zwischen "alten" und "neuen" Kriegen: Russland konzentriere sich in seiner Kriegsführung immer mehr auf die Techniken des "neuen Krieges", also hybride Kriegsführung, Spaltung und Unterwanderung von Gesellschaften, Verbreitung von Fake News. Europa muss sich darauf einstellen, fordert Kaldor: "Ich war mein Leben lang in der Friedensbewegung aktiv und sehe mich als Friedensaktivistin. Doch Friedensaktivistin zu sein ist etwas anderes als Pazifistin zu sein. Wer sagt, wir sollten die Ukraine nicht mit Waffen unterstützen, meint im Grunde, wir sollten kapitulieren. Ich weiß, es gibt ein durchaus überzeugendes Argument: 'Wäre es uns allen nicht viel besser ergangen, wenn wir im Zweiten Weltkrieg nicht gegen Hitler gekämpft und einfach kapituliert hätten? Viele Menschen hätten überlebt, anstatt zu sterben.' Wäre es uns besser ergangen? Meine Ansicht ist jedoch mit dem Völkerrecht verbunden. Wir haben die letzten Jahrhunderte damit verbracht, gewaltfreie Mechanismen zur Konfliktlösung, Wahlen, Gerichte und Polizeiarbeit zu entwickeln. Die Polizei darf Gewalt anwenden. Jeder darf sich verteidigen, wenn er angegriffen wird und niemand da ist, der ihm helfen kann. Selbstverteidigung ist in zivilen Situationen erlaubt, nicht nur im Krieg. Sie ist für die Gerechtigkeit notwendig."
Archiv: Eurozine

HVG (Ungarn), 05.03.2026

Die junge Judit Polgár beim Blitzschach.

Vor kurzem hatte auf Netflix eine Doku über die ungarische Schachgroßmeisterin Judit Polgár Premiere, deren Leben als Inspiration für die Miniserie "Queen´s Gambit" diente. Im Interview mit Rita Szentgyörgyi spricht die heute 50-jährige Polgár u.a. über die Regisseurin der Doku, Rory Kennedy, aber auch über die Anerkennung als Frau in der von Männern dominierten Schachwelt: "Die Männer machten mir mit Worten und Blicken klar, dass sie ein Mädchen für ungeeignet zum Schachspielen hielten. Kasparow, Fischer und andere waren grundsätzlich der Meinung, dass Frauen nicht klug genug seien, weder schachspielen noch dauernd unter Spannung stehen und kämpfen könnten. Als ich mit zehn Jahren einen internationalen Meister besiegte, begann ein anderer Spieler ihn zu foppen: 'Was ist los, hast du gegen ein kleines Mädchen verloren?' Darauf antwortete er: 'Warte, bis du selbst gegen sie spielst!' Aus diesem Grund war es den meisten unangenehm, gegen mich zu spielen. (…) Viswanathan Anand, der spätere fünffache indische Weltmeister, erklärte 2003, dass sie mich als Kollegin ansehen: 'Sie ist eine von uns.'"
Archiv: HVG

New Yorker (USA), 08.03.2026

Während das Studium der Klassischen Philologie im Westen in der Krise steckt - allein in den letzten sechs Jahren haben etwa zehn Hochschulen ihre Institute geschlossen, erfahren wir, boomen die alten Griechen und Römer plötzlich in China, und das obwohl westliche Gesellschaften als "Höllenlandschaften" gelten und Mao Zedong die Antike einst als "feudale Schlacke" bezeichnete, staunt Chang Che: "Die Gründe für diese Begeisterung sind umstritten, doch die meisten Wissenschaftler sind sich einig, dass chinesische Beamte die westlichen Klassiker als Ergänzung ihrer Politik betrachten. In den letzten Jahren hat Xi Jinping das 'kulturelle Selbstbewusstsein' zu einem Eckpfeiler der nationalen Politik gemacht und damit den Stolz auf chinesische Traditionen und Werte zum Ausdruck gebracht. In ganz China schießen archäologische Museen und Ausstellungen wie Pilze aus dem Boden, und vernachlässigte Dörfer werden zu detailgetreuen Kulissen alter Städte umgestaltet. An den Universitäten war das Studium altchinesischer Texte traditionell auf verschiedene Disziplinen verteilt; nun versuchen die Universitäten unter staatlicher Anleitung, diese Forschung in neuen klassischen Instituten zu bündeln, wo - so eine Theorie - alte Wahrheiten bewahrt und weitergegeben werden können." Bei der Einweihung eines Zentrums der Chinesischen und Griechischen Zivilisationen wurde ein Brief von Xi Jinping verlesen, der denn auch offenlegte, wie Xi sich den Umgang mit dem westlichen Kulturerbe vorstellt: "'Wie einander von beiden Enden des eurasischen Kontinents entgegenstrahlend', hatte Xi geschrieben, 'sollten China und Griechenland zusammenarbeiten, um den gegenseitigen Wissensaustausch zu fördern.' Das Schreiben verankerte die Idee, dass der moderne Westen - geprägt von Liberalismus, Konstitutionalismus und Mehrparteiendemokratie - konzeptionell vom antiken Westen, repräsentiert durch Griechenland und Rom, zu trennen sei. Im Bestreben Chinas, seine Zivilisation zu entwickeln, galt der moderne Westen als ideologischer Gegner, der antike Westen hingegen als potenzieller Verbündeter."
Archiv: New Yorker