Magazinrundschau
Im Namen des Guten
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
03.03.2026. Die New York Times bringt eine erschütternde Recherche zu den Toten der iranischen Proteste vom Anfang des Jahres. Wie es im Iran nach dem Tod Ali Khameneis weitergeht, entscheiden die Revolutionsgarden, meint der New Statesman. Und Wired fragt sich, welche Folgen der Krieg für Trump haben wird. New Lines sammelt die Stimmen von glücklich Geschiedenen in Mauretanien. Der New Yorker fragt sich, warum Shere Hite heute fast vergessen ist, deren Report erstmals erklärte, wie amerikanische Frauen Sex mögen. In Atlantico erklärt der französische Intellektuelle Samuel Fitoussi, warum "Antifaschismus" ein kindischer Begriff ist.
New York Times (USA), 25.02.2026
New Statesman (UK), 02.03.2026
Wie geht es im Iran nach Ali Khameneis Tod weiter? Nicht amerikanische und israelische Bomben aus der Luft und auch nicht Proteste auf den Straßen werden darüber entscheiden, glaubt Saeid Jafari; vielmehr entscheidet sich die Zukunft des Landes an der Frage, ob die Revolutionsgarden weiterhin geschlossen hinter dem islamischen Regime stehen: "Wenn die Revolutionsgarden zusammenhalten, wird das Regime überleben. Doch sobald es erste Anzeichen von Zerfall gibt - Meinungsverschiedenheiten, nachlassende Loyalitäten, chaotische Befehlsstrukturen - könnte das Regime rasch stürzen. Die Einigkeit der Garden ist aufgrund der wirtschaftlichen Belastungen bereits brüchig. Krieg ist kostspielig, und die Sanktionen wiegen schwer. Das Regime könnte Schwierigkeiten haben, seine Sicherheitskräfte zu bezahlen, sodass die Loyalität ins Wanken geraten könnte. Doch solange das Regime seine Soldaten bezahlt, ist ein vollständiger Zusammenbruch eher unwahrscheinlich. Wenn die Garden geeint bleiben, ist kurzfristig nicht eine Liberalisierung, sondern vielmehr eine weitere Stärkung des Polizeistaats wahrscheinlich. Formal wird der Expertenrat einen neuen obersten Führer wählen. Doch im Krieg wird die faktische Macht bei den Sicherheitseliten liegen. Der klerikale Prozess mag zwar verfassungsgemäß durchgeführt werden, dürfte sich jedoch am Machtgleichgewicht innerhalb der Befehlsstrukturen orientieren. Schon vor dem Tod Khameneis war das iranische System tief mit den Revolutionsgarden, den Eliteeinheiten der iranischen Armee, verflochten. Der Tod des obersten Führers könnte einen Wandel beschleunigen, der bereits im Gange war: weg von einem klerikal dominierten hin zu einem sicherheitsdominierten System. Ein neuer oberster Führer könnte zwar formell rasch ernannt werden. Doch ob dieser tatsächlich eigenständig regiert oder faktisch unter der Kontrolle des militärischen Establishments steht, bleibt abzuwarten."Ailbhe Rea beschäftigt sich derweil mit der Strategie des britischen Premiers Keir Starmer. Der hat nach einigem Zögern den Amerikaner die Nutzung britischer Militärbasen im Rahmen des Kriegs mit dem Iran erlaubt, allerdings nur für "defensive" Luftschläge auf iranische Raketenbasen. Eine Sprachregelung, die möglicherweise schon bald Geschichte sein könnte. "Wie lange wird die Unterscheidung zwischen 'defensiv' und offensiv Bestand haben? Sollte der Iran britisches Militärpersonal oder britische Stützpunkte auf Zypern oder anderswo angreifen, könnte Großbritannien schon bald sehr viel tiefer in den Konflikt hineingezogen werden." Hintergrund der vorsichtigen Haltung ist mindestens auch, glaubt Rea, die seinerzeit in Großbritannien ausgesprochen unpopuläre Entscheidung der Labour-Regierung Tony Blairs, sich am Irakkrieg der von George W. Bush geführten US-Regierung zu beteiligen: "Eine Labour-Regierung wurde bereits früher durch einen Konflikt im Nahen Osten schwer beschädigt, als sie darum rang, eine enge Beziehung zu den USA aufrechtzuerhalten und zugleich rechtlich vertretbare sowie strategisch sinnvolle Entscheidungen in der Region zu treffen - und sich dabei auch noch die Unterstützung der Öffentlichkeit zu sichern. Keir Starmer ist sich nur zu bewusst, dass Labour in dieser Hinsicht schon einmal gescheitert ist."
New Lines Magazine (USA), 02.03.2026
Der Iran steht nicht am Rande einer Revolution, sondern am Rande der Erschöpfung, meint der israelische Nahostexperte Menahem Merhavy. "Im heutigen Iran sind Akte stillen Widerstands Teil des Alltags geworden. In den großen Städten des Landes sieht man unverhüllte Frauen an öffentlichen Orten. Protestlieder sind weit verbreitet. Die dramatischen Ereignisse von Ende Dezember und Januar mit erneuten Konfrontationen und einer gewaltsamen Reaktion des Staates haben das Gefühl der Krise noch verstärkt. Doch selbst in dieser Zeit erhöhter Spannungen gibt es keinen anhaltenden Massenaufstand, keine konsolidierte revolutionäre Führung, keinen klaren Bruch mit der politischen Ordnung, die das Land seit fast einem halben Jahrhundert regiert. Die Wahrheit könnte einfacher und beunruhigender sein. Der Iran steht keineswegs vor einem revolutionären Moment. Er tritt in eine längere Phase des politischen Niedergangs ein, in der die Macht fortbesteht, auch wenn die Legitimität schwindet, in der sich die Politik nicht durch dramatische Brüche, sondern durch Erosion entwickelt - zunächst langsam, dann, wie in den letzten Jahren, in immer schnellerem Tempo."In Mauretanien gibt es ziemlich hohe Scheidungsraten, es ist normal, dass Frauen einen Mann nach wenigen Monaten wieder verlassen, wenn der es (zum Beispiel finanziell) nicht bringt, schildern Oliver Dunn und Josef Skrdlik in Newlines. Das Land ist islamisch geprägt, für viele ist die Ehe schlicht Voraussetzung, sich auch sexuell ausprobieren zu können. Die islamische Praxis der Sirriya, eine geheime Ehe, bietet da eine Art Schlupfloch, denn sie kann schon mit dem dreifachen Ausspruch des Satzes "Ich bin von dir geschieden" aufgelöst werden: "Samia, eine dreifache Mutter in ihren späten Zwanzigern, ist viermal geschieden, die letzten beiden Ehen waren Sirriya. Die geheimen Arrangements, beide haben nur ein oder zwei Monate gehalten, waren finanziell lukrativ - Goldarmbänder, Bargeld in Höhe von insgesamt 12 500 Dollar und ihre Miete wurde für ein Jahr bezahlt. Als nun freie Frau ist sie auf der Suche nach einem wettbewerbsfähigen Mann. 'Ich will jemanden, der ein Bossmann ist', sagt sie. 'Jemanden, der einen großen Schwanz hat, jemanden, der Moslem ist. Ich kann alle Sexstellungen.' Wird sie gefragt, ob sie sich ein eher lockeres Arrangement vorstellen kann - eines, das nicht durch einen Imam abgesegnet ist - ist ihre Antwort ein definitives Nein. 'Das wäre haram', betont sie. Der Bemerkung, dass eine Ehe auch durch Liebe zustande kommen könnte, wird mit ähnlichem Spott begegnet. 'Ich kann dein Herz nicht essen. Es wird mir keine Kleidung kaufen', gibt sie zu verstehen. Die Sicht auf Sirriya ist sehr unterschiedlich. Nech (eine weitere mauretanische geschiedene Frau, d. Red.) zum Beispiel sieht kaum einen Unterschied zwischen Sirriya und Prostitution. 'Ich habe einen Bild von einem Schwein gesehen, auf dem der Stempel halal prangte. Das ist das gleiche. Das macht es nicht halal', findet sie. Viele aber verteidigen diese Arrangements hartnäckig. Für Mohamed, einen lokaler Politiker, macht die Zustimmung des Imams den Unterschied:'Lockerer Sex und Sirriya, das sind komplett unterschiedliche Dinge.'"
Außerdem einen Blick wert: Phineas Rueckert besucht den ehemaligen Präsidentschaftskandidaten der Kommunistischen Partei Chiles, Daniel Jadue, einen Chilenen palästinensischer Herkunft, der heute wegen Korruption angeklagt ist.
Elet es Irodalom (Ungarn), 27.02.2026
Der Philosoph Mihály Szilágyi-Gál beleuchtet die Kommunikationsstrategien Viktor Orbáns in der Wahlkampagne für die anstehenden Parlamentswahlen im April in Ungarn. "Angesichts der Möglichkeit einer Wahlniederlage spricht Orbán nicht mehr über seine nahe Zukunft, sondern über die Zukunft der Zukunft, über die Rolle der Opposition, den folgenden Sieg und die Rückkehr zur Macht. Im zunehmenden Schatten der Niederlage kann er freier sprechen, ohne die Last eines zu gewinnenden Rennens - wie der Oppositionskandidat - zu tragen. Er kann es sich leisten, sein eigenes Déjà-vu vorzubereiten, sodass man irgendwann sagen kann: 'Er hatte es schon damals gesagt.' Teil dieser Kommunikationsstrategie ist es, sich das Vokabular der Großkapital- und Kriegsfeindlichkeit der Linken zu eigen zu machen. Denn obgleich die jeweilige Regierung über bessere Kommunikationsmittel verfügt, hat die Opposition immer den rhetorischen Vorteil, dass sie nicht die Verantwortung der Führung trägt und somit aus einer konfrontativen, kritischen Position heraus sprechen kann."New Yorker (USA), 02.03.2026

Weiteres: Jill Lepore graust es jetzt schon vor der 250-Jahr-Feier der Gründung der USA - ein Blick zurück auf deren Geschichte hilft auch nicht. Hilton Als besucht eine Ausstellung des französischen Fotografen Eugène Atget im International Center of Photography in New York. Justin Chang sah im Kino zwei Dokumentarfilme: Gianfranco Rosis "Pompei: Below the Clouds" and Werner Herzogs "Ghost Elephants".
Atlantico (Frankreich), 25.02.2026
Das Bekenntnis zum "Antifaschismus" ist auch in Deutschland in Mode, ein Begriff der nicht viel besagt, da Antifaschisten nicht immer Demokraten waren und man nicht weiß, im Namen welcher Ideologie sie sich einer anderen entgegenstellen. Samuel Fitoussi, brillanter junger Intellektueller, der ein Buch über die Verführbarkeit der Intellektuellen geschrieben hat, findet diesen Begriff kindisch - und gerade darum nicht ungefährlich. Im Gespräch mit Atlantico führt er das aus: "Die extreme Linke denkt zum Teil wie ein kleines Kind. Faschismus ist schlecht, wir bezeichnen uns selbst als Antifaschisten, also sind wir gut. 'Es ist zwangsläufig binär', twitterte der LFI-Abgeordnete Antoine Léaumont, 'entweder ist man Faschist oder Antifaschist. Es gibt nichts dazwischen.' Mit dieser Argumentation kann man Wladimir Putin keine Vorwürfe mehr machen, der schließlich eine 'Entnazifizierungsaktion' in der Ukraine durchführt! Die extreme Linke vergisst die einzige Lehre der Geschichte: Das Böse wird immer von Erwachsenen begangen, die davon überzeugt sind, für eine bessere Welt zu kämpfen, und aus dieser Gewissheit die Rechtfertigung für ihre Gräueltaten ziehen. In Wirklichkeit glaubten die größten Verbrecher - ob rechts, links oder sogar Dschihadisten - sämtlich, im Namen des Guten zu handeln. 'Eine Hauptkunst der Menschen ist, moralische Motive für unehrliche Handlungen zu erfinden', bemerkte Jean-François Revel in seinen Memoiren. Deshalb sollte man einen Menschen nicht nach seiner Meinung über sich selbst beurteilen, genauso wenig wie man eine Gruppe nach der Ideologie beurteilen sollte, die ihr als Rechtfertigung dient. Vielmehr sollte man denen misstrauen, die sich selbst zu Antifaschisten erklären und sich damit den ganzen Tag lang moralische Patente ausstellen."HVG (Ungarn), 26.02.2026
Anlässlich seines ersten Spielfilms "Feels like home" spricht der Regisseur Gábor Holtai im Interview mit Dóra Matalin über Auswirkungen autokratischer Mechanismen auf das Individuum: "Nicht nur in Ungarn werden die Stimmen immer lauter, die sagen, dass man für die eigene Sicherheit und den materiellen Wohlstand ein wenig Freiheit opfern muss. Ich mache Filme darüber, weil ich das Gefühl habe, dass wir derzeit keine Antwort auf diese autokratische Rhetorik und Manipulationstechnik in Verbindung mit Raubkapitalismus haben. (…) Es gibt Menschen, denen das nichts ausmacht und die auch begründen können, warum sie sich auf für sie finanziell äußerst vorteilhafte Situationen einlassen, die sie in demokratischeren Verhältnissen nicht erreichen könnten. Weil es gut für die Kinder und den Hund ist, weil wir in den Urlaub fahren können, weil meine Ehe dadurch glücklicher ist, weil wir gesünder sind, weil wir Geld für einen Privatarzt haben und so weiter. Es gibt viele Gründe, warum man sagen kann, dass so ein Mensch letztendlich Recht hat, dass dies berechtigte Ansprüche sind. Das Problem ist, dass es sich um kurzfristige Vorteile handelt, denn mit seiner Entscheidung konserviert er das System, das letztendlich nur einer sehr kleinen und immer kleiner werdenden Schicht zugute kommt. Es ist charakteristisch für Autokratien, dass die Zahl derer, die von ihren Vorteilen profitieren, immer weiter abnimmt."Wired (USA), 01.03.2026

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