Magazinrundschau

Wenn Skynet besoffen ist

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
26.07.2022. Die New York Times beschreibt den aussichtslosen Kampf der Ukrainer um das Asow-Stahlwerk in Mariupol. Der New Yorker berichtet vom Kriegsgeschehen im Donbass. In Eurozine halten Francis Fukuyama und der ukrainische Autor Valerii Pekar einen "Dialogue on war". Harper's erinnert an den vor zehn Jahren verstorbenen britischen Intellektuellen Christopher Hitchens. A2Alarm erinnert an die fortschrittlichen Frauen der Ersten Tschechoslowakischen Republik. Und Verge amüsiert sich mit der Schreibhilfe Sudowrite.

New York Times (USA), 24.07.2022

Etwa 80 Tage lang wurde um das Asow-Stahlwerk in Mariupol gekämpft. Offenbar ohne voneinander zu wissen, hatten Zivilisten und Militärs den Industriekomplex für sich als Schutzraum auserkoren und wurden in einer gnadenlosen Belagerung von russischen Truppen aufgerieben. In einer üppig bebilderten Reportage beschreibt Michael Schwirtz etwas sehr stilisiert, aber nichtsdestotrotz beeindruckend, den aussichtslosen Kampf um das Stahlwerk: "Die Welt konnte sehen, was sich im Stahlwerk zutrug. Es war apokalyptisch. Die Soldaten im Feldlazarett von Asowstal erschienen blass und dem Tode nahe. Im dunklen und staubigen Bunker zusammengepfercht lagen sie auf dem nackten Betonboden. Ihre Verwundungen bluteten und eiterten, und wenn Wundbrand eingesetzt hatte, sah das Fleisch grün und verfault aus. Hauptmann Palamar schickte Ende April Fotos und Videos aus dem Lazarett. in der Hoffnung, das Mitgefühl der Welt mit den leidenden Soldaten zu wecken. Schwarzer Pilz überzog das Essen, die verschlissenen alten Matratzen und sogar die Waffen. Medizin war so knapp, dass Chirurgen ohne Anästhesie amputierten. Tag und Nacht beschossen russische Schiffe und Artillerie das Werk, während russische Flugzeuge Raketen und bunkerbrechende Bomben abwarfen, die den Schutzraum nach und nach vernichteten. Tage, nachdem Hauptmann Palamar sein Video verschickt hatte, wurde das Lazarett direkt getroffen, die Wände kollabierten und begruben unter sich eine unbekannte Zahl von Kämpfern und Sanitätern. Sogar als die Soldaten versuchten, ihre Kameraden aus den Trümmern zu bergen, gingen die Kämpfe weiter. 'Wir waren dem Wahnsinn nahe', sagt Dmytro Kosatzky, ein Soldat des Asow-Regiments."
Archiv: New York Times

New Yorker (USA), 01.08.2022

In einer bewundernswerten Reportage voll wirklicher Erfahrung berichtet Luke Mogelson vom Kriegsgeschehen im Donbass. Sehr eindrücklich zeigt er, dass die gezielten russischen Angriffe auf Zivilisten ebenso deren Moral unterminieren sollen wie die unaufhörlichen Bombardements, die Lärm, Chaos, Angst und Tod verbreiten. Mogelson hat vor dem Fall von Lyssytschansk mehrere Wochen in der Industriestadt verbrachtet, deren wirtschaftlicher Niedergang mit der russischen Invasion im Donbas 2014 begonnen hatte: "Der außergewöhnliche Zusammenhalt, der die ukrainischen Kämpfer während der Verteidigung von Kiew getragen hat, ist im Donbass deutlich schwächer. Mein Übersetzer und ich übernachteten im letzten noch offenen Hotel in Bachmut. Als wir eines Abends aus Lyssytschanks zurückkehrten, kamen vier Männer in Zivil auf uns zu. Es waren Soldaten aus der Westukraine, die zur Verstärkung nach Osten entsandt worden waren. In Bachmut wurde jedem von ihnen eine Kalaschnikow, vier Magazine sowie zwei Handgranaten ausgehändigt, dann wurden sie an die Front geschickt. Den Soldaten zufolge war die einzige Anweisung, die sie erhielten, nicht zurückzuweichen. Ihnen wurde nicht gesagt, zu welcher Einheit sie gehörten oder unter wessen Kommando sie stünden. Kurz darauf wurden drei ihrer Kameraden unter russischem Granatenbeschuss verwundet. Sie brachten sie zum nächsten Checkpoint, dann wussten sie nicht mehr, was sie tun sollten: Zu ihrer Position zurückzukehren, wäre Selbstmord. Aber von wem könnten sie sich Anweisungen holen? Schließlich nahm sie ein Militärlaster mit nach Bachmut, jetzt haben sie Angst, als Deserteure verhaftet zu werden. Sie erzählten uns das alles, weil sie unseren Rat wollten. Ich hatte keinen, konnte ihnen nur Zigaretten anbieten… Auch die normalen Büger beteiligen sich hier in keiner Weise so an den Kriegsanstrengungen wie in Kiew. Während die Hauptstadt angegriffen wurde, fanden viele Bewohner, die nicht zum Militär gehörten, andere Arten der Unterstützung: Sie knüpften Camouflage-Netze, füllten Sandsäcke, kochten und lieferten Essen, sammelten ausländische Spenden für Ausrüstung und Medizin. Diese Freiwilligen waren oft Studenten, Künstler, Unternehmer und Akademiker, die alle zusammen eine erstaunliche Fähigkeit bewiesen, zu netzwerken und Ressourcen zu mobilisieren. Für die Bergleute, Bauern und Fabrikarbeiter im Donbass überschatte das eigene Überleben alle anderen Belange."

Dhruv Khullar bilanziert die Hitze, die Indien in diesem Jahr traurige Rekorde bescherte und Vögel tot vom Himmel fielen ließ: "Hohe Temperaturen verstärken Unsicherheit und Aggressivität", sagt ihm ein Arzt: "Die Welt wird heißer und gefährlicher."
Archiv: New Yorker
Stichwörter: Donbass, Ukraine-Krieg 2022

HVG (Ungarn), 24.07.2022

Im Interview mit Dániel Bittner beklagt die Sängerin und Schauspielerin Bori Péterfy die Lage der unabhängigen Theater in Ungarn: "Was mit den Theatern in einem sich seit langem abspielenden Prozess passiert, ist unbegreiflich. Kornél Mundruczó ist einer unserer bedeutendsten Regisseure, doch ich konnte lange wegen der Musik und der Kindererziehung nicht mit ihm arbeiten. Jetzt kann ich es und wir wissen, was er auf internationaler Bühne alles erreicht hat. Doch statt dass sich die Heimat darüber freuen würde, dass ein weltbekannter ungarischer Regisseur ein eigenes Ensemble führt, bekommt sein Theater keinen Cent Unterstützung. Die Situation in der freien Theaterszene ist besonders tragisch ... viele Theater laufen stets mit vollem Haus, doch selbst das reicht finanziell nicht, und man kann nicht ständig die Preise erhöhen. Ich fürchte mich wegen des Krieges und der Inflation auch deswegen, weil sie uns Künstler vollkommen erledigen werden."
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Archiv: HVG

Eurozine (Österreich), 25.07.2022

In der vom PEN Ukraine veranstalteten Gesprächsreihe #DialoguesOnWar haben sich Anfang Juni Francis Fukuyama und der ukrainische Autor Valerii Pekar unterhalten. Ob Putin Atomwaffen einsetzt, wird vor allem davon abhängen, ob er glaubt, damit davonzukommen, meint Pekar: "Wir kennen Russland und die russische Führung recht gut und wissen daher, dass Putin Atomwaffen einsetzen wird, wenn er sich stark und nicht schwach fühlt. Wenn er sich stark genug fühlt, wenn er das Gefühl hat, dass es außer diplomatischen Gesprächen keine Reaktion geben wird, wenn er das Gefühl hat, dass die ihn umgebende russische Elite ihn unterstützt und um ihn herum konsolidiert ist, dann wird er es tun." Für Fukuyama hat dieser Krieg ein Gutes: "dass die Menschen die Alternative zum Liberalismus sehen können - Putin ist die Alternative. Ich denke, der Ausgang des Krieges in der Ukraine wird große Auswirkungen auf den Rest der Welt haben. Wenn es Putin gelingt, einen großen Teil der Ukraine einzunehmen und zu halten, wird er sagen können: 'Vergessen Sie das frühere Ziel, das Regime zu stürzen, wir haben es geschafft, den Donbass zu sichern und die Ukraine wirtschaftlich zu ersticken'. Er wird dies als eine Art Sieg darstellen können, und das wird viele Populisten rechtfertigen, die ihn unterstützt haben ... Deshalb denke ich, dass der Krieg eine viel größere Auswirkung auf die globale liberale Ordnung hat. Deshalb müssen andere liberale Demokratien auf der ganzen Welt der Ukraine weiterhin die größtmögliche Unterstützung gewähren, die sie leisten können."
Archiv: Eurozine

Harper's Magazine (USA), 01.08.2022

Was bleibt von Christopher Hitchens zehn Jahre nach seinem Tod, fragt Christian Lorentzen in einem Essay über den großen Intellektuellen, Polemiker und Trinker. Hitchens verfügte über Witz, Stil und Bildung, versichert Lorentzen, auch wenn er nach dem 11. September nicht mehr die imperialen Machtzentren ins Visier seiner Essays nahm, sondern "Provinzdespoten" wie Slobodan Milosevic oder Saddam Hussein: "In den Abteilungen Theologie und Zauber ist Hitchens' Vermächtnis schwer zu entwirren, da seine atheistischen Brandreden letztlich zu einem Werk hochkarätiger Performance-Kunst wurden, um es großzügig auszudrücken oder weniger wohlwollend, zu einer Stand-up-Nummer. Es ist auch einfach nicht der herausragendste Teil seines Werks, weder auf Video noch auf Papier. Wie bei seiner Polemik gegen den Krieg gegen den Terror setzt er Ironie auf falsche Weise ein. Sie war für Hitchens schon immer ein Hammer, aber jetzt benutzt er ihn, um Nägel einzuschlagen, anstatt sie herauszuziehen. Hitchens' Werk selbst hat etwas mit einem Hammer gemeinsam: Es ist ziemlich kopflastig. Sein Ruf rührt heute von der Arbeit seines letzten Jahrzehnts - dem Rechtsruck, der Gottesverachtung und dem öffentliche Sterben an Krebs. In dieser Zeit wurde er zu einer Berühmtheit. In kommerzieller Hinsicht - und nur in diesem Sinne - könnte man ihn als Spätzünder bezeichnen, aber seine besten Arbeiten stammen aus den Achtzigern und Neunzigern." Aus dieser Zeit stammen die Essays des Bandes "A Hitch in Time". Lorentzen nennt sie die "rechtschaffen-ironisch-zynisch-idealistische-Störenfried-Phase".
Stichwörter: Hitchens, Christopher

A2larm (Tschechien), 21.07.2022

Kristina Němcová erinnert an die fortschrittlichen Frauen der Ersten Tschechoslowakischen Republik, die in den Schulbüchern viel zu wenig erwähnt werden: Neben der immer noch auf ihre Rolle als Kafka-Freundin reduzierten Milena Jesenská, die sich in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts als rebellische Journalistin aus den "weiblichen" Rubriken Mode und Kochen herausgekämpft hatte und sich für soziale Fragen interessierte, sind vor allem Františka Plamínková zu erwähnen, die schon Anfang des Jahrhunderts für das Frauenwahlrecht stritt (das in der Tschechoslowakei mit der Gründung der Republik 1918 eingeführt wurde) und 1925 Vizepräsidentin des International Council of Women wurde, sowie Betty Karpíšková, die als Senatorin der Nationalversammlung die Legalisierung von Abtreibungen und Verhütungsmitteln propagierte - "in damaliger Zeit wirklich revolutionär und völlig gegen die Vorstellungen der katholischen Gesellschaft" -, außerdem Sexualerziehung in den Schulen einforderte. Die Feministinnen fanden übrigens einen Unterstützer in Staatspräsident Tomáš Garrigue Masaryk, der sich, so Němcová, schon als Universitätsprofessor für die Emanzipation der Frauen eingesetzt habe und damit sogar unter den Intellektuellen herausstach, die die Frauen noch mehrheitlich in einer häuslichen Rolle sahen: "Als immer mehr Frauen an den Hochschulen auftauchten, erkannte die Kirche darin eine Bedrohung für das Funktionieren von Familie und Gesellschaft. Masaryk bildete dazu einen Gegenpol, indem er in den gebildeten Frauen einen Fortschritt und eine Stütze für den Aufbau der Gesellschaft sah." In den vierziger Jahren starben die drei Frauen in nationalsozialistischen Konzentrationslagern.
Archiv: A2larm

Elet es Irodalom (Ungarn), 22.07.2022

Der Kulturwissenschaftler und Ästhet Péter György analysiert die Debatte über antisemitische Bildsprache auf der diesjährigen Documenta. "Die 15. Documenta stellt selbst im Vergleich zu der großartigen Arbeit von Enwezor eine radikale Veränderung dar. Die Antisemitismus-Debatte an sich verlangt nach seriöser Aufmerksamkeit, doch wird sie hoffentlich nicht die ganze Documenta ruinieren. Was ich hier als radikale Änderung bezeichne ist die Tatsache, dass wir von Ruangrupa einfach zu wenig wissen, um die Kooperation zwischen den künstlerischen Kollektiven, in denen auch das großformatige Bild von Taring padi entstand, objektiv beurteilen zu können."

Verge (USA), 20.07.2022

Wie ist eigentlich der Stand der Dinge in Sachen "KI, die Literatur schreibt"? Josh Dzieza klärt in einer großen (und übrigens sehr witzig gelayouteten) Reportage auf: Ein Tool namens Sudowrite erfreut sich insbesondere unter den streng auf Deadline schreibenden Vielschreibern, die aufs Kindle-Publikum zielen, zunehmender Beliebtheit, erfahren wir. Komplette Bücher darf man noch nicht erwarten, aber die Software hilft - je nachdem, mit welchem Ausgangsmaterial sie gefüttert wurde - offenbar schon erstaunlich präzise, wenn es darum geht, generische Passagen schneller zu füllen als man tippen kann. "Für die Entwicklung von Sudowrite sammelten Amit Gupta und James Yu Plottwists aus Kurzgeschichten und Inhaltszusammenfassungen von Romanen, um sie dem Sprachlernmodul GPT-3 zu verfüttern. Für die Beschreibungen nutzten sie Sätze über Gerüche, Klänge und andere Sinneswahrnehmungen, damit GPT-3 Bescheid weiß, um was es geht, wenn ein Autor auf 'Beschreiben' klickt. Und im Großen und Ganzen scheint es das auch zu verstehen, auch wenn es manchmal in unerwartete Richtungen davon galoppiert. Die Autorin Jennifer Lepp etwa bemerkte, dass das Programm dazu neigt, ihren Charakteren Schwerter unterzujubeln. Auch wenn in ihrer Version eines magischen Floridas im Grunde keine Schwerter auftauchen, zückten ihre Figuren oft mitten in Gespräch die Klinge oder nestelten am Schwertgriff herum, während sie auf der Veranda hockten. Irgendwann dämmerte es ihr, dass das Modul wahrscheinlich mit viel mehr Beispielen aus der High Fantasy gefüttert wurde als mit Beispielen des viel kleineren Genres der paranormalen Knobelkrimis, die sie schreibt. Wenn sie also über Magie schreibt, dann nimmt das Modul an, dass irgendwann auch ein Schwert gezückt wird. ... Es gab aber auch sonderbarere Fehlschüsse. Etwa, wenn das Modul immer wieder schrieb, dass der griechische Gott Apollo mit 'Augen, so groß wie die eines Erdhörnchens' ausgestattet ist oder dass der Mond 'wirklich Perlmutt war, das Weiße des Meers, angeschmiegt an den Schoß ertrunkener Bräute'. Oder wenn es viel zu belastete Metaphern exzessiv auswalzte: 'Alice schloss ihre Augen und seufzte, als sie den Moment auskostete bevor die Realität auf sie wieder hereinbrechen würde wie das Gewicht eines Elefants, der auf beiden von ihnen saß, während sie von einem Hai gefressen wurden, inmitten eines Flugzeugs voll Ninjas, die sich Augen und Blut aus keinem naheliegenden Grund auskotzten, außer jenem, dass sie nun einmal Ninjas waren, die Kotzen einfach so sehr mochten, dass sie sich einfach nicht zu helfen wussten und bei jeder sich bietenden Gelegenheit aus all ihren Öffnung kotzten.' Ein Maschinenlern-Ingenieur würde sowas 'Halluzinationen' nennen, aber Lepp, die angefangen hat, Sudowrite liebevoll Skynet zu nennen, (...) sind das Momente, wenn Skynet besoffen ist."
Archiv: Verge