Magazinrundschau

Die Strafen für Nonkonformismus

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
24.09.2019. Die New York Review of Books verfolgt die Minutenjustiz in Trumps Abschiebungsgerichten. Das New York Magazine beobachtet die Entfremdung zwischen Demokraten und Silicon Valley. Der Guardian erklärt, warum Wahrheit zwar nie rein ist, aber trotzdem existiert. In Elet es Irodalom erinnert sich Ivan Szelenyi an Györgi Konrad, mit dem er "Die Intelligenz auf dem Weg zur Klassenmacht" schrieb. Das Times Literary Supplement porträtiert die Mutter aller charismatischen Provokateurinnen. Wired macht uns Hoffnung aufs Überleben.

New York Review of Books (USA), 10.10.2019

In der neuen Ausgabe des Magazins berichtet Madeleine Schwartz über Trumps Abschiebungsgerichte, die sich nicht selten unmittelbar an der Grenze zu Mexiko befinden und in denen direkt der Regierung unterstellte, nach ihren Anweisungen arbeitende Richter im Akkord Migranten ausweisen: "Trumps Bestreben, Einwanderung einzudämmen, bedeutet viel Arbeit für die Gerichte. Einige Richter arbeiten in Gerichten, andere aus Gefangenenlagern heraus oder direkt an der Grenze. Innerhalb einer Woche habe ich vier Gerichte im Rio Grande Valley besucht, zwei Einwanderungsgerichte, ein Bundesgericht sowie Zelte, in denen Anhörungen stattfinden. Viele Anhörungen, die zur Ausweisung führten, dauerten nur Minuten. In Port Isabel wurde ein Mann wegen Kreditkartenbetrugs angeklagt, der zuvor von Grenzkontrolleuren in einem Gefängnis vor Ort aufgegriffen wurde. Die Anklage wurde fallengelassen, aber der Mann war illegal eingereist. Der Beweis war ein I-213, ein 'Eintrag als abschiebungswürdiger/unzulässiger Ausländer', den die Grenzkontrolle vorgenommen hatte. In einem ordentlichen Gericht wäre der Beamte, der das Formular ausgefüllt hat, gehört worden. Im Einwanderungsgericht ist das Formular Beweis genug, wie mir vom American Immigration Council später erläutert wird. Der zuständige Richter nahm das Formular über den illegalen Grenzübertritt als unbestrittene Tatsache. Er erklärte dem Mann, dass die Anklage auf 'Entfernung' auf 'eindeutigen Beweisen' beruhe. Er wandte sich an die Frau des Mannes, eine US-Bürgerin, die in eleganter Aufmachung im Gericht erschien: 'Es gibt einen Weg, auf legale Weise zurückzukehren, verbauen sie sich den nicht.' Cesar de Leon, der Anwalt des Mannes, erklärte mir später, dass sein Klient mit einem Eintrag als illegal Eingereister wohl nicht mehr zurück zu seiner Familie in den USA gelangen würde."

Und in einem weiteren freigeschalteten Artikel untersucht Helen Epstein anhand zweier neuer Publikationen, wieso die Inuit in Kanada und Grönland die höchste Selbstmordrate der Welt verzeichnen.

Magyar Narancs (Ungarn), 22.08.2019

Der Theaterregisseur Árpád Schilling verließ mit seiner Familie vor einem Jahr Ungarn und wanderte nach Frankreich aus. Er führte in dieser Zeit in Zagreb, in Stuttgart, in Leipzig und in Berlin Regie. Im Interview mit Gabor Köves spricht er u.a. über die Unmöglichkeit, Ungarn loszulassen. "Eines meiner Ziele war, dass ich mich zurückhalte und Facebook nicht mit meinen wuterfüllten Attacken flute. Das ist mir auch irgendwie gelungen, doch dass ich mich gar nicht mit den Ereignissen in Ungarn befasse, kann ich nicht durchhalten. Einen derartigen Großbetrieb des Wahnsinns und des moralischen und seelischen Abbaus kann der Mensch, wenn er eine Seele hat, nicht ohne Leiden über sich entgehen lassen. Wenn ich Pole wäre, dann würde mich unglaublich stark der Amoklauf von Kaczyński beschäftigen: wie kann aus einem Zirkusaffen der Anführer eines Vierzigmillionen-Landes werden? Aber eigentlich ist es gar nicht die Person Orbáns, sondern die durch das System verursachte Verdummung und Infantilisierung, die mich nicht loslässt. Immer wieder kommt bei mir die Frage auf: Warum kann das so leicht passieren? Personen wie ein Mihály Takaró ("Verantwortlicher für die Patriotisierung der Literatur im Nationalen Curriculum" - Anm.d.Red.) verursachen physische Schmerzen, kein gesund denkender Mensch und alle normalen Eltern würden ihn nicht Mal in die Nähe einer öffentlichen Bildungseinrichtung lassen, aber was passiert...? Ich würde mich liebend gerne nicht damit beschäftigen, denn die Welt ist tausendmal größer und komplizierter, als Ungarn, aber ich schaffe es trotzdem nicht."
Stichwörter: Schilling, Arpad, Ungarn

New York Magazine (USA), 16.09.2019

In der aktuellen Ausgabe des Magazins erklärt Gabriel Debenedetti die aktuelle Spaltung zwischen der Demokratischen Partei und den Monopolisten im Silicon Valley: "Eine neue Phase der Regulation mit Strafen bis 5 Milliarden (für Facebooks Datenmissbrauch) lässt kleinere Unternehmen zurückschrecken. Gerade hat das Repräsentantenhaus persönliche Emails von den Bossen bei Amazon, Apple, Facebook und Google angefordert. Aber die Spaltung hat das Miteinander von Partei und Industrie auch als Nutzengemeinschaft entlarvt, ganz anders als zu Zeiten Obamas, als Liberale unterwegs in Sachen technokratischer Fortschritt in der Bay Area ihre natürlichen Verbündeten fand. Vielleicht hat einfach niemand die ideologischen Einzelheiten genau beachtet. Im großen Ganzen bleibt das Valley sozialliberal und anti-Trump. Seine Aufsichtsräte und Chefetagen sind voll mit Leuten aus der Obama-Ära. Doch was einst wie ein intuitives gegenseitiges Verstehen aussah zwischen der demokratischen Mehrheit und den Räuberbaronen des 21. Jahrhunderts, hat sich in gegenseitiges Misstrauen, ja Aggressivität verwandelt. Die Techies gehen nicht mehr selbstverständlich davon aus, dass die liberalere Partei ihre Werte teilt, und die Demokraten in Washington wollen von den Technologie-Milliardären nicht länger als ahnungslose, zuverlässige Funktionäre betrachtet werden … Es handelt sich nicht nur um eine Frage der Ideologien. Einige Gründe für die Zerrüttung liegen in den kalkulierten Manövern einiger weniger politischer Aufsteiger und Techies, die Politik spielen wollten, wobei keine Seite bereit war, den Respekt zu geben, den die andere Seite beanspruchte. Die Demokraten hätten sich viel leichter damit getan, Big Tech seine Sünden zu vergeben, wenn die Bosse im Valley bei ihren Reaktionen auf politische Skandale oder in ihrer öffentlichkeitswirksamen Bearbeitung von Kandidaten auch nur die geringste politische Demut oder Reue gezeigt hätten."

Außerdem: Die frühe Modebloggerin und Rookie-Gründerin Tavi Gevinson meditiert darüber, wie es war, mit Instagram aufzuwachsen. David Wallace-Wells beschreibt "Gretas Welt".
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Tablet (USA), 19.09.2019

Es ist eine dieser geopolitischen Geschichten, die man mit Vorsicht liest, weil man als Laie nicht weiß, welcher Geheimdienst hier mit welchem spricht. Aber faszinierend ist sie. Armin Rosen porträtiert den Journalisten und Geheimdiplomaten Nir Rosen (offenbar ein Allerweltsname), einen Amerikaner jüdischer Herkunft mit dezidiert antiisraelischen und antiamerikanischen Ansichten, der zunächst für Magazine wie den New Yorker aus dem Irak berichtete und dann enge Beziehungen zum syrischen Schlachter Baschar al-Assad und seinen Hintermännern entwickelte und zugleich die amerikanische Politik beriet: Einer seiner wichtigsten Kontakte war Robert Malley, der wichtigste Berater Barack Obamas für den Syrien-Krieg. Reporter Armin Rosen bleibt in seinem Urteil am Ende erstaunlich ausgewogen. Manche meinten, Nir Rosen hätte letztlich amerikanischen Interessen gedient, denn die syrische Opposition wäre zu schwach gewesen, Assad zu beseitigen. Und Obamas ersehntes Vermächtnis in der Region war die Versöhnung mit dem Iran, für die er die syrische Opposition fallen ließ: "Die Obama-Regierung konnte schlecht konsequent gegen Assad vorgehen, wenn sie sich nicht vollends vom iranischen Regime entfremden wollte, dem der syrische Diktator sein weiteres Überleben verdankte. Obama selbst stellte einen ausdrücklichen Zusammenhang zwischen einem zukünftigen Ergebnis in Syrien und der regionalen Bedeutung des Iran her und sagte auf einer Pressekonferenz Ende 2015, dass jeder Frieden in Syrien die iranischen 'Aktien' im Land respektieren müsse." Seltsamer Weise, so Rosen, setzt Trump Obamas Politik des mehr oder weniger deutlichen Gewährenlassens fort, obwohl er zum Iran bekanntlich eine andere Position hat.
Archiv: Tablet

Guardian (UK), 23.09.2019

Kann man auch zu skeptisch sein? Die kritische, medienkompetente Öffentlichkeit sollte weniger manipulierbar sein, erinnert William Davies an die Verheißung des modernen Medienzeitalters. Doch je leichter der Zugang zu Informationen wird, umso weniger können wir uns auf Wahrheiten einigen: "Fake News und die Echokammern des Internets, heißt es, ghettoisieren und manipulieren bestimmte Communities für zwielichtige Zwecke. Einzelnen Gruppen - den Millienials oder der weißen Arbeiterschaft - wird vorgeworfen, sich dank ihrer überzogener Sentimentalität leicht überreden zu lassen. Diese Diagnose bewertet alte Bedrohungsmuster über und übersieht neue Phänomene. Sie verlässt sich zu sehr auf Analogien zum Totalitarismus des 20. Jahrhundert, wenn es die Gegenwart als moralischen Konflikt zwischen Wahrheit und Lüge zeichnet, mit einer unreflektierten Öffentlichkeit, die nur passiv den Ausgang konsumiert. Doch unser Verhältnis zu Informationen und Nachrichten ist heute ganz anders: es ist aktiv, kritisch und äußerst skeptisch gegenüber jeder offiziellen Linie. Jeder ist heute bei der Hand, Propaganda in der einen oder anderen Form zu aufzudecken, sich selbst den News Feed zu gestalten, der anderen Seite Framing vorzuwerfen und der Manipulation zu widerstehen. Wir sorgen uns in gewisser Weise zu viel um die Wahrheit, so dass wir uns nicht mehr auf sie einigen können... Unser Problem ist nicht, dass manche Leute den Mainstream-Medien nicht glauben oder auf Fake News hereinfallen, sondern dass wir alle glauben, die Fakten zu durchschauen oder die Informationen, die von öffentlichen Institutionen kommen. Fakten und offizielle Berichte sind nicht mehr das Ende der Geschichte. Diese Skepsis ist gesund und in vielerlei Hinsicht die gerechte Wüste eines Establishments, das zu oft dabei erwischt wurde, die Wahrheit zu verdrehen. Aber politische Probleme entstehen, wenn wir uns gegen alle Darstellungen der Realität wenden, weil diese angeblich kompromittiert und voreingenommen seien - als ob stattdessen ein reinerer, unvermittelter Zugang zur Wahrheit möglich wäre. Das ist ein verführerisches, aber irreführendes Ideal."
Archiv: Guardian

Elet es Irodalom (Ungarn), 20.09.2019

Der Soziologe Iván Szelényi (Prof. em. der Yale University) erinnert sich an den kürzlich verstorbenen György Konrád, dessen Coautor er bei dem Buch "Die Intelligenz auf dem Weg zur Klassenmacht" war. "Ich habe mich vor gar nicht so langer Zeit mit Gyuri unterhalten: ob das 'Intelligenz-Buch' ein liberales Buch gewesen sei. Ich sagte: nein. Am Anfang der 1970ern Jahre stand uns noch kein kohärenter liberaler Diskurs zur Verfügung. Wir schufen einen breiteren Raum für diejenigen, die anders denken wollten. Darum wagte ich vorhin den Namen von Laci Rajk zu nennen, der wesentlich jünger war als wir, doch er schloss sich selbstverständlich der neuen Denkweise an. (…) Heute senst der Sensenmann in der Generation, die am Ende der 60er, Anfang der 70er eine neue Sprache suchte. (…) Ich trauere um die Pioniere jener Zeit, vor allem um György Konrád, der wohl am meisten für das tat, was wir heute als Systemwende in Ungarn bezeichnen. Doch ich trauere mehr um Gyuri, der mein Freund war. Es gibt zahlreiche geschichtsgestaltende Nationalhelden, doch es gibt nur einen besten Freund."

Times Literary Supplement (UK), 20.09.2019

Kim Kardashian und Kylie Jenner mögen unschlagbar darin sein, aus einem Skandal Kapital zu schlagen, aber Prominenz ist keine Erfindung des Trash-TVs und schon gar nicht der Moderne, lernt Irina Dumitrescu aus einer Reihe von Büchern über die Celebrity-Kultur: Schon Mark Anton und Jeanne d'Arc zogen ihren Ruhm auch aus dem erotischen Skandal, etliche Heilige und Propheten beglückten ihre Anhänger dadurch, dass sie sich nicht an die Regeln des Anstands hielten. Sharon Marcus' Buch "The Drama of Celebrity" präsentiert allerdings als Mutter aller charismatischen Provokateurinnen die geniale Sarah Bernhardt, wie Dumitrescu sehr angeregt erzählt: "Bernhardts Methode klingt eigentlich vertraut: Sie gab wenig auf die Regeln, die die Gesellschaft Frauen auferlegte, ganz zu schweigen von den gesenkten Erwartungen an eine Schauspielerin. In ihrem Liebesleben mag uns das nicht überraschen, und tatsächlich hatte Bernhardt ein uneheliches Kind, war kurz mit einem viel jüngeren Mann verheiratet und hatte eine lange vermutlich intime Beziehung zu einer anderen Frau, der Malerin Louise Abbéma. Aber Bernhardt empörte auch auf andere Weise: Sie brach ihren Vertrag mit dem Théâtre-Français, managte ihre eigenen Produktionen, flog in einem Heißluftballon herum und schrieb ein Buch über ihre Reise durch die Wolken. Selbst ihr schlanker Körper war ein Affront in einer Zeit, als der öffentliche Geschmack runde, füllige Frauen bevorzugte. Marcus erklärt den Reiz des prominenten Skandals als Form der Wunscherfüllung. Während die meisten Menschen, die Regeln brechen, dafür stigmatisiert werden, verlieren aufsässige Celebrities nicht ihr Gesicht. Sie halten das Versprechen auf gesellschaftlichen Belohnungen - Geld, Ruhm, Verehrung - aufrecht, während sie zugleich die Regeln ignorieren. Fügsame, ängstliche Sterbliche müssen nicht die Strafen für Nonkonformismus erleiden, um seine Freuden genießen zu können: Sie sehen sich an, wie es ein Star für sie übernimmt."

Wired (USA), 23.09.2019

Städte wandeln sich - und damit auch die wilden Tiere, die diese Städte bevölkern, viele von ihnen unter unserem Wahrnehmungsradar: "Urban Evolution" nennt sich ein relativ neuer, zusehends wichtig werdender Forschungszweig, den Brendan I. Koerner genauer unter die Lupe nimmt. Unter anderem zeigt sich, dass die Anpassung des Genoms mancher Spezies an das Großstadtleben deutlich rascher erfolgt, als der Laie annehmen würde. Die Biologin Kristin Winchell etwa erforscht ursprünglich in Puerto Rico beheimatete Eidechsen, die in den Großstädten der USA deutlich ausgeprägtere Gliedmaßen und sich selbst damit zu wahren Sprintern entwickelt haben, die in den Ursprungsländern jedes Rennen gegen ihre Verwandten für sich entscheiden würden - ein klarer Vorteil in einem Terrain, das von streunenden Katzen und schnellen Autos geprägt ist. Aber liegt dies nun an der Formbarkeit des Körpers, der sich auf eine neue Umgebung einstellt, oder hat sich tatsächlich das Genom verändert? "Diesen Unterscheidung zwischen Evolution und Wandelbarkeit im Hinterkopf hat Winchell eine Art Gartenexperiment durchgeführt. In ihrem Labor in Boston hat sie in Puerto Rico eingesammelte, erwachsene Eidechsen sich paaren lassen, um die Eier von Land- und Stadt-Echsen in einen Inkubator zu stecken. Die geschlüpften Babys verteilte sie auf getrennte Käfige mit identischen Lebensbedingungen. ... Nach einem Jahr, in dem sie die Eidechsen mit vitaminbestäubten Heuschrecken aufgezogen hat, untersuchte sie deren Beine und Zehen. Ihre Messungen und Beobachtungen, die sie 2016 im Journal Evolution veröffentlichte, bestätigten, dass die Stadt-Eidechsen tatsächlich Produkte rasanter Evolution waren. Winchell, die derzeit plant, die Entwicklung von Eichhörnchen und Waschbären in St. Louis, Boston und New York zu untersuchen, ist sich bewusst, dass ihre Arbeit eine der wenigen Quellen der Hoffnung für alle jene darstellt, die in Schockstarre die deprimierenden Nachrichten vom Zustand der Umwelt verfolgen. 'Die Leute haben nicht gedacht, dass Tiere sich im Maßstab menschlichen Ermessens anpassen können', sagt sie. 'Entsprechend freut es sie, dass einige Tiere durchaus mit dem umgehen können, was wir ihnen antun.' Diese Überlebenden, wenngleich überschaubar in ihrer Zahl, verfügen über Gene, die uns viel darüber zu erzählen haben, wie wir uns auf eine feindselige Zukunft vorbereiten können."

Weiteres: Jonah Weiner porträtiert Jack Conte, der aus Frust über die mageren Youtube-Ausschüttungen den Bezahldienst Patreon gegründet hat. Lauren Smiley erzählt die Geschichte eines Mordes, als dessen Hauptverdächtiger sich ein (mittlerweile verstorbener) Rentner von über 90 Jahren herausgestellt hat.
Archiv: Wired